„Ui, toll!“ will ich hören

„Ui, toll!“ will ich hören

04.07.18

Ich muss feststellen, dass ich immer wieder nach Bestätigung giere und das im Schreib-Forum durch Kollegen und Freunde nicht ausreichend bedient werden kann. Oft habe ich das belächelt, wenn Autoren sich gegenseitig über den grünen Klee lobten für Texte, die das in meinen Augen nicht verdient hatten. Nun sehe ich das anders. Der Mensch braucht lobende Worte, nicht das Werk.

Ich brauche das. Jetzt insbesondere, da ich selbst fast alles von mir Geschriebene miserabel finde oder zumindest immer wieder infrage stelle, ebenso wie mich selbst. Es ist das erste Mal, dass ich einen Roman schreibe und immer wieder vermute ich hinter der nächsten Ecke die bahnbrechende Erkenntnis, die Hammer-Methode, die mir bisher gefehlt hat. Aber für kreativ Schaffende gibt es keine Arbeitsanleitung, nach der man sich Schritt für Schritt richten kann.

Viele lassen sich durch den Schreibprozess begleiten. Ich habe mich dazu einem Forum angeschlossen, andere besuchen Treffen oder nehmen sich einen Coach. Ich frage morgen meine Ärztin, was sie von einer Runde Ergotherapie diesbezüglich hält. Darüber hatte ich schon einmal nachgedacht, fand das dann aber unangemessen, weil ich mich ja nicht so krank fühlte einerseits und anderen nicht auf der Tasche liegen wollte andererseits. Vielleicht wäre ein Coach die Lösung.

05.07.18

Yes! Ich habe eine Verordnung für Ergotherapie bekommen. Meine Ärztin meinte, es gibt zwar Patienten, die sich bespassen lassen durch Behandlung, aber ich habe ja ein Ziel. Eigentlich sogar drei. Das mit dem Schlafen, Essen und Schreiben hinkriegen.

Vielleicht werde ich diesmal nicht nur mit der halben Arschbacke dasitzen. Ich werde Texte auch inhaltlich besprechen können und ich werde auf jeden Fall die Sache mit meinem Therapeuten besprechen können. Vielleicht finde ich Wege, das irgendwie einzurenken, vielleicht bekomme ich auch den Impuls, dass das in diesem Fall eher keinen Sinn hat. Seither hatte ich jedenfalls keinen Bedarf an einem Gespräch mit meinem Psychologen.

Ich hatte mir auch Gedanken darüber gemacht, wie es nach der Aussteuerung bei der Integrierten Versorgung weitergeht. Ich hatte überlegt, ob eine ASP-Maßnahme für mich passend sein könnte. Da habe ich sogar bei einer Einrichtung angerufen und mich nach den Kosten erkundigt. Dabei handelt es sich um eine Art Alltagsbegleitung für psychisch kranke Menschen.

Dann habe ich zum Glück erfahren, dass ich bei der IV auch weiterhin zu Gesprächen kommen kann im Bedarfsfall. Da ist zwar nicht mehr die Notfallversorgung im Angebot, aber Beratungsgespräche. Von denen ich in der Vergangenheit so gut wie keinen Gebrauch gemacht habe. Aber die bevorstehende Veränderung macht mich schon nervös, ich habe dort seit fünf Jahren einen Vertrag, der jetzt ausläuft.

Mit Ergotherapie bin ich aber dann doppelt abgesichert. :))

Meine Kontakte im Schreib-Forum werde ich dann nicht über Gebühr strapazieren müssen mit meinem erhöhten Pflegebedarf. Das wäre mir nämlich echt schade drum. Und mir wird es helfen, den Entwurf runterzuschreiben, wenn ich erstmal tüchtig auf die Schulter geklopft bekomme, ohne dass dies gleich mit Kritik verbunden ist, woraus ich wieder Überarbeitungswünsche ableite.

Fortschrittchen

Fortschrittchen

Ich denke, ich kann mit vergleichsweise guten Nachrichten aufwarten.

Was das Essen angeht, habe ich mir ein Zeitfenster gesetzt: Von 17 bis 23 darf gegessen werden. Das nennt sich intermittierendes Fasten, ich hatte im Oktober schon einmal davon berichtet, dann war es mir leider außer Kontrolle geraten. Jetzt bin ich in der zweiten Woche und in der ersten Woche habe ich ein Kilo abgenommen. Ich versuche, die Schokolade langsam zu drosseln, aber wenn ich weiter warte, bis ich ganz davon los bin, nehme ich nur weiter zu.^^ Im Augenblick will ich mich erstmal daran gewöhnen, 18 Stunden regelmäßig zu fasten.

Da dies klappte, dachte ich mir, warum nicht mit dem Schlafen auch? Ich setze mir ein Zeitfenster, in dem ich wach bleiben muss (tagsüber) und in der restlichen Zeit darf ich schlafen, muss aber nicht. Ich habe jetzt erstmal mit 14 Uhr bis 22 Uhr angefangen, weil ich meine Termine nach Möglichkeit alle auf den Nachmittag lege und weil ich abends Austausch mit anderen Menschen habe und das kann auch schonmal aufwühlend sein. Ich will nicht den Computer um acht ausmachen müssen und den ganzen Spaß verpassen, damit ich um zwölf schlafen kann.

