Kaffe trinken dreier Welten

Den einen sehe ich draussen vor dem Café und ich erkenne ihn nur als meine Verabredung, weil er mir zuwinkt, als ich nach ersten Nachforschungen gerade wieder herauskomme. Er ist dunkelblond, vielleicht einen halben Kopf grösser als ich, schlank und gutaussehend. Wir zünden uns beide eine Zigarette an und er fragt mich, wie ich angesprochen werden möchte „weil ‚Ey!‘ ist ja doof.“ und ich sage „Horst.“ und wie so oft „Ich weiss, dass ich (noch) nicht so aussehe.“ Warum dieser Nachsatz? Warum kann ich es nicht einfach so stehenlassen?
Wir wissen jetzt beide nicht, ob der dritte Mann noch kommt oder schon drinnen ist. Nach dem Kippchen wollen wir uns gerade ins Getümmel stürzen, da kommt er uns entgegen. Es ist der Dunkelhaarige, der mir vorhin an der Bar bereits auffiel. Dieser war als einziger nicht bereits mit etwas beschäftigt und machte den Eindruck, auf etwas oder jemanden zu warten. Wir sehen uns einen Moment lang direkt in die Augen, aber keiner spricht den anderen an.
Drin ist es zu voll; wir suchen eine andere Location.

Unterwegs gehen wir die üblichen Smalltalk-Themen wie die Frage nach dem Beruf durch. Ich erzähle vom baldigen Umzug und meinem Studiumsvorhaben. Ich bin mir nicht sicher, ob die beiden über trans sprechen möchten, da man es ihnen nicht ansieht. Daher schneide ich das Thema nicht an, denn ich möchte ja niemanden ungewollt outen.
Bald hat sich die Frage erübrigt, da der Kleinere sich bei mir erkundigt, ob ich schon in Therapie bin. An seiner Stimme höre ich, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist. Mir fällt ausserdem auf, dass er nach Transmann klingt und ich frage mich, wie lange er wohl schon auf Testo ist. Natürlich bin ich noch nicht in Therapie, damit beginne ich ja erst in Hamburg. Ich reisse kurz an, dass mir das Thema TS noch nicht so lange bewusst ist und ich mich wirklich intensiv erst seit letztem Sommer damit beschäftige, seit ich diesen Termin bei der Betriebsärztin hatte.

Als ich meine heisse Schokolade bekomme, weiss ich, dass der Blonde Feuerwehrmann ist und der andere Grieche. Letzterer fragt mich auch, wo ich aufgewachsen bin. Ich rattere meine Kurzvita runter und ende damit, dass ich nächsten Monat nach Hamburg zu meinem Freund ziehe. „Du bist noch mit Deinem Freund zusammen?“, wundert er sich, was mir das erste Runzeln auf die Stirn treibt. Klar bin ich das. Er zweifelt an seinen Sprachkenntnissen. „Also wie ist das jetzt? Er ist biologisch eine Frau? Und will mit seinem Freund zusammenziehen?“, tuschelt er unter Einhaltung grösstmöglicher Diskretion mit dem anderen. Auch nachdem wir ihm mit vereinten Kräften übersetzt haben, dass ich schwul bin, kann er als Vollbluthete und Familienmensch nicht verstehen, warum ich mich „umoperieren“ lassen will, um auch später mit Männern zusammen zu sein. Er habe transitioniert, um mit Frauen zusammen sein zu können, was mir wieder unlogisch erscheint. Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind mE zwei verschiedene Paar Stiefel. Er warnt mich noch mehrmals eindringlich davor, es mir sehr gut zu überlegen, ob ich den Transweg gehen will oder nicht. Ja, denke ich mir, ich bin dabei. Der Feuerwehrmann erwähnt, dass es früher, also noch im letzten Jahrtausend, mal eine Gruppe in Bonn gegeben haben muss, wo gleich zwei Transleute (je Richtung 1) dabei waren, für die dieses der falsche Weg gewesen war. Sie wollten wieder zurück, nachdem sie durch die Einbahnstrasse gefahren waren.

Danach erzählte der eine von seinen Recherchen hinsichtlich der Möglichkeiten eines Penoidaufbaus und der andere beklagte das Ergebnis seiner Mastek, da er damit immer noch nicht ganz zufrieden war.
Ich erfahre, dass die Brust des einen nach der Mastek noch ein Jahr lang taub war bzw. eine Seite schmerzte. Der andere bestätigt ähnliche Erfahrungen. Der Feuerwehrmann ist im Dorf aufgewachsen, in dem er heute noch lebt, und wurde schon früher in der Schule mit einem in der Klasse gerade nicht belegten Jungsnamen gerufen. Sein Umfeld habe sich trotzdem völlig verändert, da auch er sich verändert habe.
Das gibt mir zu denken, da ich mich jetzt gerade okay finde, so wie ich bin. Nur mein körperliches Geschlecht passt nicht dazu. Was wird, wenn sich durch Testo beides verändern sollte?
Diese Dinge anzusprechen war genauso selbstverständlich wie der Austausch unserer Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt.

„Du mit Deinem Recht“, sagt der Feuerwehrmann, „Da prallen zwei Welten aufeinander.“ Ich fühle mich ausgegrenzt, irgendwie minderwertig, weil ich schon wieder „anders“ bin. Dabei stellt er es nur fest, ohne Ablehnung. Ich muss da noch sehr viel üben…

Als wir nach draussen gehen, können wir endlich wieder eine rauchen. Der Grössere entzündet mit einem Streichholz eine Zigarette und bietet es mir dann an. Noch während ich ziehe, frage ich mich, warum er mir Feuer gibt. Ist er auch schwul? Will er der Umwelt was gutes tun und Ressourcen sparen? Oder behandelt er mich etwa gerade als Frau?
Wir verabschieden uns, ich mit einem Haufen unausgesprochener Fragen.

Mir dröhnt immer noch der Schädel, nicht unbedingt nur wegen der Erkältung.

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