Mal wieder beim Stammi gewesen

Mal wieder beim Stammi gewesen

Nach langer Zeit war ich mal wieder auf einem Treffen von Transleuten. Neu war, dass ich dort nun auch mein Pronomen nennen muss – bisher war es ein reines Männertreffen gewesen, nur manche brachten ihre Freundin mit. Mich versetzt die Notwendigkeit des Nennens meines Pronomens zurück in eine schwere Zeit, mit der ich am liebsten nichts mehr zu tun haben will.

Das ist jetzt zehn Jahre her, dass ich mich auf den Weg gemacht habe. Damals hörte ich permanent falsche Pronomen, weil mein Äußeres nicht danach war. Nun tauche ich wieder ein in eine Welt, in der ich mich auf das Äußere der Personen nicht verlassen kann. Diesmal in einer anderen Rolle, in der eines Besuchers, eines Mannes, dem solche Probleme fremd sind.

Ich höre von den Schwierigkeiten mit dem Binder und muss an den Tag denken, an dem ich erkannte, dass das eigentlich etwas typisch Weibliches ist, etwas mit den Brüsten zu machen (BH anziehen). Wenn Männer Brüste haben, lassen sie sie einfach hängen und machen kein weiteres Aufhebens darum. So lebte es mir ein Kommilitone vor.

Als einer fragte, was man bei einer abgelehnten Epithese machen kann, fiel mir mein Riesenproblem damit ein. Ich musste mir ja eine Anwältin nehmen, die den Widerspruch schrieb, und bekam sie dennoch nicht durch, aufgrund meiner psychischen Erkrankung. Aber immerhin konnte ich zwei Anwälte benennen, auch wenn für mich die ganze Aktion sinnfrei war. Meine Haut hatte den Kleber nicht vertragen und es war bereits der für empfindliche Haut. Dazu kam dann noch, dass sich mein Gewicht zu stark veränderte und die Epithese dadurch nicht mehr passte. Deshalb fiel sie auch für gelegentliche Nutzung, nach der ich knallrote Streifen um die Intimzone in Kauf genommen hätte, aus.

Ich erzählte von der Sache mit dem Impf-Ausweis. Vor drei Jahren hatte ich mich impfen lassen und bei der Gelegenheit um einen neuen Impfausweis gebeten. Das bekam ich auch. Einen neuen Ausweis auf meinen schon nicht mehr ganz so neuen Namen und da waren eben genau diese frischen Impfungen eingetragen. Wenn ein Arzt nun aber prüfen soll, ob eine Impfung notwendig ist, muss er auch wissen, welche Grundimmunisierungen ich in der Kindheit bekommen habe. Deshalb liegt der alte Ausweis in dem neuen Ausweis drin.

Und natürlich kam, was kommen musste: „Das ist der Ausweis von dem Herrn Soundso, dadrin liegt der Ausweis von einer Frau Soundso!“, tönt es quer durch die Praxis. Das habe ich trotz Musik auf den Kopfhörern gehört, also auch alle anderen Anwesenden. Sobald ich sagte, dass das mein Ausweis sei, war die Sache geklärt. Und ich natürlich geoutet.

Nun erfuhr ich, dass es ganz normale Namensaufkleber gibt, mit denen man den Ausweis auf der ersten Seite überklebt. Andere Leute ändern ja einfach mal ihren Nachnamen und dafür wird sehr viel häufiger eine Lösung gebraucht. Dafür ist es in meinem Fall zu spät. Es gibt auch die Möglichkeit, nun noch einmal darauf zu bestehen, dass die alten noch relevanten Impfungen in den neuen Ausweis übertragen werden. Ich wurde ermuntert, das beim Hausarzt nochmal anzusprechen. Ich werde es versuchen.

  1. Das hört sich extrem schwierig und kompliziert an.
    Ich vermag nicht zu ermessen, wie es sich anfühlen mag, im falschen Körper gelandet zu sein.

    Allerdings habe ich mich trotzdem ausgiebig mit dem Thema Identität beschäftigt. Meine geschlechtliche hat dabei mehrmals „gewechselt“. Etliche Jahre überwogen gefühlt maskuline Anteile (eingebildet, quasi körperliches Kopfkino), dann entdeckte ich meine feminine Seite und verinnerlichte sogar eine Weile die femme fatale in mir.

    Ich empfinde Identität nicht als statischen Zustand. Stattdessen probiere ich mich aus und spüre, was in mir als Mensch für Möglichkeiten angelegt sind. Und zwar in jeder Hinsicht und nicht nur in Bezug auf meine geschlechtliche Identität.

    Diese Entwicklung findet nicht nur linear statt, sondern mehrdimensional. Ich kann mich in alle möglichen Richtungen bewegen. Das geistige Potential macht´s möglich. Vermutlich bin ich ein relativ spiritueller Mensch, sodass ich mich im Laufe meines Lebens mehr und mehr von meinem Erscheinungsbild zu lösen vermag. Welch´ein Glück!

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    • Von wechselnder Geschlechtsidentität habe ich schon häufiger gehört und auch von verschiedenen Konzepten, wie dies gelebt wird. Das ist sicherlich auch nicht immer einfach und ein Segen, wenn man dies als spielerisches Ausprobieren empfinden kann und nicht unter Geschlechtsdysphorie leidet.

      Aufgewachsen bin ich jedoch in einer Welt mit zwei Geschlechtern von denen das mir zugewiesene das falsche war. Das müsste eigentlich einfach sein, einmal offiziell den Wechsel zu vollziehen. Nur leider hatte ich den Impfausweis vergessen, weil ich auch das Impfen eine Zeit vergessen hatte.

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