Schriftsteller sein reicht mir; ich muss kein Buch schreiben

17. Juli 2016

Der Traum vom eigenen Buch ist in meinem Falle der davon, eines geschrieben und veröffentlicht zu haben. Weil das zum Schriftsteller-Dasein dazuzugehören scheint, weil alle Welt es von mir erwartet, wenn ich mich als Schriftsteller bezeichne. Bloggen reicht nicht; wer nur bloggt ist ein Blogger und kein Schriftsteller. Schriftsteller schreiben Bücher. Und treten bei Lesungen auf und vielleicht auch mal im Fernsehen.

Es ist der Traum vom Berühmtsein unter Pseudonym – ein bisschen wie ein Rockstar, allerdings unverbindlich: ohne auf der Straße erkannt zu werden und ohne Horden von Fans unter dem Hotelfenster. Autogramme geben ja, aber nur zu den angekündigten Zeiten.

Es ist der Traum vom großen Schulterklopfen, die Sehnsucht nach der Anerkennung meiner Leistung, die ich mir selbst so oft verweigere. Es ist der Traum von der Freiheit, nicht gebunden zu sein an feste Arbeits- und Schlafenszeiten; der Luxus, die Strukturlosigkeit zur Struktur zu erklären.

Bank unter der Rampe

Arbeitsplatz an der frischen Luft

Und so habe ich während eines Spaziergangs auf dieser oben abgelichteten Bank vor einem Regenschauer Schutz gesucht, mein Notizbuch ausgepackt und ein Anschreiben zu einem Exposé verfasst. Und dabei habe ich mich schon fast ein bisschen wie ein Promi gefühlt, als eine Passantin mich im Vorbeigehen anlächelte.

Nur um das gesamte Vorhaben der Veröffentlichung gesammelter Kurzgeschichten und anderer Texte dann bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder gedanklich in die Tonne zu treten.

Weil mein Manuskript ja nichts taugt und der Markt darauf nicht gerade gewartet hat und überhaupt und weil es doch eine Frechheit ist, dafür noch Geld verlangen zu w0llen. Weil es doch gar keine Mühe gemacht hat. Arbeit muss doch Mühe machen.

Ich lese gerade Meine Zeit der Trauer von der Romanschriftstellerin Joyce Carol Oates. Ich kenne keinen einzigen Roman von ihr, aber ich frage mich, ob diese berührender sein können als dieses Buch, mit dem sie die Trauer um ihren Ehemann verarbeitet hat und das fast ausschließlich aus Reflektionen besteht. Ihn kannte ich auch nicht, aber ich heule alle paar Seiten wie ein Schlosshund. Dieses Buch ist kein Roman und doch bin ich dankbar, es auf dem Grabbeltisch mit den Mängelexemplaren gefunden zu haben.

Trotzdem würde ich gerne, auch wenn ich es mE nicht zwingend muss, um Schriftsteller zu sein, einen Roman schreiben. Einerseits, um einen geschrieben zu haben und andererseits, weil es auch eine Frage meiner Identität ist. Arbeit ist, so habe ich kürzlich gelesen, ein bedeutender Bestandteil der Identität.

Immerhin ist unsere Arbeit das, was wir den lieben langen Tag machen und worum die meisten unserer Gedanken kreisen. Und da rockt „Hausmann“ einfach nicht so sehr wie „Schriftsteller“. Auch wenn ich da sehr viel produktiver bin, wird das regelmäßig überhört, wenn ich die Frage nach meinem Beruf mit „Hausmann und Schriftsteller“ beantworte. Allerdings ist „Hausmann“ immer noch besser als „Patient“.

Es ist etwas anderes, nur ein paar Kurzgeschichten zustande gebracht und mal hier in der Zeitung platziert zu haben und da einen Wettbewerb gewonnen zu haben oder einen ganzen Roman fertiggestellt und bei einem Verlag untergebracht zu haben. Da liegen gefühlt Welten dazwischen. Dabei ist nüchtern betrachtet ein Roman nichts anderes als mehrere aneinandergereihte Kurzgeschichten, die jeweils die vorhergehende fortsetzen.

Wenn ich überschlage, wie viel ich seit März gebloggt habe, dann müsste das zusammengenommen auch hübsch was ergeben. Aber es ist eben ein anderes Schreiben, wenn ich blogge. Das ist wie Malen, bei dem ich mich ganz auf den Prozess einlasse, und staune, dass mir sogar gefällt, was hinterher herausgekommen ist. Oder wie Tanzen, wenn ich mich von der Musik oder vom Partner führen lasse. Einfach nur genießen dürfen und nicht drüber nachdenken müssen.