Weil ich die letzten zwei Wochen eigentlich erst vormittags in den Schlaf gefunden habe und abends wieder aufgestanden bin, quasi auf Nachtschicht war, habe ich nun einige Probleme bei der Umstellung und schlafe sehr wenig, zuletzt nur eine Stunde. Vorgestern war ich daher leicht manisch. Im Augenblick hat es sich jedoch wieder beruhigt und ich bin vor allem müde, nachdem ich heute Lust auf einen Spaziergang hatte (!) und diesen auch gemacht habe. :))) Da die letzten sechs Wochen Depression ziemlich übel waren, bin ich sehr froh darüber. Die letzten zwei Wochen gehen vielleicht aufs Konto der Nebenschilddrüsenüberfunktion, die ich möglicherweise habe. Von zwei Blutproben, die fünf Tage auseinanderliegen, ist eine deutlich erhöht und die andere ohne Befund. Ich habe keine Lust, drei Monate depressiv zu sein, bis bei der nächsten Blutentnahme festgestellt wird, dass ich doch…

Dieser ungeheure Antriebsmangel hat mich echt fertig gemacht und ich habe es irgendwann gar nicht mal mehr versucht, an meinem Roman zu schreiben und habe mich gleich vor den Fernseher gelegt. Ich wollte auch nichts und niemanden sehen, nichtmal chatten. Ich habe den Computer gar nicht erst angemacht. Durch die ausgiebige Erkältung war ich zuvor schon ausgefallen, deshalb war ich sechs Wochen nicht mehr an Ver-rückt vor Liebe dran. Heute ist der vierte Tag in Folge, den ich mich wieder damit beschäftige. Ich habe mir meine männliche Hauptfigur nochmal vorgeknöpft und nun mache ich den vierten Versuch, ihn in die Geschichte einzuführen. Das ursprüngliche erste Kapitel mit ihm musste ich leider nach hinten schieben, deshalb bot es sich an, ein neues erstes zu schreiben.

Ver-rückt vor Liebe mit Herzen

Ein kitschiger Liebesroman? Nein!

Der nächste Schritt meiner Wiedererlangung von Struktur wird die Einrichtung von Schreibzeitfenstern sein. Auch wenn ich am Dienstag voriger Woche noch das Gegenteil behauptet habe, klappt es tatsächlich sogar sehr gut, wenn ich mich zu einer bestimmten Zeit hinsetze und schreibe, weil es jetzt an der Zeit ist. Wenn wir im Forum sonntags um acht unsere Fingerübungen schreiben, dann klappt das ja auch. Warum sollte es also nicht mit dem Roman auch klappen?

(Sorry, falls doppelt. Habe das Datum aktualisiert.)

Reisebericht Köln

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen …

Ich mache das. Ich fahre da runter. Ganz alleine.

Vor etwa zwei Monaten war ich auf die Mad Pride Köln aufmerksam gemacht worden, aber eine Reisegruppe von Hamburg aus war nicht zustande gekommen.

Mich betrifft es zwar nicht, dass die Rente nicht ausreicht. Mich betrifft es zum Glück nicht, dass es zu wenige Pflegekräfte gibt. Mich betrifft es nicht (mehr), dass ich aufgrund meiner Erkrankung  oder Behinderung am Arbeitsplatz ausgegrenzt werde. Mich betrifft es nicht mehr und hoffentlich nie wieder, dass ich gegen meinen Willen behandelt werde.

Ich hätte nicht gewusst, was ich mir aufs Pappschild schreiben sollte.

schwul
bipolar
trans*

Bin das ich? Ist es das, was mich ausmacht? Man sieht mir all das nicht an. Und ich will mir nichts davon auf die Stirn schreiben. Mit diesen Vorüberlegungen bin ich also ohne eigenes, konkretes Anliegen losgefahren.

An meinem reservierten Sitzplatz bin ich auf einen Mann getroffen, der vermeintlich auf meinem Platz saß, bis mich eine Mitreisende darauf aufmerksam machte, dass meiner der Platz am Gang sein müsste und nicht am Fenster. Dort hätte ich mich gerne hingesetzt, hätte dort nicht ein Koffer unterm Tisch im Weg gestanden. Ob das sein Koffer sei, fragte ich. Er nickte. Ich verstand nicht, warum ein Mann im mittleren Alter nicht dazu in der Lage sein sollte, seinen Koffer auf die Ablage zu befördern. Ich fragte ihn also, warum der Koffer da stehe. Als Antwort packte er einen Schwerbehinderten-Ausweise im Scheckkartenformat aus. Er schien gehörlos zu sein oder/und stumm. „Ich bin auch schwerbehindert“, sagte ich und offenbar verstand er mich. Für mich war die Frage noch nicht geklärt, vor allem aber wollte ich mich hinsetzen, fasse aber nicht ohne Aufforderung einen fremden Koffer an. Er tippte in sein Handy und zeigte mir die Zeile „ich kann das nicht“, woraufhin ich dann endlich verstand und fragte, ob ich denn dürfe und damit war er einverstanden. Also hievte ich den Koffer hoch und das Thema war erledigt. Im späteren Verlauf der Reise suchte er die Toilette auf und lief dabei etwas unrund. Offenbar hatte er mehr als eine Behinderung. Darauf wäre ich nicht gekommen. Ich war erschrocken, wie unbedarft ich selbst im Umgang mit anderen Behinderten bin. Auch bei mir gehen die Schubladen auf und zu.

Angekommen im Hotel fand ich dann das auf dem Teppichfußboden:

Teppichmuster

Was ist das?

Zuerst dachte ich nach einem flüchtigen Blick an eine Bohrmaschine, aber dann fing ich an zu rätseln … Sollte das vielleicht der Kölner Dom sein? Aber bekam man denn als Hotelkette bereits Rabatt, wenn man nur ein einziges Haus damit auslegte? War das nicht doch eher eine Kerze? Eine Person? Mir war nicht mal klar, wo denn nun wirklich oben sein sollte. Im Muster verlief das Bild in zwei Richtungen.

Den Ausblick aus dem Fenster auf die Gleise habe ich leider nicht geknipst, aber da ich aus den Bewertungen auf „sehr laut“ vorbereitet war, fand ich es eigentlich bis auf das gelegentliche Kreischen mancher Strecken ganz angenehm. Autoverkehr finde ich beruhigend und das Rattern eines vorbeifahrendes Zuges ebenso. Dagegen bringt mich ein Vorbeilaufen oder gar Gespräche anderer Hotelgäste auf dem Flur oder durch die Zimmerwand sofort auf Alarmbereitschaft. Ich hatte jedoch „ruhiges Zimmer“ wie gewünscht bekommen und meines lag in der letzten Ecke – und damit eben näher an den Gleisen.

Da mein Pillenwecker um zehn geht und es am Pfingstmontag bis elf Frühstück gab, nahm ich dieses im Hotel ein. Die über zwanzig Euro, mit denen es zu Buche schlug, war es in meinen Augen nicht wert. Normalerweise stehe ich nicht so früh auf und hatte meine dreizehn Stunden Schlaf noch nicht. Also legte ich mich noch etwas hin, zumal ich von der Zugfahrt am Vortag noch sehr erschöpft war.

Zum Glück begann die Parade erst mittags. Ich fand mich gegen halb zwei ein – ich folgte einfach einer Familie mit Tochter im Rollstuhl, die auch dorthin wollten – und wusste dann nicht so wirklich, ob ich mich an jemanden wenden sollte, um mitzuteilen, dass ich da bin? Ich war ja nirgendwo angemeldet und da niemand mit einer Liste herumging, trug ich mich auch in keine ein. Die anderen schienen aber überwiegend ihre festen Plätze im Zug zu haben. Den Anfang machte eine Gruppe mit Bett, die gegen Zwangsbehandlung in der Psychiatrie protestierte. Etwa in der Mitte in erträglichem Abstand zu den Blechbläsern reihte ich mich ein hinter zwei elektrisch angetriebenen Rollis. Mittlerweile gibt es Bilder und Videos auf der Seite der Mad Pride Köln.

Ich weiß nicht, was ich nun über diesen für mich stummen Marsch großartig berichten soll. Gelaufen halt, wie ich schon bei Karnevalsumzügen mitgelaufen bin und bei Demos und zum CSD. Das Wetter war super. Trocken, aber nicht zu heiß. Meine Schuhe waren bequem. Ich hing schon etwas meinen Gedanken nach, soweit ich neben dem Aufnehmen all der Eindrücke dazu kam. Ich habe einen Mann im Hundekostüm gesehen, wie er auf dem Fahrrad losfuhr und an einer Schnur ein Stück Holz hinter sich herzog. Wenige hundert Meter hat das gehalten, dann kam das Holz auf den Gepäckträger. Ich habe eine Frau auf einem grünen Fahrrad gesehen, das mit Schirmen ausgestattet war, auf denen in bunten Buchstaben mad pride aufgemalt war, soweit ich mich erinnern kann. Mir ist eine Gruppe Autisten aufgefallen, die an einem Plastikrohr um sich herum ein Plakat befestigt hatten. An dessen Aufschrift habe ich erkannt, dass es Autisten waren. ;)

Nach der Parade fanden sich alle in Odonien ein. Das ist ein Gelände, auf dem große Kunstwerke ausgestellt sind, unter anderem ein englischer Doppeldeckerbus. Links seht ihr einen Kran, in der Mitte ein Gebilde, das u.a. aus Baustellenbaken gefertigt ist und rechts das Pascha gegenüber mit „Die Welt zu Gast bei Freundinnen“. :D

 

Es gab auf dem Gelände auch eine Bühne, auf der multikulturelle Bands auftraten und engagierte Menschen interviewt wurden. Wer schnell genug war, konnte auch etwas zu essen bekommen. Ich war noch nicht einmal auf Getränke angewiesen, da ich wie immer mein Wasser dabei hatte. Was ich vor Ort jedoch nicht finden konnte, waren Toiletten. Ich gebe zu, dass ich nicht sehr intensiv gesucht, sondern meinen Rückzug mit diesem Argument begründet habe. Es hat mich einfach nichts gehalten, da ich schon ziemlich müde war und durch das Sitzen auch so richtig meine Erschöpfung merkte.

Sobald ich im Hotel zurück war, legte ich mich nochmal hin. Danach war ich bei einem kleinen Italiener essen, der glücklicherweise bis elf geöffnet hatte. Es war sehr lecker und laut, das übliche Stimmengewirr anderer Gäste, ein laufender Fernseher und dazu hat der Kellner gesungen.

Den Kölner Dom habe ich diesmal sehen dürfen, ohne gleich zwangseingewiesen zu werden. Das ist die wichtigste Nachricht überhaupt, finde ich. Für mich ein gutes Gefühl, das ich mitnehme und beim nächsten Mal kann ich mit weniger Hemmungen anreisen.

Kölner Dom

Klingt nach einer tollen Sache? Du wärst gerne dabei gewesen? Dann fahr doch nächste Woche nach Berlin! BEHINDERT UND VERRÜCKT FEIERN am Samstag, den 23. Juni 2018 PRIDE PARADE BERLIN

Ich sollte wieder bloggen^^

Mich hats erwischt. Depression. Mehr als nur das bisschen schon gewohnte Antriebsschwäche. Deshalb halte ich mich hier so bedeckt. Ich habe keinerlei Mitteilungsdrang und mag mich lieber zurückziehen, als auf Leute zugehen.

Seit Pfingsten arbeite ich an einem Bericht meiner Reise nach Köln, aber er will und will nicht perfekt werden. Naja und ich komme wirklich nur in ganz kleinen Häppchen voran, als ob ich dann außer Puste wäre. Ich denke, ich muss doch etwas wirklich Bedeutendes gerade über die Parade zu sagen haben, die doch der Anlass meiner Reise gewesen ist – aber irgendwie war da viel zu viel und es sind nur einzelne Fragmente hängen geblieben.

Es gibt so vieles, das objektiv betrachtet sicherlich berichtenswert wäre, sich für mich aber nicht der Rede wert anfühlt. Die Tatsache, dass ich es geschafft habe, ohne Begleitung eine Reise zu unternehmen und den Kölner Dom wiederzusehen, ohne in der Psychiatrie zu langen zum Beispiel. Dann gibt es Dinge, von denen ich nicht sicher bin, ob das unbedingt an die große Glocke gehängt werden muss. Dass ich einen Gallenstein habe und meine Schilddrüse nebst Nebenschilddrüse aus dem Takt ist zum Beispiel.

Überfunktion der Nebenschilddrüse kann zu

Leistungsknick, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, um vermehrtes Durstgefühl, vermehrtes Wasserlassen, depressive Verstimmung, Übelkeit oder funktionelle Beschwerden des Magen-Darmtraktes

führen. Damit wären sogar meine Durchfälle erklärt. Den vermehrten Durst hatte ich bisher dem Lithium selbst zugeordnet. Nun bin ich gespannt, wie es weitergeht, wenn der Nephrologe seinen Bericht rausgeschickt hat.

Und dann gibt es Dinge, über die ich besser Stillschweigen wahren sollte … Gibt es?

Ich weiß nur, dass ich jetzt schon fast vier Wochen nicht an meinem Roman gearbeitet habe und schon überlegt habe, hinzuschmeißen. Wovon mich meine Kollegen bislang abgehalten haben. Ich will also weitermachen, weiß aber nicht, wie ich wieder reinkomme. Vielleicht bringt mich der VHS-Kurs „Roman-Werkstatt“ weiter, den ich dieses Wochenende besuche.

 

Erhöhungsantrag ist durch

Am 18. Januar habe ich nach einem Gespräch mit meiner Psychiaterin einen sogenannten Neufeststellungsantrag gestellt. 2012 hatte ich etwas voreilig entgegen dem Rat meiner Hausärztin einen Antrag auf Feststellung einer Schwerbehinderung gestellt. Da der Verlauf erst recht kurz war, kam damals ein GdB von 30 heraus. Für mich war das sehr wichtig, da so etwas Amtliches, das ich schwarz auf weiß hatte, für mich etwas war, das ich fassen konnte. Als krank empfand ich mich nicht, aber eine Behinderung zu haben konnte ich einsehen.

Ich fühle mich schon etwas eingeschränkt in meinem Alltag, aber der Grund ist eben eine chronische psychische Erkrankung. Weil der Schlaf so wichtig ist, kann ich keinen abendlichen Treffen beiwohnen – oder ich müsste meinen Schlaf- und Wachrhythmus so weit nach hinten schrauben, dass ich große Schwierigkeiten hätte, meine etlichen Arzttermine nachmittags noch beiwohnen zu können. Das verwehrt mir sämtliche Begegnungen im Freizeitbereich, da sich alles nach den Berufstätigen richtet. Tagsüber bleiben mir nur Veranstaltungen für psychisch Kranke.

Ich hatte dieses Problem mit meinem Therapeuten besprochen und auch er ist der Ansicht, dass ich da nur abwarten kann, was das Lithium auf Dauer an Stabilität und damit vielleicht Belastbarkeit bringt.

Am 14. Februar habe ich eine Eingangsbestätigung erhalten.

Heute, am 3. Mai, habe ich den Neufeststellungsbescheid erhalten: GdB 70 habe ich jetzt befristet auf zwei Jahre. Mit so viel hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte immer, mir ginge es noch vergleichsweise gut, aber offenbar ist das nicht der Fall.

Nun kann ich mir, wenn ich ein Foto einreiche, einen Schwerbehindertenausweis ausstellen lassen. Was ich dann damit anfangen soll, weiß ich noch nicht so recht. Einen Arbeitsplatz habe ich ja nicht. Bei der Steuererklärung gebe ich den höheren GdB natürlich an und bekomme einen höheren Freibetrag.

In den letzten Wochen hatte ich wenige Termine, zu denen ich wach sein musste. Mit dem Schlaf habe ich jetzt das Experiment gewagt und bin einfach dann ins Bett gegangen, wenn ich müde war und aufgestanden, wenn ich mich ausgeruht genug fühlte. Mit dem Ergebnis, dass ich eine Zeit lang genau zur interessantesten Zeit zwischen 20 und 22 Uhr dabei sein konnte und das für mich „morgens“ war, ich also genug Zeit hatte, all die Eindrücke zu verarbeiten.

So war ich auf einer Lesung und bin wieder bei der Schreibwerkstatt dabei. Teilweise bin ich komplett nachts unterwegs und verschlafe die Abende. Im Augenblick geht es ziemlich durcheinander, weil ich versuche, wenigstens an den Nachmittagen bereits wach zu sein. Auf der anderen Seite wache ich um 4 Uhr schon auf, kann mich aber nicht wirklich konzentrieren, weil ich doch unausgeruht bin. Ich brauche einfach 13 Stunden Schlaf und idR machen die Leute große Augen, wenn ich das erzähle.

Besonders stabil fühle ich mich mit diesem Chaos jetzt nicht. Ich kann nicht gut planen, weil alles damit steht und fällt, ob ich genug geschlafen habe und da das nicht auf Knopfdruck funktioniert, muss ich das abwarten. Mit dem Lithium bin ich mittlerweile bei zweieinhalb Tabletten pro Tag angekommen, also 1125mg und dazu nehme ich noch 2,5mg Olanzapin. Es ist schon sehr, sehr viel besser als ohne Lithium, aber ich darf noch auf Besserung hoffen, sagt meine Ärztin. Na denn:

 

Schnecke Volldampf voraus!

Volldampf voraus!

 

In Köln findet am Pfingstmontag die vierte Mad Pride statt

In Köln findet am Pfingstmontag die vierte Mad Pride statt

Viele erleben uns als irritierend, wenn wir sind, wie wir sind. Viele meinen, unser Alltag wäre leidvoll. Doch das ist ihr Problem, nicht unseres.

Die Einladung zur Mad Pride am Pfingstmontag, den 21. Mai 2018 ab 13 Uhr spricht sowohl psychisch Kranke und andere Behinderte, aber auch Transleute und eben doch wieder Schwule an. Ich sehe mich da in vier Zielgruppen. Der CSD in Köln findet zusätzlich im Juli statt.

Laut dem Pressetext wird die Parade vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener getragen. Denen könnte ich ja mal einen dezenten Hinweis geben, dass ich mich von „Transen“ nicht angesprochen fühlen will. Von „Tunten“ allerdings auch nicht. Genausowenig sehe ich mich als „Psycho“. Das soll wohl lustig sein oder empowernd oder beides, aber ich finde das nicht hilfreich, das klingt in erster Linie marktschreierisch und schreckt mich eher ab als mich anzusprechen. Dabei spreche ich selbst auch von „Spaßtransen“ und kenne ja auch „Berufstransen“. Aber das alles in einem Kontext, in den es passt. Viele Transleute sind von dem Begriff „Transen“ beleidigt, weil er vielfach abwertend gebraucht wird. Genau da wollen die Initiatoren wohl ansetzen und ihn zurückerobern. Vielleicht eine Frage der Zeit, bis ich das anders sehe.

Nach der Parade treten in Odonien verschiedene Bands auf, unter anderem BRINGS. Sommerblut, das Festival der Multipolarkultur dauert vom 5. -21. Mai 2018.

Mich hat ein Bekannter hier aus Hamburg darauf aufmerksam gemacht und gefragt, ob ich hingehen will. Ja, reizen täte es mich schon. Endlich wieder ein Anlass für eine Reise ins Rheinland. Das würde mich schon freuen. Die Bewegung täte mir sicherlich gut.

Was mir zusagt ist die Uhrzeit, ich muss nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen und das Konzert dauert auch nicht bis in die Puppen. Das scheint mir gut zu bewältigen. Ich weiß aber nicht, ob ich den Belastungen einer Zugreise und dem Trubel vor Ort gewachsen bin. Und ich bin so schlecht verplanbar.

Aber brauchen wir überhaupt eine Prideveranstaltung wie den CSD für Ver-rückte? Wenn ich mir ansehe, was der CSD in 25 Jahren geleistet hat: Ja, das ist bitter nötig.

Party statt Pathologie können wir hier in Hamburg auch brauchen. Es muss einfach transparenter werden, wie viele das Thema psychischer Krankheit betrifft, es tut gut zu sehen, wie viele sympathisieren und wir müssen dahin, dass man keine Angst mehr haben muss, sich erstmals in Behandlung zu begeben aus Sorge, abgeschrieben zu werden, wenn das publik wird. Viele halten mit ihrer Krankheit hinter dem Berg aus Angst vor dem Stigma und viele werden auch wirklich noch ausgegrenzt, vor allem am Arbeitsplatz. Das habe ich selbst ja auch erlebt.

Mit meine Geschlechtsangleichung hatten die Kolleginnen und Kollegen kein Problem, aber nachdem ich in der Psychiatrie war, wurde ich geschnitten, weil alle mit mir überfordert waren. Viel zu oft wird mir auch in Gesprächen gesagt „Aber du hast ja bestimmt einen guten Therapeuten, mit dem du darüber reden kannst“ und das passiert mir nur dann, wenn bekannt ist, dass ich eine Diagnose habe. Gelte ich als „gesund“ kann ich stundenlang rumjammern, wie schwer mir das Leben doch fällt, da werde ich nicht weggeschickt.

Sowas muss sich ändern. Wir brauchen alle mehr Wissen über psychische Erkrankungen, über das Leben damit und das bereits bevor es uns selbst erwischt. Und, das wäre der nächste Punkt, wir müssen dringen mal etwas an dieser kranken Gesellschaft ändern, die uns alle krank macht. Und wir selbst machen doch diese Gesellschaft aus, jeder einzelne von uns.

Also: Arsch huh und Zäng ussenand! (Arsch hoch und Zähne auseinander!)

Diese Mad Pride klingt nach einer Party, die bestimmt auch meinem Onkel gefallen hätte.

Warum nur geht mir das immer wieder so nahe?

Warum nur geht mir das immer wieder so nahe?

Es ist so, dass ich hochsensibel bin. Die Frage ist rhetorisch. Es ärgert mich und wäre mal wieder ein Fall fürs mimimi. Ich weiß, warum ich keine Distanz wahren kann. Ich sehe mich in dem jungen Mann wieder. Schon einmal war mir das passiert mit einem Patienten, während meines Vertiefungspraktikums. Da war die mangelnde Distanz unprofessionell. Jetzt bin ich Kollege – da ist es einfach menschlich, finde ich. Ich habe mich u.a. ja wegen dieser Problematik gegen die Tätigkeit als Genesungsbegleiter entschieden.

Weil ich das einfach nicht in den Griff kriegen können kann. Heute war doppelt doof, weil ich einen Tag nicht geschlafen habe und gerade von tags auf nachts schlafen umschalten wollte, als mich abends ereilte, miterleben zu müssen, wie der Knabe sich mal wieder in Diskussionen verstrickte, die beiden Seiten nur Kummer bereiteten. Weil wegen diese Sache mit der Kommunikation ist eine, wo mindestens zwei Seiten dran sägen und eben auch Verantwortung haben.

