Die Krankheitensammlerin

Seit langem kein Buch mehr gelesen, das ich dermaßen durchgesuchtet habe! Genau nach so einem Buch hatte ich mich gesehnt. Ich bin doch auch so ein Krankheitensammler, deshalb passte es wirklich wie Arsch auf Eimer. Ich war wirklich begeistert. Vielleicht wurde ich deshalb enttäuscht.

Es störte mich nicht groß, dass die Heldin Dinge tat, die ich selbst nie nicht tun würde. Kurz nach dem Mittelpunkt geschah aber etwas Seltsames: Ich löste mich von der Figur und begann, das Buch mit den Augen eines Schriftstellers zu betrachten und analysierte, wie das Buch aufgebaut war und überlegte, was man anders hätte machen können. Das hätte nicht passieren dürfen.

Es dauerte eine Weile, aber dann dämmerte mir, warum das geschah: Der Humor passte für mich plötzlich nicht mehr. Auf einmal wirkte die Selbstironie der taffen Heldin als wenn die Autorin sich über die Figur lustig machte. Für mich war mit dem Wendepunkt einfach Schluss mit lustig, da hätte das Thema meiner Meinung nach ernster behandelt werden müssen. Ich hätte auch von einem Entwicklungsroman nicht erwartet, dass er als Komödie daherkommt.

Die Veränderung einer Figur geschieht üblicherweise durch zwingende äußere Umstände und nicht aus einer Laune der Figur heraus. Das fand ich hier erfrischend anders, auch wenn ich es erst nicht glauben konnte. Was mir auch sehr gut gefallen hat – Achtung Spoiler! -, war das Erleben der manischen Psychose, was ich als sehr authentisch empfand. Am Anfang findet man noch alles normal, sie hat eben einfach gute Laune und endlich mal den Antrieb, ihr Leben in die Hand zu leben, aber das steigert sich ins Krankhafte und endet natürlich im Krankenhaus. Die Einsicht kommt mir viel zu plötzlich, die Genesung zu kurz. Ich werde es anders machen, aber ob ich es besser kann, weiß ich nicht.

Ich gebe zu, dass ich mir das Buch u. a. zu Recherchezwecken gekauft habe, weil ich mir einen Eindruck davon verschaffen wollte, wie von anderen über psychisch kranke Figuren geschrieben wird. Die Lektüre der Krankheitensammlerin  habe ich dabei gegenüber Depression abzugeben von Uwe Hauck und Mängelexemplar von Sarah Kuttner vorgezogen.

Die Krankheitensammlerin von Kia Kahawa gefällt mir also vergleichsweise gut, trotz meines Genörgels. Ich weiß aber nicht, ob ich es wirklich empfehlen möchte, weil das Bild, das von psychisch Kranken darin gezeichnet wird, nicht gerade schmeichelhaft ist. Weil diese Heldin eben, nunja, in eine Komödie passt. Vielleicht ist es am ehesten etwas für Betroffene, die über sich selbst lachen können – oder eben gerne über andere lachen.

Die Autorin wird am nächsten Freitag zusammen mit anderen in Leipzig lesen: 9 lesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: