Sich Zeit lassen

Sich Zeit lassen

Das fällt mir nicht immer leicht, nicht zu hastig zu sein. Das betrifft nicht nur das Schreiben, aber gerade beim Schreiben muss ich mir Zeit lassen. Wenn ich Kritik bekommen habe, muss ich die mit Abstand betrachten. Mein Manuskript muss ich mit Abstand betrachten, wenn ich es verbessern will. Meine gemachten Erfahrungen, vor deren Hintergrund ich schreiben will, dürfen nicht zu frisch sein. Vor allem darf es nicht sofort brandeilig veröffentlicht und Kritik ausgesetzt werden, dann bin ich viel zu nah dran und verletzbar.

Ich hatte geglaubt, wenn ich jetzt ernsthaft anfange mit dem Roman schreiben, dann muss ich aber auch jede freie Minute damit verbringen und schreiben, schreiben, schreiben. Weit gefehlt. Ganz im Gegenteil, ich muss bewusst den inneren Prozessen ihren Raum lassen und auch ihnen Zeit geben.

Es auf nur anderthalb Stunde Arbeit am Roman pro Tag zu bringen fand ich viel zu wenig, ich machte mir noch mehr Druck, bis ich gar keine Freude mehr daran hatte. Ich wollte mich doch unbedingt beeilen und ganz fix diese erste Geschichte fertigschreiben, damit ich sie huschhusch an den Mann oder die Frau bringen kann – dabei ist das überhaupt nicht mein Tempo. Ich muss ein Vielfaches an Wörtern bloggen im Verhältnis zu den rund 250 Wörtern pro Tag, um die ich meinen Entwurf erweitere.

Das bedeutet, ich habe total viel Zeit, um anderes zu tun. Lesen zum Beispiel, aber wirklich Bücher lesen. Das Handbuch für Autoren von Uschtrin zum Beispiel. Die Krankheitensammlerin. Und alle die, die ich dann doch wieder aus der Hand gelegt habe, weil mir anderes wichtiger war. Vor allem die Druckbücher, die  ich noch auf dem Schreibtisch stehen habe, zum Beispiel Verdammt starke Liebe von Lutz van Dijk oder Meine Zeit der Trauer von Joyce Carol Oates. Aber ich glaube, dass die liegen geblieben sind, weil mich das Thema nicht mehr bewegte. Gibt es eine Verpflichtung, Bücher zu Ende zu lesen, nur weil sie gut sind?

Ich kann mir auch mehr Zeit für die einzelnen Blogbeiträge nehmen und sie aufwändiger gestalten. Aber ich kann nur arg schlecht weniger bloggen, dann müsste ich bei sehr viel Schreibdruck wie am 18. Februar der Fall war, meine Mutter oder Freunde extrem bemailen, um alles losgeworden zu sein. Oder ich müsste alles auf Papier schreiben mit der Hand, das ginge auch – langsamer. Und dann habe ich nicht das Gefühl, dass jemand Anteil nimmt. Klar, wem soll ich auch mein Tagebuch in die Hand drücken außer vielleicht meinem Therapeuten.

Kaum war der Druck weg, mich unbedingt beeilen zu müssen, konnte ich plötzlich sehr viel flüssiger schreiben und das mehrere Stunden am Tag, was ich allerdings auch auf meine akute Hypomanie den vergangenen Kreativitätsschub zurückführe.

Und ich habe viel mehr Zeit für Pausen. Die brauche ich auch. In den Pausen arbeite ich dann als Hausmann. Und wenn der Hausmann Pause braucht, bin ich wieder Schriftsteller. Wenn beide Pause brauchen, bin ich Rentner. Ist das nicht toll, so viele Jobs muss ich stemmen. ;)

Foto: Pixabay

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