Fortschrittchen

Fortschrittchen

Ich denke, ich kann mit vergleichsweise guten Nachrichten aufwarten.

Was das Essen angeht, habe ich mir ein Zeitfenster gesetzt: Von 17 bis 23 darf gegessen werden. Das nennt sich intermittierendes Fasten, ich hatte im Oktober schon einmal davon berichtet, dann war es mir leider außer Kontrolle geraten. Jetzt bin ich in der zweiten Woche und in der ersten Woche habe ich ein Kilo abgenommen. Ich versuche, die Schokolade langsam zu drosseln, aber wenn ich weiter warte, bis ich ganz davon los bin, nehme ich nur weiter zu.^^ Im Augenblick will ich mich erstmal daran gewöhnen, 18 Stunden regelmäßig zu fasten.

Da dies klappte, dachte ich mir, warum nicht mit dem Schlafen auch? Ich setze mir ein Zeitfenster, in dem ich wach bleiben muss (tagsüber) und in der restlichen Zeit darf ich schlafen, muss aber nicht. Ich habe jetzt erstmal mit 14 Uhr bis 22 Uhr angefangen, weil ich meine Termine nach Möglichkeit alle auf den Nachmittag lege und weil ich abends Austausch mit anderen Menschen habe und das kann auch schonmal aufwühlend sein. Ich will nicht den Computer um acht ausmachen müssen und den ganzen Spaß verpassen, damit ich um zwölf schlafen kann.

Weil ich die letzten zwei Wochen eigentlich erst vormittags in den Schlaf gefunden habe und abends wieder aufgestanden bin, quasi auf Nachtschicht war, habe ich nun einige Probleme bei der Umstellung und schlafe sehr wenig, zuletzt nur eine Stunde. Vorgestern war ich daher leicht manisch. Im Augenblick hat es sich jedoch wieder beruhigt und ich bin vor allem müde, nachdem ich heute Lust auf einen Spaziergang hatte (!) und diesen auch gemacht habe. :))) Da die letzten sechs Wochen Depression ziemlich übel waren, bin ich sehr froh darüber. Die letzten zwei Wochen gehen vielleicht aufs Konto der Nebenschilddrüsenüberfunktion, die ich möglicherweise habe. Von zwei Blutproben, die fünf Tage auseinanderliegen, ist eine deutlich erhöht und die andere ohne Befund. Ich habe keine Lust, drei Monate depressiv zu sein, bis bei der nächsten Blutentnahme festgestellt wird, dass ich doch…

Dieser ungeheure Antriebsmangel hat mich echt fertig gemacht und ich habe es irgendwann gar nicht mal mehr versucht, an meinem Roman zu schreiben und habe mich gleich vor den Fernseher gelegt. Ich wollte auch nichts und niemanden sehen, nichtmal chatten. Ich habe den Computer gar nicht erst angemacht. Durch die ausgiebige Erkältung war ich zuvor schon ausgefallen, deshalb war ich sechs Wochen nicht mehr an Ver-rückt vor Liebe dran. Heute ist der vierte Tag in Folge, den ich mich wieder damit beschäftige. Ich habe mir meine männliche Hauptfigur nochmal vorgeknöpft und nun mache ich den vierten Versuch, ihn in die Geschichte einzuführen. Das ursprüngliche erste Kapitel mit ihm musste ich leider nach hinten schieben, deshalb bot es sich an, ein neues erstes zu schreiben.

Ver-rückt vor Liebe mit Herzen

Ein kitschiger Liebesroman? Nein!

Der nächste Schritt meiner Wiedererlangung von Struktur wird die Einrichtung von Schreibzeitfenstern sein. Auch wenn ich am Dienstag voriger Woche noch das Gegenteil behauptet habe, klappt es tatsächlich sogar sehr gut, wenn ich mich zu einer bestimmten Zeit hinsetze und schreibe, weil es jetzt an der Zeit ist. Wenn wir im Forum sonntags um acht unsere Fingerübungen schreiben, dann klappt das ja auch. Warum sollte es also nicht mit dem Roman auch klappen?

(Sorry, falls doppelt. Habe das Datum aktualisiert.)

Ich sollte wieder bloggen^^

Mich hats erwischt. Depression. Mehr als nur das bisschen schon gewohnte Antriebsschwäche. Deshalb halte ich mich hier so bedeckt. Ich habe keinerlei Mitteilungsdrang und mag mich lieber zurückziehen, als auf Leute zugehen.

