Und die Moral von der Geschicht

Liebe Leute,

ich bin stolz darauf, mit Fug und Recht behaupten zu können, dass ich einen Weg gefunden habe, eine Psychose ohne Medikation auszusitzen.

Leider kann ich, so leid mir das tut, das nicht beweisen. Es ist eure Entscheidung, ob ihr mir das glauben möchtet oder nicht.
Meine Zeugen – also diejenigen, die mich durch meine Krise begleitet haben, bezahlte und unbezahlte Helfer, Freunde und Fremde – niemand von denen hat das überprüft, ob ich nicht doch gefudelt und eine Tablette genommen habe. Meine Tablette, die mir der Arzt im Krankenhaus für den Bedarfsfall mitgegeben hat und die ich als Beweisstück sichergestellt habe, kann ich im Augenblick nicht finden. Zuvor habe ich schon das Rezept meiner Ärztin verloren, auf das sie eine andere Diagnose geschrieben hatte als die, die mir vor knapp vier Jahren in Verbindung mit der Aussage „unheilbar krank“ gegeben wurde. Das einzige, was mir geblieben ist, ist eine Taxiquittung und damit ein Taxifahrer, der notfalls bestätigen könnte, dass ich auf ihn „ganz normal“ gewirkt habe. Dasselbe, nämlich dass er „ganz normal“ auf sie gewirkt habe, hat auch meine Nachbarin über meinen Ehemann gesagt. So hatten wir weiterhin das Problem, dass wir uns nicht einigen konnten. Dann habe ich überlegt, was denn für alle Fälle das Beste wäre, so dass es auf jeden Fall ein Happy End gibt. Da bin ich darauf gekommen, dass die Ärztin das entscheiden soll und habe mit meiner Ärztin vereinbart, dass ich möchte, dass er untersucht wird. Sie hat jedoch darauf bestanden, dass wir dann beide zu einem gemeinsamen Gespräch erscheinen sollten. Das ist ja auch sinnvoll, wenn man davon ausgeht, dass das eigentlich Kranke die Art und Weise des gemeinsamen Umgangs miteinander (systemischer Blick) ist.

Nur habe ich nicht verstanden, warum er dann etwas tat, das ich an der Stelle eines besorgen Angehörigen für unklug gehalten hätte. Anstatt sich über soviel Krankheitseinsicht zu freuen, weigerte er sich, zum Arzt zu gehen oder sich anderweitig helfen zu lassen. So begann eine wilde Verfolgungsjagd mit gegenseitigen Beschuldigungen und nächtlicher Flucht durch die Stadt. Zwischenzeitlich war ich nicht mehr sicher, ob ich der Angehörige eines missbrauchten kleinen Kindes, dass ich beschützen muss, war oder auf der Flucht vor Hilfswütigen Verrückten oder doch ich selbst, der durchaus kompromissbereit ist nur leider irgendwie Schwierigkeiten hat, sich verständlich zu machen.

Ich hätte, wenn ich ein solches Angebot bekomme, denjenigen, den ich für verrückt halte, mit einem Lächeln zum Arzt gebracht und schon wäre der Spuk vorbei gewesen.
Und ich hätte, wenn mich jemand um Hilfe anfleht und es meine Aufgabe als Genesungsbegleiter ist, einer Person zu helfen, ich hätte gerne das entgegengebrachte Vertrauen honoriert und mit einem Lächeln eben das Portemonnaie geholt, damit derjenige seine Würde behält, alleine zum Arzt fahren kann und ich hätte mich dann ins Auto gesetzt und wäre hinterhergefahren anstatt darüber zu diskutieren, wer noch ganz bei Trost ist.

Und als auch noch mein Angebot, ein Psychoseversteherspiel zu entwickeln, weil offensichtlich immer noch nicht verstanden worden war, dass ich mir als Spieler meinen Stuhl selbst aussuche, aber eben etwas Hilfe dabei brauche, in meiner Rolle zu bleiben und keine Fehler zu machen, damit wir gemeinsam das Spiel zu entwickeln – als dieses Angebot abgelehnt wurde, da war es dann ganz vorbei mit meiner Hoffnung auf ein Happy End.
Da habe ich dann meinen Abschiedsbrief abgegeben, in dem ich aufgeschrieben hatte, was ich tun würde, wenn es diesmal wieder nach hinten losgeht. Mit einem Ampelcode ist das sehr viel einfacher, Grenzen zu markieren, aber wenn ich gar nicht erst dazu komme, das vorzuschlagen und der Vorschlag von der Gegenseite auch nicht kommt, ist das unheimlich nervenaufreibend.

Im Ergebnis haben wir dann vereinbart, dass ich ausziehen muss, um meine Ehe zu retten. Ich brauche einfach einen Rückzugsraum, in dem meine eigenen Regeln gelten und in dem meine Ordnung herrscht, an der ich mich orientieren kann, und in der es mir leichter fällt, Dinge wiederzufinden, weil sie an ihrem Platz bleiben, da sie keiner woanders hinlegen kann. Und es gibt auch keine Verhandlungen über gemeinsam genutzte Räume.

