Stärken und Schwächen

Jede Schwäche ist eigentlich eine überstarke Stärke.

(Reimar Lüngen)

Heute möchte ich nochmal auf das Thema zurückkommen, das ich im Zusammenhang mit der Wanderung bereits angeschnitten hatte: Stärken und Schwächen.

Ich bin sehr froh, nun endlich dahinter gestiegen zu sein, wie ich mit mir selbst umgehen muss, um in dieser Welt zurechtzukommen. Denn so kann ich nun endlich mein Potential entfalten. Eigentlich alles, was bisher nach Schwächen aussah, sind – bei Drosselung bis in die Angemessenheit – in Wahrheit Stärken.

Ich nutze die von Ulrike Hensel in Hochsensible Menschen im Coaching aufgezählten Stärken und ergänze, wie ich meine Hochsensibilität erlebte, als ich damit noch überfordert war, und stelle dem meinen Lösungsweg zur Drosselung dieser Stärken gegenüber. Nicht jede hochsensible Person (HSP) ist gleich, aber es gibt viele Gemeinsamkeiten.

Als mit mir selbst überforderte HSP war ich schwach. Hochsensibilität ist eine Gabe – Fluch und Segen zugleich. So kam/komme ich von der Überforderung in die Kraft.
Mir droht in der Stadt ständig die Gefahr der Übererregung durch Reizüberflutung. HSP nehmen aufmerksam und umfangreich wahr. Ich nehme in der S-Bahn Kopfhörer mit und höre Musik, mit der ich die Stimmen und andere Geräusche übertöne.
Auch hilft es, mich gezielt auf anderes zu fokussieren, zB ein Buch zu lesen und die Fahrtzeit so zu nutzen.
Bei akuter Übererregung senke ich gezielt das Cortisol mithilfe binauraler Klänge.
Ich sehe oft den Wald vor lauter Bäumen nicht und häufig verschiebt sich mein Fokus auf negative Aspekte. Dadurch neige ich zu Depressionen. HSP haben einen Blick für Details und Nuancen. Fortschritt statt Perfektion!
Ich führe Tagebuch, um Dinge mit innerem emotionalem Abstand betrachten zu können.
Manchmal bin ich zu sehr von mir selbst überzeugt und habe gelegentlich eine Tendenz zu Größenwahn. HSP nehmen subtil wahr und bekommen viel mit. Gedanken lesen kann ich nur, wenn man sie mir aufschreibt!
Ich muss immer im Hinterkopf behalten, dass ich sehr häufig nur Vermutungen ausspreche. Wirklich sicher sein, was in einer anderen Person vorgeht, kann ich recht selten, auch wenn ich oft ins Schwarze treffe.
Ich brauche manchmal sehr lange für bestimmte Aufgaben. Gerade bei der Entscheidungsfindung bin ich sehr langsam. Wenn ich versuche, in die Tiefe und in die Breite zu gehen, überfordere ich mich. Daran bin ich sowohl in der Kochprüfung als auch während des Studiums gescheitert. In der Küche war ich „zu langsam“, dagegen im Büro „zu schnell“.

Smalltalk habe ich gehasst, war lange Zeit bekennender Smalltalk-Versager.

HSP gehen in die Tiefe. Ich kann nicht alles können. Ich muss mich auf bestimmte Bereiche beschränken, in denen ich mehr als Halbwissen aufbauen kann. Ich suche mir die Bereiche gezielt aus, in denen ich im die Tiefe gehen will. So muss ich insgesamt weniger Informationen verarbeiten.

Auch Smalltalk erfüllt seinen Zweck: Man kommuniziert hauptsächlich auf der Beziehungsebene. Die Sachinformation der Nachricht steht im Hintergrund.