Seit Pfingsten arbeite ich an einem Bericht meiner Reise nach Köln, aber er will und will nicht perfekt werden. Naja und ich komme wirklich nur in ganz kleinen Häppchen voran, als ob ich dann außer Puste wäre. Ich denke, ich muss doch etwas wirklich Bedeutendes gerade über die Parade zu sagen haben, die doch der Anlass meiner Reise gewesen ist – aber irgendwie war da viel zu viel und es sind nur einzelne Fragmente hängen geblieben.

Es gibt so vieles, das objektiv betrachtet sicherlich berichtenswert wäre, sich für mich aber nicht der Rede wert anfühlt. Die Tatsache, dass ich es geschafft habe, ohne Begleitung eine Reise zu unternehmen und den Kölner Dom wiederzusehen, ohne in der Psychiatrie zu langen zum Beispiel. Dann gibt es Dinge, von denen ich nicht sicher bin, ob das unbedingt an die große Glocke gehängt werden muss. Dass ich einen Gallenstein habe und meine Schilddrüse nebst Nebenschilddrüse aus dem Takt ist zum Beispiel.

Überfunktion der Nebenschilddrüse kann zu

Leistungsknick, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, um vermehrtes Durstgefühl, vermehrtes Wasserlassen, depressive Verstimmung, Übelkeit oder funktionelle Beschwerden des Magen-Darmtraktes

führen. Damit wären sogar meine Durchfälle erklärt. Den vermehrten Durst hatte ich bisher dem Lithium selbst zugeordnet. Nun bin ich gespannt, wie es weitergeht, wenn der Nephrologe seinen Bericht rausgeschickt hat.

Und dann gibt es Dinge, über die ich besser Stillschweigen wahren sollte … Gibt es?

Ich weiß nur, dass ich jetzt schon fast vier Wochen nicht an meinem Roman gearbeitet habe und schon überlegt habe, hinzuschmeißen. Wovon mich meine Kollegen bislang abgehalten haben. Ich will also weitermachen, weiß aber nicht, wie ich wieder reinkomme. Vielleicht bringt mich der VHS-Kurs „Roman-Werkstatt“ weiter, den ich dieses Wochenende besuche.

 

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Am vergangenen Sonntag habe ich mich mit anderen Genesungsbegleitern aus meinem EX-IN-Kurs getroffen.

Ein Kollege ist auch bipolar, hat aber im Gegensatz zu mir 23 Jahre Erfahrung mit der Erkrankung, davon ist er 18 Jahre stabil – trotz eines einschneidenden Lebensereignisses vor zwei Jahren. Er sprach davon, dass auch bei ihm das Schlafen immer mal wieder eine Riesennummer ist, dass er zwischenzeitlich richtig Angst vor dem Einschlafen hatte – so ging es auch mir. Auch er nimmt zusätzlich zum Lithium ein Neuroleptikum, damit er schlafen kann. Auch er hat immer mal wieder leichte Schwankungen nach oben in Richtung Manie sowie nach unten in Richtung Depression. Die er aber gut im Griff hat dank der Medis. Er kommt über längere Zeit mit sechs, sieben Stunden Schlaf aus und arbeitet bis zu 50 Stunden die Woche, daneben findet er noch Zeit für seine Kinder. Das finde ich beachtlich.

Es tut gut, mit diesem Erleben nicht allein zu sein. Und es macht mir Hoffnung, dass es auch mir möglich ist, trotz Erkrankung das beste für mich rauszuholen. Im Augenblick ist es die Arbeit an meinem Roman, die ich ganz auf meine Bedürfnisse abstimmen kann. (Dazu: behindertengerechter Arbeitsplatz)

Ich reduzierte das Olanzapin, weil ich zu viel schlief, weil ich zu langsam war im Kopf und zu wenig Ideen hatte, weil mich das total lähmte und mein Leben wenig lebenswert machte. Das ist jetzt mit der Mindestdosierung nicht mehr der Fall. Ich habe im Augenblick eher wieder zu viele Ideen, ich schlafe grenzwertig wenig und bin leicht hypoman, aber ich fühle mich endlich wieder wohl. Die Dosierung scheint jetzt endlich zu stimmen.

Ich bin lebendig, habe am Leben teil so gut es geht. Da mir dieses Treffen wichtig war, hatte ich auf den Stammtisch am Vorabend verzichtet. Ich hatte nämlich mal wieder Lust, aber abends unter Leute zu gehen ist viel zu spät, um noch zu einer halbwegs akzeptablen Uhrzeit Schlaf zu finden. Damit wäre das heutige Treffen gelaufen gewesen, beides zusammen hätte ich nicht bewältigen können. Nach anderthalb Stunden reichte es mir auch und eine halbe Stunde später klinkte ich mich aus.

