Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Wer kennt nicht dieses Spiel aus Kindheitstagen? Blöde nur, wenn man erwachsen ist und Dinge sieht oder hört, die andere nicht wahrnehmen können. Dann steht man ziemlich alleine da mit seiner Sicht auf die Welt.

Ehrlich gesagt hatte es mich damals sehr überrascht, in meinem begleitenden Psychotherapeuten jemanden gefunden zu haben, der mich mit meiner Wahrnehmung, ein Mann zu sein, nicht für verrückt hielt. Und mittlerweile werde ich ja von der ganzen Welt ganz eindeutig als Mann wahrgenommen.

Umso schockierender ist dann die tiefgreifende Erschütterung, der eigenen Sinneswahrnehmung, wenn es um vermeintlich ganz reale Objekte geht, nicht mehr zweifelsfrei über den Weg trauen zu dürfen.

Das Beispiel für optische Halluzinationen, was ich sehr gerne anführe, ist das, was mich selbst auch davon überzeugt hat, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe oder besser gesagt in dem Moment hatte:

Der Oberarzt auf der geschlossenen psychiatrischen Station, auf der ich wider Willen festgehalten wurde, durchmaß energischen Schrittes den Aufenthaltsraum, durch den der Korridor führte und trug eine lila Krawatte.

Der ist ja kuhl!, dachte ich. Ich war tief beeindruckt und dachte, der muss ja echt Eier haben und gar keine Angst um seine Führungsposition.

Eine Mitpatientin – wir „Betroffenen“ lernen solche Ausdrücke, denn von und über „Patienten“ sprechen darf nur das Behandlungspersonal. Wo kämen wir denn da hin, wenn der Eindruck entstünde, ein Patient sei ein ganz normaler Mensch und nicht das automatische Pendant eines Arztes, Krankenpflegers oder Psychologen. Deshalb dürfen wir Betroffenen (das Wort mach mich immer betroffen) großzügigerweise von Behandlungspersonal sprechen, um die gesamte weißgekleidete Bagage über einen Kamm zu scheren – auch die in Zivil.

Eine Mitpatientin hatte aus Knete ein Männchen geformt und ich durfte mitmachen.

Ich verpasste dem Männchen eine lila Krawatte und strahlte: „Das ist jetzt der Oberarzt!“

„Echt, hat der ne lila Krawatte? Das ist ja ungewöhnlich. Ist mir gar nicht aufgefallen“, gab mir die Mitpatientin zu bedenken.

Die anderen, die ebenfalls im Aufenthaltsraum saßen, stimmten ihr zu. Niemand außer mir hatte diese lila Krawatte gesehen.

„Dann war das bestimmt eine Halluzination“ hörte ich – aus Mit-Patienten-Mund!

Das war für mich der Stein des Anstoßes, der die gesamte Kiste mit der Krankheitseinsicht ins Rollen brachte. Ich hinterfragte, was das Zeug hielt. Nicht nur mich und meine Wahrnehmung, auch meine Vorurteile zog ich in Zweifel bzw. erkannte sie als solche.

Und so wurde aus erzwungenen Kooperation, die ich nur eingegangen war, um möglichst schnell aus diesem Gefängnis entlassen zu werden, im Laufe der Jahre ganz langsam und schleichend echte Compliance.

Natürlich war dieses eine Erlebnis nicht die einzige Situation, in der ich halluziniert habe, aber die einprägsamste.

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