Krankheitseinsicht gewinnen

Was habe ich von meiner Krankheitseinsicht, wenn ich trotz Tabletten nicht schlafen kann? Seufz. Ich weiß, dass es sich bei meinem neu aufflammendem Tatendrang um Symptome einer Krankheit handelt, denen anders begegnet werden muss, als mich einfach ins frohe Schaffen zu stürzen und die Nächte durchzumachen. Dabei ist es so verlockend. Ich könnte ja sooo viel leisten.

Stattdessen trete ich jetzt auf die Bremse. Für Freitag habe ich mich krank gemeldet, damit ich endlich ausschlafen kann. Leider muss ich heute noch zum Arzt, weil ich auf meine Spritze angewiesen bin. Und ein Gespräch mit meinem Genesungsbegleiter habe ich auch noch, der Behandlungsplan steht an. Letzteres könnte ich sausen lassen, aber Chaos in meinen Hormonhaushalt zu bringen hilft mir im Augenblick keinesfalls und eine Verschiebung der Spritze – hmm, naja – ließe sich eigentlich notfalls mit Testogel überbrücken, das ich noch im Kühlschrank habe.

Ich kann eben sooo viel leisten nicht. Das ist die bittere Wahrheit. Das muss ich immer einplanen. Ausreichend Schlafen ist einfach mein Schlüssel zur Genesung. Schlafe ich zu viel, werde ich depressiv. Schlafe ich zu wenig, werde ich manisch. Durch die manische Energie und das verringerte Schlafbedürfnis katapultiere ich mich ruck-zuck in die nächste Psychose, wenn ich dem nachgebe. Neu entdeckt habe ich jetzt, dass ich auch aus der Depression herausswitche, wenn ich vor lauter depressiven Gedanken oder Erinnerungen an Traumata nicht mehr schlafen kann. Dann vertagt sich das Problem auf später.

Wie kam ich also auf den Trichter, wie krank ich wirklich bin? Durch meine Tagebücher, anhand derer ich meinen Verlauf beobachtet habe (Siehe: Mein Genesungsblog), zeitweise habe ich auch ein Stimmungstagebuch geführt, was sehr aufschlussreich war hinsichtlich der Erkenntnis, was mir in welchem Zustand hilft. Und durch den Austausch mit anderen Betroffenen, anderen Verläufen. Ein Beispiel, wie hart es einen wirklich treffen kann liefert Thomas Melle mit Die Welt im Rücken.

Den Aha-Effekt hat meine Manie im letzten Jahr (natürlich erst im Rückblick) gebracht. Ich bin wirklich an Grenzen gekommen, die ich nie hatte überschreiten wollen. Einem Bettler habe ich 1000 Euro in bar geschenkt, einfach so, weil ich sie gerade dabei hatte. Das mag manchem viel Geld erscheinen, aber ich kann darüber nur lachen. Nicht weil ich Millionär wäre, sondern weil ich weiß, was noch alles hätte passieren können. Zum Glück hatte mein Ehemann meine ec-Karte sperren lassen.

In der Manie wird jede Idee, jeder Gedanke zur Tat, schreibt Melle. Die meisten Ideen, die man so den Tag über hat, werden ja meistens gleich wieder verworfen. Dieses Verwerfen unterbleibt und dazu kommt, dass man ständig neue Assoziationsketten bildet, denen man dann unwillkürlich folgt. Ich habe vielleicht Harndrang und mache mich auf den Weg zur Toilette, unterwegs fällt mein Blick dann auf mein Memoboard und da steht was von fegen, ich fange an zu fegen, dabei steht mir der Wäscheständer im Weg herum, ich hänge die Wäsche ab und als ich die Handtücher ins Bad bringe, komme ich am Klo vorbei und dann fällt mir mein Harndrang wieder ein. Das wäre ein Beispiel mit einem Happy End.

Ich habe wohl Glück damit, dass es bei mir recht fix geht, dass aus der Manie eine Psychose wird und meine Gedanken dann so sehr zerfahren sind, dass ich handlungsunfähig werde und damit derart auffällig, dass ich zwangseingewiesen werde(n darf). So war die schlimmste meiner Taten die Bedrohung eines Taxifahres, dem ich sehr ernergisch erzählte, ich könne mich nicht mehr erinnern, ob dieser Koffer (den ich mit mir führt) der mit der Bombe sei oder der andere. Ich erhielt eine Anzeige, das Verfahren wurde eingestellt, weil ich psychisch krank (und sogar krank geschrieben) war. Hätte ich nicht die Krankmeldung dabei gehabt, hätte ich mich sicherlich nicht so verhalten.

Wenn mich also Angehörige fragen, wie man den Betroffenen zur Krankheitseinsicht verhelfen kann: Schreibt Tagebücher. Beschreibt das Verhalten der betreffenden Person und beschreibt eure Gefühle. Wenn der Maniker in die Depression gefallen ist, ist der richtige Moment, das Tagebuch zu überreichen. Solange man in der Manie drinsteckt, fühlt man sich ja so gar nicht krank. Rückblickend hat man aber oft ein Einsehen, dass man da gerade akut erkrankt war. Das Erinnerungsvermögen, so Melle, ist jedoch durch die Manie wie auch durch die Depression getrübt, so dass man sich im Nachhinein nur noch bruchstückhaft erinnern kann. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, hatte dies jedoch bisher auf die Medikamente geschoben.

Ich genieße, dass ich nach langer Depression jetzt wieder höher gestimmt bin und ich nutze den Antrieb, der mir vergönnt ist. Ich tobe mich aus, geistig wie körperlich. Aber ich setze eben auch die Dosierung meiner Medikation nach oben. Ich melde mich krank, um auszuschlafen. Und ich lasse es ruhig angehn bei allem was ich tue und mache bewusst mehr Pausen als sonst. Ich bin keine Maschine. Ich muss nicht funktionieren ohne Pausen.

Und, seien wir mal ehrlich, das Funktionieren ist doch ohnehin ein Eindruck, den ein Außenstehender gewinnt. Wer gut dissimulieren kann, funktioniert doch prima in dieser Gesellschaft. Wenn ich eben aus Krankheitsgründen Sonntag, Dienstag und Donnerstag ausschlafen muss, damit ich Montag und Mittwoch je drei Stunden arbeiten kann, dann ist das eben so.

Weil das so ist, bekomme ich meine Renten auch zu Recht. Die habe ich nämlich mittlerweile durch, sowohl die von der DRV als auch meine Berufsunfähigkeitsrente. Eigentlich hätte mir die schon viel früher zugestanden, die BU-Rente bereits nach einem halben Jahr Arbeitsunfähigkeit. Aber ich war ja nicht krank(heitseinsichtig).

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