7. Mai: Internationaler Tag für genitale Autonomie

Am Samstag ist wieder weltweiter Tag für genitale Autonomie. Aus diesem Grund entschuldige ich mich bei den ungeübten Leser_innen (gesprochen mit einer kleinen Pause zwischen „Leser“ und „innen“, um die Lücke hörbar zu machen) – entschuldige ich mich nicht für die ungewohnte und daher womöglich anstrengende oder gar abschreckende Schreibweise mit Gender_Gaps und Sternchen*.

Nie gehört vom Welttag für genitale Selbstbestimmung? Davon habe ich selbst erst durch die Eröffnungsreden zur diesjährigen trans*inter*tagung 2016 in München erfahren. Genitale Selbstbestimmung beschäftigt jedoch nicht nur trans*- und inter*sexuelle Menschen.

Am 7. Mai 2012 bewertete das Kölner Landgericht eine medizinisch nicht indizierte „Beschneidung“ an einem nicht einwilligungsfähigen Jungen als eine Straftat.

(Quelle: Worldwide Day of Genital Autonomy)

Die Religionsmündigkeit gibt es zumindest auf dem Papier in Deutschland ab dem 14. Lebensjahr. Es ist aber etwas anderes, ob ein Kind mit Weihwasser in Kontakt kommt oder mit einem Skalpell. 

Der Bundestag hat anderthalb Jahre nach der oben genannten Entscheidung alle Beschneidungen für legal erklärt. Das ist für mich durchaus nachvollziehbar, wenngleich es mir persönlich lieber wäre, wenn auch Taufen, Kommunion sowie Konfirmation erst bei Erreichen der Volljährigkeit erlaubt wären.

Diese Haltung von mir ist dann wieder so weit links, dass es rechts schon wieder rauskommt: Auch Christ_innen möchten toleriert werden – was ich durch bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema tue.

Müsste ich persönlich entscheiden, wäre es mir lieber, alle Jungs* müssten auf ihre Vorhaut verzichten, wenn dann dafür keiner auf seinen gesamten Penis nebst Hoden und Fruchtbarkeit verzichten müsste. Zum Glück habe nicht ich allein diese Entscheidung zu tragen.

Eltern treffen diese Entscheidung der geschlechtlichen Zuordnung für jedes ihrer Kinder und meist über deren Kopf hinweg. Jeden Tag, nicht nur einmal in deren Leben.

Sehr schön inszeniert ist dieser elterliche Konflikt in der Ausnahmesituation bei plötzlich entdeckter Intersexualität im Film XXY- auch wenn dieser bereits bei der Wahl des Titels seine fachlichen Schwächen offenbart, da der_die Protagonist_in Alex, gespielt von Lucía Puenzo, der phänotypischen Beschreibung nach eben nicht nicht unter dem Klinefelter-Syndrom (Folge der XXY-Chromosomen) leidet. Zu Filmhandlung und Hintergrund (sowie Trailer), die Kritik am Titel

Eine (zum Beispiel religiös motivierte, aber nicht medizinisch indizierte) Beschneidung ist – Verzeihung, meine persönliche Sichtweise – nichts im Verhältnis gegen das mutwillige Zerstören intakter Fortpflanzungsorgane bei inter*sexuellen Kindern. Das persönliche Leiden mag ich dabei nicht bewerten, aber die Tragweite ist eine andere.

Die Folgen solcher Operationen, mit denen einverstanden zu sein Säuglingen unterstellt wird, sind irreversible Fortpflanzungsunfähigkeit und oft Traumata.

Ich stand einer inzwischen verstorbenen Frau* sehr nahe, die mir einmal unter Tränen anvertraute, dass sie eine Erinnerung hatte, deren Wahrheitsgehalt sie selbst anzweifelte: Man habe ihr im Kindesalter etwas in der Schamgegend entfernt. [Sie erinnerte die Szene detailliert, ich erspare sie euch.] Es könne auch eine Warze gewesen sein, genau wisse sie das nicht. Aber sie fragte sich, ob sie bis zu diesem Tag vielleicht einen Penis oder Hoden gehabt hatte.

Vielleicht erst durch meine Geschlechtsangleichung war sie in Berührung auch mit dem Thema Inter*sexualität gekommen oder sie fasste erst deshalb den Mut, sich mir gegenüber zu offenbaren. Da bin ich nicht sicher, aber ich weiß: Zeitlebens war sie auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum sie fortpflanzungsunfähig war. Auch irritierte sie, warum sie so oft gefragt wurde, ob sie mal ein Mann* gewesen sei.

(Was, nebenbei bemerkt, eine absolute Frechheit ist. Wenn man diesen Eindruck bei einer Person hat, dass eine Geschlechtsangleichung vollzogen worden ist – selbst wenn man es für eindeutig hält -, dann ist es immer noch eine sehr persönliche Sache und die direkte Konfrontation, zumal durch fremde Personen, stellt eine höchst respektlose Verletzung der Intimsphäre dar.)

Intersexualität beschreibt Menschen, deren Körper sich nicht so geschlechtstypisch entwickelt wie bei den meisten Menschen, also weder typisch weiblich noch typisch männlich.

(Michaela Katzer, Fachärztin für Urologie, aus ihrem „Übersichtsvortrag Intergeschlechtlichkeit“ am 5. Mai 2016 auf der trans*inter*tagung 2016 in München)

Inter*sexuelle Menschen sind laut Gabriele Rothuber genauso häufig wie Rothaarige oder Zwillinge – sie machen 1,75% der Bevölkerung aus. Bei solch auffälligen Merkmalen kennt doch jede_r jemanden. Viele inter*sexuelle Menschen stoßen jedoch erst durch Zufall auf ihre eigene Besonderheit.

Da sich, führte Michaela Katzer aus, weder der hormonelle Status noch die Chromosomen im Alltag zeigen, fallen die meisten von ihnen überhaupt nicht auf. Manche Ärzte fassen nur bestimmte Diagnosen unter das Phänomen „Intersexualität“, so dass die Fallzahlen manchmal noch geringer ausfallen.

Zum Tragen kommt diese Besonderheit häufig erst in der Pubertät, wenn sich der Körper plötzlich anders entwickelt als erwartet. Wenn bei bisher als Jungen* aufgewachsenen Kindern der Stimmbruch ausbleibt und stattdessen Brüste wachsen oder wenn bei scheinbaren Mädchen* anstelle der ersten Regelblutung der Stimmbruch eintritt oder sich Bartwuchs entwickelt.

Die Trans*tagung gibt es in München bereits das 10. Mal; es ist das erste Mal, dass auch inter*sexuelle Menschen gezielt angesprochen und eingeladen wurden.

Buch zu diesem Thema

  • Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, Michaela Katzer, Heinz-Jürgen Voß (Hg.)

Film über Inter*sexualiät: „XXY“

Deutscher Trailer:

traíler: español_a  + caption: English

Das Englische kennt ein Geschlecht, das Spanische nur zwei, die deutsche Sprache drei… Im Lateinischen wurde noch das natürliche vom grammatischen  Geschlecht unterschieden. Warum sich das Englische durchgesetzt hat und das Lateinische heute ausgestorben ist, dürfte auf der Hand liegen.

(Der Trailer auf Spanisch mit englischen Untertiteln):

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