Angst: (sich) fallen lassen und gehalten werden

Angst: (sich) fallen lassen und gehalten werden

Mittwoch, 1. Juni 2016

Beim Rezept ist es vielleicht niemandem aufgefallen, aber der gestrige Beitrag über die Wichsbürste war ebenfalls einer von den Entwürfen, für den ich bisher nie einen Platz gefunden hatte und da mir diesmal die Zeit zum Schreiben fehlte, habe ich kurzerhand die Veröffentlichung geplant, ohne überhaupt noch einmal draufzusehen. Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass gewisse zeitliche Bezüge nicht stimmen – aber ich belasse das so und nehme auch dies als eine Art Expositionsübung im Sinne von

Fortschritt statt Perfektion

(Meine Genesungsbegleiterin)

Da es ohnehin in der letzten Zeit nach dem Prinzip last in – first out läuft, zäume ich das Pferd von hinten auf und beginne mit dem letzten der turbulenten Tage: Heute in der Kletterhalle. Mein Mann hat sich beim Bouldern seiner Höhenangst gestellt und an seinem Vertrauen auf seine eigenen Kräfte und seinen Körper gearbeitet, während ich gemeinsam mit meinem Schwager durch das gegenseitige Sichern mein durch die schiefgelaufene Krisenintervention Anfang Mai verlorene Vertrauen in „Helfer“ jeglicher Art ein Stück zurückgewonnen habe und somit meiner Angst vor Behandler_innen zumindest einmal Schach ansagen kann.

Ja, Monstersatz. Und: :-P

Meine eigenen körperlichen Grenzen habe ich sehr deutlich zu spüren bekommen und bin auch nur einige wenige Millimeter darübergegangen. Zu Beginn hat Micha, der übrigens auch Krankenpfleger ist (Transferleistungen beherrsche ich), mir alles sehr detailliert erklärt, vorgemacht und kontrolliert, wie ich es nachmache. Ich weiß zwar nicht, wie das Dings heißt, durch das man das Seil legt, aber ich weiß, wie ich es benutze und warum. Darauf kommt es an.

Beim nächsten Mal in der Kletterhalle bin ich der Lage, jemand anderen einzuweisen.

Die Rollenaufteilung könnte eindeutiger nicht sein: Einer klettert und der andere sichert. Beide tragen neben speziellen Kletterschuhen und sonstiger geeigneter Kleidung (u.a. Schmuck ablegen, lange Haare zusammenbinden) diese Gurte, die sowohl an Hüfte als auch am Oberschenkel einen Finger breit Spiel haben sollen.

Der Kletterer sichert sich an dem kurzen Ende des Seils mit einem doppelten Achterknoten. Dabei macht man zuerst eine Acht in das Seil, führt dann das Seil durch seinen Gurt und folgt einfach noch einmal der ersten Acht. Danach wird geprüft, ob das Seilende eine Faust breit über steht und durch einen Ruck, ob der Knoten fest ist.

Der Sicherer ist am langen Ende des Seils dafür zuständig, dass das Seil stets straff ist und der Kletterer jederzeit fallen könnte und dann eben aufgefangen würde. Es gibt ein Metalldings, durch den ein Karabiner geführt wird, was dafür dient, dass der Kletterer dennoch sicher ist, falls der Sicherer pennt, weil das Seil dann durch den Karabiner blockiert wird.

In erster Linie ist es aber dazu da, das Seil zu führen und ein Verbrennen der Hände des Sicherers durch ein durchrauschendes Seil zu vermeiden. Dieses Dings wird wie ein Hebel benutzt: Zeigt er nach oben, zieht man das Seil nach und zeigt er nach unten, kann der Kletterer nicht abrutschen und so ist es zB möglich, eine Pause einzulegen und einmal die Arme auszuschütteln etc.

Das Metalldings wird mit einem Karabiner am Gurt befestigt und der Kletterer prüft, ob der Karabiner geschlossen ist und mit einem Rucken am Seil wird geprüft, ob das Seil ordnungsgemäß blockiert wird. Der Sicherer prüft wieder um oben beschriebenen Achterknoten. So ist in beiden Fällen nach dem Vier-Augen-Prinzip doppelt kontrolliert worden.

Zu Beginn haben wir nach dieser Einführung erstmal Fallübungen gemacht. Diese dienen dazu, das gegenseitige Vertrauen in den Kletterpartner herzustellen bzw. zu verstärken. Er hat angefangen und ist nur ein kleines Stück nach oben geklettert. Dann hat er nachgefragt, ob das Seil „zu“ ist, also der Metallhebel nach unten zeigt. Nachdem ich das bestätigt habe, hat er angekündigt, sich jetzt fallen lassen zu wollen und gefragt, ob ich bereit bin.

Ich wusste nicht wirklich, was genau auf mich zukommen würde. Mir war klar, dass sein Gewicht mehr oder minder plötzlich am Seil ziehen würde und dass ich dadurch nach oben gezogen würde. Oben war nur eine einfache Rolle, durch die das Seil lief, kein Flaschenzug. Also war die Frage, ob mein Stand sicher genug war und ob ich ihn würde halten können.

Wir sind derzeit in etwa gleich schwer, wenn er mal nicht geschummelt hat und fünf oder zehn Kilo mehr hat – er ist etwas größer und breiter als ich und hat auch einen deutlich sichtbaren Bauch. Für deutlich unterschiedlich schwere Kletterpartner lagen auch zusätzliche Gewichte bereit, mit denen man sich als Sicherer künstlich schwerer machen kann, um nicht durch die Luft zu fliegen, wenn der andere abstürzt.

