Inspiration gefällig?

Spiritualität und Inspiration haben doch mit dem gemeinsamen Wortstamm spirit (Geist, Seele) etwas miteinander zu tun. Von der Bedeutung her sehr verwandt mit der Psyche, dem (alt?)griechischen Begriff dafür. Aber was ist eigentlich das Gegenteil von Inspiration? Vielleicht Transpiration?

 Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

  God, grant me the serenity to accept the things I cannot change,
Courage to change the things I can,
And wisdom to know the difference.
Living one day at a time,
Enjoying one moment at a time,
Accepting hardship as a pathway to peace,
Taking, as Jesus did,
This sinful world as it is,
Not as I would have it,
Trusting that You will make all things right,
If I surrender to Your will,
So that I may be reasonably happy in this life,
And supremely happy with You forever in the next.

Amen.

Quelle: Wikipedia

Dieses Gebet hat es sogar bis in die Psychiatrie geschafft. Ich habe es kennengelernt bei einer Selbsthilfegruppe von Menschen, die mehrheitlich wegen Alkoholsucht ihren Führerschein verloren hatten und auf dem Wege waren, sich auf die MPU vorzubereiten. Dieses hat mich sehr gut auf den Weg gebracht, trotz all meiner Skepsis gegenüber der Kirche. Dieses Gebet wurde erhört.

Dieser Text Spuren im Sand – meine Fachkenntnis reicht nicht aus, um es als Gebet klassifizieren zu können – hat mir sehr sehr viel Kraft gegeben und mir die Augen geöffnet für eine andere Perspektive auf dieselbe Situation und führte somit zu einer neuen Bewertung. Ich erkannte es, auf dem Gipfel meiner ersten und stärksten Psychose, in einem anderen Sinnbild während einer schamanischen Trommelreise wieder. Mein Blogeintrag dazu (bei psychose-online).

Und hier ist eine Überarbeitung meines unter dem Pseudonym Fremde Angst bereits 2006 veröffentlichten Textes Erkenntnis (im Geschichtenkorb), jetzt unter dem Pseudonym Ingo S. Anders. Ich betrachte das als eine Kurzfassung der Genesis, angepasst an unsere moderne schnelllebige Zeit, wo niemand ohne Krankschreibung und/oder Hartz4-Lifestyle mehr die Muße findet, ein Buch wie die Bibel in die Hand zu nehmen.

Vor zehn Jahren wusste ich nicht, warum ich das schrieb – ich beschrieb einfach mein Erleben in dem Moment, als ich mich selbst und meinen damaligen Mentor von außen betrachtete. Ich folgte in einer psychischen Krise, ohne von der Psychiatrie „erwischt“ und diagnostiziert worden zu sein, einfach meiner Intuition, schüttete meinem Begleiter, den ich über das Netz kennengelernt hatte, völlig naiv und voller Gottvertrauen und tiefen Glauben an das Gute im Menschen, der durch ein einschneidendes Erlebnis stark erschüttert worden war, mein Herz aus – ohne jede Angst, er könne mir etwas Böses wollen.

Wir schrieben einander, chatteten, telefonierten und er baute mir einen Altar aus seinen Kurzgeschichten, den er mir auch nach meinem fast trotzigem „Ich kann alleine!“ auch noch jahrelang auf einer Website stehen ließ. Vielen Dank an Dich, R. Du warst ein sehr gutes Rollenvorbild für mich, auch wenn das vermutlich gar nicht in Deiner Absicht gelegen hatte.

Ich habe nach der Zwangseinweisung, für die ich heute noch dankbar bin und der erlittenen Zwangsbehandlung in der geschlossenen Psychiatrie fast vier Jahre  gebraucht, um wieder an diesen Punkt zu kommen. Um wieder einen Mann an meiner Seite zu haben, dem ich mich ebenso öffnen und anvertrauen kann.

Dieser jetzige Mentor ist mein Genesungsbegleiter und wird wenigstens für die Zeit bezahlt, die er mir widmet. Es hat uns alle, das gesamte Team der IV sowie meinen Ehemann und mich, zweieinhalb Jahre harte Arbeit gekostet. Begegnung auf Augenhöhe war die Basis meines Vertrauens. Geduld, Ringen um Veständnis, Zuversicht auf allen Seiten haben zum Erfolg geführt, weil wir nicht gegeneinander, sondern miteinander gekämpft und alle an einem Strang gezogen haben.

Jetzt (Ich bereite diesen Beitrag am Abend des Karfreitags für den Ostersamstag vor.) spüre ich endlich den Schmerz als Knoten in der Kehle und die Tränen können fließen. Nun weiß ich, dass ich beruhigt, erleichtert und erlöst werde schlafen können.

Damit ist diese spirituelle Reise für mich beendet und ich kann mich frohen Mutes auf die nächste begeben, für die ich die Tickets bereits vor einiger Zeit gelöst habe. Gestern war ich zum Vorbereitungstreffen für eine Gesprächsrunde, die sich dem Thema der Geschlechtsidentität widmen wird und an der ich an den nächsten Wochen teilnehmen werde.

