Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert

Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert

Auf diesem Bild ist zu sehen, wie sich die Elbe aufteilt in die Norderelbe und die Süderelbe. Das Wasser fließt zu beiden Seiten um die mitten in der Großstadt Hamburg gelegene Insel Wilhelmsburg. Diesen Ausblick hat man, wenn man den 1914 erbauten kleinen Leuchtturm namens Leuchtfeuer Bunthaus besteigt.

Das kann richtig Spaß machen und ein bisschen titanicmäßig aussehen:

 


Ja, wie war das? Letzte Woche war von Montag bis Mittwoch mein Schwager zu Besuch bei uns. Zum Glück hatten wir ihn davon überzeugen können, sich ein Hostel zu nehmen, weil die Wohnung schon für uns zwei allein zu eng ist.

Bereits im Vorfeld hatte ich Panik geschoben – und ich glaube, dass ich tatsächlich von einer Panikattacke sprechen kann, als ich nachts bei der Rufbereitschaft anrief – weil ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, abgesehen von drohendem Unheil durch das Chaotentum, was bei meinem Schwager deutlich stärker ausgeprägt ist als bei seinem Bruder.

Beide sind Freigeister, aber der eine schlägt den anderen in Unstrukturiertheit und Spontanität um Längen. Mein Mann ist wenigstens gewillt, sich meine Bedürfnis an Planung so weit anzupassen, wie er es eben kann. Bei seinem Bruder ist Hopfen und Malz verloren, ich habe es gleich vorsorglich aufgegeben, beide zusammen ordnen zu wollen.

Nun wusste ich zwar nicht, was im Einzelnen auf mich zukäme, aber ich wusste, dass mein Schwager einen großen Bewegungsdrang hat und wir sicherlich spazieren gehen würden. Das ist auch eine feine Sache und ich hatte einige Ideen, wo wir laufen könnten – nur hatte ich leider plötzlich überhaupt keine Ahnung, wo ich meine Pinkelhilfe hingelegt haben könnte und suchte sie am Montagmorgen ebenso fieberhaft wie vergebens.

Ohne meine Pinkelhilfe bin ich in meinem Aktionsradios durch den maximalen Füllstand meiner Blase mehr oder minder stark eingeschränkt. Da ich das Ding bisher immer noch nicht wiedergefunden habe, gehe ich davon aus, sie am Sonntag vor einer Woche irgendwo unterwegs verloren zu haben – denn da hatte ich sie noch dabei.

Ich wusste nicht, wann ich würde pinkeln müssen, aber ich wusste, dass ich dort an der Bunthäuser Spitze und auch am Elbstrand, den ich meinem Schwager zeigen wollte, keine Toilettenschüsseln würde finden können. Entsprechend angespannt war ich also im Vorfeld.

Montags kam er dann wider Erwarten zu der Zeit, zu der er sich angekündigt hatte. Ich glaube, das ist darauf zurückzuführen, dass er mit dem Flugzeug kam und einfach nicht viel Spielraum für Improvisation blieb.

Wir gingen dann zunächst gemeinsam zum Supermarkt, um das einzukaufen, was ihm in unserer Wohnung fehlte, um sich gut versorgt zu fühlen. Unser Getränkeangebot beschränkt sich idR auf Wasser, Leitungswasser und eine Sorte Tee.

Im Laden überlegten wir, was wir in den nächsten Tagen essen könnten und was wir gemeinsam kochen könnten. Wenn ich einkaufen gehe, habe ich normalerweise vorher einen Zettel geschrieben und weiß genau, was auf den Tisch kommen soll.

Wir dachten über einen Auflauf für Dienstag nach und griffen spontan zu Grillfleisch und Co – fürs Raclette fehlte später der Raclettkäse und Zutaten für den Auflauf landeten auf dem Grill. Muss ich betonen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits längst aufgegeben hatte, mich noch in irgendeiner Weise durchsetzen zu wollen, um Vernunft walten zu lassen?

