Zurück auf Los: Genesung, wie war das nochmal?

Meine Genesungsbegleiterin gab mir am Mittwoch einen Zettel nochmal, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit, am 12.03.14, schonmal von ihr erhalten und in de Folge abgeheftet hatte – damals als Teilnehmer der Genesungsgruppe 1.

Momentan pausiere ich mit der Teilnahme an der Genesungsgruppe 2 und werde im August zur Vorbereitung auf meine Ausbildung wieder einsteigen.

  • Bei Genesung geht es darum, den Glauben an dich selbst und dein Selbstvertrauen wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, nicht länger lediglich Patientin oder Patient zu sein, sondern ein positives Bild von dir und deinen Möglichkeiten wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, wieder zu hoffen, daran zu glauben, dass du mit einer psychiatrischen Diagnose gut leben kannst.
  • Bei Genesung geht es darum, seelisch zu wachsen – das, was dir zugestossen ist, zu akzeptieren und zu überwinden.
  • Bei Genesung geht es darum, einen neuen Lebenssinn und Lebenszweck zu entwickeln.
  • Bei Genesung geht es darum, diejenigen Dinge zu tun, die du willst und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
  • Bei Genesung geht es darum, deine eigenen Ziele zu verfolgen.
  • Bei Genesung geht es darum, im Führersitz deines Lebens zu sitzen.
  • Bei Genesung geht es darum, dein Schicksal, deine Herausforderungen, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen und die entsprechende Unterstützung zu erhalten, damit du das Leben führen kannst, das du willst.

(Aus Das Leben wieder in den Griff bekommen von P. Deegan)

Ich komme mir ein wenig vor wie Bart Simpson, während ich das hier abschreibe. Aber es tut gut. Und: Natürlich war das meine Idee, das hier mit euch zu teilen.

Es ist so, als müsste ich eine Klasse wiederholen, obwohl ich sie gerade erst übersprungen habe. Ich hatte das alles erreicht; ich war genesen – bin genesen. Ich kann mit meiner Diagnose gut leben – nur nicht mit den Stigmafolgen.

Ich mag nicht, dass man mir (als Mann) eine Gewaltbereitschaft unterstellt, die ich nicht zu liefern bereit bin. Ganz gleich, in welcher psychischen Verfassung ich bin. Ich bin für niemanden eine Gefahr, weder für andere, noch für mich selbst.

Das ist ganz egal, wie psychotisch ich bin: Nie würde ich jemanden angreifen.

Ich wehre mich ausschließlich zu Zwecken der Selbstverteidigung. So wie ich mich dem übergriffigen Krankenpfleger gegenüber zur Wehr gesetzt habe – damals in der Situation ganz intuitiv und ohne Gewissensbisse. Zum Nachlesen: Irre gesund.

Ich möchte wirklich gerne wissen, ob man mir für mein Betragen in der Geschlechtsrolle als Frau diese Diagnose auch gegeben hätte. Denn an meinem eigenen Verhalten hat sich nicht viel verändert, nur an meinem Äußeren und am Verhalten meiner Mitmenschen mir gegenüber. Innerlich bin ich sehr viel ausgeglichener geworden, insbesondere in den letzten Jahren.

Auch früher schon war ich phasenweise psychisch labil und bin immer mal wieder ausgetickt, wenn ich überlastet war. Besonders häufig in der Zeit nach dem Raubüberfall vor zehn Jahren. Einzig meine Arbeit und mein Arbeitsumfeld hat mich damals in der Bahn gehalten. Es wäre aber auch nicht normal, nach einem solchen traumatischen Ereignis die Nerven zu behalten. Zum Nachlesen: Über das Danach

Einer Frau lässt man da offenbar sehr viel mehr verbalisierte Aggression durchgehen, weil man sich von ihr nicht so bedroht fühlt wie von einem Mann. Dabei kann ein solcher vor-urteilsbasierter Eindruck sehr täuschen. Auch Frauen sind Täter*innen.

Nur ich bin eben kein Täter und ich verbitte mir diese Zuschreibung. Ich werde dadurch zum Opfer gemacht, dass Menschen sich von mir bedroht fühlen und mich vorsorglich abführen, fixieren, niederspritzen und wegsperren lassen. Ohne jede rechtliche Grundlage, einfach nur weil da Weißkittel im kurzen Prozess eine Entscheidung treffen.

Und nun im Nachgang beschwert sich auch noch jemand aus der Nachbarschaft bei der Vermieterin über uns. Ganz feige aus der Anonymität heraus. Weil wir ein einziges Mal in fast zwei Jahren selbst laut waren und an allen anderen Tagen den Lärm der anderen mit stoischer Geduld klaglos hingenommen haben.

Ein einziger Nachmittag der Entgleisung und das ist nun nach der entwürdigenden „Be“handlung in der Klinik schon die zweite Strafe dafür.

Hatte ich erwähnt, was in der Klinik geschah?

Ich durfte an Bett oder Trage fixiert, im Flur der Notaufnahme vor aller Augen ins Bett pissen, bevor ich dank der Medikamente das Bewusstsein verlor. Losgemacht hat mich niemand, obwohl klar erkenntlich war (weil ich es hatte artikulieren können), dass ich an schmerzendem Harndrang litt. Nichtmal eine Bettflasche war mir angeboten worden, nur eine Bettpfanne.

Okay, eine Flasche hätte ich nicht benutzen können, weil meine Harnröhre zu kurz ist und ich zu dem Zeitpunkt kein geeignetes Hilfsmittel dabei hatte. Dennoch tut es weh.

Ich war allein auf mich gestellt ganz der Willkür des diensthabenden Personals ausgeliefert. Um solche Situationen zu vermeiden hatte ich Vollmachten ausgestellt, Notfallpläne vereinbart und alle Welt von der Schweigepflicht entbunden.

Es hilft nichts. Der Folter entgeht man nicht, nur weil man selbst alle Regelchen einhält und Vertrauen vorschießt.

Noch eine Begegnung dieser Art und ich verliere Geduld und Kooperationsbereitschaft und wechsle das Lager zur Antipsychiatrie.

Ich lasse mich überraschen, was da noch kommen wird und bin froh, dass ich mittlerweile wenigstens wieder ver-arbeiten kann. Frisch retraumatisiert ist das besonders wichtig.

  1. Mir gefällt natürlich nicht, was dir widerfährt, sondern dass du darüber sprichst/schreibst.
    Es macht mich betroffen und verschiedene Fragen tauchen auf, allerdings nur ganz unscharf.
    Vermutlich fehlt mir etwas, um einige deiner Erfahrungen nachvollziehen zu können.
    Jedenfalls wünsche ich dir, dass du diese Phase nicht zu schwer nimmst. Durchhänger gibt es immer mal, auch wenn wir es hassen, wie die Pest. Ganz zurück auf Los brauchst du bestimmt nicht, Da bin ich zuversichtlich.
    Viele Grüße und Genesungswünsche!

    Gefällt 1 Person

    • Ganz lieben Dank Sonja.
      Schweigen bekommt mir einfach nicht auf Dauer…

      Du musst nicht alles verstehen oder nachvollziehen können. Dass Du Anteil nimmst ist bereits mehr als ich von den meisten meiner Mitmenschen erwarten darf.

      Für mein Seelenheil reicht mir eigentlich schon, dass ich hier schreiben und mich auf diese Weise erleichtern darf.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: