Bewerbungsgespräch EX-IN-Ausbildung

Wenn Du etwas wissen willst, frage Erfahrene, nicht Gelehrte.

(Chinesische Weisheit)

Donnerstag, 9. Juni 2016

Bereits das ein oder andere Mal habe ich die von mir angestrebte EX-IN-Ausbildung erwähnt, durch die ich einen Wiedereinstieg in den (ersten) Arbeitsmarkt finden möchte. Es handelt sich um eine Ausbildung zum Genesungsbegleiter, für die man sich durch seine Psychiatrieerfahrung qualifiziert. Allgemeine Informationen zu EX-IN Hamburg (UKE)

Bereits letztes Jahr hatte ich mich beworben, hatte dann aber doch große Zweifel bekommen, ob ich der Herausforderung gewachsen sei. Daher hatte ich dann nach einem Gespräch mit Frau Sielaff meine Bewerbung zurückgezogen.

Als es dann September war und ich den gesamten Sommer über psychisch stabil gewesen war, hatte ich mich in den quasi Hintern gebissen, weil ich aus der postpsychotischen Depression heraus gekniffen hatte. Sicherlich hat mir dieses Jahr sehr gut getan, weil ich mich noch einmal ein gutes Stück weiterentwickelt habe, aber ich fühlte mich auch die ganze Zeit sehr unterfordert und scharrte mit den Hufen, bis ich mich abermals bewerben konnte.

Nun hatte ich meine letzte Krise Anfang Mai – nachdem die Bewerbung abgeschickt war – und bin vielleicht mit einem Bein noch drin, während ich mit dem anderen bereits wieder festen Boden spüre. Es ist so, dass das Leben immer wieder Höhen und Tiefen bereithält und dass ich es auch gar nicht mehr anstrebe, irgendwann wie eine Maschine tagein, tagaus zu funktionieren. Das ist kein realistisches Ziel. Trotzdem bin ich unsicher, ob der Zeitpunkt dieses Jahr so klug gewählt ist.

Heute früh war ich fast eine Viertelstunde zu spät. Das ist nicht das erste Mal, dass ich zu einem so wichtigen Gespräch zu spät bin. Bei mir scheint es häufig gerade dann, wenn es besonders drauf ankommt, irgendetwas zu blockieren. Natürlich wurde ich nach dem Grund für meine Verspätung gefragt und ich nutzte die Gelegenheit, um zu unterstreichen, dass es mir wichtig gewesen war, mich zu rasieren. An der Rasur hätte ich ja Zeit einsparen können, aber ob ich damit mehr gepunktet hätte als mit Unpünktlichkeit?

Zuvor habe ich noch nie an einem Bewerbungsgespräch mit anderen Bewerbern teilgenommen. Das ist ja das, was auf neudeutsch als Assessment Center bezeichnet wird. Eine prima Gelegenheit, verschiedene Kandidaten miteinander interagieren und sich so gegenseitig vorführen zu lassen. Dabei haben wir uns eigentlich alle ganz ohne Hilfe anderer Personen nicht von unserer besten Seite gezeigt.

Wir bekamen die Aufgabe, uns vorzustellen, wir träfen uns gerade in einem Café und tauschten uns über die Frage unserer Belastbarkeit und den Umgang mit Krisen aus.

Ein Freund von mir bemerkte dazu mit ironischem Unterton, dass das ja ein total realistisches Szenario sei, weil man ja soo gerne mit völlig Fremden, die man gerade zufällig getroffen hat, über so etwas spricht. Tatsächlich hatten die anderen Teilnehmer auch etwas Schwierigkeiten, sich da hineinzuversetzen.

Einer preschte vor und berichtete von seinen Diagnosen und seiner Motivation für die Bewerbung und wurde dann irgendwann gebremst mit dem Hinweis, dass dies an der Frage vorbei war. Die zweite reihte sich ein, erzählte aus ihrer Anamnese und wurde ebenfalls unterbrochen mit einem Verweis auf die Knappheit der Zeit und der nochmaligen Erinnerung an die ursprüngliche Aufgabenstellung. Bei dieser Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, dass das verständlich sei, weil ein einmal vorgemachtes Muster häufig nachgeahmt wird.

Ich hatte den Eindruck, dass die anderen ein wenig die Moderation vermissten und da die Moderatorin sich für diese Übung des Gesprächs untereinander, welches sie beobachten wollte, bewusst ausgeklinkt hatte, übernahm ich kurzerhand diese Rolle.

Es gelang mir, darüber nicht nur mich selbst ins Gespräch zu bringen, sondern auch eine andere Person einzubeziehen, die sich bislang zurückgehalten hatte. Als ich auch noch der sechsten Person die Würmer aus der Nase ziehen bzw. das Eis brechen wollte, fiel mir meine Verspätung auf die Füsse, da es sich um eine für die Organisation zuständige Kraft handelte. -.-

Auch bei der zweiten Frage bekleckerte ich mich nicht gerade mit Ruhm, da dann mir der Lapsus unterlief, am Thema vorbei zu schwafeln.

Ich hätte beantworten sollen, ob ich dazu bereit bin, dieses Risiko einzugehen, weil durch die bevorstehende Ausbildung auch eine gewisse Instabilität auf mich zukommt und auch wieder Themen hochkommen können, die man längst für verarbeitet gehalten hätte (wie Anfang Mai geschehen).

Stattdessen habe ich mich dazu hinreißen lassen, dem einen Bewerber einen Erklärungsansatz dafür zu liefern, dass seine Probleme wie weggeblasen scheinen, sobald er sich unter Druck setzt.

Das ist unheimlich schwer, in einem Gespräch nicht nur mein Gegenüber und mich, sondern auch noch eine zu erledigende Aufgabe im Blick zu behalten. Ich kann nur hoffen, dass nicht von uns erwartet wir, dass wir bereits alles bereits schon vor der Ausbildung zu beherrschen.

Die dritte Bewerberin hat dann gleich eingeräumt, die Bewerbung gar nicht aufrechterhalten zu wollen. Sie hatte nur mal schauen wollen, wie das so ist.

Das ist echt toll, dass man das tun und auch offen zugeben kann, ohne dadurch dann fürs nächste Jahr gleich unten durch zu sein – ganz im Gegenteil, das spricht eher für Reflektiertheit und Authentizität und daher für den Bewerber.

Ich habe nun wieder gemischte Gefühle, weil es durchaus auch so ist, dass auch manche Absagen bekommen. Bislang war ich mir sehr sicher, dass es in meinem Fall daran läge, dass ich auch bereit sein müsste für die Ausbildung. Letztes Jahr war ich definitiv noch nicht dazu bereit. Dieses Jahr wird mein Jahr, das steht für mich fest.

Was nun aber, wenn Frau Sielaff das anders sieht als ich? Dann wird die Welt für mich auch nicht untergehen, weil ich mit meiner Zeit auch etwas anderes anfangen kann, als unbedingt diese Ausbildung zu machen. Trotzdem wäre es gelinde gesagt sehr ärgerlich, weil ich auch entsprechend disponiert habe.

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