Mir wurde schon oft gesagt, ich soll nicht zu viel nachdenken. Tatsächlich habe ich einen Hang zum Grübeln, der leider auch in unproduktive Gedankenkreise in Richtung depressive Verstimmung abrutschen kann. HSP denken gründlich nach. Eine hohe Selbstreflektion ist von Vorteil, so lange ich mich selbst liebevoll und wohlwollend betrachte, mich selbst und (nicht nur) meine Fähigkeiten und Leistungen anerkenne und wertschätze. Dabei hilft mir ein Fortschrittstagebuch, weil meine Selbstwahrnehmung von meiner Stimmung beeinflusst wird.
Ich zerbreche mir oft anderer Leute Kopf und habe manchmal Schwierigkeiten, meinen Aufgabenbereich abzugrenzen. HSP denken ganzheitlich und vernetzt. Für mich ist hilfreich, wenn mein Aufgabenbereich klar abgegrenzt ist. Darum kann ich auch (m)einen Arbeitgeber bitten. Mittlerweile achte ich sehr genau darauf, was wirklich im Bereich meiner Veranwortung liegt und für was ich nicht zuständig bin.
Ganz bewusst Denk-Schubladen zu benutzen und dabei fließende Grenzen zu akzentuieren schafft Ordnung und entkompliziert einiges, weil ich dann nur noch innerhalb des gedachten Kastens denken muss und es mir leichter fällt, alles außerhalb als »zur Aufgabenerfüllung nicht relevant« einzustufen.
Ich brauche lange, um mich auf Neues einzulassen.

Früher habe ich fast nur in Luftschlössern gelebt und mich völlig überplant. Wenn es zu Planabweichungen kam, war ich völlig frustriert und fühlte mich als Versager.

HSP sind umsichtig und vorsichtig. Veränderungen gehe ich schrittweise an und vermeide radikale Umbrüche.

Ich kann das Leben nicht planen und lasse bewusst Spielraum für Improvisation.

Ich neige dazu, mich zu überfordern, weil ich Bedürfnisse anderer über meine eigenen stelle.
Gerade als Maniker neige ich zur Übermotivation und zu Überengagement.
HSP sind engagiert und pflichtbewusst. Mittlerweile achte ich sehr genau darauf, was wirklich im Bereich meiner Veranwortung liegt und für was ich nicht zuständig bin.

Bevor ich neue Aufgaben übernehme, überlege ich mir das sehr gründlich, ob ich das auch tatsächlich tun will, was ich davon habe und ob nicht nur die Aufgabe danach schreit, erledigt zu werden.

Mein Anspruch an mich selbst ist sehr hoch. Schon oft bin ich an meinen eigenen Zielen gescheitert, weil ich sie zu hoch steckte. HSP sind werteorientiert und idealistisch. Babyschritte führen zum Erfolg!

Ich frage mich: Ist das Ziel überhaupt erreichbar?

In manischen Phasen habe ich viel zu viele Ideen und kann gar nicht alle umsetzen. HSP verfügen über ein reiches kreatives Potential. Um nicht tausend Dinge anzufangen und nichts davon zu vollenden, führe ich Listen mit meinen Vorhaben und arbeite diese systematisch der Reihe nach ab. Dabei fange ich mit dem an, woran mein Herz am meisten hängt. Manches streiche ich auch wieder, wenn ich zwischenzeitlich eine bessere Idee bekommen habe.
Wenn ich sehr dünnhäutig bin, bin ich auch sehr verletzlich.

Da braucht es dann nur noch einen einzigen Tropfen, um das Faß zum Überlaufen zu bringen.

HSP sind gefühlsstark. Einen Stimmungskalender zu führen, hat mir sehr dabei geholfen, möglichst ausgeglichen zu bleiben. Dennoch lasse ich tiefe Gefühle auch bewusst zu und genieße sie – und konserviere sie gelegentlich in Textform.

Wenn ich dünnhäutig bin, beantworte ich eMails etc. nicht im Affekt, telefoniere nicht und ziehe mich insgesamt zurück. Ich brauche dann viel mehr Zeit für mich als sonst, bis sich die Wogen innerlich wieder geglättet haben.

Früher bin ich oft zum Kummerkastenonkel verkommen, bin in der Helfer- und Ratgeberrolle regelrecht aufgeblüht bis zur Übererschöpfung. Immer wieder fühlte ich mich ausgenutzt. HSP haben ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen. Ich muss zuerst an mich selbst denken. Bei Beziehungen zu Freunden achte ich darauf, dass diese sich nicht komplementär entwickeln.
Sehr lange Zeit konnte ich mit meiner Intuition nichts anfangen, fühlte mich nur hin- und hergerissen. Dann fing ich an, meinem Herzen zu folgen und handelte oft impulsiv (manische Episode). HSP verfügen über ein ausgeprägtes Bauchgefühl. Nicht nur auf die Intuition hören, auch den Kopf einschalten. Der Verstand ist dazu da, nüchtern abzuwägen. Nicht jedem Impuls sofort unkontrolliert nachgeben. Die wirklich wichtigen kommen wieder, die verpasse ich schon nicht.

Unterm Strich spricht das alles dafür, dass ich als Genesungsbegleiter genauso gut geeignet sein werde wie als Schriftsteller.

