Mein transWeg – rechtlich

Da ist eine Normvariante: Ich werde mit falschen Genitalien geboren. Deshalb geben mir meine Eltern, passend zu meinem Äusseren, einen weiblichen Vornamen.

Niemand kann was dafür, so etwas passiert einfach.

Dann, eine Woche später, verhalten sich alle korrekt und das mir zugewiesene irrtümlich falsche Geschlecht und der von meinen Eltern ausgesuchte Vorname wird im Geburtenregister eingetragen.

10.01.1980 In Duisburg im Sankt-Johannes-Hospital geboren mit falschen Geschlechtsorganen (d.h. Vagina und Eierstöcke sowie Gebärmutter anstelle von Penis und Hoden)
17.01.1980 Aufgrund der schriftlichen Anzeige des Leiters des vorgenannten Krankenhauses irrtümlich Geschlechtseintrag im Geburtenregister als „weiblich“ und mit den Vornamen „*** ***“
24.04.2009 Antrag auf Änderung des Vornamens und der Geschlechtszugehörigkeit gemäß §§ 1 und 8 TSG beim Amtsgericht Hamburg mit den Anlagen

– Geburtsurkunde

– Meldebescheinigung

– Kopien Personalausweis, dgti-Ausweis

– Lebenslauf

– Prozesskostenhilfeantrag

30.04.2009 Bitte des AG Hamburg um Übersendung einer Meldebescheinigung, die auch Staatsangehörigkeit und Familienstand beinhaltet
10.05.2009 Übersendung einer Meldebescheinigung, die auch Staatsangehörigkeit und Familienstand beinhaltet
23.06.2009 Termin bei Herrn Prof. Dr. G. Schmidt anlässlich eines Gutachtens für die Vornamensänderung
08.10.2009 Termin bei Herrn Dr. med. Wilhelm F. Preuss anlässlich eines Gutachtens für die Vornamensänderung
08.06.2010 Gespräch mit dem Richter anlässlich der Vornamensänderung
18.06.2010 vorläufiger Beschluss hinsichtlich VÄ/PÄ liegt vor
16.07.2010 Vornamensänderung rechtskräftig
16.11.2010 Mitteilung an das AG Hamburg, dass ich am 12.11.2010 eine Ehe geschlossen habe verbunden mit der Frage der Rechtsfolgen auf die von mir beantragte Personenstandsänderung hinsichtlich des Fortbestehens der Ehe verbunden mit der Bitte um Bestätigung, dass die jetzt bestehende Ehe nach geltendem Recht nicht meinem Antrag auf Personenstandsänderung, an dem ich nach wie vor festhalte, entgegensteht.
23.11.2010 Antwort des AG Hamburg mit der Bestätigung, dass meine Ehe der Entscheidung in diesem Verfahren nicht entgegensteht.

Mein Ehepartner sei allerdings gem. §3TSG Beteiligter dieses Verfahrens und müsse der Fortführung der Ehe zustimmen unter Verweis auf §8 Abs. 1 Ziffer 3b TSG.

Eine solche Ziffer 3b gibt es dort jedoch nicht. Da mein Ehepartner meinen Antrag unterstützt, nehme ich diese Rechtsunsicherheit hin.

29.01.2011 Schreiben ans Amtsgericht Hamburg unter Bezugnahme auf den Vorabentscheid zur PÄ: Hinderungsgründe sind hinfällig, da Ziffern 3 und 4 des § 8 (1) TSG als verfassungswidrig erklärt.  (Zitierung: BVerfG, 1 BvR 3295/07 vom 11.1.2011, Absatz-Nr. (1 – 77), http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20110111_1bvr329507.html )

Eingang eines Schreibens vom AG Hamburg mit der Mitteilung, dass mein Ehepartner nach geltendem Recht nicht Beteiligter des Verfahrens ist und der Fortführung der Ehe nicht zustimmen muss.

07.02.2011 Eingang eines Zwischenbescheids des AG Hamburg zur rechtlichen Situation
08.03.2011 Anruf beim AG HH, da der Richter sich seither nicht gemeldet hat. „Die Akte ist beim Richter.“, heisst es.
14.03.2011 Anruf beim AG HH und Nennung etlicher Gerichte, die das BVG-Urteil vom 11. 01.11 so interpretieren, dass die Voraussetzungen für VÄ und PÄ jetzt identisch sind – nämlich den bisherigen für die VÄ entsprechend. Die Liste wurde freundlich aufgenommen.
13.04.11 Schreiben ans AG Hamburg mit der Bitte um Ausstellung eines neutral formulierten Schreibens, das bei der Rentenversicherung vorgelegt werden kann und meine Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht bestätigt sowie Übermittlung einer Liste der AGs, die bereits erkannt haben, dass die Voraussetzungen der PÄ jetzt mit denen der VÄ identisch sind.
14.04.11 Eingang eines Schreibens vom Amtsgericht Hamburg:Vorläufiger Beschluss PÄ mit der Frage nach Rechtsmittelverzicht.

Schreiben ans Gericht: Rechtsmittelverzicht + Bitte, meine Bitte im  Schreiben vom 13.04.11 als gegenstandslos zu betrachten!

21.04.11 Personenstandsänderung ist rechtskräftig.
29.04.11 Schreiben vom AG Hamburg eingegangen: Personenstandsänderung mit Rechtskraftvermerk.

Jetzt meine Frage:

Wenn da irgendjemand vom Krankenhaus dem Standesamt etwas über mich erzählen kann – wie ich heisse und was für ein Geschlecht ich habe – warum glaubt mir dann keine Sau, wenn ich das richtigstellen will?

Warum muss ich erst Himmel und Hölle in Bewegung setzen und wiederum sind es Dritte („Gutachter“, Richter…), die mir mein Geschlecht zuweisen, so dass nach fast auf den Tag genau zwei Jahren ein binnen 30 Sekunden enstandener über 30 Jahre alter Fehler korrigiert wird?

Das ist es, was mit „Psychopathologisierung“ gemeint ist.

Wir haben doch alle eine SteuerID, die uns lebenslang identifiziert. Wen kümmert dann noch ein geänderter Vorname oder Geschlechtseintrag?

Niemanden, weil es schlichtweg keine relevanten Daten mehr sind, sondern lediglich Datenfelder, die für Anschreiben an den Bürger verwendet werden. Und genau deshalb sollte da auch das eingetragen werden, was der Bürger dort gerne lesen möchte.

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) hat ein neues Eckpunktepapier herausgebracht, das wichtige Aspekte für die geplante Gesetzesänderung aufzeigt.

Ich bitte alle Stellen, die ich über o.g. Korrekturbedarf ihres Datenbestandes bereits unterrichtet  hatte, diese Initiative der dgti zu unterstützen.

  • Meine Schule, Hochschule und das Bafög-Amt
  • Meinen Arbeitgeber und das Finanzamt
  • Meine Selbsthilfegruppe
  • Meinen Stammtisch
  • Meine Ärzte: Hausarzt, Endokrinologe, begleitender Psychotherapeut, Zahnarzt
  • Meine Krankenkasse, zuständigen MDK sowie MDS
  • Meine Bank
  • Meine Versicherer: Gesetzliche sowie private Rentenversicherungen, Bausparkasse, Hausrat- & Haftpflicht- sowie KfZ-Versicherung
  • Meinen Vermieter
  • Meine Nachbarn

Sie alle haben mit Menschen zu tun, denen es wichtig ist, richtig angesprochen zu werden. Darunter sind auch transsexuelle Menschen, denen die korrekte geschlechtliche Anrede in Verbindung mit richtigem Vornamen ganz besonders wichtig ist.

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