Am Anfang war das Genderchaos

Aller Anfang ist am schwersten und so gehts mir auch mit diesem Teil der Rückschau.
Ob man an das binäre Geschlechtersystem glaubt oder nicht, spielt witzigerweise keine Rolle. Eine Geschlechtsidentität lässt sich nicht wegphilosophieren. Versucht habe ich es trotzdem.

Der Auslöser, mich bewusst mit dem Begriff „transsexuell“ im Zusammenhang mit meiner Person zu beschäftigen, war folgende Begebenheit:

Meine Chefin hat mir im Juli dringend nahegelegt, mein Gewicht zu reduzieren und dazu die Betriebsärztin zu konsultieren. Hierdurch sah ich mich gezwungen, mich wieder mit meinem Körper – den ich die letzten sechs Jahre verdrängt hatte – auseinanderzusetzen.
Etwa zur gleichen Zeit machte ich mir Gedanken darum, wie es mit meinem Freund und mir weitergehen sollte bei dieser Entfernung Hamburg-Bonn und wie es um meinen Kinderwunsch steht. Dabei ist mir klar geworden, dass ich mir eine Schwangerschaft für mich nicht vorstellen kann und ebensowenig in der Mutterrolle zu leben.
Beim Termin mit der Betriebsärztin Ende Juli brachen alte Wunden vergangener Schicksalsschläge auf, ich heulte wie ein Schlosshund und sie stellte mir auch eine sehr wichtige Frage: „Fühlen Sie sich denn wohl in Ihrem Körper?“
Für mich gab es nur eine Antwort darauf: „Nein, ich fühle mich nicht wohl im Körper einer Frau.“

Ich brauchte eine Weile um zu begreifen, was ich da gesagt hatte.
Eine Frau war ich nie, konnte mich nie mit den entsprechenden Rollenerwartungen zurechtfinden. Letztes Jahr habe ich es dennoch mit Gewalt versucht, habe mir sogar Pumps gekauft. Es war völlig falsch und hat mich unglücklich gemacht. Darum habe ich dann auch die Haare wieder abgeschnitten, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe.
Ich fühle, dass ich ein Mann bin und das bedeutet, dass ich transsexuell bin. Ich bin also ein Transmann.
Bitte fragt mich nicht, warum das so ist. Ich kann es nicht erklären, es ist einfach so. Es gibt verschiedene Theorien zu den Ursachen, eine davon beruft sich auf Hormonstörungen während der Schwangerschaft.

Über ein Internetforum habe ich andere Menschen kennengelernt, denen es genauso geht. Diverse Biographien lasen sich ähnlich wie meine, vom ständigen „anders“ sein und chronischer Unzufriedenheit über Probleme mit Beziehungen bis hin zu den gemischten Gefühlen und Selbstzweifeln die mit der sogenannten „Geschlechtsidentitätsstörung“ einhergehen. Jeder von ihnen findet seinen eigenen Weg, damit zu leben.

An dieser Stelle möchte ich das FTM-Portal verlinken, denn da wurde mir sehr geholfen – Danke Jungs!

Auszüge meiner in verschiedenen Foren verstreuten Posts:

07.08.08
Ich versuche schon lange, vor mir wegzulaufen, aber ich schaffe es einfach nicht.
Als ich mich mit 22 ins www stürzte, war der erste Chat, der mich so richtig mitgerissen hat, der eurogay-chat. Mein schönstes Kompliment bekam ich damals als bimädel22 „Ich sehe Dich schon so sehr als Mann, dass ich mich glatt in Dich verlieben könnte.“ Im Internet habe ich es also verhältnismäßig leicht, als Mann wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Im Real Life sieht das anders aus.
Ich hasse meinen Körper schon lange, wusste aber nicht warum.
Gegenwärtig bin ich bald so breit wie hoch, wenn man kg den cm gegenüberstellt. Aus gesundheitlichen Gründen würde ich gerne abnehmen (ich hatte schonmal Kleidergrösse 36/38), aber dann kämen die weiblichen Konturen wieder deutlicher hervor und das finde ich widerlich.
Mein Bauch gehört zu mir, die Titten nicht. So sehe ich das mittlerweile.
Trotzdem zwänge ich mich tagsüber in BHs und Blusen, weil ich im öffentlichen Dienst tätig bin. Irgendwie ist das bei mir so eingedrillt, dass man das halt so machen muss. Wenn ich so weitermache, komme ich vielleicht tatsächlich eines Tages an den Punkt, an dem das Leiden unter dieser Zwangsfeminisierung überhand nimmt.
Andererseits wäre da noch der Punkt, dass ich eigentlich mit Menschen umgehe. Ich habe eine Abneigung dagegen, alles in männlich und weiblich einzutüten. Meine Süssä sieht das glücklicherweise genauso. Er hat lange Haare wie ich und trägt für mich gelegentlich Röckchen, denn an ihm gefallen sie mir.
Ach, und pervers sind wir sowieso, darum fällt die Vermeidung des vaginalen Verkehrs nicht so ins Gewicht. Ich ficke ihn stattdessen oder greife zu anderen Möglichkeiten. *dreckigsmile
Irgendwie kommen wir also klar und Kinder möchten wir wahrscheinlich auch noch haben.
Ich habe gelesen, dass eine F > M – OP sehr schwierig ist und daher viele davon Abstand nehmen und nur eine Teil-OP vornehmen lassen. Das würde ich aber nicht wollen. Ich mag keine halben Sachen.
Mich interessiert zur Zeit vor allem die Frage, woran man erkennt, dass man tatsächlich im falschen Körper ist. Das, denke ich, ist unabhängig vom Ausgangsgeschlecht. Wie fasst man den Entschluss, den letzten Schritt zu tun?

