Outing

Sich outen bedeutet ja gemeinhin, dass man etwas über sich preisgibt, das man bislang für sich behalten hat. Ich möchte gerne authentisch sein und darum fällt es mir sehr schwer, mich Bewegendes für mich zu behalten. Das heisst aber nicht, dass es mir jedes Mal leicht fällt, Dinge offen anzusprechen und mich zu erklären.

Im Tagebuch habe ich hier einen Dialog konstruiert, wie er während eines Outings ablaufen könnte. Genausogut kann ich aber auch gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen „Du, ich heiss‘ jetzt Hotte“. Das kommt immer ganz aufs Gegenüber und die Situation an, in der ich mich gerade befinde.

Nachdem ich mich im Laufe des August sozusagen erstmal vor mir selbst geoutet hatte, hat es nicht lange gedauert, bis ich das Bedürfnis hatte, neben dem ständigen Dialog mit meinem Partner auch mit anderen darüber zu sprechen.
Zuerst habe ich mich da an jene gewendet, denen es genauso geht. Da ist das Internet eine feine Sache, denn da findet man schnell Gleichgesinnte in einschlägigen Foren.

Nach und nach habe ich dann auch mit Freunden gesprochen. Auch zu einer Zeit, als ich mir selbst noch sehr unsicher darüber war, was nun eigentlich mit mir los ist und wie ich damit umgehen soll. Dabei habe ich mal wieder gemerkt, dass meine Freunde voll hinter mir stehen, so oder so. Danke Leute!

Dann kam ich im Oktober an einen Punkt, wo es im Büro für mich unerträglich wurde, mich verstellen zu müssen.
Ich habe BHs nie leiden können und wollte auch keine Blusen mehr tragen. Sukzessive habe ich meine Klamotten ersetzt und öfter Hemden getragen. Niemand sprach mich darauf an, es schien nicht aufzufallen. Natürlich hatte ich Angst vor Ablehnung, wenn ich etwas sagen würde oder davor, meinen Arbeitsplatz vor der Zeit zu verlieren.
Dennoch gab ich mir eines Tages einen Ruck und sprach mit der Chefin. Weil ich es nicht mehr aushielt, jedes „Frau [mein Nachname]“ oder eMails an „Liebe Kolleginnen, lieber Herr [mein Chef] “ verletzten mich.
Das konnte ja keiner wissen, also musste ich mich mitteilen. Anders hätte sich nie etwas geändert.
Sie hatte bereits zu ihren Studienzeiten einmal das Erlebnis gehabt, dass eine bis dato als Frau bekannte Person ihren neuen männlichen Namen bekanntgab, und war sehr verständnisvoll. „Für uns ist das egal, was für ein Geschlecht Sie haben. Für Sie ist das wichtig.“ sagte sie unter anderem. Ich rechne ihr das hoch an.
Ab diesem Zeitpunkt (den ich auch als Beginn meines Alltagstests kennzeichne) hatte ich nicht mehr das Gefühl, ein ungewolltes Doppelleben zu führen – allein das hat mich sehr entlastet.
Binnen zwei Wochen habe ich alle Kolleginnen in meiner Arbeitseinheit und meinen Chef eingeweiht und ab da war ich die Last der Diskrepanz zwischen gefühlter und gelebter Identität los – ich habe den Spagat zwischen m und w nach aussen verlagert.

Mein letztes grosses Outing (Mitte Oktober) war gegenüber meinen Eltern. Das hat mich sehr viel Kraft gekostet, denn es gibt sonst niemanden, der mich schon so lange kennt und zu seinen Eltern hat bekanntlich jede/r eine besondere Verbindung.
Wir haben keinen besonders engen oder regelmässigen Kontakt, dennoch war ich der Ansicht, dass sie ein Recht darauf haben, es frühzeitig zu erfahren. Ich wollte sie nicht einfach eines Tages vor vollendete Tatsachen stellen, da ich mit einem eventuell geänderten Geschlechtseintrag schliesslich nicht nur meine, sondern auch ihre Biographie verändere.
Ihre Reaktion auf meine Offenbarung war entgegen meinen Befürchtungen absolut vorbildlich:
Egal ist es ihnen nicht, was in ihrem Kind vorgeht, aber sie hatten damals vor meiner Geburt keinen Einfluss auf mein Geschlecht und wollen auch heute keinen nehmen. Klasse!
Mum, Dad: Ich liebe euch auch. :)

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