Und nun geht mir der Scheiß rauf und runter, ich fiebere mit und überlege, welche Lebensratschläge ich ihm erteilen könnte, welche Verhaltensvorschläge ich machen könnte. Wie der Dialog hätte erfolgreich verlaufen können. Wo ich die Fehler auf beiden Seiten sah. Und mich doch machtlos erleben musste, nur sehr zaghaft überhaupt eingreifend und mit der Vermittlung über- und eigentlich auch gar nicht gefordert.

Das müssen die beiden lernen. Aneinander womöglich.

Ich könnte Geschichten darüber schreiben noch und nöcher, aber sie langweilen mich schon beim Gedanken daran. Ein idealer, konfliktloser Dialog ist nicht von Interesse in der Literatur. Aber er könnte es versuchen mit einem, wo eine Seite sich besonnen verhält, während die andere auf die Beziehungsebene der Botschaft reagiert. Wäre ne super Schreibtherapie-Übung. Dazu müsste er Verantwortung übernehmen. Verantwortung für die Gefühle des Lesers. So wie er es bei seinen Geschichten sonst auch tut.

Zerbrich Dir nicht den Kopf für andere„, hat meine Mutter mir oft gesagt.

Ja, würde ich gerne tun, nur wie zum Teufel soll das gehen? Ich zerbreche ihn mir, dieser abendliche Konflikt im Chat hat mich aufgewühlt und lebt in mir weiter, raubt mir den so wertvollen Schlaf und wegen meiner Erkrankung *mimimi* muss ich mir schon wieder Sorgen machen, nun nicht wieder in die andere Richtung aus dem Lot gerate.

Wieviel Pillen muss ich nehmen, damit ich in diese scheißverdammte Gesellschaft passe?

Muss ich meinen Roman im Psychotikerforum schreiben, weil die da gepflegt miteinander umgehen, weil sie wissen, wie das ist? Könnte ich thematisch tatsächlich tun, denn Verrückt vor Liebe weist Figuren mit psychischen Erkrankungen auf. Sicher werde ich mir auch einzelne Probeleser dort rauspicken, aber Schriftsteller, die mir konstruktive Kritik geben, werde ich da nicht allzu viele finden.

Projekt nachts schlafen ist gescheitert, wir sind wieder im Level überhaupt schlafen angelangt. Die letzten Tage bzw Nächte, als ich nur nachts on war und niemand dort im Chat anzutreffen, waren irgendwie ruhiger. Auch die Nacht mit der geklauten Stunde, die war sehr schön zu dritt verchillt. Ein Freund von mir arbeitet ja am liebsten nachts, weil es da ruhiger ist. Ich fand die Frühschichten in der Küche immer sehr angenehm. Aber da lag ich auch um vier Uhr nachmittags platt im Bett und nichts anderes ging.

Der nette Nebeneffekt wird sein, dass ich schlafentzügig wieder schreibfreudiger sein werde und nicht mehr so durchhänge wie die letzte Woche. Wenn „psychisch stabil“ unter Lithium ein Hin- und Herpendeln bedeutet, wie mit dem Kollegen neulich besprochen, dann bin ich ja stabil. Wenn einer fragt: Es geht mir gut. ;)

Es geht mir auf den Sack! *mimimi

Was wäre also für mich das korrekte Verhalten? Den Chat zu verlassen, sobald sich hitzige Diskussionen anzetteln? Das habe ich eine Weile im Psychoseforum gemacht, weil Menschen in einer gewissen mitteilungsbedürftigen Weltrettungsstimmung einfach nicht zu bremsen sind. Aber auch, weil mich ganz normale Harmlosigkeiten total auf die Palme gebracht haben. Solche, die nicht hochsensible Personen gar nicht wahrnehmen. Über den Punkt bin ich, glaube ich, hinweg.

Ich will teilnehmen am scheißnormalen Leben mit Zickenkrieg und Ätzkollegen. Und ich habe im Schreibforum genau das gefunden und ich habe jede Möglichkeit, mich sofort zurückzuziehen, sobald Miss Nölnase auftaucht und trotzdem tue ich es nicht. Wenn ich mich nur in Watte packe, fühle ich mich auch elend. Alles schon ausprobiert.

Was mir jetzt noch fehlt zum normal sein ist ein Freundeskreis, dem ich vorjammern kann, wie gottverdammt stressig so ein Leben als Schriftsteller doch ist. Die Bezahlung ist unterirdisch und der Lektor – ja, ich freu mich schon aufs Lektorat! Wenn mich denn einer will – also mein Buch. Wenn ich es denn schaffe zu schreiben.^^

Wenn ich lauthals über meinen unsensiblen, sturen und verständnislosen Lektor plärren kann, dann bin ich glücklich. Für einen klitzekleinen Moment zumindest. Bis mir wieder einfällt, was ich dafür alles auf mich nehmen musste. Zeichen um Zeichen, Zeile um Zeile, Seite um Seite. Diese verdammte, ätzende, anstrengende Schreiberei!

Ich will genau das haben und nichts anderes. Und wenn ich mich durch Kindergeschichten quälen muss, damit ich aus meiner Komfortzone rauskomme, dann tue ich das aus freien Stücken. Wenn die dann hinreichend für niedlich befunden worden ist, poste ich die auch bestimmt – noch habe ich ja keinen Ruf zu verlieren.

Auf Nachtschicht

Auf Nachtschicht

Die letzten Tage habe ich richtig schön durchgehangen – mich auch hängen lassen. Ich hatte einfach keine Lust, morgens aufzustehen. Und weil ich auch keinen Grund dafür hatte, blieb ich einfach liegen. Entsprechend wurde ich auch später müde und endlich zwang ich mich mal nicht, mich rechtzeitig hinzulegen. Das Ergebnis ist, dass ich jetzt tagsüber schlafe und nachts wach bin. Ich habe schon versucht, noch länger zu schlafen und dann eben am nächsten Morgen aufzustehen, aber das klappt nicht. Morgens fehlte mir wieder der drive, aufzustehen. Lust zu schreiben hatte ich selbstredend auch keine und habe einfach ein paar Tage alles schleifen lassen.

