Die Diagnose F64.0 vs. Lebensrealität von trans*

Es wird Zeit, auch die „Altlasten“ aufzuarbeiten. Anfang Mai habe ich die Transtagung in München besucht und hatte aus diesem Anlass eine Aktionswoche gestartet. Nun habe ich euch noch einiges aus den von mir besuchten Workshops zu berichten.

Ich denke, dass viele Menschen, die sich niemals mit der Thematik auseinandersetzen mussten, überhaupt keine Vorstellung davon haben, welche Steine Transmenschen heute immer noch in den Weg gelegt werden.

Ähnlich dem Umstand, dass viele (zumeist heterosexuellen) Menschen nicht wissen, dass Schwule kein Blut spenden dürfen einfach aufgrund ihrer offen eingeräumten sexuellen Präferenz – ganz klarer Fall von Diskriminierung, aber nicht das Wichtigste auf der (schwulen) Agenda, da dies ja in erster Linie der (heterosexuellen) Mehrheit der Bevölkerung schadet und nicht den Schwulen selbst.

Als ich im Jahre 2008 dem inneren Druck nicht mehr standhalten konnte und mich zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen entschied, was auch immer damit auf mich zukommen würde, war das ganz klar eine Entscheidung für mein Leben. Die theoretische Alternative wäre für mich gewesen, mein Leben auf andere Weise zu beenden. Anders als für meinen Urgroßvater ist für mich der Freitod nie eine wirkliche Option gewesen.

Ausführlich kann mein gesamter Weg der Geschlechtsangleichung in allen Schattierungen mit Höhen und Tiefen in der Kategorie TransWeg nachgelesen werden.

Ganz kurz ein Überblick über meinen Weg für thematische Neueinsteiger:

  1. Therapeut suchen, da der Therapeut die Indikation für die Hormone ausstellt und somit dem Endokrinologen die Verantwortung abnimmt. Ohne 18 Monate Therapie keine Kostenübernahme durch die Krankenkasse für OPs. Ohne Diagnose keine Hormone und keine OPs, mit F-Diagnose allerdings auch für die nächsten fünf Jahre keine Versicherung mit Gesundheitsfragen mehr. Therapeuten haben idR lange Wartelisten, was umso grausamer ist, wenn man sich erst dann zu einem Besuch durchringen kann, nachdem man seine Entscheidung zu einer Angleichung bereits getroffen hat.
  2. Selbsthilfegruppe (auf)suchen, da die Therapeuten idR nicht persönlich betroffen sind und daher manche Fragestellungen und Gedankengänge nicht nachvollziehen können. Zudem verweisen viele der Personen, die die sogenannte Begleittherapie übernehmen auch an die Selbsthilfegruppen. In den Gruppen erfährt man, welche Gutachter empfohlen werden, welche Ärzte trans*sensibel sind und trifft auf eine Peergroup, die sehr viel Halt für die Zeit der Transition und darüber hinaus geben kann.
  3. Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung stellen und dem Gericht zwei Gutachter vorschlagen. Diese Gutachten wird später die Krankenkasse zur Vorlage beim MDK verlangen, obwohl sie darauf kein Anrecht haben – ist billiger, da das Gericht oder der Antragsteller die Kosten dafür trägt. Auf diese Weise verschränken sich die ursprünglich getrennten Angleichungsprozesse der rechtlichen und medizinischen Ebene. Die soziale Ebene geht ohnehin mit beiden einher. Den Antrag bei der Krankenkasse erst nach Ablauf der anderthalb Jahre Therapie stellen, weil sonst postwendend eine Ablehnung erfolgt.
  4. Warten. Auf den Therapieplatz, auf die Antwort des Gerichts, auf die Indikation für Testo, auf den ersten Termin beim Endo, auf das Wirken der Hormone, auf die Erstellung der Gutachten, auf die Kostenzusage der Krankenkasse, auf den OP-Termin. Warten, warten, warten. Ich hatte Glück; bei mir ging der Papierkram innerhalb von zwei Jahren über die Bühne und ich brauchte danach (auch dank der therapeutischen Begleitung infolge der Psychose) nur noch vier Jahre, um mich in der neuen Geschlechtsrolle zurechtzufinden. (Natürlich gibt es auch Menschen, die einfach nur trans* und nicht psychisch krank sind. Diese kommen ganz anders zurecht, wenn sie nicht wie ich durch den Prozess erkranken.)

In diesem Beitrag geht es mir rund um die Diagnose F 64.0 Transsexualismus mit ihrer Auswirkung auf den Lebensalltag auf Antragsteller_innen geschlechtsangleichender Maßnahmen (2009 bis heute) während der Transition und um die Frage der Treffsicherheit der zugrundeliegenden Diagnosekriterien.

2009 wurden ohne Teilhabe von Transleuten Behandlungs- und Begutachtungsrichtlinien für die Medizinischen Dienste der Krankenkassen erlassen. Diese wurden 2010 publiziert in „blickpunkt der mann Wissenschaftliches Journal für Männergesundheit“.

Die Folge – abgesehen von der Verschleppung sämtlicher in 2009 gestellter Anträge auf Kostenübernahme wegen geschlechtsangleichender Maßnahmen – sind starre Fristen, Therapiezwang und ein sogenannter „Alltagstest“ (nichts anders als ein erforderliches Zwangsouting u.a. beim Arbeitgeber, da man bei abweichenden Geschlechtsmerkmalen nicht testen kann, wie es denn wäre, wenn es denn anders wäre.)

Die Pflicht zur Kostenübernahme ergibt sich aus dem krankheitswertigen Leidensdruck und sollte daher nicht unnötig herausgezögert werden. Besonders perfide ist, dass bei zu viel Leidensdruck Anträge aufgrund von psychischer Instabilität abgelehnt werden.

