Reinhard Mey gibt mir Musik

Von klein auf erinnere ich die Stimme von Reinhard Mey in meinem Ohr, wenn es ans Einschlafen ging. Diese Stimme war und ist mir vertrauter als die meines eigenen Vaters. Wenn ich sie heute höre, gibt sie mir das Gefühl von Geborgenheit und Trost bei Einsamkeit.

Ich kann mich da gar nicht auf ein besonderes Lieblingslied festlegen. Mich derzeit besonders berührende Lieder sind:

  • 51er Kapitän
  • Gib mir Musik!
  • Ich glaube, so ist sie
  • Frei

Dabei ist zugegebenermaßen der 51er Kapitän schon längere Zeit unter den Favoriten. Das liegt daran, dass ich mir seinerzeit vorstellte, dass mein zuerst verstorbener Onkel nach dessen Tod sicher meinen Vater in einem Rennwagen abgeholt habe, da mein Onkel eigentlich Rennfahrer hatte werden wollen und leidenschaftlich die Formel 1 verfolgte. Aufgrund seiner schweren Erkrankung an Rheuma hatte er aus gesundheitlichen Gründen davon Abstand nehmen müssen. Im Lied beschreibt Reinhard Mey seinen Vater als einen Menschen, der an sich selbst immer sparte, um anderen etwas geben zu können. Darin meinte ich, auch meinen Vater wiedererkennen zu können.

Durch die Gesamtheit seiner Texte hat Reinhard Mey mir eine Männerrolle vorgelebt, die mir sehr zusagt. Er beschreibt sich als einen zartfühlenden Menschen, der entgegen dem Klischee eher nah am Wasser gebaut zu sein scheint. Er schämt sich seiner Tränen nicht, wenn sie wie in Gib mir Musik! im Flugzeug sitzend fließen. So sitze auch ich im Zug und lasse meinen Tränen freien Lauf, wenn sie mich beim Schreiben überkommen.

In seiner Rolle als Vater ist Reinhard Mey zwar auch nicht perfekt, aber immer sehr liebevoll seinen Kindern gegenüber. Insgesamt ist er sich seiner Fehlbarkeit bewusst, zerfleischt sich aber nicht in Selbstzweifeln deshalb. Das scheint mir der goldene Mittelweg zu sein.

In Ich glaube, so ist sie beschreibt er die Beziehung zu seiner ersten Frau. Das zeigt ihn als Ehemann. Da finde ich mich in Teilen in seiner, in Teilen in ihrer Rolle wieder. Bei uns bin ich derjenige, der für Ordnung sorgt und ebenfalls derjenige der Ehemänner, der selbst schreibend umsorgt wird. Unpünktlichkeit ist etwas, das ich erst einmal lernen musste.

In Frei beschreibt er einen Vogel, der in einem goldenen Käfig gefangen ist und sich nach der Freiheit sehnt, draußen aber neben der Freiheit zu fliegen nur Leid durch die Entbehrungen vorfinden wird. Das trifft so ziemlich meine gegenwärtige Gefühlslage. Ich will raus aus dieser verdammten Patientenrolle, will nicht darauf begrenzt werden, habe aber zugleich Angst, damit überfordert zu sein, wenn ich nicht mehr ständig gepampert werde. Durch diese Überforderung könnte ich dann umso stärker wieder in die Rolle des Kranken gepresst werden – erst neulich am 2. Mai wieder geschehen.

Nun, schlafen konnte ich jetzt nicht durch das Hören dieser Musik. Aber das verlange ich mir auch nicht ab. Ich genieße es, dass es mich am Boden hält und ich nicht vor Angst und Anspannung durchdrehe.

Reinhard Mey geht in absehbarer Zeit (2017/2018) auf Tour: Tickets (ab September 16)

Eine Antwort

  1. Deine Hommage an diesen Sänger und Songwriter gefällt mir sehr gut. Ich kenne zwar gar nicht so viele Stücke von ihm, aber auch mich berührt seine Stimme. Er ist poetisch, geistreich und authentisch. Das macht ihn wunderbar präsent – mit großer reichweite.

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