Wer nun wie ich lange Zeit den Eindruck gewonnen hat, die Psychiatrie in Gestalt der Integrierten Versorgung sei heute die einzig hilfreiche Seelsorgegemeinschaft, der hat sich noch nicht überall umgeschaut.

Auch die Kirche geht mit der Zeit:

Das ist nur eine flinke Auswahl dessen, was die Suchmaschine hergibt. Allen Angeboten gemeinsam ist wohl, dass es sich an Menschen wendet, die noch oder wieder selbst im Führerhaus ihres Lebens sitzen. Denn ist der Karren erst einmal vor die Wand gefahren und liegt eine psychische Erkrankung vor, ist die Psychiatrie zuständig.

Ich bin wirklich beeindruckt, was sich da alles getan hat, seit ich meine Vorurteile zum Thema Kirche ad acta gelegt und die Akten ins Archiv im Dachstübchen ausgelagert habe. Ohne den Dachschaden wäre wohl nicht ans Licht gekommen, wie verstaubt da alles war.

Um den Kreis zu schließen: Inspiration bezeichnet in der Medizin das Einatmen. Dafür gibt es ein Gegenteil, namens Exspiration. Na? Richtig: Das Ausatmen. Da habe ich wohl Inspiration mit Inspiration verwechselt. Deutsche Sprache schwere Sprache.

Wir sind also wieder bei der Körperarbeit gelandet: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (kurz: PMR). Mit welchem Glauben ich mir die Wirksamkeit erkläre, ob ich es Placebo-Effekt nenne oder mich offen zu einem Glauben bekenne, ob ich von Erdung spreche oder von Körperwahrnehmung: Das dahinterliegende Prinzip, warum diese Entspannungstechniken oder Sport wie Tanzen, Schwimmen, Krafttraining ist immer dasselbe. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen dem Außen und Innen.

Viele sind frustriert und enttäuscht, weil sie mit psychosomatisch abgespeist werden und fühlen sich nicht ernst genommen. Dabei sind sie diejenigen, die an an der Psychiatrie zweifeln und an eine Einbahnstraße glauben möchten. Die andere Fahrbahn heißt somatopsychisch.

Als ein Beispiel sei die von Georg Parlow sehr schön erklärte Wirkweise der binauralen Klänge genannt.

Ein weiteres ist die simple Tatsache, dass Bewegung – ja, auch Sport – den Körper darin unterstützt, das Gehirn zu regenerieren. Stichwort Neuroplastizität, Gerald Hüther. Ebenso haben wir alle durch unsere Ernährung erhebliche Möglichkeiten, Einfluss auf unser Wohlbefinden zu nehmen. Zwangsernährt werden doch nur die wenigsten und diese tun mir wirklich leid! Meinem Vater hätte ich wirklich ein anderes Ende gegönnt.

Denkt darüber nach, wie ihr eure Zukunft gestaltet, wenn ihr zur nächsten Zigarette, zum Schokoriegel oder zum Glas Wein greift. Ich bin kein Kostverächter: Die Dosis macht das Gift.

Ihr seid alle erwachsen und habt jeden Tag, jede Minute oder Sekunde erneut die Wahl, euch für euch selbst zu entscheiden.

Um hier anzukommen, wo ich jetzt stehe, musste ich langsam lernen, wieder mit dem Herzen zu sehen, anstatt auf den Kopf zu hören, der mir nur ständig neue Ängste beschert. Angst ist wichtig, solange sie mich schützt. Aber sobald sie mich als Fehlalarm in meiner Lebensqualität beschneidet kann ich gerne darauf verzichten.

Vielleicht zieht ihr für euch einen anderen Lebensstil vor als den, den ich derzeit praktiziere. Oder ihr haltet mich für verrückt. Beides dürft ihr gern tun und es sei euch von Herzen gegönnt. :)

Ich wünsche euch besinnliche Festtage und werde dafür beten, dass wir das schaffen. Die Nachrichten sehe ich mir lieber nicht an, sondern warte ab, wie die Feiertage verlaufen.

PS:

Mein Gebet aus der Kindheit, mir möge ein Penis wachsen, hat Er auch erhört.

Es ist nur eine Frage, wie ich mein Genital betrachte, ob ich eine Klitoris sehen möchte oder einen Testopimmel. Und ich kann mir aussuchen, ob ich da lieber an meinen Endokrinologen glauben möchte oder an mich selbst, der sich zur Angleichung entschieden hat oder an den da oben – oder ob ich alles diese Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinander stehen lasse.

Das ist nämlich genauso Auslegungssache wie die Worte in der Bibel oder im Koran. Und wer lieber an übersinnliche Wahrnehmung als an Symptome einer Geisteskrankheit glauben möchte, der findet auch einen passenden Kulturkreis, sobald er, sie oder er_sie sein Leben in die Hand nimmt und sich auf den Weg macht, diese Welt aktiv mitzugestalten.

Eine Antwort

  1. Du sprichst mir aus der Seele.
    Auch meine Erlebnisse bestätigen, dass sich der Wert von scheinbaren Niederlagen manchmal erst im Nachhinein erschließt. ich vertraue darauf, dass das Leben auf unserer Seite ist und Sinn ergibt.

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