Wie soll ich meinen Lebensalltag leidensgerecht gestalten?

Samstag, 25. Juni 16

Die EX-IN-Ausbildung macht genau diesen Spagat: Sie passt zu meiner Ambivanlenz erlaubt mir, sowohl chronisch psychisch krank als auch gesund zu sein. Mit einem Bein auf festem Boden und mit dem anderen in der Klapse oder mit einem Auge betrachtet ein Betroffener und mit dem anderen besehen ein Profi, ein Experte aus Erfahrung und ein in helfendem Beruf Tätiger.

Das ist die Rolle des Heilers, in die es mich bereits zu meiner Zeit in der geschlossenen Psychiatrie hinzog. Eigentlich sogar bereits an dem Tag, an dem ich meinem Berufungscoach gegenüber äußerte, mich gerade für Jesus zu halten bzw. mich zum Messias berufen zu fühlen.

Und was tue ich hier? Ich schreibe mir die Seele frei und predige zugleich von meiner virtuellen Kanzel (siehe auch: Schlagwort Wort zum Sonntag). Und das ganz konfessionslos und ohne weggesperrt zu werden: Endlich sozialverträglich. Welch Wohltat; ich scheine meine Nische, in der ich ich sein darf, gefunden zu haben.

In Japan wird die Schizophrenie oder das Psychotisch-Sein (im deutschen sind die Begriffe nicht synonym, aber mir mangelt es an Japanischkenntnissen) als Störung der sozialen Integrität bezeichnet und das ist die treffendste Beschreibung für einen Psychotiker, der meiner Erfahrung mit dem Tragen seiner Symptome lediglich einen Hinweis auf die Beschädigung des Systems, des sozialen Netzwerks, in das er eingebunden ist, trägt.

[Anm: Inzwischen sind meine drei Stunden fast rum und ich habe jeweils nach einer Stunde Pause gemacht und war in der Küche, um etwas zu essen zu holen. So geht es natürlich auch, ist natürlich nicht gerade von Vorteil, wenn man eigentlich abnehmen möchte. Uneigentlich pausiere ich mit dem Abnehmen weiter, bis ich in Bonn vielleicht einen neuen Anlauf starte.

Ich bin jetzt noch nicht fertig mit Schreiben, mit Runterfahren, mit dem Entleeren des Fasses, welches meine ganzen Eindrücke der letzten Zeit sammelt. Ich werde verlängern und es wird wohl drei Uhr oder später werden, bis ich soweit bin, mich hinzulegen.

Wie soll ich das in einen durch einen Arbeitgeber vorstrukturierten Arbeitsalltag, in dem ich pünktlich auf der Matte stehen muss, integrieren? Meine Arzttermine schlauchen mich doch schon über Gebühr. Ich brauche das Schreiben zum Ausgleich und hatte mir schon die letzten Tage viel zu wenig Zeit dafür genommen.

Inzwischen ist es ruhig genug im Haus, so dass ich die Kopfhörer absetzen kann, die nach drei Stunden schon unangenehm drücken und schwitzig sind.]

Für meine Zukunft male ich mir verschiedene Varianten aus. Plan A ist natürlich die EX-IN-Ausbildung, die ich so gerne machen möchte.

In die Lehre zu gehen und künftige Behandler_innen auszubilden, wäre traumhaft. Weil ich so ungeduldig bin, fange ich einfach schonmal an und habe gestern (bzw. inzwischen vorgestern, am Donnerstag) mit Erik und den Damen von der IV vereinbart, einen Workshop zu gestalten, um das Basiswissen in Sachen trans* zu vermitteln und eine gewisse Gendersensibilität des Teams zu erreichen.

Auch kann ich mir vorstellen, mich als Genesungsbegleiter selbständig zu machen und zB bei ausgedehnten Spaziergängen Gespräche zu führen. Zudem hatte ich angeboten, (zunächst ehrenamtlich) eine offene Genesungsgruppe  als durch mich moderierte Selbsthilfegruppe zu leiten, um jene Menschen aufzufangen, denen bürokratische Hürden im Wege stehen. An Raum dafür mangelt es nicht.

Natürlich feile ich auch weiter an meiner Karriere als Schriftsteller und habe mir vorgenommen, mein Manuskript endlich dem Verlag meines Herzens anzubieten. Wenn der ablehnt, kann ich es ganz nach eigener Fasson fertigstellen und wie ursprünglich angedacht als kindle-eBook rausbringen und auf eigene Faust vermarkten. Mittlerweile traue ich mir das zu.

Zudem will ich mich auch endlich tatsächlich ans Buch-Schreiben setzen. In der letzten Zeit kam ich nichtmal zum Schreiben von Kurzgeschichten. Wie soll das nur werden, wenn ständig anderes wichtiger ist? Es sind ja nicht nur Arztbesuche, es ist auch der Haushalt und natürlich sind es auch meine diversen ehrenamtlichen Projekte, in die ich mich aus lauter Unterforderung und Langeweile verstrickt habe.

Wenn ich mir dann noch vorstelle, einen 450,- EUR-Job zwecks Gelderwerb zu wuppen, dann hauts rein rechnerisch mit dem Schlafen wieder nicht hin. Und dann sind die bisherigen Ehrenämter schon alle gestrichen.

Da muss eine Lösung her. Noch habe ich gut zwei Monate Zeit, um alles in die Wege zu leiten. Zwei Monate, in denen ich eigentlich ganz bewusst eine Auszeit nehmen und mich mal um nichts kümmern, nichts planen müssen wollte. Vielleicht reicht auch das, was ich bisher initiiert habe und was ich in den nächsten Tagen noch bewegen kann.

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