Zur Selbständigkeit erzogen

Ich muss in letzter Zeit öfter daran denken, dass ich zur Selbständigkeit erzogen wurde. Auf gut deutsch gesagt war ich ab der zweiten Klasse der weiterführenden Schule ein Schlüsselkind. Wir bekamen Gefrierschrank und Mikrowelle gezeigt und machten uns das Mittagessen selbst (Fertiggerichte).

An gemeinsame Mahlzeiten erinnere ich mich in erster Linie in Form von Abendessen, bei denen galt: „Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch!“. Das bedeutete, dass meine Eltern sich über Geschäftliches austauschten, wovon wir nichts verstanden. Für meine Belange war da oft nicht genug Raum und wenn ich den einforderte, bekam ich das Gefühl, zu stören – was heute noch tief sitzt.

Meine Mutter hat auch häufig mit uns Kindern zusammen gefrühstückt und sich mit uns unterhalten. Zeitweilig holte ich morgens um sechs beim Bäcker an der Hintertür die Brötchen. Damals durften die Geschäfte erst ab sieben öffnen. Irgendwann frühstückten wir dann Cornflakes, weil das mit den Brötchen zu aufwändig war…

Ich habe so früh gelernt, Zeit alleine zu verbringen und mit Problemen alleine fertig zu werden.

Einmal hat mein Bruder sich beim Spielen an einem Baustellengitter verletzt. Ich rief im Büro meiner Eltern an, beide waren unabkömmlich und ein Mitarbeiter hat ihn dann ins Krankenhaus gefahren. Als ich mich danach einmal an einer beim Toben zerdepperten Scheibe verletzte, habe ich mich direkt an eine Nachbarin gewendet, von der ich wusste, dass sie Verbandsmaterial zur Hand hat, und habe gar nicht erst im Büro angerufen.

So komme ich auch heute mit vergleichsweise wenig externer Hilfe hinsichtlich meiner psychischen Erkrankung zurecht und habe eine relativ hohe Resilienz. Mir war eine „psychosomatische Kur“ empfohlen worden. Ich stellte fest, dass das heute „medizinische Rehabilitation“ heißt.

Heute habe ich mich auf den Weg zu einer Infoveranstaltung gemacht, um eine Einrichtung kennen zu lernen, die eine Rehabilitation psychisch Kranker (RPK) für Menschen mit bipolarer Störung anbietet. Da die S-Bahn Verspätung hatte, verpasste ich den Bus, verlief mich zudem und kam so eine halbe Stunde zu spät zu dem einstündigen Termin. Na schön, dann weiß ich wenigstens, wo es ist, dachte ich. Schön im Grünen ist es gelegen.

Auf dem Rückweg habe ich mir überlegt, dass ich eine solche Maßnahme eigentlich gar nicht brauche, da ich die laut Flyer erreichbaren Ziele (Krankheitsbewältigung, Psychische Stabilisierung und Aufbau von Selbstvertrauen, Integration in ein soziales Umfeld, Erarbeitung einer beruflichen Perspektive) bereits auf anderem Wege erreicht habe.

Ich bin ja jetzt zertifizierter Genesungsbegleiter, die berufliche Perspektive ist da. Die psychische Stabilisierung erhoffe ich mir von der Umstellung auf Lithium und diese ist ja Grundlage für alles andere. Wenn ich nicht depressiv bin, ist mein Selbstvertrauen in Ordnung. In ein soziales Umfeld bin ich integriert und ich ziehe mich nur dann zurück, wenn ich depressiv bin. Jetzt strecke ich so langsam wieder meine Fühler aus und habe vorhin mit meiner lieben Freundin Ela telefoniert. Stimmung und Antrieb sind jetzt dank vermindertem Schlaf wieder im Mittelfeld, aufs Durchschlafen warte ich noch.

Für die nähere Zukunft habe ich mich bei einer Abnehmgruppe angemeldet und bei einer Bipolargruppe angefragt, dazu habe ich einen Psychotherapeuten gefunden, der vielleicht für mich passt. Da auch mein Vertrag mit der Integrierten Versorgung verlängert wurde, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Eine Antwort

  1. Was du über die „Erziehung zur Selbständigkeit“ geschrieben hast, kommt mir bekannt vor.
    ich höre einen leicht sarkastischen Ton heraus – vielleicht ist es auch nur das Echo in mir selbst aus vergangenen Tagen. Denn wenn Eltern nicht für Ihre Kinder da sind, wenn diese sie brauchen (und noch nicht die Reife besitzen, sich um sich selbst zu kümmern) bekäme das von mir ein anderes Etikett.

    Schön sind Gegenerfahrungen, die das Vertrauen erzeugen können, dass doch jemand für einen da ist, wenn man um Hilfe bittet. Ich durfte das erleben und darum gewinne ich die Einsicht, dass ich nicht durch alles alleine durch muss.

    Gefällt 1 Person

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