Nichtraucher

Ich hab eben (16.12.2010, gegen 02:00 Uhr) meine letzte Zigarette geraucht. Wie lange es noch zutrifft, dass diese die Letzte war, kann ich jetzt noch nicht absehen.

Noch brennen wir die Finger, weil ich eben draussen in der Kälte war, um Nachschub zu besorgen. Trotz der Handschuhe, die mein Kommilitone heute als „Raucherhandschuhe“ bezeichnet hat. Es sind Fäustlinge mit eingebautem Fingerhandschuh, den man durch Wegklappen des Fäustlings freilegen kann. Fand ich praktisch. Er erzählte mir, dass es sogar Fäustlinge gibt, die nur im rechten ein Loch für die Kippe haben. Unglaublich.

Normalerweise passiert mir das nicht, dass ich um diese Uhrzeit aus einem solchen Anlass raus muss. Normalerweise immer zwei Schachteln nachkaufe, sobald ich die letzte angebrochen habe. Irgendweshalb hab ich das diesmal versäumt.

Erst gestern hab ich mit meinem Thera darüber gesprochen, dass ich aufhören will, sobald ich die Kostenzusage habe. In meinem Umfeld gibt es mehr und mehr Nichtraucher und weniger Raucher. Kumpel hat von jetzt auf gleich aufgehört, einfach so (der Sauhund). Er, der Therapeut, meinte, dass sich die Wundheilung bereits nach einem Jahr Nichtrauchens deutlich verbessert. So nach dem Motto „Wenn schon aufhören, warum nicht jetzt gleich?“
Aber angenommen ich hab die Zusage, hör ich dann auf zu rauchen und warte noch ein Jahr auf die Mastek? Glaubt er doch selber nicht. Also sagte ich, es geht mir weniger um die Mastek als mehr um den Aufbau nachher. Da will ich wirklich alles tun, was in meiner Macht steht, damit das Ergebnis nicht beeinträchtigt wird.

Nunja, ich hol also vorhin die vorletzte aus der Schachtel und dabei wird mir klar, dass mein Vorrat alle ist. Ich seh auf die Uhr: 1:34. Hatte das Kiosk nicht von 05:00 – 02:00 auf ? Wenn nicht mein Stammkiosk dann sicher das unten in der S-Bahn. Und wenn da auch zu ist, fahr ich halt zum Hauptbahnhof.
Also mit Mütze und Handschuhe bewaffnet Treppe runter und raus. Eiskalt.
Kiosk: Geschlossen.
Kiosk in der S-Bahn-Station: Geschlossen.
Am Gleis die Anzeige, wann die nächste S3 kommt: Betriebsschluss.
Die nächste Bahn fuhr erst wieder nach vier.

Ok, denk ich mir, wozu gibts Zigarettenautomaten? Irgendwo wird doch einer sein. Inzwischen muss man sein Alter nachweisen. Gut, dass ich schon den Führerschein im Scheckkartenformat hab. Damit müsste es gehen. Brauchte ich zwar noch nie, aber einmal ist immer das erste Mal.
Mist, Kleingeld reicht nicht. Aber hey, es gibt doch auch Automaten, die Scheine nehmen. Tatsache, da vor der Bar hängt einer. Die Bar ist auch zu, hier werden ja wirklich die Bürgersteige hochgeklappt (is ja nicht die Reeperbahn).

Und der hat sogar meine Marke.
Ich drück den Knopf für meine Sorte. Nichts passiert. Nee, oder? Ich drück die Rückgabetaste: Bitte warten…
Ja, da hab ich Übung. Immerhin ist das Licht angegangen und ich sehe jetzt einen Knopf: Automat einschalten. Nicht schlecht. Ich drück wieder auf die Taste mit der bekannten Schachtel und jetzt steht im Display: Kostet: 5.00 EUR. Gefühlte fünf Minuten mühe ich mich damit ab, das Gerät mit einem Fünfer zu füttern.
Dann nehme ich entfernt ein Gespräch wahr und sehe mich um. Vielleicht kann mir jemand was wechseln?
Ein paar Meter weiter parkt ein Auto und zwei Typen sitzen drin. „Könnt ihr mir vielleicht wechseln? Der Automat will den nicht.“, sag ich und halte den Schein durchs Fenster rein. „Nee. Leider. Wir haben gar kein Geld.“ behauptet der eine „Hier, ich verkauf Dir meine Schachtel für fünf Euro.“ feilscht der andere. Ich bezweifle, dass die noch voll ist und ich 50 Cent über dem Marktwert zu zahlen bereit bin. Er macht sie auf: 4 oder 5 sind noch drin. Das find ich unverschämt, eine Dreistigkeit sondergleichen, formuliere es als „Das ist aber schon fies?“, worauf er entgegnet „Ja, tut mir leid. Du bist in Not, ich will Dir nur helfen.“ Ausnutzen einer Notlage meinte er wohl eher. Wie ein Drogendealer. Bin ich denn so tief gesunken? „Nee danke, dann hör ich lieber auf zu rauchen. Schönen Abend noch.“, wende ich mich ab.
Da kommt bestimmt noch ein Automat auf meinem Heimweg. Eine hab ich ja noch.

So ist es, gleich an der nächsten Ecke hängt eine solche Maschine. Diesmal kenne ich den Startknopf, aber auch dieser hat keinen Appetit auf Geldscheine. Muss wohl die Kälte sein, dass der Mechanismus zum Einziehen der Scheine nicht richtig funktioniert. Geldkarte benutze ich nicht. Kredit- oder ec-Karte werden nicht akzeptiert. Kurz denke ich an das Geld in der Spardose. Ich könnte fix die Münzen da rausholen und wieder hierher zum Automaten.

Doch zu sehr hängt mir noch die vorige Szene nach. Ich hasse Ohnmacht. Ich will nicht abhängig sein. Egal, ob es sich um ein, zugegebenermaßen in letzter Zeit immer weniger toleriertes, vergleichsweise harmloses Laster handelt – rein prinzipiell will ich keine Abhängigkeit spüren, sondern meinen freien Willen.

Diese Gedanken begleiten mich, nachdem ich die letzte Zigarette angezündet habe. Es hat wohl nicht sollen sein. Zuhause sind keine Süssigkeiten, allenfalls habe ich noch eine Handvoll Hustenbonbons. Dieses ist das zweite Zeichen….
Das erste Zeichen in dieser Richtung habe ich geflissentlich ignoriert. Damals war es die Tatsache, dass mein „Raucherbalkon“ wegen Einsturzgefahr gesperrt wurde.

Spontan fasse ich den Entschluss, doch genau jetzt mit dem Rauchen aufzuhören.
Natürlich fangen meine freigeklappten Finger trotz „Raucherhandschuhen“ an zu frieren und ich bin echt froh, als der Glimmstengel sich dem Ende neigt und ich den Sargnagel endlich austreten kann.
Jetzt sind es schon zweimal 24 Stunden, die ich durchhalte. Nicht schlecht. Noch einmal 24 Stunden, dann ist das Gröbste geschafft, sagt man. Die ersten drei Tage seien die schwersten.

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