Das hätte ich sehr viel früher erreichen können, wenn man mir denn einmal die Chance gelassen hätte, anstatt darüber zu debattieren, was man denn für klug hielte oder wer denn der Verrückte ist. Dennoch hat die Geschichte einen für alle zufriedenstellenden Ausgang genommen.
Und plötzlich kommen wir wieder in der gemeinsamen Wohnung zurecht. Aber das wird nicht lange dauern, bis das nicht mehr gelingt. Deshalb werde ich vorsichtshalber mit Freunden bzw. Familie vereinbaren, dass ich da unterkommen kann.

Was ich auf jeden Fall nun gelernt habe, ist, dass sich niemand darüber beschwert, wenn man noch einmal verdeutlicht, wer welche Rolle inne hat. Solange ich weiß, wer ich bin und was der Polizist prüfen kann, kann mich keiner einsperren. Und wenn man einfach darum bittet, dass man einen Augenblick braucht, um zu überlegen, dann haben die auch Verständnis.
Hätte ich also damals das Angebot, mit zur Wache zu fahren, abgelehnt, dann hätte ich diese Diagnose vielleicht nicht bekommen.
Aber eines ist sicher: Weniger Angst vor Ärzten hätte ich dadurch heute sicher nicht.

Wichtig ist mir aber auch gar nicht unbedingt das, was hinter mir liegt. Wichtig ist mir, dass es ein Morgen gibt. Und das habe ich selbst in der Hand.
Dadurch, dass ich einmal da durch gegangen bin, konnte ich mir selbst beweisen, dass ich es schaffen kann ohne Medis. Denn ich bin der einzige, vor dem ich niemals davonlaufen kann. Mit Ärzten habe ich gelernt, einen Umgang zu finden: Einfach fragen, was sie denn glauben, was mir helfen könnte und dann entweder mitspielen oder aus dem Spiel aussteigen.
Das ist denen am Ende egal, so hat es mir auch meine Ärztin gegenüber versichert. Sie kontrollieren das nicht, ob ich die Medis genommen habe oder nicht. Genauso prüfen sie auch nicht, ob ich geschlafen habe oder nicht. So ganz eng, wie ich das bisher angenommen hatte, brauche ich also gar nicht bei der Wahrheit zu bleiben.
Insofern sind also alle Gedanken frei, die ich nicht aufschreibe. Und auch mit den geschriebenen Gedanken, habe ich einen gewissen Interpretationsspielraum. Es ist bei einer gut gepflegten Beziehung nie ein Problem, hinterher nochmal darüber zu reden und Missverständnisse aufzuklären.
Deswegen ist das gar nicht schlimm, wenn ihr in der letzten Zeit häufiger nicht ganz so sicher wart, was wie gemeint war. Das hatte ich durchaus so beabsichtigt, damit ich mich hinterher besser rausreden kann – egal, welcher Film nun die Realität wäre – und ich noch eine weitere Möglichkeit finden kann, um zu einem Happy End zu gelangen.

Entschuldige ich mich also überflüssigerweise, wissen meine Freunde, dass ich in der Zwickmühle stecke und ein wenig Begleitung nicht schaden kann. Kein Grund zur Beunruhigung. Auch Menschen, die nicht viel Erfahrung in der Krisenbegleitung haben, sind da geeignet, entsprechende Rückmeldungen zu machen, dass sie da gerade nicht so richtig zuordnen können, wofür ich mich entschuldigt habe. Das fand aber auch noch nie jemand schlimm, wenn ich mich dann nochmal entschuldigt habe und einfach gesagt habe, dass ich da was verwechselt habe. Das kennt ja jeder aus eigener Erfahrung.

Aber Psychotiker, die klar bei Verstand sind und deshalb um Hilfe bitten, das ist wohl ein Widerspruch den man nur durch unheimlich viel Geduld oder eben Zwangsverlangsamung erreichen kann. Dabei ist das gar nicht notwendig, wenn sich alle Beteiligten gleich viel Mühe geben, sich entschleunigt zu unterhalten. Aber auch das war ein Angebot, dass ich schon sehr viel früher gemacht hatte.

Bockige Schülerinnen sind was Nettes für erotische Phantasien, aber nicht, wenn sie darauf beharren, ein Soziales Kompetenztraining leiten zu wollen.Da komme ich dann durcheinander, weil ich soviel Dummheit einfach nicht begreifen kann. Wer nicht weiß, dass sein Wissen begrenzt ist, macht sich zur damit zur Zielscheibe und ich bin dann wieder so lieb und sage: Nein, nein, Finger weg von den Filmrollen, das ist mein Kino. Ich zeige Dir mal, einen hübschen Film und welche Rolle du spielst und dann sind wir vielleicht Freunde geworden und können nochmal darüber reden. Und wenn nicht, fliegst Du aus dem Kinosaal, damit ich Dir nicht weh tun muss.

Und beim nächsten Mal bin ich der erste, der gewalttätig wird. Dann wird jeder Hilfswütige zwangstherapiert. So einfach ist das. Kurzen Prozess machen die ja auch. Jetzt verstehe ich auch die Logik dahinter, Fragen erst hinterher zu beantworten. Ineffektiv finde ich es dennoch.

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