Nachdem die Brüder sich zwei Flaschen Wein geteilt hatten und auch einige Flaschen Bier, zumindest durch meinen Schwager, geleert waren, passierte das unvermeidliche: Das Pronomen „sie“ fiel und damit sollte ich gemeint sein. Mit Bart, mit dem ich da saß (zugegeben: Gesichtsmuschi – könnte verwirren) und trotzdem er mich seit acht Jahren „Horst“ nennt. Mein Schwager erlöste mich damit von dem bangen Warten darauf, dass genau das passieren würde – aber dass mein Ehemann da mit einsteigt, das überforderte mich total.

Damit nicht genug, denn mein Mann bemerkte das und schimpfte sofort mit seinem Bruder, korrigierte das Pronomen und beharrte darauf, dass er das nicht tun dürfe. Ich war bereit gewesen, ein falsches Pronomen zu überhören, denn so etwas passiert wirklich häufig einfach aus Versehen und hat manchmal auch überhaupt nichts mit trans* zu tun.

Ich fragte meinen Mann, warum er auf diesem einmaligen Lapsus so drauf herumhacken musste, weil er damit ja aus einer Mücke einen Elefanten und für mich das Malheur umso schmerzhafter machte. Seine Begründung, dass er das brauche, dass andere mich als „er“ bezeichnen, um mich nichts selbst als „sie“ zu bezeichnen, machte alles nochmal viel schlimmer.

Für mich steht dahinter die Aussage, dass er mich nicht als Mann wahrnimmt. Das ist wirklich bitter. Eigene nicht-binäre Identität hin oder her, ich bin ein Mann und möchte auch als solcher angesehen werden. Trotz oder vielleicht gerade wegen der fehlenden Stehpinkelvorrichtung.

Am Dienstagmorgen  war mein Schwager dann zuverlässig anderthalb Stunden zu spät zum verabredeten Frühstück, was mir etwas Zeit verschaffte, meiner Krisenbegleitung mein Leid über den vergangenen Abend zu klagen und auch noch einmal nach der vermissten Pinkelhilfe zu suchen.

Wir fuhren dann gemeinsam mit dem Bus zur Bunthäuser Spitze, genossen die Aussicht sowie das schöne Wetter und knipsten ein bisschen herum.

Mit Höhenangst macht man ein etwas verkniffeneres Gesicht als ich:

Schatz auf Leuchtturm

Mein Schatz auf dem Leuchtturm

Das ist mein Ehemann, ich darf ihn im Internet hochladen und ich bin wahnsinnig stolz auf ihn!

Das ist richtig hoch da oben!

Leuchtfeuer Bunthaus

Das Leuchtfeuer Bunthaus ist 7 Meter hoch.

Sieben Meter ist der Leuchtturm hoch, dh es sind locker fünf Meter, die es von da aus runtergeht. Und da geht der locker-flockig vorwärts die Leiter runter – ich trau mich das nur rückwärts.

Von der Bunthäuser Spitze aus spazierten wir dann weiter über den Deich und durch Schafköttel in Richtung Elbstrand. Es war ein sehr aufschlussreiches Gespräch, das ich so mit keinem anderen Krankenpfleger hätte führen können. Meine Frage, wie ich mich denn verhalten müsste, damit man in der Klinik im Fall der Fälle mit mir anständig umginge, führte ins Leere.

So funktioniert die Psychiatrie einfach nicht, dass sich jemand die Zeit nimmt, einen losmacht und wie einen normalen Menschen aufs Klo gehen lässt. Ganz egal, wie „brav“ man auch sein mag, egal wie sehr man kooperiert und egal wie friedfertig man sich verhält. Dieses Ziel ist nicht erreichbar.

Wenn man als Notfall eingeliefert wird, hat man seine Selbstbestimmung bereits verloren, weil einem niemand mehr zutraut, die Verantwortung für sich selbst tragen zu können. Aus keinem anderen Grund wird man als Notfall eingeliefert.