Wenn Du keine HSP bist, aber vielleicht eine F-Diagnose mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten bekommen hast, kannst Du vielleicht dennoch von meinen Maßnahmen zur Selbstregulation profitieren. Eine Art „Erste Hilfe“ habe ich bereits auf den Seiten Manie und Depression beschrieben. Bei Fragen dazu schreib mich einfach an.

Leider kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es mir heute nur deshalb so gut geht, weil ich seit vier Jahren falsch diagnostiziert bin und in Wirklichkeit „einfach nur hochsensibel“ – Hochsensibilität ist keine Krankheit! – oder ob mich gerade meine Hochsensibilität dazu befähigt hat, von der schizo-affektiven Störung zu genesen, weil ich mich so sehr genau wahrnehmen, beobachten und reflektieren kann.

Wie ver-rückt ist verrückt? Die Dosis macht das Gift.

Meiner Erfahrung nach findet sich – vorsichtshalber mal beschränkt auf Gedankengänge – alles, was als psychotische Symptome als pathogen eingestuft wird, in einer weniger deutlich ausgeprägten Variante im Bereich des Normalen auch bei Gesunden wieder – zum Beispiel als Abwehrstrategie. Ich erlebe die Übergänge da als sehr fließend und habe Schwierigkeiten, da trennscharf zu unterscheiden, wann mein Denken „gesund“ und wann es „krank“ sein soll.

Für meine Lebensgestaltung ist die Klärung dieser Frage, ob die Diagnose nun zutraf oder nicht, allerdings nicht mehr relevant. Aus meiner Sicht ist es eine Frage der Skalierung, bis die Grenze zur Pathogenität überschritten ist.

Aus grübelnden Gedankenkreisen voller Selbstzweifel werden Depressionen, aus bislang unterdrückter Kreativität und nun plötzlich ungezügeltem Schaffensdrang wird Manie und der zu tiefe, weil viel zu lange hinausgeschobene Blick ins eigene Innenleben wird zur Psychose: Aus allzu gut ausgebauten Luftschlössern wird Wahn und die Grenzen zwischen Phantasie und Realität verschwimmen. Der eigenen Wahrnehmung wird beim Auftreten von Halluzinationen schließlich zu Recht misstraut.

Von der Zwangspause (ich flog durch Erkrankung bzw. Nebenwirkungen der Medikamente wider Willen vom Arbeitsmarkt) und den Therapien in der Zeit nach der Diagnose habe ich sehr profitiert. Ich wurde durch die Psychose dazu gezwungen, mich mit meiner Biographie und abermals mit meiner Identität auseinanderzusetzen und lernte, dass auch ich ein Recht auf Alleinzeit habe. Heute erlaube ich es mir, diese Zeit für mich selbst auch ganz bewusst zu gestalten und zu genießen und mache mir keine Vorwürfe mehr dafür, dass ich diese mehr als andere brauche.

Im Rahmen der Ergotherapie wurde ich dazu angeregt, mich überhaupt erstmals zu fragen, was ich denn will. Auf die Idee, ich dürfe selbst auch eigene Bedürfnisse haben oder diese gar anmelden bis hin zu durchsetzen, war ich vorher gar nicht gekommen. Viel zu sehr war ich darauf fokussiert, den Erwartungen anderer zu entsprechen, gefallen zu wollen und nur ja alles richtig machen zu wollen.

Seit ich nicht mehr versuche, ein anderer zu sein, „normal“ zu sein, sondern mich so angenommen habe wie ich bin, bin ich sehr viel zufriedener mit mir selbst und kann die Frage, ob ich glücklich bin, bejahen.

Mein Weg zur Vorbeugung weiterer akuter Episoden ist die Akzeptanz meiner (bisher) vermeintlich unangemessenen Wünsche und das Ausleben meiner Bedürfnisse, solange diese Wünsche noch klein sind. Mehrmals im Jahr eine Tagestour wandern oder einmal im Jahr zwei oder drei Wochen am Stück ist im Rahmen, ein halbes oder ganzes Jahr durch Neuseeland wandern ist dann vielleicht doch übertrieben.

Wenn Du selbst auch HSP bist, können Dir meine Tricks vielleicht auch helfen, mit Deiner Sensibilität besser umzugehen. Wenn Du noch Fragen zu meiner obigen Auflistung (oder auch andere) hast, kannst Du mich gerne über das Kontaktformular anschreiben oder unter dem Beitrag kommentieren.

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