Scham-Rolle à la Geschlossene

Überrollt von der Scham nach der Manie mache ich mir Gedanken über die Rolle der Scham und schäme mich meiner wieder frisch angefutterten Speckrollen. Superduper Wortspiel und das trotz Tablettenkonsum – oder gerade deshalb wieder möglich?

Nachdem ich bereits im September zwei Wochen mit Beschluss in Hamburg in der Klinik verbracht hatte, blieb mir noch weniger Zeit, um mein Leben in Hamburg wieder zu ordnen. Mein neues tolles Leben, in dem ich endlich wieder erwerbstätig oder zumindest erkennbar auf dem Weg dahin bin. Das Leben, in dem ich Genesungsbegleiter werde.

Da sich das Ding mit der Ehekrise mehr und mehr zuspitzte, beantragte ich gleich zum allerersten Mal in meinem Leben ALG 2 und rockte gleich nebenher die beiden Rentenanträge, mit denen ich mich so lange so schwer getan hatte. So könnte man es verkürzt sagen, was aber auch gelogen wäre. Tatsächlich setzte mich der persönlich-erscheinen-um-ausgefüllten-Antrag-abzugeben meines Arbeitsvermittlers beim Jobcenter gleich dermaßen unter Druck, dass ich erneut die Nerven verlor und Hals über Kopf einen Tag früher als vereinbart ins Rheinland fuhr.Da ich in Köln umsteigen musste…

Ich bin seit dem 6. September wieder geschlossen untergebracht und der Beschluss läuft dieses Mal bis zum 18. Oktober. Im Augenblick sitze ich bei meiner Mutter, weil ich in ihrer Begleitung rausdarf. Vielleicht werde ich am Dienstag entlassen. Ich hoffe es sehr, weil ich dann am dritten EX-IN-Modul teilnehmen könnte, nachdem ich das zweite krankheitshalber versäumt habe. Am ersten hätte ich streng genommen gar nicht teilnehmen dürfen, so haarscharf an der Grenze war ich.

Offiziell bin ich jetzt erstmal bis auf Weiteres krank und wenn meine Mutter mir nicht geholfen hätte, die Anträge auszufüllen, hätte ich das wohl nicht so schnell geschafft.

Meine ehemalige Vorgesetzte – bei der ich aus lauter Verzweiflung noch einmal um einen Job betteln wollte, weil mir das leichter fiel als diese Anträge auszufüllen – hat mir geschrieben, dass persönliche Gegenstände von mir bei ihr abgegeben wurden, die ich jederzeit abholen kommen könne. Was ist nun peinlicher? Da hingehen und zugeben, dass das alles wirklich passiert ist oder weiterhin so tun als wäre nichts gewesen?

Warum schäme ich mich immer dann, wenn ich in einer Klinik war? Eine Zwangsunterbringung ist jedes Mal ein „Du konntest Dich nicht benehmen, deshalb müssen wir Dich wegsperren“ für mich. Dabei kann ich, wenn es mir richtig scheiße geht, gar keine Klinik aufsuchen, weil ich die Zustände in einer Klinik nicht ertragen kann, wenn ich nicht noch Ressourcen habe.

Jedes Zwangsmedizieren reißt mich aus dem „feuchten Traum“, der die Manie/Psychose für mich ist. Es verhindert das Integrieren des Erlebten, so als wenn man mitten im Film aus dem Kino geworfen wird und dann nur noch abwarten kann, bis die anderen aus dem Saal kommen und man sich dann anhand der Aussagen der anderen Zuschauer das Filmende zusammenreimen kann. In diesem Bild bin ich allerdings kein Zuschauer gewesen, sondern die Hauptrolle auf der Leinwand.

So kann ich jetzt also nur hinnehmen, was geschehen ist, habe wieder medikamenteninduzierte Erinnerungslücken und muss mich mit monatelange Arbeit irgendwie wieder zusammenpuzzlen.

Wenn ich nicht das große Glück gehabt hätte, an einem Wochenende in der Krisenpension aus einer „Psychose“ selbst landen zu dürfen, ohne die mitgenommene Notfallmedikation zu nutzen, wäre ich jetzt wohl vollkommen überzeugt, dass ich geisteskrank sei und unheilbar krank. Stattdessen bin ich jetzt sicher, dass ich mich alleine um mich besser kümmern kann, als wenn Fremde sich das von Berufs wegen anmaßen und mir meine Eigenverantwortung entreißen.

Ja, die Tabletten sind toll, wenn man wirklich die Notbremse ziehen muss. Aber das möchte ich selbst entscheiden dürfen. Ich will selbst entscheiden, wann ich mich kompromittiere und wann nicht. Als Künstler kann ich mich gar nicht verrückt genug aufführen, wenn ich berühmt werden will.

Eins noch, weil ich das sehr interessant finde in dem Zusammenhang: Auf der Fahrt im RTW durfte ich auf dem Stuhl sitzen und mich anschnallen wie in einem Auto üblich. Ich war nicht fixiert und alle sind freundlich mit mir umgegangen. Erst in der Aufnahme ist das eskaliert, weil man mit mir rumdiskutieren wollte anstatt mir einfach ein Bett anzubieten. Im Wartezimmer – ich hasse warten! – habe ich wohl Zeitungen auf den Boden geworfen. Das hat offenbar ausgereicht, die spätere Fixierung zu rechtfertigen. Erinnern kann ich mich nicht; das ist eine Folge der Zwangsmedizierung. Ich weiß nur, dass der Ort, an den ich gebracht wurde (dieselbe geschlossene Station wie vor vier Jahren) mich über die Maßen getriggert hat.

Nun weiß ich nicht, wer sich eigentlich für sein Verhalten zu schämen hat. Wirklich ich?

Sobald ich wieder zu Hause bin, kann ich wieder auf meine Ernährung achten. Die Krankenhauskost zu verweigern erschien mir zu riskant, um nicht auch noch eine Ess-Störung angedichtet zu bekommen. Jedenfalls kann ich mich derzeit nicht beklagen, zu wenig Kohlenhydrate erhalten zu haben.

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