Ich werde meinen Schlaf weiter beobachten, denn unter sechs Stunden sollte er nicht fallen. Denn dann geht es wieder durch den Schlafentzug in die Manie und von der Manie in die Psychose und spätestens dann wieder in die Klinik und damit in die Fixierung. Wenn man diese Kausalkette einmal begriffen hat, diese Gesetzmäßigkeit der bipolaren Störung, dann begreift man, dass hypoman zu sein nicht einfach bedeutet, eben gute Laune zu haben und eine besonders dolle kreative Schaffensphase. So kann es im Idealfall laufen, dazu muss man aber seine Frühwarnzeichen kennen und entsprechende Strategien ergreifen wie binaurale Klänge hören oder andere Entspannungstechniken anwenden und / oder eben Pillen einwerfen. Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden. Ich habe für mich herausgefunden, was mir wann gut tut und was nicht.

Mein Fehler am Sonntag war sicherlich, in den Chat zu gehen, denn dort habe ich mich mit einer anderen Schriftstellerin intensiv ausgetauscht und wir haben meine Geschichte einmal komplett durchgeplottet. Das hat zum einen gedauert bis viertel nach zwölf und zum anderen nochmal gedankliche Prozesse in mir ausgelöst. Genau das war es, was ich hatte vermeiden wollen, als ich mich von der Gruppe um fünf verabschiedet hatte.

Nun denn, das ist eben das Leben. Ich kann mich nicht permanent nur isolieren und vor jeglichen Inspirationen Reißaus nehmen. Es bedrückt mich ohnehin schon, dass ich meine Freunde idR so selten sehe. Zu sozialen Kontakten wird einem aber auch immer von Therapeuten geraten, die ihre Tage damit verbringen, die ganze Zeit mit Menschen zu reden. Das sagte mir ein Kollege, der sich ebenfalls früh ausklinkte und auch eher introvertiert ist.

Zu Hause war ich gegen sechs und es ist jetzt gleich wieder sechs. Zwölf Stunden Nachklingen wäre es nicht gewesen, wenn ich im Chat nur entspannendes, lustiges Rumgeblödel gefunden hätte wie so oft. Ich muss das noch üben, mehr gestaltend einzugreifen. Ich hätte es zum Beispiel beim Pitch belassen können und dann sagen, dass ich heute abend nicht weiter drüber sprechen will. Aber ich hatte für heute schon meine Heldentat, als ich mich von der Gruppe verabschiedete und nicht noch mitging, obwohl ich sehr neugierig war, mich auch mit anderen auszutauschen.

Bereits als ich heimkam, war ich richtig übervoll mit Eindrücken, habe meinem Schatz eine zwanzigminütige WhatsApp geschickt und von meinem Tag erzählt, der nun diesmal wirklich aufregend war im Vergleich zu meinen sonstigen Tagen. Ich achte eben idR darauf, nicht zu viele Aufreger in meine Woche einzubauen. Weil ich hochsensibel bin und um meine Schwierigkeiten mit der Reizüberflutung weiß.

Ich weiß, dass ich mich gerne mehr mit Menschen im RL austauschen würde. Aber ich weiß auch, dass da die Reizflut eine sehr viel höhere ist und ich irrelevante Daten verarbeiten muss wie Gerüche und Hintergrundgeräusche, die ich bei Kontakten via Internet nicht habe. Und erst nachdem ich die neu obendrauf gekommenen Plotgedanken zu meinem Roman abgearbeitet hatte, kam ich dazu, diese RL-Begegnung zu reflektieren.

Andere haben einfach nur gute und schlechte Tage, ich schwanke zwischen Hypomanie und Subdepression hin und her. Das Fatale ist, dass ich manisch immer so eine Ausstrahlung habe, dass die Leute auf mich zukommen und ich dann nicht nein sagen kann zu endlosem Gequatsche, weil ich selbst ja auch kontaktfreudig und mitteilsam bin. Aber genau das ist dann Gift.

Einem Maniker hört man am besten nur stumm nickend zu oder bleibt einsilbig und gibt ihm nach Möglichkeit keine neuen Impulse, die das Gedankenkarussell nur weiter drehen lassen.

Trotzdem empfinde ich diese phasenhaften Schwankungen nicht ausschließlich als eine Krankheit, denn sie begleiten mich schon mein Leben lang und werden das auch weiterhin tun.

Zweijahresrückblick

Als ich dieses Blog Anfang 2016 gründete, war ich bereits manisch und hatte einen unbändigen Mitteilungsdrang. Aber meine Beiträge waren, einzeln betrachtet, noch eine ganze Weile unauffällig.

