Mut zu mehr Lücken

Guten Morgen,

ich habe beschlossen, dass ich noch weniger schaffen darf als bisher.

Es kommt ja, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß, doch keine Sau mit dem Lesen hinterher – abgesehen von Extremjunkies vielleicht, die ausreichend Tages- oder Nachtfreizeit haben.

Nachdem meine treue Leserin Sonja mir so hübsch die Hosen runtergezogen und mich vor den Spiegel gezerrt hat (O-Ton:

Wie immer ein gewollter und gekonnter Mix aus Berichterstattung mit informativen Elementen, aber aus subjektiver Sicht geschildert und über einen eingestreuten kurzen Exkurs in die Vergangenheit wieder zielgerichtet in die Zukunft geschaut.

)

Ganz ehrlich, meine Liebe?

Mein erster quergeschossener Gedankenimpuls dazu war die drängende Frage, wer Dir denn bitte ins Gehirn geschissen hat, mir eine derartige Absicht zu unterstellen. Wenn ich mich nicht entscheiden kann zwischen Hoch- und Tiefstapeln, dann kannst Du doch nicht einfach die Frechheit besitzen, mir ganz ungefragt zu erklären, warum meine Texte so gut beim Publikum ankommen – damit wärst Du nach Anklam Insultings schon die zweite Person, die mir das erklärt.

Nachdem der Schmerz dieser Erkenntnis verklungen war, frage ich mich zögernd: Hat sie vielleicht recht? Verwechsel ich jetzt schon Licht mit Scheffel und nicht mehr nur die Ausrichtung? Bin ich wirklich sooo genial, dass ich mich selbst für verrückt halte, obwohl ich es gar nicht bin? Das mittlerweile vier Jahre alte Dilemma, das ich mittlerweile satt habe.

So nach dem Motto:

  • Wenn der Hahn mich jagt und ich hock mich hin, bin ich ein Flittchen.
  • Lauf ich weg, bin ich feige.
  • Wie ichs mach, mach ichs verkehrt.
  • Ach watt, ich stolper einfach.

Und so mache ich das jetzt auch: Ich mache diesen EX-IN-Spagat und bin mit einem Auge durchgeknallt und mit dem anderen seriös. Halb Künstler, halb Heiler, halb krank = 150% ich. Ein Fuß in der Klapse und einer im Hörsaal vorm hochverehrten Auditorium. Man wird mir Gehör schenken. Man wird mich lesen. Ich komme vielleicht im Fernsehen, quatsche mit Domian und lerne noch mehr Promis kennen – High Society ich komme.

Ich werde endlich die Zeit zum Schreiben – also richtig produktiv schreiben, so mit nachher fertig Buch aufm Buchmarkt und so, ganz echt zum anfassen ein haptisches Buch zum Liebhaben – diese Zeit werde ich nicht nicht einfach so urplötzlich finden, sondern die werde ich mir ganz bewusst nehmen, indem ich meine Zukunft wie ein mündiger Bürger mitgestalte.

Und falls das nix werden sollte mit der Rente, bewerbe ich mich noch fix beim Netto um die Ecke, die suchen nämlich grad Aushilfen. Das gibt eh nur rentenverträgliche 450,- EUR und macht bestimmt Riesenspaß, das mal auszuprobieren. Und selbst wenn ich damit wieder zusammenbreche, dann ist das wieder ein Schritt in Richtung Rente und nebenbei eine prima Gelegenheit, Gleichstellung zu beantragen.

Ich mach das jetzt einfach wieder so wie früher, bevor ich wusste, was ich alles nicht können darf. Hm, nein, ich hatte eine bessere Formulierung dafür:

Sehr vieles in meinem Leben habe ich erreicht, weil ich gar nicht wusste, dass das unmöglich ist.

(Ingo S. Anders, Schriftsteller)

Und jetzt, liebe Sonja, möchte ich Dir die Füße küssen dafür, dass Du mir bewusst gemacht hast, wie mein therapeutisches Schreiben funktioniert. Durch genau diesen Weg vom Jetzt in die Vergangenheit geschwenkt, ein Blick in die Zukunft und zurück ins Hier und Jetzt. Genau so muss eine gut geführte Therapiesitzung verlaufen, um mir Halt bieten zu können.

