Sieh, was Du hast!

Sieh, was Du hast!

Mittwoch, 8. Juni 2016

Vor zehn Jahren, als ich in einer großen schweren Krise steckte, lehrte mich ein sehr weiser Mann:

Sieh nicht, was Du nicht hast. Sieh, was Du hast!

(R.)

Dieses Lenken des Fokus weg von der Misere hin zu dem, was gelungen, was nicht defizitär, sondern erfolgreich ist, ist wohl die wichtigste Lektion, die ich je gelernt habe, wenn es um Techniken geht, die mir beim Überleben helfen, bei meinem tagtäglichen Kampf. Das alles ganz „ohne shrinks“, wie er sich ausdrückte.

Denn die Hilfe kommt, wenn es hart auf hart kommt, ja doch nicht von außen. Schon Reinhard Mey singt davon, dass wir die Kreuzwege des Lebens immer ganz allein gehen. Text: Allein

Deshalb habe ich mir im Laufe der Jahre einige Selbsthilfestrategien erarbeitet, die ich hier im Blog nach und nach mit euch teilen möchte – live und direkt am Beispiel oder auch quasi im Schlaf vortragsmäßig heruntergetippt, weil ich es mittlerweile so sicher beherrsche, wie ich das bei Vokabeln oder beim Einmaleins nie konnte.

Wenn ich vergesse, wer ich bin und was ich kann, dann besinne ich mich darauf, wie am Ende des Beitrags Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert oder notfalls lese ich solche nach.

Immer wieder klopfe ich mir auf die Schulter mit Beiträgen wie Juhu, nun hat Hamburg einen transmännlichen Rettungsschwimmer mehr! und notfalls lese ich solche nach.

Und immer wieder führe ich mir vor Augen, was ich habe:

Ich habe die Möglichkeit, mir einfach zu erlauben, auch mal einen Tag nicht zu funktionieren – bevor ich zusammenbreche und nicht mehr kann, wenn ich es müsste. Ich darf mir auch einfach mal einen Tag frei nehmen ganz ohne externe Termine, ohne Hausarbeit und ohne andere zu erledigende Aufgaben, die ich auch noch einen Tag weiterschieben kann.

Heute habe ich das gemacht, nachdem ich früh aufgestanden war und einige Anrufe erledigt habe, und habe mich einfach wieder ins Bett gelegt. Jetzt sitze ich hier im Schlafanzug , höre Musik (Fettes Brot), futtere Quarkfein, schreibe mir ins Gewissen und habe mir vorgenommen, danach mein Entspannungsbad nachzuholen, für das ich an den letzten drei Tagen keine Zeit mehr fand.

Finanzen / Beruf

  • Ich habe kein eigenes Einkommen und die Frage meiner Erwerbsfähigkeit ist offiziell ungeklärt. Aber ich bin verheiratet und durch das Gehalt meines Ehemannes bin ich mehr als ausreichend mitversorgt und muss dafür nichtmal den Haushalt machen.
  • Auch mit 60% davon geht es uns besser als dem Durchschnitt, weshalb ich bis auf Weiteres von der Beantragung von ALG2 verschont werde.
  • Meinen Antrag auf Rente wegen voller Erwerbsminderung bei der Deutschen Rentenversicherung habe ich im April letzten Jahres gestellt. Das ist erledigt.
  • Ich habe dazu eine private Berufsunfähigkeitszusatzversicherung. Auch dort kann ich Rente beantragen und das werde ich als nächstes tun und nicht länger darauf warten, wie sich die andere Versicherung entscheiden wird.
  • Morgen habe ich ein Bewerbungsgespräch wegen der von mir angestrebten EX-IN-Ausbildung, die für mich einen wichtigen Schritt zurück ins Erwerbsleben darstellt und eine erste Struktur bietet, in der ich nicht mehr nur Patient sein darf.

Liebe / Soziales

  • Ich habe einen Menschen an meiner Seite, der mich liebt und mit mir alt werden will. Bin ich also gezwungen, alt werden zu müssen, weiß ich mit wem – auch ich liebe diesen Menschen durch alle Höhen und Tiefen.
  • Ich habe eine Mutter, die mich schon vor meiner Geburt liebte – ich war und bin ein Wunschkind – und die mich heute noch liebt und für mich da ist.
  • Ich habe einen Schwager und eine Schwägerin, die mich als zur Familie zugehörig angenommen haben, auch wenn es sich für mich manchmal anders anfühlt, weil mir der Unterschied der über ein Vierteljahrhundert andauernden nicht-gemeinsamen Biographie immer wieder sehr deutlich wird.
  • Ich habe Freunde, die alle sehr viel Verständnis dafür haben, dass ich nicht regelmäßig hier, da und dort dabei bin. Die mir entgegenkommen mit meiner Vorliebe für eMails und mit mir ausgedehnte Gespräche bei Spaziergängen führen. Die mich so nehmen wie ich bin in der Ausführung, in der ich eben gerade zu haben bin. Und die offenbar von mir ausreichend zurückbekommen, trotzdem ich gelernt habe, meine eigenen Bedürfnisse zu benennen und durchzusetzen.
  • Ich bin in verschiedene Netzwerke eingebunden von Menschen, die mir Halt geben, wenn ich dies brauche. Egal ob diese sich über Foren im Internet organisieren, im Verein oder über offene oder geschlossene Treffs. Jederzeit finde ich Ansprechpartner und damit meine ich rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen. Darunter sind auch Menschen, die für ihre Zeit (die sie sich für mich nehmen) bezahlt werden, aber das sind die wenigsten und diese geraten zunehmend in den Hintergrund.
  • Ich liebe mich selbst, was wohl der wichtigste Punkt in dieser Liste ist, da dies grundlegend ist für all die anderen, die mich lieben. Solange ich mich selbst nicht lieben konnte, verpuffte alle Liebe von außen im Nichts, da ich sie nicht annehmen konnte.
  • Wenn ich an den Menschen oder mir selbst zweifle, weiß ich, dass Gott mich bedingungslos liebt. Der hat nun wirklich keinerlei Interesse daran, Erwartungen an mich zu stellen, wie ich zu sein habe oder was ich leisten muss auf Erden. Ich weiß das, weil Gott keine übergeordnete Instanz ist, die mir irgendjemand vorgesetzt hat, sondern ich ihn selbst für mich erfunden habe als einen Umweg für meine Selbstliebe.