Im Mai war ich für eine Nacht in der Klinik, weil ich Geschirr aus dem Fenster geworfen hatte. Ich lag fixiert im Flur in der Notaufnahme. Ab da waren meine Helfer nicht mehr auf meiner Seite, sondern meine Feinde. Meine Manie wurde ab diesem Zeitpunkt sehr anstrengend, weil sie nicht mehr euphorisch war, sondern dysphorisch.

Ich war ständig gereizt, erschöpft und äußerst misstrauisch. Dazu das typisch Getriebene und der Schlafmangel, weil ich vor lauter Anspannung nicht schlafen konnte. Es war eine Frage der Zeit, bis ich wieder psychotisch wurde und das war im August der Fall. Ein Taxifahrer schlug mir mit der Faust ins Gesicht, weil er mich nicht mitnehmen wollte, so irre wie ich war. Ich schenkte einem Bettler tausend Euro, einfach so. Warum ich soviel Geld überhaupt bei mir hatte, weiß ich nicht mehr.

Ich bedrohte einen anderen Taxifahrer, weil ich einfach mitten an einer Fussgängerinsel mit Gepäck einstieg und in einem fort plapperte, darunter faselte ich etwas davon, ich könnte mich nicht erinnern, ob dieser Koffer der mit der Bombe sei oder der andere. Das zog eine Anzeige nach sich, die allerdings fallen gelassen wurde, weil ich zu diesem Zeitpunkt krank war, sogar eine AU bei mir gehabt hatte.

Mein Ehemann brachte mich ins Krankenhaus. Ich verbrachte zwei Wochen gegen meinen Willen in Hamburg in der Klinik, setzte aber danach die Tabletten wieder ab, weil ich der Überzeugung war, sie nicht zu brauchen.

Etwa eine Woche später fand ich mich in Bonn in der Klinik wieder. Unterwegs hatte ich meine Habe an Tankstellentoiletten verteilt und war barfuß. Meinen Laptop und mein Portemonnaie sowie den Umschlag mit knapp 700,- Euro in bar hat die Polizei für mich in der Klinik abgegeben. Psychotisch wie ich war, hatte ich mich selbst in Gefahr gebracht. Diesmal musste ich drei Wochen bleiben und inzwischen war ich auch einsichtig. Meine Mutter stand mir dort zur Seite.

Dieses Jahr hat mir die Krankheitseinsicht überhaupt verschafft. Mich kann keine Hypomanie mehr verlocken, besonders tolle kreative Leistungen zu erbringen und diese Energie nutzen und diesen Zustand genießen zu wollen. Leider bestand ich damals noch auf Olanzapin, weil ich das kannte. Die Klinik hätte mich sonst auf Lithium eingestellt.

Und danach kam die Depression und kaum noch ein Beitrag von mir. Zu Hause verbrachte ich die meiste Zeit im Bett, gefolgt von vor dem Fernseher. Ich schlief über 15 Stunden. Fast alles, was ich abgenommen hatte seit 2014, nahm ich nun wieder zu. Hauptsächlich deshalb, weil ich mich aufgegeben hatte.

Viel mehr belastete mich aber die Spracharmut durch die Neuroleptika. Ich konnte mich an Gesprächen nicht beteiligen, saß nur daneben. Wenn man sich mit einem Gedanken ins Gespräch einklinken will und den richtigen Zeitpunkt nicht findet, dann ist das eine Sache, diesen Gedanken aber gar nicht erst zu haben, eine ganz andere.

Aber ich hatte noch die Erinnerung an denjenigen, der ich eigentlich bin. Sobald ich konnte, reduzierte ich das Olanzapin soweit es ging. Im September begann ich mit Lithium. Der Antriebsmangel war vom einen auf den anderen Tag weg und meine Stimmung fand sich endlich im Normalbereich.

Unsere Ehe hat auch diese große Krise überstanden – auch wenn ich hier schon geschrieben hatte, ich werde mich trennen. Es waren einige Netzwerkgespräche bei der Integrierten Versorgung notwendig, um etliches wieder ins rechte Bild zu rücken. Es gab vieles, das ich gesagt hatte, woran ich mich aber aufgrund der Manie aber nicht erinnern konnte und so habe ich dies auch nie richtigstellen können. Das habe ich dann nachholen können, so gut es ging.

Noch etwas passierte 2016/17: Ich nahm an der EX-IN-Ausbildung teil, was mich in eine gewisse Struktur zwang und an meine Grenzen brachte, aber leider nicht wie erhofft zurück ins Berufsleben. Dazu schaffte ich einfach noch zu wenig und traute mir zu wenig zu. Das bewies mir, dass ich meine Rente zu Recht bekomme.

Tatsächlich verhilft mir die Ausbildung zum Genesungsbegleiter immer noch dazu, gewisse Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich sage mir jedes Mal, dass ich jetzt Berufserfahrung sammle, wodurch ich mich als Patient weniger als Bittsteller fühle. Ehrlich gesagt sehe ich meine Zukunft aber nicht in diesem Beruf, weil ich mich in den Praktika beide Male sehr unwohl gefühlt habe ich meiner Rolle.

Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, den im November begonnenen Roman zu Ende zu bringen. Erstmal den ersten Entwurf, danach dann die erste Überarbeitung usw. Meine Krankheit tritt darüber hoffentlich etwas in den Hintergrund, zumal ich ja jetzt endlich medikamentös richtig eingestellt bin.

Daneben werde ich weiter abnehmen; ich bin schon fast zehn Kilo los, seit ich im Oktober der Gruppe beigetreten bin. Ich wiege jetzt etwa 125 kg. Mit Sport habe ich auch wieder angefangen. Ich laufe dreimal die Woche zwanzig Minuten auf dem Crosstrainer und zweimal die Woche mache ich Krankengymnastik für meine lädierten Knie. Das möchte ich erstmal so beibehalten, nur etwas aufs Tempo gehen und die Pumpe ein wenig mehr fordern.

Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Zur Selbständigkeit erzogen

Ich muss in letzter Zeit öfter daran denken, dass ich zur Selbständigkeit erzogen wurde. Auf gut deutsch gesagt war ich ab der zweiten Klasse der weiterführenden Schule ein Schlüsselkind. Wir bekamen Gefrierschrank und Mikrowelle gezeigt und machten uns das Mittagessen selbst (Fertiggerichte).

An gemeinsame Mahlzeiten erinnere ich mich in erster Linie in Form von Abendessen, bei denen galt: „Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch!“. Das bedeutete, dass meine Eltern sich über Geschäftliches austauschten, wovon wir nichts verstanden. Für meine Belange war da oft nicht genug Raum und wenn ich den einforderte, bekam ich das Gefühl, zu stören – was heute noch tief sitzt.

Meine Mutter hat auch häufig mit uns Kindern zusammen gefrühstückt und sich mit uns unterhalten. Zeitweilig holte ich morgens um sechs beim Bäcker an der Hintertür die Brötchen. Damals durften die Geschäfte erst ab sieben öffnen. Irgendwann frühstückten wir dann Cornflakes, weil das mit den Brötchen zu aufwändig war…

Ich habe so früh gelernt, Zeit alleine zu verbringen und mit Problemen alleine fertig zu werden.

Einmal hat mein Bruder sich beim Spielen an einem Baustellengitter verletzt. Ich rief im Büro meiner Eltern an, beide waren unabkömmlich und ein Mitarbeiter hat ihn dann ins Krankenhaus gefahren. Als ich mich danach einmal an einer beim Toben zerdepperten Scheibe verletzte, habe ich mich direkt an eine Nachbarin gewendet, von der ich wusste, dass sie Verbandsmaterial zur Hand hat, und habe gar nicht erst im Büro angerufen.

So komme ich auch heute mit vergleichsweise wenig externer Hilfe hinsichtlich meiner psychischen Erkrankung zurecht und habe eine relativ hohe Resilienz. Mir war eine „psychosomatische Kur“ empfohlen worden. Ich stellte fest, dass das heute „medizinische Rehabilitation“ heißt.

Heute habe ich mich auf den Weg zu einer Infoveranstaltung gemacht, um eine Einrichtung kennen zu lernen, die eine Rehabilitation psychisch Kranker (RPK) für Menschen mit bipolarer Störung anbietet. Da die S-Bahn Verspätung hatte, verpasste ich den Bus, verlief mich zudem und kam so eine halbe Stunde zu spät zu dem einstündigen Termin. Na schön, dann weiß ich wenigstens, wo es ist, dachte ich. Schön im Grünen ist es gelegen.

Auf dem Rückweg habe ich mir überlegt, dass ich eine solche Maßnahme eigentlich gar nicht brauche, da ich die laut Flyer erreichbaren Ziele (Krankheitsbewältigung, Psychische Stabilisierung und Aufbau von Selbstvertrauen, Integration in ein soziales Umfeld, Erarbeitung einer beruflichen Perspektive) bereits auf anderem Wege erreicht habe.

Ich bin ja jetzt zertifizierter Genesungsbegleiter, die berufliche Perspektive ist da. Die psychische Stabilisierung erhoffe ich mir von der Umstellung auf Lithium und diese ist ja Grundlage für alles andere. Wenn ich nicht depressiv bin, ist mein Selbstvertrauen in Ordnung. In ein soziales Umfeld bin ich integriert und ich ziehe mich nur dann zurück, wenn ich depressiv bin. Jetzt strecke ich so langsam wieder meine Fühler aus und habe vorhin mit meiner lieben Freundin Ela telefoniert. Stimmung und Antrieb sind jetzt dank vermindertem Schlaf wieder im Mittelfeld, aufs Durchschlafen warte ich noch.

Für die nähere Zukunft habe ich mich bei einer Abnehmgruppe angemeldet und bei einer Bipolargruppe angefragt, dazu habe ich einen Psychotherapeuten gefunden, der vielleicht für mich passt. Da auch mein Vertrag mit der Integrierten Versorgung verlängert wurde, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Ins depressive Loch gefallen

Gefühlt habe ich mich schon deutlich beschissener in meinem Leben, aber so sehr funktionell gestört war ich bisher noch nie. Da das Olanzapin mir die Affekte verflacht, nehme ich an, dass ich eine schwere Depression habe.

Vor sechs Wochen habe ich noch den Halt durch meine Ausbildung gehabt und obwohl ich mir für jeden Wochentag etwas vorgenommen hatte, habe ich doch der Müdigkeit nachgegeben und immer länger ausgeschlafen – meist 13 Stunden-, bin aber auch wach geblieben, bis ich müde wurde und so verschob sich mein Rhythmus Stück für Stück dahin, dass ich morgens gegen sechs ins Bett ging und erst abends gegen sechs wieder aufstand. Das kann man wohl schon als Tag-Nacht-Umkehr bezeichnen.

Dabei habe ich einen recht ordentlichen Acht-Stunden–Tag vor dem Fernseher verbracht. Und da ich ja erst so spät aufgestanden bin, lohnt es sich ja nicht mehr, mich für den Tag noch anzuziehen. Bald stellte ich auch das tägliche Duschen ein, konnte mich nur noch jeden zweiten Tag aufraffen.

Im Augenblick versuche ich, meinen Wachzyklus wieder auf tagsüber zu verlagern. Das Ergebnis ist vorerst, dass ich nur noch unzusammenhängend schlafen kann. Ich habe das Gefühl, alles nur noch schlimmer zu machen. Ich nehme mein Medikament nach wie vor um halb acht abends ein und wenn der Schlafanstoss kommt, lege ich mich hin. Dann wache ich aber nach nur drei oder vier Stunden wieder auf. Nach so kurzer Schlafenszeit fällt es mir sehr viel leichter, aufzustehen, als wenn ich schon zehn Stunden geschlafen habe.

Die gute Nachricht ist, dass ich die Zeit nutzen konnte für einen Entzug von Schokolade. Gestern war ich einkaufen und habe keine Süßigkeiten mitgebracht. Das ist ein Riesenfortschritt, nachdem ich fast ein Jahr täglich über ein Pfund Schokolade zu mir genommen habe.

Ohne die Genesungsgruppe wäre ich wohl noch tiefer versackt und selbst die habe ich einmal verschlafen. Wenn ich Pflichttermine hätte, die ich sonst absagen müsste, würde ich viel leichter funktionieren. Aber da alle Vorhaben reine Beschäftigungstherapie sind und es keinen Unterschied macht, ob ich dort erscheine oder nicht, muss ich auf Antrieb warten und den bekomme ich derzeit nur, wenn ich nicht mehr schlafen kann.

Diese Woche scheint es ein wenig aufwärts zu gehen. Gestern war ein guter Tag. Heute gebe ich mir Mühe, dass heute auch ein guter Tag wird.

Was tun nach der Ausbildung?

Ich habe noch einen Praktikumsbericht zu schreiben und eine Abschlusspräsentation vorzubereiten, zwei Module und das wars. Dann stehe ich vor dem großen Loch unstrukturierter Zeit.

Im letzten Jahr war zwar nicht immer jeder Tag mit vorgegebenem Programm gefüllt, aber es gab einen gewissen Rahmen und daneben Aufgaben zur selbständigen Bearbeitung. Jetzt habe ich das Gefühl, bald den Halt zu verlieren.

Was sich auch ändern wird ist meine Medikation. Seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August/September nehme ich Olanzapin, mittlerweile nur noch 2,5mg, was mir gut beim Schlafen hilft. Aber es bringt eben auch dieses NL-Zombie-Gefühl, ich bin träge und bocklos bis depressiv und Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, verschwinden im Nebel. Vielfach ist mir Lithium empfohlen worden und ich möchte es nun damit versuchen. Auch das beginnt im August.

Was Mitte August ausläuft ist der Vertrag mit der Integrierten Versorgung. Da bin ich noch nicht ganz schlüssig, ob ich den verlängern will. Mittlerweile habe ich das Krankenhaus durch mein Praktikum von einer ganz anderen Seite kennengelernt und bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin um jeden Preis ambulante Behandlungen vorziehen will. Das fängt schon mit der Einstellung auf Lithium an, was man im Krankenhaus unter recht engmaschigen Kontrollen machen kann. Darüber werde ich mit meiner Ärztin nochmal sprechen.

Und dann ist da eben die Frage, ob ich wirklich als Genesungsbegleiter tätig werden will. Ich kann mir eine Tätigkeit außer Haus an drei Tagen die Woche zu je drei Stunden gut vorstellen. Das gibt etwas Struktur für die Woche und bietet soziale Kontakte, die mir in gewissem Maß gut tun. Mit Hausarbeit und Arztterminen ist die restliche Zeit schnell gefüllt. Das finde ich etwas schade, weil ich gerne wieder mehr schreiben würde.

Wenn ich auf das letzte Jahr blicke, so ist das Schreiben völlig in den Hintergrund geraten. Ich habe fast nur geschrieben, wenn es eine Aufgabe war, die uns gestellt wurde – weil ich mich insgesamt zu kaum etwas aufraffen konnte, weil alles so viel Kraft kostete. Ich habe die leise Hoffnung, dass das Lithium mir auch damit helfen kann, weil ich dieses Nicht-aufraffen-können für depressive Symptome halte.

Schaffe ich es kaum zu bloggen, ist an das Schreiben eines Romans nicht zu denken. Und ich möchte gerne wenigstens einmal in meinem Leben ein Manuskript fertigstellen. Einmal. Theoretisch habe ich beste Rahmenbedingungen, weil ich finanziell gut versorgt bin und nicht arbeiten muss, leider aber auch nicht kann.

Was mir fehlt, ist Kontinuität. Durch die ständigen wechselnden Phasen schaffe ich kaum etwas zu Ende zu bringen. Erst lege ich in manischem Übereifer los, dann liegt alles monatelang brach, weil ich nur noch im Bett oder vor dem Fernseher liege. Dann ist mir alles zu viel und meine gesteckten Ziele erscheinen mir allesamt überhöht und unrealistisch. Zwischendurch produziere ich Mist, wenn ich psychotisch bin (Beispiel: Gutenachtgeschichte für Psychotikerverstehenwoller).

Vielleicht sollte ich nur einen oder zwei Tage die Woche arbeiten, dann hätte ich mehr Zeit zum Schreiben. Ich muss es nur dann auch wirklich tun und mich tatsächlich daransetzen. Ich denke es würde mir gut tun, wenn ich wieder zur Schreibwerkstatt ginge, weil ich dann nicht ganz so alleine mit meinem Werk wäre. Mir hilft es, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand meine Arbeitsleistung erwartet.

Aus meiner Studienzeit weiß ich noch, wie schwer es mir gefallen ist, alleine am Schreibtisch mit dem Stoff zu kämpfen. Zum Glück hatte ich einen Kommilitonen, der mir per Messenger half. Rückwirkend betrachtet ist mir aber klar, dass ich zu der Zeit depressiv war und ich deshalb blockiert war, genauso wie ich zuvor manische Energie gehabt hatte. Wie wohl die Mitte sein wird?

Ich möchte schon gerne als Genesungsbegleiter tätig werden, fühle mich aber bisher immer wieder unfähig und glaube, dass ich den Leuten mitunter auch schaden kann. Genauso wie ich zwischenzeitlich immer wieder denke, dass meine Texte nichts taugen. Beides in meinem Alltag unterzubringen sollte wohl möglich sein. Ich denke auch, dass mir die Abwechslung gut tun wird.

Was ich noch unterbringen muss ist eine Psychotherapie. Die ist lange überfällig und nicht zum ersten Mal habe ich auch von mir aus den Wunsch danach. Im Augenblick habe ich auch die Kraft, einen Therapieplatz zu suchen. Terminlich gesehen ist es besser, die Suche ab August anzugehen. Im Augenblick bin ich noch ausgebucht.

Wahrscheinlich läuft es doch wieder darauf hinaus, dass ich weniger Zeit habe als mir lieb ist – sobald der Antrieb wieder da ist.

Nochmal kurz Neuigkeiten sammeln

Also icke bipolar jetzt. Nicht mehr schizo-affektiv offiziell. Also Psychosen ab jetzt nur noch heimlich und in Blogbeiträgen oder Geschichten chiffriert.

Die Gay-X-Men treffen sich künftig jeden 2. Samstag und nicht mehr jeden 3. Samstag! Der Termin wurde bewusst auf den selben Tag gelegt, an dem sich abends die Hanse-X-Men treffen.

