Peers: Experten aus Erfahrung

Wenn Du heute aufgibst, wirst Du niemals erfahren, ob Du es morgen geschafft hättest.

(Im Netz aufgeschnappt)

27. Juli 2016

Seit drei Jahren interessiere ich mich für die Ausbildung zum Genesungsbegleiter, genauer die EX-IN-Ausbildung am UKE in Hamburg, um wieder ins Erwerbsleben einzusteigen.

2014 habe ich mich passiv verhalten und nur ab und an auf der Homepage nachgesehen, ob diese aktualisiert werden würde, weil dort nur der Bewerbungsschluss 30.04.2013 angegeben war. Es tat sich nichts; ich tat nichts.

2015 wurde ich aktiv, reichte meine Bewerbung ein und wurde sogar zum Gespräch eingeladen. Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass es an mir liegen würde, ob ich die Ausbildung denn auch machen wolle. Aufgrund etlicher Zweifel und auch meiner Unfähigkeit, eine mich selbst überzeugende Absichtserklärung zu verfassen, zog ich meine Bewerbung zurück. Ein halbes Jahr später hätte ich mich in den Hintern beißen können, weil ich gekniffen hatte. Dennoch hat mir dieses Jahr sehr gut getan.

2016 habe ich mich erneut beworben und war sogar zu spät zum Vorstellungsgespräch. Aber ich war da und sogar rasiert. Zu meinem eigenen Erstaunen war ich gar nicht dermaßen aufgeregt, dass ich in der Nacht davor nicht hätte schlafen können. Auch angesichts meiner Verspätung konnte ich gelassen bleiben.

Inzwischen habe ich die Zusage erhalten und meinerseits auch zugesagt. Es ist also wirklich wahr und ich habe etwas erreicht, zu dem mir schon gratuliert wurde. Mich selbst auch für mich zu freuen wage ich immer noch nicht.

Um mich auf das kommende Jahr einzustimmen, habe ich Vom Erfahrenen zum Experten gelesen, eine Gemeinschaftsarbeit von Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff und Thomas Bock (Hg.). Es erklärt zunächst, worum es sich bei Peerarbeit überhaupt handelt, beschreibt, wie die Ausbildung zum Genesungsbegleiter konzipiert ist, wie sie entstanden ist und wohin dies führen könnte. Der Untertitel lautet treffenderweise: Wie Peers die Psychiatrie verändern.

Besonders aufschlussreich fand ich die Erläuterung, dass Peerberater, deren Lebenswelt sich zu sehr von denen anderer Peers unterscheidet, gar nicht als Peers angenommen werden. Zitat:

Beispielsweise wurden Peers, die in langjährigen stabilen Partnerschaften lebten oder finanziell gut abgesichert waren, von Teilnehmenden in Wohnheimen als fremd und damit nur bedingt als Mutmacher erlebt. Im Gegenteil kann sogar die Haltung entstehen: „Ja, manche können es schaffen, solche wie ihr, aber für uns ist das unerreichbar.“

Das ist mir leider auch schon einige Male passiert, dass Menschen mich als Einzelfall wahrnahmen und mir zwar auf die Schulter klopften, für sich selbst aber ähnliche Erfolge kategorisch ausschlossen. Ich finde das jedes Mal jammerschade, bin dann aber offenbar nicht der geeignete Ansprechpartner.

Es beruhigt mich alleine schon zu wissen, dass ich nicht der einzige bin, dem das passiert. Weiterhin begreife ich es jetzt nicht mehr als mein persönliches Versagen.

Weiter heißt es:

Peers können durch ein solches Feedback in die schwierige Situation geraten, dass sie ihre eigene Entwicklung zu verheimlichen suchen, vergangene Krisen besonders betonen oder aktuelle Schwierigkeiten sogar „erfinden“.

Einige Male habe ich mich schon dafür geschämt, dass es mir vergleichsweise gut ging. Es kann sein, dass ich dadurch auch mal den Fokus aufs das Positive verloren habe.

Ich bin sehr gespannt, wie nun mein weiterer Entwicklungsweg sein wird und freue mich auf die kommende Zeit und den Austausch mit meinen künftigen Kolleg_innen.

Um mich auch für eine spätere Tätigkeit bei einem psychosozialen Träger gerüstet zu fühlen, lese ich zur Zeit Mit Peers arbeiten von Jörg Utschakowski, das sich als Leitfaden für die Beschäftigung von Experten aus Erfahrung eigentlich an Arbeitgeber richtet, aber die Rolle der Genesungsbegleiter sehr klar definiert, was für mich persönlich immer sehr wichtig ist.

Viele Arbeitgeber oder Vorgesetzte schaffen es leider nicht, Arbeitsplätze präzise zu beschreiben und klar von denen anderer Mitarbeiter abzugrenzen. Dadurch entstehen Über- oder Unterforderung, was psychische Erkrankungen forciert. Daher finde ich es prima, dass es in diesem Fall ein Buch gibt, in dem ich das nachlesen und auf das ich bei etwaigen Differenzen verweisen kann.

Es gibt übrigens auch eine Festschrift zum zehnjährigen Jubiläum: pdf-Download

 

  1. Herzlichen Glückwunsch zum Ausbildungsplatz! Ich freue mich sehr für dich, dass es jetzt endlich losgeht mit der EX-IN-Ausbildung. Ich kann mir dich, zumindest so wie ich dich hier beim Lesen des Blogs erlebe, sehr gut in einem solchen Arbeitskontext vorstellen. Dass von Peers im Allgemeinen und von dir im Besonderen viele Veränderungsimpulse kommen werden, glaube ich gerne und warte gespannt auf das, was da noch kommen mag :)

    Gefällt 2 Personen

  2. Herzlichen Glückwunsch zum Platz für die Ausbildung! Das ist ein großer Schritt und ich bin sicher du wirst ihn gut meistern können. Bei uns wird im November eine Infoveranstaltung dazu abgehalten, zu der ich gehen werde. Ich wünsche mir, dass dieses Konzept es endlich auch in meinen Gefilden schafft durchzusetzen.
    Annie

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: