Ich kann mich gut abgrenzen

Ich möchte noch einmal das Fazit festhalten, das ich am Donnerstagabend vor 14 Tagen für mich gezogen habe: Eine meiner großen Befürchtungen, von der Unruhe augenblicklich sehr agitierter Menschen in der Gruppe, die über sich sprechen, angesteckt und selbst sehr aufgewühlt zu werden, hat sich nicht bestätigt.

Vor der Stunde habe ich eine kurze PMR gemacht, um für mich eine Auszeit zu schaffen, da ich gerade vom Psychoseseminar gekommen war. Das hat mir sehr gut getan und ich bin sehr überrascht, dass mir gelungen ist, mich darauf zu konzentrieren, obwohl es in dem Raum in diesem Moment des Ankommens sehr viel unruhiger war als in der S-Bahn üblicherweise. Das hängt wohl damit zusammen, dass in der S-Bahn die Unruhe durch das Ein- und Aussteigen die Regel ist.

Am Ende der Stunde war ich nach wie vor ausgeglichen und ruhig. Zwischendurch habe ich immer mal wieder sehr bewusst meinen Körper wahrgenommen. Mindestens nach einem Redebeitrag einer anderen Person, aber auch währenddessen immer mal wieder und spätestens wenn ich selbst sprach, hatte ich die Gelegenheit, auf meine Stimme zu achten.

Meine Stimme ist nach wie vor der beste Indikator für mein Anspannungslevel. Inzwischen bin ich aber sehr dankbar dafür, dass meine Stimme – so wie die jedes Menschen – bei Anspannung höher wird und ich kämpfe nicht mehr dagegen an, etwas ändern zu wollen, das die Natur so vorgesehen hat.

Mich selbst beschäftigt nun nicht die Frage um meine eigene Geschlechtsidentität, auch wenn ich heute von mir und meiner Vergangenheit erzählt habe, sondern ich bin mir unsicher, ob ich mich heute in der Gruppe richtig verhalten habe.

Ich fände es besser, wenn sich nicht diejenigen durchsetzen, die die Lautesten und die Schnellsten sind.

Das ist eine Sichtweise, die ich selbst im Grunde auch teile. Durch meine Erfahrung mit den Neuroleptika und mit sehr großen Selbstzweifeln im Zusammenhang mit Depressionen weiß ich, wie das ist, wenn man in der Gruppe untergeht ohne die Hilfe einer Moderation.

In diesem Setting hätte ich auch ehrlich gesagt etwas aktivere Moderation erwartet: Eine eher zuvorkommende und anbietende Unterstützung für die Stillen. Ein Räume-Schaffen für diejenigen, die eine Extra-Einladung brauchen, solche Räume zu betreten.

Mein Problem war, dass ich damals nichtmal erkannt hatte, dass ich auch ein Recht auf Redezeit habe. Die nächste Hürde war dann, dieses Bedürfnis auch anzumelden. Es fiel mir leichter, in einer entsprechenden Struktur, die Räume anbietet, diese zu betreten, als mir mit den eigenen Ellbogen selbst welche zu schaffen.

Natürlich kann gerade hier in diesem Selbst-Platz-Verschaffen eine gr0ße Lernaufgabe liegen. Nun bin ich sehr gespannt, wie es am kommenden Donnerstag weitergehen wird. Ob das Thema noch einmal angesprochen wird und ob wir zu einem anderen Umgang miteinander finden.

Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass es dieses Angebot einer solchen moderierten Personzentrierten Gesprächsgruppe zum Thema Geschlecht und Identität heute überhaupt gibt, das ich vor acht Jahren so dringend gebraucht hätte.

Es hat mir große Freude gemacht, von meinen eigenen Erfahrungen, meiner Selbstsuche und Identitätsfindung berichten zu können und dafür Dankbarkeit zu erfahren. In der Rolle des Ratgebers fühle ich mich sehr wohl.

Vielleicht sollte ich einen Ratgeber schreiben. Damit habe ich nicht mehr diese Schwierigkeit, mein Wissen preisgeben zu wollen und dabei das Rat-Schlagen vermeiden zu müssen. Aber irgendwie war diese Homepage ja auch dafür gedacht.

  1. Mir gefällt Deine Reflexion über das Räume-Schaffen.
    Vielleicht greifst Du das Thema beim nächsten Mal selber auf statt abzuwarten, ob es angesprochen wird (von jemand anderem).
    Ist es wirklich die Aufgabe anderer Menschen, den Stillen den Raum zu verschaffen (wenn diese sich nicht in der Lage sehen, sie für sich zu nehmen)? Oder bleiben die dann weiterhin passiv und warten darauf, dass ihnen geholfen wird?
    Vielleicht hilft auch ein Apell an die Lauten und Schnellen, sich ein wenig umzuschauen, bevor sie sich breit machen und alles für sich vereinnahmen.
    Ich habe irgendwann für mich persönlich erkannt, dass Passiv die Leidensform ist. Je mehr ich mich überwinde und aktiv mitgestalte, desto größeren Einfluss kann ich auf mein leben nehmen.

    Gefällt 1 Person

    • Wir hatten vereinbart, dass wir uns jeweils nach der Person mit den größten Bedürfnissen richten wollen. Ziel ist, dass sich alle miteinander wohl fühlen – anders als draußen im wirklichen Leben.

      Heute war es nun so, dass etwa ein Drittel der Gruppenteilnehmer_innen schweigend lauschte, um dann in der Abschlussrunde mitzuteilen, dass sie sich heute in der Gruppe nicht wohl gefühlt haben.
      Für mich war das dann wie ein Schlag ins Gesicht verbunden mit der Frage, was ich denn falsch gemacht habe. Ich hatte nicht nur das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, sondern sogar falsch zu sein. Dabei bin ich nur anders.
      Expliziter als „Wie wünscht Du Dir, dass ich mich Dir gegenüber verhalte?“ kann ich nun wirklich nicht fragen.

      Nach dem offiziellen Ende des Austausches sind diese Menschen dann wie ausgewechselt und haben keinerlei Hemmungen mehr, sich völlig ungeordnet auszutauschen.
      Ich werde da nicht schlau draus.

      Irgendweshalb fühlte ich mich heute angegriffen, so als ob mir meine Zufriedenheit mit mir und der Welt wie sie ist (mit binären Schubladen) zum Vorwurf gemacht würde. Da habe ich mir also nun doch etwas zu Herzen genommen.

      Ich glaube auch, dass es – im wirklichen Leben da draußen – nicht meine Aufgabe sein kann, für andere Menschen einen Platz frei zu halten. Das müssen die schon selbst organisieren, indem sie die Verantwortung für sich selbst wieder übernehmen. Ich habe ja auch jahrelang daran gearbeitet, mich in dieser Welt behaupten zu können.

      Was mich angeht, so bin ich so lange passiv geblieben, wie es für mich bequemer war, als aktiv zu werden. Das ist eine Entwicklungsaufgabe, die ich anderen Menschen nicht abnehmen kann. Diesen Weg muss jede_r für sich selbst gehen.

      Allerdings kann man Türen öffnen durch strukturelle Anpassungen. Ich denke da an ein Gespräch in Kleingruppen wie es beim ersten Termin war.
      Falls sich nichts anderes vordrängelt, werde ich beim nächsten Mal anmelden, dass ich nochmal darüber reden möchte, wie wir miteinander reden, und vorschlagen, die Struktur den Bedürfnissen noch besser anzupassen – was natürlich wieder Klarheit über die eigenen Bedürfnisse voraussetzt.
      Und vor allem werde ich nochmal explizit fragen, was denn von mir erwartet wird.

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