Beim QRS bin ich bis auf Weiteres ausgestiegen. Das wird mir einfach zu viel mit den Ehrenämtern. Die Seite Queer Refugees bleibt natürlich erhalten.

Seiten überarbeitet: 

 

  1. Diagnose = Störung?
  2. Manie
  3. Depression
  4. Zur Mitte finden
  5. Das Gleichgewicht halten

 

 

Neue Geschichten:

Fettlogik-Schleifen: Das Ringen mit dem inneren Schweinehund

17. Juli 2016

Als ich nach Bonn gefahren war, tat ich das mit dem Vorsatz, nun endlich kraft des Tapetenwechsels und der selbstgewählten sozialen Isolation wieder von der Schokolade loszukommen, mich nur von Diätshakes und Magerquark mit Obst zu ernähren und so ganz nebenbei und ohne jede Mühe abzuspecken.

Aufgeschoben habe ich dieses Vorhaben, bis ich nach einigen Tagen bei meiner Mutter auch wirklich ganz allein in dem Appartment Nr. 21 in Bonn war. Durchgehalten habe ich das Ganze keinen halben Tag. Ich trete auf derselben Stelle wie vorher.

Es ist immer wieder dasselbe: Vertagen und Scheitern. Mal in kürzeren oder längeren Intervallen. Mal halte ich auch einige Tage durch, bis die Stimmung und damit das Gewichtsreduktionsprojekt kippt. Und wieder ein Punkt für den Schweinehund.

Hier seht ihr einen Schweinehund:

Innerer Schweinehund

Inschrift: MEIN INNERER SCHWEINEHUND

Für mich sieht es ehrlich gesagt weniger nach Hund aus und mehr nach einem Schwein im Gestapo-Mantel. Es handelt sich um eine Skulptur an der Bonner Museumsmeile, die folgende Inschrift trägt:

INNERER SCHWEINEHUND

ART:
Tier mit Instinkten niedriger Art.

UNTERSCHLUPF:
In Dir und in Mir, d.h. in jedem einzelnen Individuum des Homo Sapiens.

WACHSTUMSBEDINGUNGEN:
Wächst sich groß, wenn Menschen Opfer der Gewalt, der Erniedrigung und respektloser Verfahren werden.

BETRAGEN:
Greift die etische Wertgrundlage des Menschen an, so daß Rassismus, Fremdenhaß und Intoleranz die Übermacht bekommen.

VERBREITUNG:
Kann völlig die Macht über einzelne Menschen, über soziale Gruppen und im Extremfall über ganze Bevölkerungen nehmen.

DARF NICHT GEFÜTTERT WERDEN

Dem Künstler ging es bei seinem Werk ganz offenbar weniger ums Abnehmen als mehr um ein Zeichen gegen Fremdenhass. Aus meiner Sicht sind aber ganz ähnliche innere Konflikte, denen man erliegt oder auch nicht. Stets ist es die Macht der Gewohnheit, die den Sieg davonträgt.

Welche Gedanken habe ich über meine Mitmenschen? Sollte ich den neuen Kollegen mal fragen, ob er wirklich aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch verzichtet, ob es gesundheitliche Gründe hat oder ob er vielleicht Veganer ist? Nein, lieber nicht. Eigentlich geht mich das ja gar nichts an. Was soll der denn dann über mich denken.

Welche Gedanken mache ich mir über mein Essen? Sollte ich heute mal nur einen kleinen Salat oder eine Suppe nehmen? Eigentlich habe ich gar keinen richtigen Appetit. Aber es ist doch jetzt Mittagspause und was ist, wenn ich dann gleich wieder Hunger habe? Wenn ich nachher nochmal runtergehe, um mir einen Apfel zu holen, halten mich die Kolleginnen für einen Vielfraß.

In beiden Fällen vermischen sich die Gedanken über Essen mit Spekulationen darüber, was andere Menschen denken könnten. Wenn ich stark adipöse Menschen sehe, denke ich mittlerweile höchst abfällig über sie. Solche Gedanken möchte ich nicht, dass andere über mich hegen, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hänge ich in meinem gegenwärtigen (Fr)Essverhalten fest.

Es muss doch möglich sein, mich Babyschrittchen für Babyschrittchen wieder hin zu einem gemäßigteren Ernährungsverhalten zurückzubewegen. Ich habe es schon einmal geschafft und ich kann es wieder schaffen. Ich will es auch. Wirklich!

Morgen starte ich einen neuen Versuch mit der magischen Kohlsuppe nach Marion Grillparzer. Natürlich startet meine Diät erst morgen. Denn heute ist ja noch Schokolade da. ;)

Wer sich für meine inneren Grabenkämpfe der letzten Wochen in der ausführlichen Variante interessiert, kann gerne weiterlesen.

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