Insgeheim habe ich mir das auch immer sehr rosig ausgemalt, als einsamer Schriftsteller nachts zu schreiben und tagsüber die Welt die Welt sein zu lassen.

Heute morgen habe ich die Wäsche in die Maschine getan, dann bis abends geschlafen und sie erst danach in den Trockner geworfen. Abends nach acht einzukaufen ist heutzutage auch kein Problem mehr – wenn man sich denn beeilt und rechtzeitig vor neun oder zehn im Laden ist. Das war aber doch tagsüber bequemer, nicht in Konflikte mit den Öffnungszeiten zu kommen und mit der Hausarbeit keine Rücksicht auf die Nachbarn nehmen zu müssen. Allein schon beim Duschen der Gedanke: Darf ich jetzt noch? Natürlich hört man das, wenn Wasser gezogen wird. An solche Problemchen der Nachtarbeiter hatte ich nicht gedacht. Jetzt habe ich eine Motivation, künftig gegen eine Tag-Nacht-Umkehr anzukämpfen.

Was mir aber mehr fehlt als gedacht: Der Chat.

Neben dem Schreiben chatte ich gerne, um mein Hirn abwechselnd zu fordern und um etwas mit den Kollegen zu plauschen. Im Forum ist, den Gesetzmäßigkeiten der Brotberufler folgend, abends am meisten los. Ich fand das schon fast überfordernd, weil in wenigen Stunden sehr viel gepostet wird und der Chat beinahe überfüllt ist (sehr kleines Chatfenster). Es gibt einige, die tagsüber online sind, aber das sind die wenigsten. Eine ist bis nachts um halb zwei, zwei Uhr unterwegs und danach ist Ruhe. Dann kommen erst morgens die ersten online, bevor es in Schule oder Büro geht. Dazwischen bin ich sozial isoliert. Ich fange also an, andere Foren aufzusuchen, in denen ich schon länger pausiere, um dort etwas Austausch zu finden. Ich war sogar schon bei Facebook!

Nach meiner optimalen Arbeitszeit suche ich noch, die komplette Nachtschicht kann ich jedenfalls schon ausschließen. Nun werde ich die nächsten Tage darauf achten müssen, wieder etwas früher aufzustehen.

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Am vergangenen Sonntag habe ich mich mit anderen Genesungsbegleitern aus meinem EX-IN-Kurs getroffen.

Ein Kollege ist auch bipolar, hat aber im Gegensatz zu mir 23 Jahre Erfahrung mit der Erkrankung, davon ist er 18 Jahre stabil – trotz eines einschneidenden Lebensereignisses vor zwei Jahren. Er sprach davon, dass auch bei ihm das Schlafen immer mal wieder eine Riesennummer ist, dass er zwischenzeitlich richtig Angst vor dem Einschlafen hatte – so ging es auch mir. Auch er nimmt zusätzlich zum Lithium ein Neuroleptikum, damit er schlafen kann. Auch er hat immer mal wieder leichte Schwankungen nach oben in Richtung Manie sowie nach unten in Richtung Depression. Die er aber gut im Griff hat dank der Medis. Er kommt über längere Zeit mit sechs, sieben Stunden Schlaf aus und arbeitet bis zu 50 Stunden die Woche, daneben findet er noch Zeit für seine Kinder. Das finde ich beachtlich.

Es tut gut, mit diesem Erleben nicht allein zu sein. Und es macht mir Hoffnung, dass es auch mir möglich ist, trotz Erkrankung das beste für mich rauszuholen. Im Augenblick ist es die Arbeit an meinem Roman, die ich ganz auf meine Bedürfnisse abstimmen kann. (Dazu: behindertengerechter Arbeitsplatz)

Ich reduzierte das Olanzapin, weil ich zu viel schlief, weil ich zu langsam war im Kopf und zu wenig Ideen hatte, weil mich das total lähmte und mein Leben wenig lebenswert machte. Das ist jetzt mit der Mindestdosierung nicht mehr der Fall. Ich habe im Augenblick eher wieder zu viele Ideen, ich schlafe grenzwertig wenig und bin leicht hypoman, aber ich fühle mich endlich wieder wohl. Die Dosierung scheint jetzt endlich zu stimmen.

Ich bin lebendig, habe am Leben teil so gut es geht. Da mir dieses Treffen wichtig war, hatte ich auf den Stammtisch am Vorabend verzichtet. Ich hatte nämlich mal wieder Lust, aber abends unter Leute zu gehen ist viel zu spät, um noch zu einer halbwegs akzeptablen Uhrzeit Schlaf zu finden. Damit wäre das heutige Treffen gelaufen gewesen, beides zusammen hätte ich nicht bewältigen können. Nach anderthalb Stunden reichte es mir auch und eine halbe Stunde später klinkte ich mich aus.

Ich werde meinen Schlaf weiter beobachten, denn unter sechs Stunden sollte er nicht fallen. Denn dann geht es wieder durch den Schlafentzug in die Manie und von der Manie in die Psychose und spätestens dann wieder in die Klinik und damit in die Fixierung. Wenn man diese Kausalkette einmal begriffen hat, diese Gesetzmäßigkeit der bipolaren Störung, dann begreift man, dass hypoman zu sein nicht einfach bedeutet, eben gute Laune zu haben und eine besonders dolle kreative Schaffensphase. So kann es im Idealfall laufen, dazu muss man aber seine Frühwarnzeichen kennen und entsprechende Strategien ergreifen wie binaurale Klänge hören oder andere Entspannungstechniken anwenden und / oder eben Pillen einwerfen. Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden. Ich habe für mich herausgefunden, was mir wann gut tut und was nicht.

