Alltagstest

Der sogenannte Alltagstest wird von Insidern auch als „Clownspraktikum“ bezeichnet.
Der Sinn der Übung soll sein, für sich selbst herauszufinden, ob man denn tatsächlich im angestrebten Geschlecht, welches der Körper eben noch nicht aufweist, leben kann. Dies soll Irrtümern über die eigene Geschlechtsidentität vorbeugen.

Ich finde den Gedanken im Grunde nicht schlecht – das einzige was wohl schlimmer wäre, als im falschen Körper geboren zu sein, wäre im falschen Körper leben zu müssen, weil man sich selbst dazu entschieden hat und mit Hilfe der Medizin den Körper angleichen liess.

Leider hat das Konstrukt einen Denkfehler, denn das Leben nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen wird anders sein als das während einer Testphase.
Einerseits ist es ein Unterschied, ob eine Änderung nur vorläufig oder endgültig ist und andererseits wird man doch vom Umfeld ganz anders wahrgenommen und behandelt. Von daher kann man nur eine Ahnung davon bekommen, wie es wirklich sein wird.

Nichtsdestotrotz habe ich selbst einen Alltagstest begonnen.
Das heisst, ich habe mich in meinem bisherigen Umfeld geoutet und neuen Kontakten stelle ich mich gleich als Hotte vor.

Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich. Viele finden es befremdlich, eine „Frau in Herrenkleidung“ als Herrn anzusprechen, anderen ist nichts anzumerken.

Ein Gespräch mit der Schwester meines Freundes hat mich sehr mitgenommen. Sie zweifelte an meiner Identität, ohne mich überhaupt zu kennen. Leider nahm ich es mir zu Herzen und war danach eine Weile down.

Eine andere Frau, der ich mich mit meinem neuen Namen vorgestellt hatte, war wirklich entsetzt und rief aus „Nein, Du bist kein Horst!“, was mich sehr deprimierte. Mein Freund stärkte mir den Rücken, sie war aber weiterhin irritiert…

Im Büro wurde als Abschiedsgeschenk für eine Praktikantin ein Foto von allen gemacht, das auf ein T-Shirt gedruckt werden sollte. Als wir fertig waren, fiel jemandem auf, dass mein Chef nicht dabei war. „Ach sowas, unser einzigster Mann!“, rief eine Kollegin aus. Auch solche Stiche tun weh, ob beabsichtigt oder nicht.

Mit negativem Feedback umzugehen ist sehr anstrengend und erfordert viel Selbstsicherheit.
Könnte ich nochmal wählen, würde ich erst mit der Begleittherapie anfangen, bevor ich mich in den Alltagstest stürze.

Eines ist mir dabei aufgefallen:
Seit alle meinen neuen Namen und die von mir gewünschte Anrede kennen, fällt es mir verstärkt negativ auf, wenn ich doch noch als Frau angesprochen werde.
Positive Erlebnisse mit der männlichen Anrede kann ich nicht verzeichnen. Ich führe das auf meine Erwartungshaltung zurück, denn ich halte es für selbstverständlich – wenn ich schon dazusage, dass ich ein Mann bin, kann man dies ja entsprechend berücksichtigen.

Wie mein Alltagstest weiter verlaufen wird oder ob ich bei der nächsten Gelegenheit wieder aussteige, wird die Zeit zeigen.

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