Familie: Mein Onkel

Samstag, 25. Juni 16

Meinen Onkel habe ich im Alter von 16 Jahren im Rahmen der Goldhochzeit meiner Großeltern kennengelernt weil jemand – ich glaube, es war meine Mutter – auf die Idee gekommen ist, uns beide einander gegenüberzusetzen, weil er sich von seiner Familie separiert hatte und daher an der Seite seiner in Trennung lebenden Frau nicht so recht in die Tischordnung passen wollte.

Ein Heidenglück für mich, eine göttliche Fügung, ein Zufall: Die Begegnung tat mir sehr gut. Natürlich kannte er mich auch schon als kleinen Hosenscheisser, aber ich konnte mich daran nicht mehr erinnern. So lernten wir uns ganz neu kennen, ein Halbstarker und ein gestandener Mann, den ich als Mentor akzeptieren konnte, eben gerade weil er sich nicht um diese Rolle bemühte.

Sich selbst bezeichnete er stets als das schwarze Schaf der Familie und ich hielt jedes Mal dagegen, dass er das einzige weiße sei. Nun denn: Ich bin irgendwie unbeabsichtigt in seine Fußstapfen getreten, obwohl ich stets meinem Vater nachgeeifert habe.

Mein Onkel hatte schweres Rheuma (chronische Polyarthritis), einen GdB von 100 und Merkzeichen aG und damals schon mehrere künstliche Gelenke. Dabei war er zu der Zeit noch vergleichsweise fix mit Krücken unterwegs. Am Ende war er auf den Rollstuhl angewiesen.

Wenn ich wegen meiner Knie kühmte, riet er mir von einem Austausch ab, weil künstliche Gelenke nur 10 Jahre halten und dann erneut gewechselt werden müssen. Die körpereigenen Gelenke können regenerieren, das kann das Implantat nicht.

Onkel Martin war Anwalt, spezialisiert auf das Verkehrsrecht, und hat sehr schwer damit gehadert, dass er sich hat kaputtschreiben lassen. Seine Frau hatte ihn dazu gedrängt, sich für erwerbsunfähig erklären zu lassen. Daher durfte er nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt als Rechtsanwalt praktizieren. Rein zeitlich gesehen darf man mWn das Kontingent eines 450,-EUR-Jobs nicht überschreiten, weil man sonst die Rente verliert.

Bei einer schubweise auftretenden Erkrankung kann es sehr unangenehm sein, wenn man sich fit fühlt und dann nicht arbeiten darf, weil man als erwerbsunfähig gilt. Leider stecke ich nicht im Detail, inwieweit sich die Regelungen seither geändert haben, denn die EU-Rente wurde ja von der EM-Rente abgelöst.

Eigentlich kann man ja froh sein, wenn man wieder so weit genesen ist, dass man die Rente nicht mehr braucht. In der Praxis wird das aber sehr hart sein, diesen Zwiespalt hierfür „zu gesund“ und dafür „zu krank“ zu sein, aushalten zu müssen.

Auf dem Papier gibt es nur entweder-oder, ein Schwarz-Weiß, wie bei Computern Nullen und Einsen; man kann nicht ein bisschen krank und ein bisschen gesund sein, so wie man nicht ein bisschen schwanger sein kann und wie es eben nur zwei Geschlechter gibt, Papiergeschlechter.

Natürlich ist seine Behinderung oder/und Erkrankung nicht alles, was Martin ausmachte. Doch die Art und Weise, wie seine Mutter mit meinem Onkel umging, war für mich doch sehr deutliches Indiz dafür, was mir blühte, sollte ich eines Tages lebensbestimmend erkranken oder gar behindert sein. Denn eine Behinderung ist ja schlimmer als eine vorübergehende Krankheit: Behindert ist oder wird man und das geht nicht mehr weg, so wie man es bei einem Schnupfen erwarten könnte.

Für mich als Neffe war mein Onkel die männliche Bezugsperson Nummer eins, da mein Vater sich seiner Vaterrolle schlichtweg entzog. Endlich eine starke Schulter zum Anlehnen und zum Teilen von Problemen, mit denen man(n) seine Mutter nicht belasten möchte. Ein Beispiel, wie man auch an Krücken aufrecht durchs Leben geht, wie man trotz aller gesundheitlicher und damit auch finanzieller Einschränkungen sein Leben selbstbestimmt führen kann.

Obendrein hatte ich in Onkel Martin einen Rechtsbeistand, wie man ihn sich nur wünschen kann. Eine derartige Intensivbetreuung, wie ich sie seinerzeit nach dem Raubüberfall brauchte (lies: Über das Danach), ist idR von Anwälten nicht oder nur gegen enormen Aufpreis erwartbar (pecunia non olet).

Ich merke, dass ich jetzt doch so langsam müde werde. Natürlich wird dieses Rumgetippsel meinem Onkel in keinster Weise gerecht. Um wenigstens Schadenbegrenzung zu betreiben und auch um irgendwie einen Haken unter mein Tagewerk zu setzen, teile ich mit euch einen Brief, den ich ihm nach seinem Tod geschrieben habe und der auch in der Anthologie erscheinen sollte: Nachruf auf Onkel Martin

Guten Morgen euch- bei mir ist es jetzt zwanzig nach zwei in der Nacht – oder wenn ihr das erst am Nachmittag lest, sitze ich gerade im Zug auf dem Weg heim ins Reich Rheinland.

Gute Nacht! (aus meiner zeitlichen Perspektive)


Montag, 27. Juni 16

Ich dachte, irgendetwas müsse ich doch ganz dringend noch ergänzen, vielleicht seinen Kampfgeist unterstreichen. Nun scheint mir ganz egal was ich schreibe, ihn nie voll abbilden zu können. Und wenn es nur daran scheitert, dass wir alle unsere Mitmenschen immer nur partiell wahrnehmen können, weil sie immer nur einen Teil ihrer Selbst offenbaren.

Was soll ich auch sagen als Jungspund über einen alten Haudegen, der mich knapp zwanzig Jahre begleitet hat. Er fehlt mir. Auch wenn der Schmerz nachgelassen hat, auch wenn ich anderen Mentoren begegnet bin und sich die Lücke, die er hinterließ, nach und nach fast ganz geschlossen hat. Er wird mir fehlen bis an den Tag, an dem er auch mich in seinem Rennwagen abholt, so wie er seinen Bruder schon abgeholt hat.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/LpvG5wldVRE

(Die Qualität dieser Raubkopie ist dermaßen grottenschlecht, dass ich mich da nicht über einen Urheberrechtsverstoß beklagen würde, weil durch den massiven Qualitätsverlust und die Fehler in den Lyrics – es ist genau ein Paar Schuhe, nicht einfach ein paar davon – beinahe schon wieder eine eigene Schöpfungshöhe erreicht ist.)

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