08.08.08
Beispielhaft:
Geht der Mann arbeiten, um seine Familie zu ernähren, so ist das völlig selbstverständlich, allgemein anerkannt und akzeptiert. Macht er Überstunden, ist er erfolgreich und angesehen. Tut das die Frau, ist sie eine Rabenmutter. Will er nicht arbeiten, ist er ein fauler Sack und Drückeberger.
Andersrum ist es als originäre Rolle der Frau und Mutter angesehen, dass diese sich um Heim und Kinder kümmert. Übernimmt dies der Mann, gilt er als Looser, bestenfalls als verweichlichter Schwächling. Will sie nicht zu Hause hocken, siehe oben.
Dazu kommt noch, dass Frauen für die selbe Leistung schlechter bezahlt werden als Männer.
Fragst Du mich nach meiner Philosophie, so finde ich diese Ansichten falsch. Jede/r sollte das tun, was er kann und mag. Wenn man sich aber tatsächlich danach verhält, stösst man überall da an, wo man aus den konventionellen Rollen herausfällt.
Dazu braucht man nicht auf den Boden spucken, da reicht es schon, freitags nachmittags im Büro zu sitzen. Ich kann aber nicht die Gesellschaft ändern, ich kann nur mich selbst ändern.
Leider funktioniert es praktisch nicht, Männer und Frauen gleich zu behandeln. Weil sie eben unterschiedlich sind
In unserer Arbeitsheit sind ausser meinem direkten Vorgesetzten 14 Frauen. Die tragen im Sommer alle Sandalen, ich ganzjährig geschlossene Schuhe. Ich besitze lediglich dunkle Hosen, mit Ausnahme einer Freizeithose ist keine kürzer als 3/4. Am Temperaturempfinden macht es nichts bis nur sehr wenig aus, ob ich dann eine Bluse oder ein Hemd trage und ob die Hose 3/4 oder ganz lang ist.
Anzüge und Krawatten tragen ist doch toll! Wenn ich einen Anzug anziehe, schauen mich alle scheel an und fragen, ob ich zum Chef zitiert wurde.
Ich trage daher den Anzug nur gelegentlich, weil für mich die Arbeit im Vordergrund steht und nicht meine Kleidung.
Jeden Tag Hemd und Hose und die gleichen Schuhe – wäre einfach nur schön!
Jetzt muss ich immer darauf achten, nicht dreimal hinternander die gleichen Sachen anzuziehen. Es gab schon Beschwerden („Ham Sie nichts mehr zum anziehn?“, weil ich die gleichen Klamotten öfter anhatte! Natürlich hatte ich sie zwischendurch gewaschen, aber es waren meine Lieblingsklamotten. Bei Männern ist es einfach nur normal, wenn sie jeden Tag gleich aussehen.
Vergiss also die Kleidung, das käme mir eher entgegen.
Meine Kleidung sehe ich also nicht als Hindernis, eher meine geschlechtliche Zuordnung. Sässe ich als Mann da, hätten die Kolleginnen sich nicht darüber gewundert, dass ich keine Sandalen trage etc. Da diese mich inzwischen so kennen wie ich bin, würden sie sich jetzt wohl eher wundern, wenn ich plötzlich Sandalen anziehe. Sobald ich das Umfeld wechsle, fängt das wieder von vorne an – Was ist das denn für eine?
Meine Vorbilder waren und sind überwiegend männlich.
Wie ein Mann auftreten und wie eine Frau aussehen passt nicht zusammen und kommt mir inzwischen fast wie Etikettenschwindel vor.
Kinder kann man auch adoptieren und noch könnte ich wahrscheinlich selbst welche bekommen.
Die dritte Alternative gibt es nicht. Im Moment versuche ich nur, einfach Mensch zu sein. Irgendwo dazwischen, hier nicht richtig reinzupassen und dort nicht. Das fällt mir zunehmend schwer.
Ich gehe nicht mit Freundinnen shoppen, weil ich da keinen Bock drauf habe.
Ich schminke mich nicht, weil ich es nicht authentisch finde und ich mich geschminkt sehr unwohl, verstellt, versteckt fühlen würde (Meine Mutter nahm mich einmal mit zu einer Wellness-Woche – der reinste Horror.).
Tratschen in der Mittagspause gibt mir nichts, ich finde es unanständig.
Ich mache auch keinen Sport mehr, bei dem ich mich in der Damenumkleide umziehen müsste. Nein. Anno 2002 war ich beim Schwulen-Volleyball, das war ok. Da waren nur Männer. Vielleicht sollte ich das wieder machen.
Von der weiblichen Seite habe ich mich also komplett zurückgezogen und mir bleibt neben meiner Fernbeziehung nur das Internet. Das muss sich ändern.
Wenn ich in die Kneipe gehe, um Fussball zu sehen und was zu trinken, werde ich angebaggert. Eklig. Das gleiche gilt für tanzen, was ich eigentlich sehr gern tue. Fällt also auch flach.