Mein Fehler am Sonntag war sicherlich, in den Chat zu gehen, denn dort habe ich mich mit einer anderen Schriftstellerin intensiv ausgetauscht und wir haben meine Geschichte einmal komplett durchgeplottet. Das hat zum einen gedauert bis viertel nach zwölf und zum anderen nochmal gedankliche Prozesse in mir ausgelöst. Genau das war es, was ich hatte vermeiden wollen, als ich mich von der Gruppe um fünf verabschiedet hatte.

Nun denn, das ist eben das Leben. Ich kann mich nicht permanent nur isolieren und vor jeglichen Inspirationen Reißaus nehmen. Es bedrückt mich ohnehin schon, dass ich meine Freunde idR so selten sehe. Zu sozialen Kontakten wird einem aber auch immer von Therapeuten geraten, die ihre Tage damit verbringen, die ganze Zeit mit Menschen zu reden. Das sagte mir ein Kollege, der sich ebenfalls früh ausklinkte und auch eher introvertiert ist.

Zu Hause war ich gegen sechs und es ist jetzt gleich wieder sechs. Zwölf Stunden Nachklingen wäre es nicht gewesen, wenn ich im Chat nur entspannendes, lustiges Rumgeblödel gefunden hätte wie so oft. Ich muss das noch üben, mehr gestaltend einzugreifen. Ich hätte es zum Beispiel beim Pitch belassen können und dann sagen, dass ich heute abend nicht weiter drüber sprechen will. Aber ich hatte für heute schon meine Heldentat, als ich mich von der Gruppe verabschiedete und nicht noch mitging, obwohl ich sehr neugierig war, mich auch mit anderen auszutauschen.

Bereits als ich heimkam, war ich richtig übervoll mit Eindrücken, habe meinem Schatz eine zwanzigminütige WhatsApp geschickt und von meinem Tag erzählt, der nun diesmal wirklich aufregend war im Vergleich zu meinen sonstigen Tagen. Ich achte eben idR darauf, nicht zu viele Aufreger in meine Woche einzubauen. Weil ich hochsensibel bin und um meine Schwierigkeiten mit der Reizüberflutung weiß.

Ich weiß, dass ich mich gerne mehr mit Menschen im RL austauschen würde. Aber ich weiß auch, dass da die Reizflut eine sehr viel höhere ist und ich irrelevante Daten verarbeiten muss wie Gerüche und Hintergrundgeräusche, die ich bei Kontakten via Internet nicht habe. Und erst nachdem ich die neu obendrauf gekommenen Plotgedanken zu meinem Roman abgearbeitet hatte, kam ich dazu, diese RL-Begegnung zu reflektieren.

Andere haben einfach nur gute und schlechte Tage, ich schwanke zwischen Hypomanie und Subdepression hin und her. Das Fatale ist, dass ich manisch immer so eine Ausstrahlung habe, dass die Leute auf mich zukommen und ich dann nicht nein sagen kann zu endlosem Gequatsche, weil ich selbst ja auch kontaktfreudig und mitteilsam bin. Aber genau das ist dann Gift.

Einem Maniker hört man am besten nur stumm nickend zu oder bleibt einsilbig und gibt ihm nach Möglichkeit keine neuen Impulse, die das Gedankenkarussell nur weiter drehen lassen.

Trotzdem empfinde ich diese phasenhaften Schwankungen nicht ausschließlich als eine Krankheit, denn sie begleiten mich schon mein Leben lang und werden das auch weiterhin tun.

Quasselstrippe

Quasselstrippe

Montag, 19. Februar

Heute habe ich es zum allerersten Mal geschafft. Und das mit gutem Gefühl.

Ich wollte nur eben zum Hausarzt, einen Termin für den Checkup machen. Vor der Tür traf ich zehn nach zwölf mit einem älteren Herrn zusammen, der sich gerade darin versuchte, die Praxis zu betreten. Ich hatte auf die Uhr gesehen und fragte ihn, ob wohl schon geschlossen ist. Ein Blick auf die Öffnungszeiten bestätigte dies. Er platzte damit los, dass er nur ein Rezept hatte holen wollen und weil er so nett lächelte in seinem seltsam derangierten, ungepflegten Aufzug und weil ich für den Moment gerne zuhören wollte, blieb ich kurz stehen. Er quasselte und quasselte ich wandte mich zum Gehen und langsam wurde es mir unangenehm, da ich auch noch das Buch aus der Buchhandlung holen wollte. Als er dann von seiner Erkältung anfing und ich mich daran erinnerte, dass er gerade eben davon geplappert hatte, sich in der Bar verquatscht zu haben und deshalb zu spät zum Arzt gekommen sei, machte ich einen weiteren, immer noch höflich, aber sehr deutlichen Versuch, mich zu verabschieden. Darauf reagierte er in keinster Weise, also ließ ich ihn einfach stehen und ging.

Darauf bin ich stolz. Keine Spur von schlechtem Gewissen.

Und ich weiß, wie das ist, quasselstrippig zu sein. Wenn ich manisch bin, muss man mir sehr deutlich Grenzen aufzeigen. Ob der Mann krank war oder einfach nur ein Plappermaul? Mir egal, das Gespräch war überwiegend nett, bis eben an diesen Punkt, wo deutlich wurde, dass er auf mich und meine Bemühungen, das Gespräch zu beenden, überhaupt nicht einging. Und diese Erfahrung gibt mir zu denken. Sollte ich meine quasselstrippigen Beiträge hier besser nicht alle veröffentlichen, mehr ausmerzen? Vor allem, wo ich jetzt auch daran denke, alles automatisch bei Facebook zu teilen. Mal sehen. Im Augenblick fühlt es sich gut an, wie es ist. Und ein Blog ist ja kein Gespräch im RL, den Unterschied kenne ich noch. ;)

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