Ich glaube, einmal hat er sich absichtlich reinkrachen lassen oder es lag an meiner mangelnden Vorbereitung, jedenfalls bin ich einmal ein Stück in die Höhe geflogen und es war bei einer dieser Fallübungen. Es war aber nur ein kurzer Moment, der verging, sobald ich mich in den Gurt setzte.

Vom Tango kannte ich es bereits, dass es mich erdet bzw. mir einen sichereren Stand verschafft, wenn ich etwas mehr in die Knie gehe, als ob ich mich auf einen Barhocker setzen wolle.

Micha kam also heile wieder unten an und mir passierte auch nichts Schlimmes. Das Ganze haben wir gleich noch ein zweites Mal wiederholt. Danach haben wir die Rollen getauscht. Mir hat sehr geholfen, dass ich die Kletterschuhe wirklich nur dann an hatte, wenn ich selbst geklettert habe und wenn ich für das Sichern zuständig war, trug ich meine deutlich bequemeren Sandalen. (Kletterschuhe müssen eng sein und drücken.) Dieser Wechsel der Kleidung half mir beim Wechsel der Rolle so wie mir beim Tanzen die wechselnde Armhaltung den Übergang zwischen Führen und Folgen erleichtert.

Natürlich habe ich ziemlich mädchenhaft geschrien, als ich das erste Mal fiel. Das war mir egal, weil wir zum einen noch alleine in der Halle waren und ich in dem Moment auch gar keine Gedanken an mögliche Gedanken anderer verschwenden konnte. Sehr wichtig war mir, dieser Erfahrung zu machen, dass ich aufgefangen und von Gurt und Seilen Gehalten werde.

Transferleistung:

Bei der Krisenintervention war das tierisch nach hinten losgegangen. Von der IV fühlte ich mich fallen gelassen. Dazu sollte ich der Fairness halber erwähnen, dass ich meine diesbezüglichen Fallübungen auch nicht vorher abgesprochen oder angekündigt hatte.

Das ändert natürlich nichts am Fehlverhalten Einzelner, z.B. an der mangelnden Aufklärung durch die Rufbereitschaft.

Auf Micha konnte ich mich also verlassen, so wie er sich auf mich verlassen konnte. Aufgefallen ist mir, dass ich in Momenten, in denen ich unsicher wurde, weil mich meine Kräfte zu verlassen drohten, öfter „Zu!“ rief, um mich zu vergewissern, dass er da ist und bereit, mich zu halten, falls ich fallen sollte. Er hingegen rief bei der schwersten Route immer schon „Straffer!“, damit ich mehr am Seil ziehe und er im Fall der Fälle „nicht noch fünf Meter unnötig“ fallen müsse.

;)

Er fiel jedoch nicht. Seine körperlichen Grenzen scheint er sehr viel besser zu kennen als ich meine. Mir ist es nämlich bei der schwersten Route – in vier Stunden schafften wir jeder vier davon – nach mehreren Pausen und sehr ehrgeizigen Versuchen, doch noch die obersten Griffe zu erreichen, dann tatsächlich passiert, dass ich abrutschte. Ich bemerkte es Bruchteile von Sekunden zuvor, dass ich mich selbst nicht mehr halten würde können und rief immer noch mehrmals „Zu!“, als ich bereits sicher im Gurt saß.

Danach versuchte ich es noch ein oder zweimal, bis ich schließlich aufgab, weil ich fix und fertig war. Zudem lag meine Entwicklungsaufgabe ja nicht darin, auf Gedeih und Verderb ein einmal (in den Kopf) gesetztes Ziel auch zu erreichen. Ganz im Gegenteil wollte ich meine Grenzen nicht nur spüren, sondern auch respektieren üben. Dazu gehört es auch, Abstriche zu machen.

Ein Nebenaspekt war, dass ich mich bewusst weniger streng regelkonform verhielt, indem ich bei dieser letzten, grünen Route dann einfach – zumal es bereits der zweite Versuch war – alle Griffe und Tritte nutzte, die sich mir anboten, ganz gleich welcher Farbe.

Der Besuch meines Schwagers hier stellte mich vor eine große Herausforderung in Sachen Flexibilität, Improvisationstalent, Frustrationstoleranz sowie Unordnung aushalten, die ich sehr gut bewältigt habe. Im Ergebnis sind die grundlegenden Konflikte meiner den gesamten Wonnemonat Mai anhaltenden Krise gelöst.

Meine Hormone haben sich gut eingepegelt, ich bin von geringfügiger Morgenmuffeligkeit abgesehen sehr viel ausgeglichener und damit auch wieder belastbarer. Mit den Nachbarn hatte ich mich, abgesehen von denen aus dem Nebenhaus ausgesprochen und ich habe nun meine hausmännlichen Pflichten wieder übernommen und bin froh und dankbar, dass ich das tun darf.

Meiner Genesungsbegleiterin, die sich heute ganz lieb nach mir erkundigt hat, habe ich insofern auch Entwarnung gegeben und diese Krise für beendet erklärt. Ich würde mir wünschen, nie wieder meine Krisenbegleitung in Anspruch nehmen zu müssen. Aber da man sowas so schlecht absehen kann und sowieso nie einplant, bleibt mir nur ein:

Auf gute 24 Stunden!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: