Rettungsschwimmerkurs

Rettungsschwimmerkurs

Die letzten drei Monate habe ich mich vorbereitet, um den DLRG-Rettungsschwimmer-Ausweis zu ergattern. Die Theorie für Silber habe ich im Dezember mit links  gemacht und seitdem zunehmend Panik geschoben, bei der Prüfung nachher zu versagen. Und zwar allem voran wegen des Streckentauchens, weil da damals vor fast zwanzig Jahren schonmal tierische Probleme mit hatte und der Prüfer alle Hühneraugen zugedrückt hatte. Denn ich weiß definitiv, dass ich weniger als die Hälfte einer Bahn geschafft habe und trotzdem bin ich mit Bronze davongekommen.

Ich war – obschon ich meine Prüfungsangst längst besiegt glaubte – die letzten Tage dermaßen angespannt, dass ich zweimal nur die halbe Nacht schlafen konnte und die letzte Nacht gar nicht. Im Ergebnis bin ich die letzten vier Tage leicht hypoman.

(Wer mein Blog bei psychose-online verfolgt hat, erkennt meine Tendenzen zu Phasen wohl bereits an der Fülle und der Uhrzeit meiner Veröffentlichungen. Ich genieße diese kleinen Höhenflüge sehr gern, achte aber darauf, mich auch zu bremsen, damit ich keine Loopings fliege. Wenn die Manie ein Höhenflug ist, dann ist der Looping die Psychose. Viele wären wohl neidisch, auf einen so starken Antrieb, hohe Motivation und viel Power für Engagement – aber mir drohen leider Über-Motivation und Über-Engagement. Deshalb muss ich mich immer wieder schweren Herzens begrenzen und darf weit weniger Verpflichtungen übernehmen, als ich manchmal gerne würde.)

Wenn ich mir im Vorfeld Gedanken zu dieser bevorstehenden Prüfung gemacht hätte, hätte ich jede Menge Sorgen und Befürchtungen gehabt und mich mit etwas Pech so richtig reingesteigert:

Ich war da noch nie. Oh Gott!
Ich weiß nicht, wie ich da hinfahre. 
Ich muss mir einen Verbindung für die ÖPNV ausdrucken.
Wie finde ich die Schwimmhalle dann? 
Ich brauche einen Ausdruck des Stadtplans mit dem Fußweg 
von der S-Bahn zur Schwimmhalle.
Wie ist es dann da drinnen?
Wo sind die Klos? Wie sehen die Umkleiden aus?
Was ist mit der Dusche?
Ohje, da sind doch nicht etwa Kinder?
Was, wenn die mich da nackt sehen?
Darf ich das?
Ich mache doch meine Öffentlichkeitsarbeit unter der Dusche - 
ja, aber bei Erwachsenen!
Kindern kann man sowas doch nicht zumuten oder etwa doch?
Wieso geht denn der Scheißdrucker jetzt nicht?!

Ungefähr so hätten meine Gedanken wohl ausgesehen. So lief das ganze nun unterbewusst ab und ich wusste nicht, wie ich mich hätte beruhigen können, da ich nichtmal merkte, dass ich überhaupt aufgeregt, nervös und angespannt war. Das Problem mit dem Drucker ließ sich dann auch lösen durch ein ausgeborgtes Streichelfon von meinem Kerl.

Nun hat sich herausgestellt, dass ich in Unkenntnis der Regeln nicht nur völlig falsch, sondern auch noch völlig überflüssig trainiert habe. Denn es ist so, dass es sich wirklich um einen Kurs handelt, wo zunächst das Wissen vermittelt und geübt wird und sobald man eine Übung beherrscht, wird diese auf der Liste abgehakt und man geht zum nächsten über. Ich kann jetzt oft wiederholen, bis ich die ganze Bahn schaffe oder eben doch abwinke und mich mit Bronze zufriedengebe. Dieses nun zu wissen, lässt eine Ganze Gesteinslawine von meinem Herzen abgehen.

Vom Erste-Hilfe-Kurs im Dezember ist mir noch recht präsent, dass ich Sorge um meine Konzentrationsfähigkeit hatte und dass mich meine Berührungsängste vor eine große Herausforderung stellten und ich diese körperliche Nähe zu Fremden nur dank einem Jahr Körperarbeit überhaupt zulassen konnte.

Da war es heute ganz anders. Ich hatte sogar Spaß dabei! Würgen, Fesselschleppgriff, ziehen schieben und, und, und. Ich habe diesen Kontakt genossen.

Meine Nervosität war mir am deutlichsten unmittelbar vor dem ersten Versuch des Streckentauchens – mein Angstgegner sozusagen. Die vermeintliche Einschränkung durch den Verzicht auf Hilfsmittel entpuppte sich als riesengroßer Vorteil, denn diese hatte mich beim Sprung vom Beckenrand immer behindert, weil sie oft quer über meinem Gesicht landet. Ich muss das olle Ding jede Woche enger stellen und bin nie ganz zufrieden, wie sie sitzt.

Durch den Sprung vom Block (oder sagt man Bock?) bin ich schon ein ganzes Stück weit ganz wie von selbst und habe so sehr viel mehr Schwung, als wenn ich mich nur vom Beckenrand abstoße. Nun habe ich auch die richtige Technik gelernt und bin guter Dinge, es mit einiger Übung auch ganze 25 Meter schaffen zu können und mich nicht auf 15 Meter und Bronze beschränken zu müssen.

Spätestens nach dem Sprung vom 3m-Turm, der noch einmal für einen Adrenalinausstoss sorgte, – ich habe mich schon sooo lange nicht mehr getraut, da runterzuspringen – hatte sich meine Blockade gelöst und es war wieder wie früher, als ich als kleiner Junge jeden Sommer im Freibad verbracht habe.

Beim Schwimmtraining bei Startschuss werde ich dennoch nicht auf meine Brille sowie die Ohrstöpsel verzichten wollen. Jede Woche rote Augen und Wasser in den Ohren muss nicht sein.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Schwimmer_innen bei Startschuss, Jungs und Mädels, Tunten, Trans*en und Kessen Väter, da ich bei ihnen duschen und mich nackt präsentieren üben durfte, was mir sehr sehr viele Hemmungen genommen hat und mir sehr geholfen hat, in meinen Körper einzuziehen.

Auch akzeptiert zu werden bzw. sich akzeptieren zu lassen wie man ist, ist etwas, das ich erst mühsam lernen musste.

Beim Duschen vor dem Kurs war ich übrigens alleine auf weiter Flur und hinterher mein bisheriges Horrorszenario: Kinder und Jugendliche! Ich hatte mir vorgenommen, im Zweifel einfach auf verklemmt zu machen und die Badehose anzulassen, aber es ergab sich dann so, dass die einzig freie Dusche sich nicht in Betrieb nehmen ließ, ich also warten musste und dann alle Mann den Saal verließen. Herrlich!

Für das nächste Mal nehme ich dann aber wahrscheinlich meinen Saunakilt mit oder ein großes Duschtuch, da auf dem Weg zu den Umkleiden bereits wieder Mütter mit Kleinkindern stehen und da kann ich mich ja etwas mehr bedecken als bloß mit Handtuch vor dem Schoss halten.

Vom heutigen Nachmittag nehme ich mir das unvergessliche Erlebnis mit, wieder eins mit dem Element Wasser gewesen zu sein und doch noch nicht größenwahnsinnig zu sein, sondern einfach mehr zu können, als ich mir bisher zugetraut habe. Es war einfach, ich stelle es immer wieder fest, ein Kleinheitswahn, von dem ich lange Jahre besessen war.

 

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