Gesundheit / Genesung

  • Fortschritt statt Perfektion: Wenn ich nicht immer wieder durch tiefste Täler krabbeln würde, hätte ich nie gelernt, auch kleine Fortschritte wohlwollend anzuerkennen.
  • Babyschritte führen zum Erfolg: Je kleiner ich meine Ziele stecke, desto leichter sind sie erreichbar und desto eher wird der Erfolg spürbar. Kleine Brötchen sind dabei die wichtigsten, da sie immer wieder eine Rolle spielen. Hochzeitstorten sind nur sehr selten gefragt.
  • Hochmut kommt vor dem Fall: Wenn ich nie manisch geworden wäre, hätte ich nie Demut gelernt. Durch die Zwangsmedizierung habe ich erfahren, wie es sich anfühlt, deutlich langsamer im Kopf zu sein als meine Mitmenschen und welch Geschenk es ist, im Allgemeinen schneller auf Zack zu sein. Dadurch kann ich jetzt die drei Viertel meiner Mitmenschen, die bei einem IQ-Test auch an meinen schlechten Tagen schlechter abschneiden würden als ich besser nachvollziehen und ihnen mit mehr Nachsicht und Verständnis begegnen. Und ich leide nicht mehr unter Hochbegabung – abgesehen davon, dass ich die formalen Kriterien dafür zum Glück (!) nicht erfülle.
  • Schmerz ist der beste Lehrmeister: Offenbar bin ich nicht der Einzige, der sehr gut aus Schmerzen lernt. Je achtsamer ich dort hinspüre, desto schneller merke ich, wo der Schuh drückt und so kann ich auch auf noch recht sanften Druck reagieren, der noch nicht als Schmerz daherkommt. Auch in diesem Punkt kommt meine Hochsensibilität als Stärke zum Tragen.
  • Meine Psychosen bzw. als psychotisch beschriebene Zustände sind der beste und direkteste Draht zu meinem Unterbewusstsein, den ich mir wünschen kann. Dadurch bin ich in vielen Dingen sehr viel bewusster als andere, die noch nie Psychosen hatten. Das macht es nicht immer einfacher, weil ich vieles nicht ändern kann und einfach hinnehmen muss, aber so kann ich sicher sein, nicht zu lange unter meinen Möglichkeiten zu bleiben.
  • Meine Krankheiten haben mir – seit ich mich dafür geöffnet habe – immer dazu verholfen, meine Krisen zu meistern. Sie halfen mir, meiner Intuition zu vertrauen und zu erkennen, welchen Weg mein Herz mir weist.
  • Wenn man mir im Hinblick auf körperliche Gebrechen sagt „Du hast doch nichts!“ kann ich mir aussuchen, wie ich reagiere: Belegen kann ich beidseitige Arthrose, Venenschwäche, Adipositas und die Notwendigkeit lebenslanger Hormonsubstitution. Nicht ausgeräumt ist der Verdacht auf Neurodermitis.
  • Aber das ist alles nichts, was mich veranlasst, mein Leben nun als weniger lebenswert zu betrachten. Es weist mich jedoch auf meine Unvollkommenheit hin und ich bin dankbar, einen vergleichsweise guten Umgang damit gefunden zu haben.

Diese Übung Sieh, was Du hast! empfehle ich schwer depressiven Menschen nur unter Aufsicht.

Wer nicht wie ich bereits zehn Jahre Erfahrung damit hat, ist nicht so versiert darin, den eigenen Fokus selbständig zu lenken und es kann auch passieren, dass man in bester Absicht loslegt, sich dann aber immer mehr in depressive Gedankengänge verstrickt und sich selbst ab- anstatt aufwertet. (Ja, das ist mir auch schon passiert.)

Einfacher ist es das häufig, sich selbst und eine andere Person gegenseitig darauf aufmerksam zu machen, was das Gegenüber gerade aus dem Blick verloren hat.

Ich habe ein Recht auf Imperfektheit.

(R.)

Eine Antwort

  1. Schöner Zufall. Ich schreibe auch gerade an einem Kaptiel zu dem Thema Fokussierung. Dieses Bewusstsein für das, was man hat und kann, statt sich an den Defiziten aufzuhängen.
    Bei deiner Auflistung Liebe/Soziales gefällt mir der vorletzte Punkt ganz besonders gut.

    Gefällt 1 Person

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