Micha erzählte von einer Person, die abtransportiert und in ein anderes Krankenhaus verlegt werden sollte. Nein, erklärte die Frau, sie sei keine Patientin, sie sei nur zu Besuch und warte auf auf ihren Mann, der derzeit untersucht werde. Das glaubten ihr die Männer nicht, die damit beauftragt waren, eine psychotische Patientin zu verlegen. Sie regte sich natürlich auf und tat alles das, was eine gesunde Person tun würde, um glaubhaft zu machen, dass sie nicht verrückt sei und ein Irrtum vorliegen müsse. Natürlich setzten sich die Männer durch, mit Gewalt, fixierten sie, transportierten sie und angekommen im den viele Kilometer entfernten anderem Krankenhaus erfuhren sie dann, dass sie tatsächlich die falsche Person erwischt und eine Patientin mit einer Besucherin verwechselt hatten. Das einzige, was dieser Besucherin vielleicht hätte helfen können, wäre gewesen, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Stationsleitung einzubeziehen – vielleicht.

Das einzige, was ich realistisch betrachtet tun kann, um solche Erlebnisse künftig zu vermeiden, ist, nie wieder in solche Zustände zu geraten, in denen Menschen glauben, ich bräuchte ihre Hilfe, die ich gar nicht haben will und die mir in Wahrheit mehr schadet als nützt.

Um das zu erreichen kann ich nur dafür Sorge tragen, dass mein Lebensalltag so aussieht, dass ich mich darin wohlfühle. Und Situationen wie die gegenwärtige kann ich nur sehr bedingt beeinflussen. Denn es ist ja vor allem mein Ehemann, der eine Krise hat, die mit einigen anderen auf mich einwirkenden Belastungsfaktoren zusammentrifft.

Da bleibt mir nur, mich zu meinem eigenen Schutz zurückzuziehen und mich einfach nur um mich selbst gut zu kümmern anstatt auch noch um ihn. Und manchmal muss ich dann vorbeugend Hilfe holen, um nicht später wider Willen zusammenzubrechen wegen irgendwelcher Banalitäten, die die Aufregung im Grunde nicht wert sind.

Es hat sich dann schließlich so ergeben, dass es vollkommen ausreichte, zu Hause nochmal aufs Klo gegangen zu sein, weil ich dann erst in Altona (wo ich zum Schwimmen hinfuhr) erst wieder musste. Zum Glück stellt das Nutzen öffentlicher Toiletten für mich heute keine Hürde mehr dar. Vom Pissoir mal abgesehen…

Aber mein Problem ist leider, dass ich das nicht so gut vorher absehen kann, wann ich muss und ich bin es einfach nicht mehr gewohnt, acht Stunden oder länger einzuhalten und möchte mir das auch nicht wieder angewöhnen und mich dennoch frei bewegen können – auch und gerade in der Natur fernab der Wasserklosetts.

Am Mittwoch waren wir dann gemeinsam in der Kletterhalle und Micha hat sozusagen den Klettertherapeut gegeben: Angst: (sich) fallen lassen und gehalten werden

 

 

    • Ich tippe eigentlich recht schnell, da ich als Verwaltungsfachangestellter in meiner Ausbildung auch Zehnfingerschreiben gelernt habe.
      Wenn dann morgens um acht ein Beitrag von mir erscheint, liege ich aller Wahrscheinlichkeit nach im Bett und schlafe.
      Die Veröffentlichungstermine kann man vorher festlegen und dann geschieht es ganz automatisch. So kann ich schubweise auftretende Schreibsucht oder mehrere Tage hintereinander, an denen ich gar nichts zustande bringe, ganz gut kaschieren. ;)

      Neulich habe ich einen Beitrag versehentlich am Sonntag veröffentlicht und das Datum dann auf Montag korrigiert. Dadurch ist der Link in der eMail, die die Abonnenten bekommen haben, dann schon veraltet gewesen und führte leider ins Leere.
      Aber ein bissl Schwund ist immer…

      Ansonsten.. ja, Zeit zum Lesen finde ich trotz nicht-Erwerbstätigkeit derzeit nicht mehr. Ich bin derzeit froh, wenn ich irgendetwas hinkriege und halbwegs „funktioniere“.
      Da das Schreiben zu meinen Entspannungsmethoden gehört, kostet mich das weder Überwindung noch Mühe im Gegensatz zu etwa Telefonaten oder anderen Dingen die ich gerne vor mir herschiebe.

      Du siehst, schon wieder ein „Roman“, bloß weil ich Dir fix antworte. Mich kurz zu fassen, fällt mir sehr viel schwerer, als alles lang und breit auszuwalzen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: