Neue Reihe: Briefe

In dieser Reihe möchte ich verschiedene Briefe vorstellen, die ich unter den Geschichten abhefte. Das können Offene Briefe sein wie beispielsweise an den Sportverein, aber auch Briefe, die ich nie abgeschickt habe, wie beispielsweise Liebesbriefe an meine Chefin. Dazu gibt es dann an dieser Stelle die Geschichte zum Brief.

Die Seite Briefe ist aktualisiert und den Anfang macht ein Offener Brief an meine Nachbarn (Ruhe bitte!), den ich wie im letzten Beitrag kurz angerissen, im Januar letzten Jahres ins Treppenhaus gehängt hatte, weil mir der Kragen geplatzt war.

Die Vorgeschichte dazu war gewesen, dass wir im Juli 2014 in dieses Haus gezogen waren und ich dann im September meinen Vater und kurz darauf im November meine beste Freundin beide an den Krebs verlor.

Bereits am ersten Weihnachtstag ging es rund ums Haus mit der Böllerei los, zwar nur tagsüber, aber ich geriet in eine Art Daueralarm. Es war so, wie Reinhard Mey es besingt:

Doch die härteste Prüfung für Psyche und Ohren
Ist die quälende Stille plötzlich nach dem Bohren,
Das Wissen, es kann jeden Moment wieder einsetzen
Oder nicht, oh, dieser Zweifel ist zum Nervenzerfetzen.

Das Crescendo schwoll an von Tag zu Tag und mein Cortisolspiegel stieg.

Normalerweise hätte ich Silvester bei besagter Freundin gefeiert und das war jetzt plötzlich ganz anders als geplant. Bei meinem Vater hatte ich es lange vorher gewusst, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Aber sie hat richtig Gas gegeben.

Meine Nerven lagen bereits eine Woche blank und durch den unweigerlichen Schlafentzug durch das nächtliche Geböller dauerte es dann nicht mehr lange, bis ich durchdrehte. Starke Stimmungsschwankungen inkl. Heulattacken, die ich der Trauer um meinen Vater zuschrieb, waren für mich sehr erlösend.

Die erste Woche des neuen Jahres kämpfte ich mit Entspannungsbädern und Baldrian um meinen Schlaf, gegen das gelegentliche Böllern draußen war ich nach der Silvesternacht längst unempfindlich geworden. Dann hielt ich es irgendwann nicht mehr aus, weil die Geräusche im Haus ja auch unabhängig vom Jahreswechsel weiterhin auftreten würden.

Für mich fühlte sich bereits das Schreiben dieses Briefes an wie ein Befreiungsschlag. Mein Ehemann sicherte mir auch zu, dass sich das nicht verrückt anhört. Also hängte ich das Schreiben mit großer Genugtuung nebst einer Kopie der Hausordnung im Treppenhaus auf.

Gefühlt war es dann auch die nächsten beiden Wochen deutlich stiller im Haus.

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