17.08.08
Wieder war es mein reales Umfeld, das mich dazu nötigt, mich mit meinem Körper zu beschäftigen. Ich kann nicht länger ignorieren, dass mein Gewicht ungesund hoch ist. Die Frage ist jetzt, ob mein Körper zudem das falsche Geschlecht hat.
Es könnte sein, dass das Übergewicht eine Transsexualität kaschiert. Es könnte aber auch sein, dass es ganz andere Ursachen hat und ich mich mit den Gedanken über eine mögliche Transsexualität nur davon ablenken bzw. vor der Wahrheit drücken will.

23.08.08
Kurz zum aktuellen Stand:
Ich habe das FTM Portal entdeckt und bin begeistert. Habe einige Biografien gelesen und Parallelen zu meinen Problemen entdeckt. Reflektiert, Recherchiert, Reflektiert, mit meinem Süssä gesprochen und mich bei meiner Mama (nicht leibliche Mutter) geoutet. Happy.
Am 02. September habe ich einen Termin zur Differentialdiagnostik, um mir ein professionelles Feedback zu holen.
Ich habe keine weiblichen Wesenszüge oder nur sehr geringe Anteile davon. (Das kommt ja darauf an, was man als m oder w oder neutral einstuft.)
Ich habe es versucht, mich in meine angeborene Geschlechtsrolle zu fügen, wirklich versucht. Sogar Pumps gekauft und getragen und kam mir dabei vor wie
ein TV auf Lustwandel (habe nichts gegen TVs). Es war einfach falsch.
Nach aussen hin das Weibchen zu mimen, obwohl sich mir dabei die Fussnägel hochrollen, empfinde ich als zweigleisig fahren.
Natürlich tue ich das, was ich für richtig halte. Wenn ich einen befristeten Arbeitsvertrag im öffentlichen Dienst habe, dann halte ich es für richtig und vernünftig, mich an die Spielregeln des Arbeitgebers zu halten, bis mein Vertrag entfristet ist. Wenn ich dann aber an einen Punkt komme, an dem ich feststelle, dass das nicht gut tut, höre ich damit auf, damit ich mich nicht länger beschädige. An diesem Punkt bin ich jetzt. Gestern und heute habe ich ein Hemd getragen, hat mich gar keiner drauf angesprochen. Krawatte wollte ich heute morgen, hab mich aber dann doch nicht getraut.
Ich nähme es sogar in Kauf, als Mann impotent zu sein, wenn es keine andere Möglichkeit gäbe.
Vielleicht kannst Du mich jetzt ein bisschen besser verstehen, obwohl ich mich manchmal sehr kompliziert ausdrücke (Ich setze zuviel als bekannt voraus.).

30.08.08
Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich sehr wohl Leidensdruck hatte, mir dieser aber nicht bewusst war. Und zwar deshalb, weil ich die Probleme, unter denen ich litt, nicht mit Trans in Verbindung gebracht hab. Dh ich hab das ursprüngliche Problem verdrängt nach dem Motto „Damit musste Dich abfinden, das kannste eh nicht ändern.“
Das ist meine gegenwärtige These. Bin gespannt, was ich am Dienstag dazu höre.
„Absolut glücklich“ bin ich mit meinem Internetleben ja, weil ich meinen Körper bis vor kurzem ignoriert habe. In meiner Beziehung spielt mein biologisches Geschlecht genausowenig eine Rolle, weil wir uns über das Internet kennengelernt haben und mein Partner mich liebt, nicht meinen Körper.
Ich denke auch nicht, dass es darum geht, „trans-sein“ zu rechtfertigen. Ich würde nicht mit mir diskutieren lassen um den Umstand, dass ich „geistig männlich und körperlich weiblich“ bin. Ich denke und fühle wie ein Mann. Punkt.
Für mich stellt sich lediglich die Frage, ob ich Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung treffen möchte oder nicht.
Wenn es sich dadurch vermeiden lässt, dass ich ständig in die Scheisse* renne, dann will ich das. Scheiss auf den moralisch-politischen Ansatz.

Heute bin ich soweit , dass ich mir sicher bin, trans* zu sein.
Das Gedankenkarussell dreht sich aber wieder von vorne, da es um die Entscheidungen hinsichtlich einer medizinischen/juristischen Angleichung geht. Dazu möchte ich nichts entscheiden, solange ich nicht in therapeutischer Begleitung bin.
Es ist eben eine Einbahnstrasse.

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