Dennoch entstehen innerhalb der Szene immer wieder Diskussionen um die Frage, ob mit zunehmender Entpathologisierung die Krankenkassen nicht einen Weg fänden, die Kosten nicht mehr tragen zu müssen – aus Angst vor flächendeckender unterlassener Hilfeleistung durch unser Gesundheitsversorgungssystem, wie es so häufig bereits heute in „Einzel“fällen passiert, wenn Anträge (beispielsweise auf Versorgung mit Epithesen) reihenweise abgelehnt werden. Als Verwaltungsfachangestellter erkenne ich da ganz klar die Bildung von Fallgruppen.

Faktisch ist aufgrund dieses Prozederes das Arzt-Patient-Verhältnis (oder Therapeut-Klient-Verhältnis) von vornherein gestört, da man kein mündiger Patient sein kann, wenn man zB notwendige Medikamente wie die Hormone erst nach einer Begutachtung erhält.

Wir machen das jetzt mal trotzdem so, damit Sie keine Probleme mit der Kasse bekommen.

Auch ich habe diesen Satz zu hören bekommen und zwar von meinem Therapeuten, der mir erst nach einem halben Jahr die Indikation für Testosteron ausstellte.

Meinen Antrag beim Gericht auf Änderung meines Vornamens und des Personenstands hatte ich gleich nach der zweiten probatorischen Sitzung gestellt. Vorher hatte ich nicht gewusst, dass ich das schon darf, ohne dass eine Diagnose gesichert ist. Ich wollte nichts falsch machen und auf keinen Fall die Ablehnung meines Antrags provozieren, weil das für mich das Aus bedeutet hätte.

Gegenüber den Gutachtern habe ich mich entgegen dem weit verbreiteten Rat, nur das zu erzählen, was die hören wollen, und Klischees vom ausschließlichen Spielen mit Autos herunterzubeten ehrlich und offen gezeigt. Ich kann (und will) einfach nicht lügen.

Etwas unter den Tisch fallen lassen und einfach nicht erwähnen ist dagegen etwas anderes. Das zählt für mich zur geschickten Sachverhaltsdarstellung…

So fanden meine Freude am Ballett und am Tragen von Röcken keine Erwähnung, das Spielen mit Puppen reduzierte sich auf das experimentelle Abschneiden der Brüste der Barbie und das Schneiden der Haare von Mutters Lieblingspuppe, damit diese „nun ein Junge“ sei. Dagegen betonte ich meine Freude am Spielen mit Lego, mein Bedauern, nicht mit den anderen Jungs Fußball spielen gedurft zu haben, weil ich „ein Mädchen“ gewesen sei – was an einem einzigen Tag mal vorgekommen war.

Insgesamt verzerrte sich mein Fokus durch diese Fremdverbalisation so sehr, dass ich zu glauben begann, tatsächlich eine ausschließlich beschissene Kindheit gehabt zu haben. Ich entwickelte schwere Depressionen, die ich auch mit Antidepressiva behandeln ließ. Das war übrigens die erste Diagnose, die ich gleich in der ersten Sitzung anstelle der von mir angestrebten F 64.0 bekommen hatte.

Dennoch galt auch für mich:

Wenn ich weiß, was ich sagen muss, um an die angestrebte Leistung zu kommen, werde ich es tun.

Soviel zu dem Prozess, der aus dieser Diagnose und dem Wortlaut des TSG folgt. Nun zum Wortlaut der Diagnose an sich:

Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.

(Quelle: ICD-Code ICD 10)

Zu Recht wird da gefordert: Stopp F64.0.

  1. Vorausgesetzt wird, es gebe nur zwei Geschlechter. Es ist zwar die Mehrheit der Transleute, die mit der Binarität sehr gut zurechtkommen (so auch ich), aber damit werden etliche Menschen von der Diagnose nicht erfasst und erhalten somit auch keinen Zugang zu den von Ihnen benötigten Leistungen.
  2. Das „eigene anatomische Geschlecht“ drückt aus, das Geschlecht sei durch die Anatomie festgelegt. Dem ist nicht so.
  3. Es besteht nicht in allen Fällen der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung und nicht alle möchten sich so weit wie möglich angleichen lassen.

Das ist nicht abschließend.

Auch meine Fähigkeit, mich wieder und wieder darüber aufzuregen, scheint nicht abschließend. Aber dieser Beitrag hat bald ein Ende.

Inhaltlich beziehe ich mich auf die Workshops trans*Diagnose vs. Realität – ein kritischer Bericht aus der psychotherapeutischen Praxis von Dipl.-Psych. Meike Menzel, Berlin sowie Quo vadis trans* – Gesundheitsversorgung von Nicole Faerber, welche meine persönlichen Erfahrungen sowohl bestätigen als auch ergänzen.


Heute bin ich zu einem Workshop des Projektes Queer Refugees Support und freue mich über die Ablenkung von meinen eigenen Problemen.

Verglichen mit der Situation, aus einem Land stammend, in dem Menschen aus dem Fenster geworfen werden – einfach nur weil sie schwul sind – hier in Deutschland in ein Flüchtlingslager mit ebendiesen Landsleuten gepfercht zu sein, erscheinen mir meine eigenen Luxusprobleme wieder wie die Peanuts, die sie eigentlich sind.

Mein Gehirn ist im Grunde nur unterfordert: Es möchte Probleme lösen. Welche Probleme stellen sich mir hier als Hausmann mit Auskommen auch ohne Einkommen denn wirklich?

Meine Mutter sagte schon immer:

Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche.

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