Juhu, nun hat Hamburg einen transmännlichen Rettungsschwimmer mehr!

7. Juni 2016

Letztes Jahr, als ich an der HITT 2015 mitgewirkt habe, hatte ich auch den HansePlansch initiiert, ein Badevergnügen ausschließlich für trans*- und inter*-Menschen. Da wir damals niemanden aus der Szene finden konnten, war mein Trainer von Startschuss so nett, die Aufsicht zu führen.

Damit haben wir einen sehr toleranten und verständnisvollen Cis*Menschen als Bademeister gehabt, aber so richtig ganz geschlossene Gesellschaft ist das damit ja dann streng genommen nicht mehr gewesen. Trotzdem haben ein Dutzend Menschen an unserem Badespaß teilgenommen.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir vorgenommen, beim nächsten Mal selbst die Aufsicht zu führen und meinen zwanzig Jahre alten Rettungsschwimmer-Ausweis mal aufzufrischen. Nun habe ich im November letzten Jahres den Grundkurs Erste Hilfe wiederholt (den man auch für den Führerschein braucht, den ich ja auch schon fast zwanzig Jahre habe) und ich habe die Theorie bei der DLRG absolviert – in Silber. Mein alter Ausweis aus Schulzeiten war Bronze.

Es ist echt krass. Woher ich die Kraft dazu genommen habe, kann ich mir selbst nicht erklären. Aber ich habe es geschafft: Heute habe ich die letzte Aufgabe erledigt – das Schleppen in Kleidern, woran ich mit einem stark adipösen Übungspartner schon einmal gescheitert bin – und nun ist das Zusenden des Ausweises an mich nur noch eine Formalie.

Ich bin Rettungsschwimmer – Silber – und damit eine rettungsfähige Aufsichtsperson.

Es ist echt hammer, wenn man bedenkt, was ich angeblich alles nicht können sollte aufgrund meiner „Erkrankung“ und wenn man bedenkt, wie häufig mir andere Psychotiker dazu raten, doch täglich Neuroleptika zu schlucken, um „den Stress“ besser aushalten zu können.

Zeitgleich zu unserem Kurs fand irgendein Kurs mit Kindern statt. Es war also eine alles andere als reizarme Umgebung. Zudem brüllte der Trainer die Kleinen gelegentlich an, wodurch ich das ein oder andere Mal Zustände bekam, weil Aggressionen hochkamen, die ich in dem Augenblick nur wegatmen konnte.

Aufgrund meines außergewöhnlichen Genitals habe ich – um Diskussionen mit Eltern zu vermeiden – in der Dusche Momente abgepasst, in denen keine Kinder unter der Dusche sind, um meine Badehose auszuziehen und für den Weg zur Umkleide den Saunakilt mitgenommen. Dann habe ich bei Anwesenheit von Kindern jeweils lange genug getrödelt, bis ich mich in Ruhe umziehen konnte, ohne auf die Einzelumkleide ausweichen zu müssen. Das mag übertriebene Rücksicht sein, aber diese schont auch meine Nerven.

Über das Streckentauchen hatte ich schon einmal geschrieben, nachdem ich das erste Mal darüber berichtete, dass ich den Rettungsschwimmer mache. Ich weiß, nicht mehr, wie viele Anläufe ich brauchte, aber ich schaffte das Streckentauchen schließlich trotz aller Nervosität. Ich weiß noch, wie viel Herzklopfen ich hatte, als ich vom Brett springen musste und dass ich es einfach getan habe. Ich erinnere mich noch an die anfänglichen Berührungsängste gegenüber fremden Menschen in Badebekleidung – weg sind sie.

Zwischenzeitlich hatte ich eine Krise (in der ich mich je nach Perspektive nach wie vor befinde, da die Belastungsfaktoren nach wie vor da sind), die mit dem Schwimmen überhaupt nichts zu tun hatte, aber dennoch musste ich eine Weile pausieren. Andere pausieren, weil ihnen andere Dinge, wie zB die Arbeit oder das Mitsingen im Chor vorübergehend wichtiger sind.

Mir geht es darum, zu zeigen, dass man auch mit F 25.x etwas leisten kann, Medikamente hin oder her. Ich habe schon vieles erreicht, das andere nie im Leben erreichen, egal ob vor oder nach der Diagnosestellung.

Ich bin schon einen Marathon gelaufen und dabei war meine einzige Vorbereitung, dass mir das Fahrrad geklaut worden war und ich drei Wochen zu Fuß zur Arbeit laufen musste. Zugegeben, acht Stunden sind keine rekordverdächtige Zeit für die Strecke – aber ich bin angekommen und es hat mir Spaß gemacht.

Ich habe eine scheißverdammte Geschlechtsangleichung hinter mir, was nachzuahmen ich niemandem empfehlen möchte, jedenfalls nicht zu den damaligen Bedingungen. Mir gefällt die Formulierung der Inderin, mit der ich am Sonntag darüber sprach, dass dies alleine schon der Besteigung des Himalaya gleicht.

Ich bin Nichtraucher, nachdem ich acht Jahre geraucht habe. Einfach, weil ich ich es so wollte. Klar, ich hätte ja nicht anfangen müssen. Dafür habe ich stets die Finger von Drogen gelassen und maßvollen Konsum von Alkohol erlernt.

Ich wiege derzeit immer noch 55kg weniger als mein Maximalgewicht. Und ich werde Normalgewicht erreichen. Früher oder später.

Und ich bin Überlebender von Gewalt, körperlicher wie seelischer.

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