Wichsbürste

Nun habe ich ja schon oft gehört, dass man

mit dem Klammersack gepudert

sein kann – auch wenn ich bis heute nicht bewusst darüber nachgedacht habe, so habe ich die Bedeutung dieses Satzes intuitiv erfasst. Einen Klammersack habe ich in meiner Kindheit noch kennengelernt, auch wenn ich mich nie im Pudern (damit) versucht habe.

Aber eine Wichsbürste ist mir neu.

Entdeckt habe ich diese Redewendung zufällig in dem schicken Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich, als ich mich letzte Woche mit dem Wald beschäftigt habe. Dieses ungewöhnliche und aus heutiger Sicht lustige Wort hat mich derart angelacht, dass ich es gleich für die Folgewoche ausgewählt habe.

Tatsächlich spricht man (oder zumindest sprach man) davon,

einen Schlag mit der Wichsbürste bekommen [zu] haben.

Heute kommt man nicht gleich darauf, dass es sich bei der Wichsbürste um eine Bürste handelt, mit der man Schuhwichse in die Schuhe einbürstete. Der Begriff Schuhcreme ist heute sehr viel weiter verbreitet. Bei der Creme bzw. Crème handelt es sich ursprünglich um ein Lehnwort aus dem Französischen – also endlich mal kein Anglizismus, sondern ein Gallizismus.

Besonders schön finde ich die Begriffserklärung des Gegenstands im Duden (online):

Bürste zum Wichsen (1) (besonders der Schuhe)

Hintergrund laut Röhrich: Die Soldaten im 1. Weltkrieg, die die ersten waren, die diese Redewendung nachweislich gebraucht hatten, glaubten noch, durch Schläge auf den Hinterkopf entstünden Geisteskrankheiten oder, wie er es formuliert, Geistesgestörtheiten.

Mein Vater dagegen, eine Generation weiter, sprach immer davon, leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhten das Denkvermögen. Ausprobiert haben wir das nicht. Jedenfalls könnte ich keine diesbezüglichen Fortschritte berichten.

Diese Redewendung

einen Schlag mit der Wichsbürste bekommen haben

bedeutet also dasselbe wie

mit dem Klammersack gepudert sein

und zwar:

nicht ganz bei Verstand sein

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ich zwar vorübergehend den Verstand verloren hatte, aber ich mich nicht daran erinnern kann, je auf den Hinterkopf geschlagen worden zu sein, schon gar nicht mit einer Bürste. Weder davor noch danach.

Mein Bruder dagegen, der ist mehrmals mit dem Kinderstuhl umgekippt und auf die Heizung geknallt. Der ist „normal“ geworden (fester Job, Haus, Frau, Kind – wie man sich das so vorstellt) und hat keine F-Diagnose, keine Geistesstörung. Also wie mans macht, macht mans richtig.

Vielleicht waren ja die damaligen Bürsten und Heizungen irgendwie anders oder man hatte noch keine Kinderstühle. Ich weiß es nicht; ich war nicht dabei.

Ich weiß nur eins: Einen wiedergefundenen Verstand weiß man sehr viel mehr zu schätzen als den, der einem als Standardausrüstung in die Wiege gelegt worden ist. Jedenfalls mir gehts so damit – vielleicht habt ihr andere Erfahrungen gemacht.

Nun bin ich gespannt, ob ihr das nächste Mal beim Wichsen an Bürsten denkt und ob danach die Schuhe oder die Motorhaube auch hübsch blitzen und blinken. ;)

 

    • Nach dem Wachsen folgt das Wichsen, nach dem Wichsen aber kein Wachsen, da der Samen ja…
      ähm, ich versteh Deine Frage nicht.
      Ich dachte an Wachstum, aber ich glaube, Du bist in Richtung Schuhwachs unterwegs.

      Ja, ganz recht: Die sogenannte Schuhwichse ist laut Duden ein wachsartiges Putzmittel (für Schuhe). Neben dem heute verbliebenen Bedeutung (Ejakulat) meinte Wichse früher auch Prügel oder Schläge.
      Daher sprach man auch davon, jemanden kräftig zu wichsen – nicht nur in Freudenhäusern.

      Früher habe ich mit Begeisterung Lexika, Fremdwörterbücher oder den Duden gelesen, aber wenn ich das heute mit dem Internet genauso mache, fehlt mir irgendwann der Schlaf, weil ich kein Ende finde.

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    • Jetzt habe ich versäumt, Deine Frage zu beantworten.
      Bei Dir sind aus meiner Sicht keine Schläge notwendig, liebe Sonja.
      Wenn Du darum bittest, ist das natürlich etwas anderes. *flöt

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