Geflüchtete erzählen

Der erste Workshop dieser von Manuel Ricardo Garcia geleiteten Tagung war ein spontan entwickelter, der einen Open Space (diese Lücken im Programm, die sich immer wieder ergeben, auch wenn man sie nicht einplant) besetzte.

Ibrahim Mokdad, der auch einen regulären Workshop anbot, und andere Queer Refugees erzählten aus ihrem Leben. Es war für mich nicht nur emotional, sondern auch kognitiv sehr anstrengend, da beschlossen wurde, das Gespräch auf Englisch zu führen, weil somit weniger übersetzt werden musste. Deshalb habe ich es leider nicht geschafft, wie gewohnt mitzuschreiben und ließ mich stattdessen voll auf seine sehr bewegende Geschichte ein.

Zunächst hatte ich mich gewundert, was für einen seltsamen Akzent dieser Mann mitbringt, bis mir anhand seiner Erzählung klar wurde, dass es sich um einen Sprachfehler handeln muss, der infolge der von ihm erlittenen Misshandlungen zurückgeblieben sein muss.

Er beschrieb, dass man bestraft wird, wenn man schwul ist, ohne irgendetwas getan zu haben. Das muss schlimmer sein als zu der Zeit des §175 bei uns – eher so wie zu der Zeit des 2. Weltkrieges, von der Lutz van Dijk in „Verdammt starke Liebe“ berichtete. (Ein Buch übrigens, das ich bisher nur zur Hälfte gelesen habe, da ich mich den dort beschriebenen Szenen der Folterung, die während der Lesung anklangen, nicht gewachsen fühlte.)

Ibrahim erzählte von seiner Flucht, die keine Sekunde von dem Gedanken an eine soziale Hängematte oder großen Reichtum in Deutschland geprägt war. Er wollte überhaupt nicht nach Deutschland. Er wollte in erster Linie eines: Überleben. Obwohl er schwul ist. Als Fluchtziel hatte er die Niederlande im Sinn, weil er wusste, dass man dort sehr tolerant und liberal ist.

Gestrandet in Köln wusste er gar nicht, was er daran hatte – bzw. was er davon gehabt hätte, wäre er nicht im Flüchtlingslager mit seinen heterosexuellen konservativen Landsleuten zusammengesperrt worden, die ebenfalls ihre ganz eigenen Gründe zu einer Flucht gehabt hatten.

So kam er denn eher vom Regen in die Traufe, denn diese Flüchtlingslager darf man nicht verlassen, solange die Papiere nicht fertig sind und wer je Hartz4 bezogen oder einen Antrag bei der Renten- oder Krankenkasse gestellt hat, weiß, wie scheußlich es sein kann, dem deutschen Behördenapparat ausgeliefert zu sein.

Der Amtsschimmel ist einfach kein Rennpferd und das sage ich als Verwaltungsfachangestellter (Fachrichtung Bundesverwaltung) mit aller Liebe, die mir zu Sachbearbeitern (von denen ich selbst einer war) nach dem Wechsel auf die andere Schreibtischseite noch geblieben ist.

Mittlerweile lebt Ibrahim nicht mehr im Lager und er darf sich – innerhalb Deutschlands – frei bewegen. Das würde sich für mich immer noch eingesperrt anfühlen und ich muss an die ostdeutschen Zweige meiner Familie denken, die noch „Bürger“ (oder „Inhaftierte“) der DDR gewesen sind.

Es sprachen verschiedene Menschen aus dem Libanon, aus der Ukraine, aus Syrien und aus Honduras.

Hier in Deutschland jammern wir wirklich mittlerweile auf sehr hohem Niveau, auch wenn dies berechtigt ist, da es im internationalen Vergleich auch Länder gibt, in denen es sich als nicht-binäre Person (zum Beispiel Schweden, das seit den 60er Jahren ein drittes Pronomen „herm“ für Inbetweens kennt) oder für die Zeit während oder nach der Geschlechtsangleichung angenehmer lebt oder wo bessere Operationen angeboten werden.

Da gruselt natürlich der Blick in ein Land, in dem Menschen aus dem Fenster geworfen werden, einfach weil sie schwul sind (Libanon).

Da schockiert es zu hören, dass junge Transfrauen sich aus Angst vor Missbrauch und anderen gewalttätigen Übergriffen zu Hause einschließen müssen, bis sie vollständiges Passing und dazu passende Papiere haben (Syrien).

Man möchte am liebsten in die Ukraine reisen, um den dortigen equality march zu unterstützen, aber wenn man am eigenen Leben hängt, lässt man es wohl doch lieber bleiben.

In Honduras wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon gute Fortschritte erreicht, auch wenn dort noch viel zu tun ist.

Da frage ich mich natürlich: Was kann ich tun? Wie kann ich Menschen in anderen Ländern helfen? Wie kann ich denen helfen, die hier bei uns bleiben – für unbestimmte Zeit oder auch nur vorübergehend?

Ibrahim hat uns gebeten, uns sichtbar zu machen, damit queere Flüchtlinge uns erkennen können. Das habe ich getan und eine Liste der Projekte, welche queeren Flüchtlingen helfen möchten, angehängt: Here I am

Zudem habe ich Ibrahim vorgeschlagen, gemeinsam ein Buch zu machen. Dafür suche ich schonmal Übersetzer_innen, weil mein Blog noch nicht sehr bekannt ist und ich davon ausgehe, dass es lange dauern wird, bis sich jemand meldet. (Bin sehr ungeduldig, Verzeihung.)

Ich denke, Übersetzer_innen zu sammeln kann nicht schaden. Die kann man immer mal gebrauchen, auch für andere Bücher. ;)

Auf der Seite TransMann findet ihr ab morgen eine Liste bisher erschienener Bücher zum Thema trans*, die natürlich nicht abschließend sein kann. Ich setze mich heute abend daran, sobald ich vom Tanzen zurück bin. Jetzt muss ich erstmal los, mich um meine Karriere als EX-IN-ler kümmern.

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