Führe ich selbst, muss ich mein Gegenüber sowie andere Tanzpaare im Blick behalten, mich passend zur Musik bewegen und dabei auf die mir bekannten Ausdrucksformen zurückgreifen. Das ist eine ganz andere Herausforderung, so wie eben das Schreiben einer Geschichte, die eine bestimmte Aussage haben soll, ein zielgerichtetes Handeln erfordert. Das fällt mir schwer, aber ich kann es.

Zu Motivationszwecken habe ich mir einen neuen Ordner gekauft. Wenn ich mir vorstelle, die zehn darin abgehefteten Schreibblöcke alle mit der Hand vollgekritzelt zu haben, dann werde ich das hoffentlich nicht einfach so wegschmeißen, sondern wirklich ernsthaft daran weiterarbeiten. Selbst wenn ich davon nur ein Drittel verwenden kann, sollte es noch reichen.

Motivordner

Motivationsordner

Der Vorteil, den Entwurf mit der Hand auf Papier zu schreiben, liegt darin, dass ich nicht gleich ganze Passagen einfach lösche wie am Bildschirm. Der innere Kritiker hat Sendepause. Zudem verlangsamt sich der Gedankenfluss dadurch, dass ich mit der Hand nicht so schnell schreiben kann wie ich tippen kann. Komme ich mit dem Tippen nicht mehr hinterher, sind meine Gedanken ohnehin zu sehr ungerichtet und nicht hinreichend produktiv. Übrigens sind auch andere Areale des Gehirns aktiv, wenn man mit der Hand schreibt.

Ich träume schon wieder mein Leben bzw. davon, wie es werden könnte, aber ich glaube, das Arbeiten als Schriftsteller ist der einzige Weg, auf dem ich sowohl meinen Traum leben als auch mein Leben träumen kann. Durch meine Figuren kann ich ja alle möglichen und unmöglichen Phantasien ausleben, auch über verschiedene Berufstätigkeiten.

Angefangen vom Müllmann, der ich nicht werden durfte, über den Maler und Lackierer bis hin zum Informatiker oder Psychologen. Ich kann nun gedanklich doch noch meine Kochlehre abschließen oder auch ein ganz anderes Leben führen, auf den Strich gehen oder Ballettstar werden – solange ich mich dabei auf Phantasiefiguren beziehe ist das alles realistisch.

Und natürlich kann ich auch darüber schreiben, Schriftsteller zu sein. ;)

 

  1. Jetzt möchte ich dir am liebsten einen längeren Vortrag darüber halten, wie du am besten mit diesen Zweifeln umgehen kannst. Aber ich versuche, mich kurz zu fassen: hau sie in die Tonne des Diogenes. Dort können sie ein gemütliches Dasein führen und lassen dich vielleicht in Ruhe arbeiten.

    Vielleicht sehe ich dich nicht als Romancier, aber ist nicht gerade das die Freiheit, von der Schriftsteller profiteren? Dass sie nicht nur wo und wann sie wollen schreiben können, sondern auch worüber.

    Du bist alles andere als nur ein Blogger! ich würde dir an dieser Stelle gerne den Kopf waschen. Aber bin ich Friseur? Nein! Aber ich fühlte mich ähnlich und berufe mich daher auf deine eigenen Worte:
    „(…) aber ich glaube, das Arbeiten als Schriftsteller ist der einzige Weg, auf dem ich sowohl meinen Traum leben als auch mein Leben träumen kann.“
    Also wach einfach auf und folge konsequent dieser Stimme, weil du sonst was verpasst im Leben.
    ich lese dich immer wieder gern. Und ich bin zwar was Besonderes, aber weiß Gott nicht als einzige.
    Es gibt viele wie mich, die es zu schätzen wissen, wenn jemand schreiben kann und Humor und Tiefgang hat.
    Fange am besten gleich und so oft wie möglich damit an, dich in deine Hauptrolle hineinzuversetzen, um zu manifestieren, was dein heiliger Geist dir eingibt. Weil du im Prinzip schon bist, was du werden willst, nur noch nicht hochoffiziell.

    Ich kenne die Fragestellung: Wieviel Zeugen braucht es, wieviel Ermutigung, wieviel Bestätigung, bis ich wahr werden kann? Trotzdem musste ICH den Anfang und mich selber auf den Weg machen.
    Ich glaube, dass fester Glaube + Engagement Berge versetzen kann. Aber landschaftlich finde ich das meiste in Ordnung, kann von mir aus so bleiben.
    Im Buchhandel hätte ich allerdings gerne viel mehr von unserer Sorte! Also lass uns alles auf den Kopf und die Beine stellen, damit unsere Welt noch lebens- und die der anderen lesenwerter wird.

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