Genau dieses Muster übernehme ich jetzt in einer Drei-Tage-Woche.

  • Montag: Gestern
  • Mittwoch: Heute
  • Freitag: Morgen

Damit kann ich an einem einzigen Arbeitstag eine Drei-Tage-Woche simulieren. Gut, oder? Ich muss nur meine Ergüsse noch besser aufdröseln und dafür brauche ich einfach eines: Zeit.

Und die Geschichte mit der Botschaft

Zeit hat man nicht. Zeit nimmt man sich.

(Meine bessere Hälfte, aber davor bestimmt auch schon jemand – http://www.gidf.de)

Der Faktor Zeit ist sehr entscheidend lehrt einer, der selbst gar nicht gut schreiben kann -aber er kann es einfach verdammt nochmal gut erklären, wie jemand anders das hinkriegen kann. Namen sind Schall und Rauch, solange man sich nicht für die Außenwelt interessiert, aber im Informatikstudium habe ich gelernt, dass es sehr wichtig ist, Objekte eindeutig bezeichnen zu können, damit sie wiedererkannt werden. Also wenn ich Dir nun eine Lektüreempfehlung machen will, muss ich entweder nach dem haptischen Buch in meinem Regal suchen (da steht der Name drauf!) oder in meinem angeblich kaputten, ganz unbestritten aus dem Takt geratenen, Hirn graben.

Also: Aufstehen, Bücherregal. Ohne meine Ordnung, wo alle Dinge ihren festen Platz haben, wäre ich manchmal echt im Arsch und nicht nur am Arsch.

Dazu: Zeit ist Geld und jeder Gang macht schlank.

Und bitte:

James N. Frey: Wie man einen verdammt guten  Roman schreibt 2.

Kann ich Dir gerne bei Gelegenheit mitbringen, falls Du Interesse hast. Der Vollständigkeit halber auch den ersten, den Du zum Vergleich heranziehen kannst, weil er in Teil 2 beschreibt, was er in Teil 1 falsch gemacht hat.

Das Buch „The Design of everyday Things“ musste ich überhaupt nicht lesen, weil der Autor so nett war im Vorwort der überarbeiteten Auflage reinzuschreiben, was er mit seinem Buch falsch gemacht hatte. Er hatte auf seinen eigenen Ratschlag nicht gehört. Das scheint irgendsoeine Art Betriebsblindheit zu sein, die viele Menschen ergreift, die Supervision benötigen. Da ich irgendwie anders ticke, kann man mich nun für einen seltenen biographischen Unfall (Prof. Peter Kruse über Kreativität) halten oder mich für verrückt halten und als krank etikettieren – mir mittlerweile alles recht, wie gesagt: Ich stolpere.

Nächsten Dienstag gehe ich zur Notfallsprechstunde der medizinischen Fachkraft mit Approbation, der ich derzeit noch vertrauen kann und bitte sie darum, mich wegen emotionaler Instabilität krankzuschreiben bis zu unserem nächsten regulären Termin am 1. September. Egal was sie denkt, egal, was sie auf den Zettel schreibt: Es bringt mich meinem Ziel näher. Entweder hält sie mich für verrückt, dann gehe ich in Rente, oder sie hält mich für gesund, dann bin ich endlich geheilt und auf der sicheren Seite und werde nie wieder weggesperrt.

An diesen Traum klammere ich mich jetzt, um bis Dienstag durchzuhalten.

Meine Krisenbegleitung ist (mal wieder) überfordert und heute morgen um fünf – ich habe ehrlich gesagt simuliert, aber ich musste wirklich ausprobieren, ob man nachts anrufen kann oder nicht – kann man nicht, jedenfalls nicht bei dieser Person und ich weiß ja nie wer dran ist.

Ich werde alles daran setzen, dass es mir gut geht, dass ich weiterhin funktioniere und ich werde mit Behinderung argumentieren. Das ist nicht gelogen und hilft mir dabei, mich durchzusetzen. Ob ich behindert bin oder werde lasse ich mal offen, aber normalerweise will da niemand den Feststellungsbescheid sehen.

Vom Steuerberater mal abgesehen. Aber dem bereite ich nur noch das vor, was ich noch schaffe. Denn ab Dienstag bin ich ja dann krank und muss nicht mehr funktionieren. Und das WE komme ich endlich hier raus und mein Mann ist unter Aufsicht und ich muss mich nicht selbst kümmern. Und das alles ohne Diagnose für ihn – was für ein Glück es doch ist, hinreichend liquide zu sein.

Was die Krankenkasse nicht zahlt, setzen wir von der Steuer ab und fertig. Ich fasse es echt nicht, dass ich jahrelang so verfickt verkrampft war und uunbedingt auf Teufel komm raus alles immer alleine und selbst machen wollte und niemandem zugetraut habe, irgendetwas auch mal ordentlich zu machen. Natürlich würde ich es selbst gründlicher machen und meinen eigenen Vorstellungen dafür näher kommen, wenn ich nur die Zeit hätte, alle die tollen Ideen auch so akribisch umzusetzen, wie ich das gerne würde.

Aber wie gesagt:

Geld ist Zeit. Die anderen haben das falsch verstanden. Nicht Zeit ist Geld, sondern Geld ist Zeit. Mit Geld kann ich mir Zeit kaufen um das zu tun, was ich gerne tun will anstatt dem, was ich zwar auch kann, aber nicht so gerne tun will.

(Ingo S. Anders, Schriftsteller)

Also ich will gerne jetzt mal bissl Gas geben mit meiner Schriftstellerkarriere. 2014 habe ich meiner Ergotherapeutin das versprochen. 2016 habe ich mir selbst das versprochen. Der Unterschied in Sachen intrinsischer Motivation ist gewaltig, wenn ich es für mich selbst tue.

Und vor allem, seit ich eingesehen habe, dass ich ohnehin keine andere Wahl habe als zu schreiben, weil das das ist, was ich tun muss, um halbwegs bei Sinnen zu bleiben, ist auch meine 16jährige Berufsorientierungskrise vorüber.

Meinen Weckruf hatte ich dieses Jahr am Valentinstag.

Es reicht vollauf, wenn diejenigen Bücher schreiben, die man von der Tastatur wegzerren muß, damit sie das Essen nicht vergessen…

(Andreas Eschbach, Schriftsteller)

Andreas Eschbach ist ein megamäßig gottgleich überhöhtes Ideal, wie ein Schriftsteller sein sollte – jetzt bin ich tatsächlich so weit, mich da wieder zu erkennen.

Meine erste Veröffentlichung hatte ich im Alter von zehn Jahren. Kommt bestimmt gut in der Vita.

Schade nur, dass ich in einem dieser beschissen Anfälle von Selbsthass mein Belegexemplar zerstört habe und nun einfach nicht die Zeit finde, mich selbst ins Archiv zu hocken und danach zu suchen. Aber ich bin sicher, es gibt fleißige Rentner_innen, denen nichts lieber wäre als eine gescheite Aufgabe, damit der Tag ein Highlight hat und die sich über ein Buch als Belohnung sicher freuen würden. Irgendwo da draußen sind sie und warten nur darauf, in Aktion treten zu dürfen.

Sobald ich mit meiner Mutter gesprochen habe und noch mal klar habe, welche Zeitung das war, wann das ungefähr war und wo die das Archiv haben und so weiter – dann blogge ich darüber und dann wünsche ich mir einfach vom Universum (Danke Hape!) , dass sich das früher oder später schon regeln wird und bin ganz gespannt darauf was werden wird.

Falls Du mal keine Zeit zum Pilgern hast, Sonja, aber Dir danach wäre: Das hat schonmal einer gemacht. Gibt ein Hörspiel, das ich Dir ausleihen könnte: Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling.

Und jetzt bin ich dann mal weg. Zumindest hier im RL stehe ich die nächste Zeit nicht mehr als Patient zur Verfügung. Ich lasse mich krankschreiben, um Urlaub vom Kranksein zu machen. So.

Ich werde berichten, früher oder später.

Und tschüß!

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