In Köln findet am Pfingstmontag die vierte Mad Pride statt

In Köln findet am Pfingstmontag die vierte Mad Pride statt

Viele erleben uns als irritierend, wenn wir sind, wie wir sind. Viele meinen, unser Alltag wäre leidvoll. Doch das ist ihr Problem, nicht unseres.

Die Einladung zur Mad Pride am Pfingstmontag, den 21. Mai 2018 ab 13 Uhr spricht sowohl psychisch Kranke und andere Behinderte, aber auch Transleute und eben doch wieder Schwule an. Ich sehe mich da in vier Zielgruppen. Der CSD in Köln findet zusätzlich im Juli statt.

Laut dem Pressetext wird die Parade vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener getragen. Denen könnte ich ja mal einen dezenten Hinweis geben, dass ich mich von „Transen“ nicht angesprochen fühlen will. Von „Tunten“ allerdings auch nicht. Genausowenig sehe ich mich als „Psycho“. Das soll wohl lustig sein oder empowernd oder beides, aber ich finde das nicht hilfreich, das klingt in erster Linie marktschreierisch und schreckt mich eher ab als mich anzusprechen. Dabei spreche ich selbst auch von „Spaßtransen“ und kenne ja auch „Berufstransen“. Aber das alles in einem Kontext, in den es passt. Viele Transleute sind von dem Begriff „Transen“ beleidigt, weil er vielfach abwertend gebraucht wird. Genau da wollen die Initiatoren wohl ansetzen und ihn zurückerobern. Vielleicht eine Frage der Zeit, bis ich das anders sehe.

Nach der Parade treten in Odonien verschiedene Bands auf, unter anderem BRINGS. Sommerblut, das Festival der Multipolarkultur dauert vom 5. -21. Mai 2018.

Mich hat ein Bekannter hier aus Hamburg darauf aufmerksam gemacht und gefragt, ob ich hingehen will. Ja, reizen täte es mich schon. Endlich wieder ein Anlass für eine Reise ins Rheinland. Das würde mich schon freuen. Die Bewegung täte mir sicherlich gut.

Was mir zusagt ist die Uhrzeit, ich muss nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen und das Konzert dauert auch nicht bis in die Puppen. Das scheint mir gut zu bewältigen. Ich weiß aber nicht, ob ich den Belastungen einer Zugreise und dem Trubel vor Ort gewachsen bin. Und ich bin so schlecht verplanbar.

Aber brauchen wir überhaupt eine Prideveranstaltung wie den CSD für Ver-rückte? Wenn ich mir ansehe, was der CSD in 25 Jahren geleistet hat: Ja, das ist bitter nötig.

Party statt Pathologie können wir hier in Hamburg auch brauchen. Es muss einfach transparenter werden, wie viele das Thema psychischer Krankheit betrifft, es tut gut zu sehen, wie viele sympathisieren und wir müssen dahin, dass man keine Angst mehr haben muss, sich erstmals in Behandlung zu begeben aus Sorge, abgeschrieben zu werden, wenn das publik wird. Viele halten mit ihrer Krankheit hinter dem Berg aus Angst vor dem Stigma und viele werden auch wirklich noch ausgegrenzt, vor allem am Arbeitsplatz. Das habe ich selbst ja auch erlebt.

Mit meine Geschlechtsangleichung hatten die Kolleginnen und Kollegen kein Problem, aber nachdem ich in der Psychiatrie war, wurde ich geschnitten, weil alle mit mir überfordert waren. Viel zu oft wird mir auch in Gesprächen gesagt „Aber du hast ja bestimmt einen guten Therapeuten, mit dem du darüber reden kannst“ und das passiert mir nur dann, wenn bekannt ist, dass ich eine Diagnose habe. Gelte ich als „gesund“ kann ich stundenlang rumjammern, wie schwer mir das Leben doch fällt, da werde ich nicht weggeschickt.

Sowas muss sich ändern. Wir brauchen alle mehr Wissen über psychische Erkrankungen, über das Leben damit und das bereits bevor es uns selbst erwischt. Und, das wäre der nächste Punkt, wir müssen dringen mal etwas an dieser kranken Gesellschaft ändern, die uns alle krank macht. Und wir selbst machen doch diese Gesellschaft aus, jeder einzelne von uns.

Also: Arsch huh und Zäng ussenand! (Arsch hoch und Zähne auseinander!)

Diese Mad Pride klingt nach einer Party, die bestimmt auch meinem Onkel gefallen hätte.

Warum nur geht mir das immer wieder so nahe?

Warum nur geht mir das immer wieder so nahe?

Es ist so, dass ich hochsensibel bin. Die Frage ist rhetorisch. Es ärgert mich und wäre mal wieder ein Fall fürs mimimi. Ich weiß, warum ich keine Distanz wahren kann. Ich sehe mich in dem jungen Mann wieder. Schon einmal war mir das passiert mit einem Patienten, während meines Vertiefungspraktikums. Da war die mangelnde Distanz unprofessionell. Jetzt bin ich Kollege – da ist es einfach menschlich, finde ich. Ich habe mich u.a. ja wegen dieser Problematik gegen die Tätigkeit als Genesungsbegleiter entschieden.

Weil ich das einfach nicht in den Griff kriegen können kann. Heute war doppelt doof, weil ich einen Tag nicht geschlafen habe und gerade von tags auf nachts schlafen umschalten wollte, als mich abends ereilte, miterleben zu müssen, wie der Knabe sich mal wieder in Diskussionen verstrickte, die beiden Seiten nur Kummer bereiteten. Weil wegen diese Sache mit der Kommunikation ist eine, wo mindestens zwei Seiten dran sägen und eben auch Verantwortung haben.

Und nun geht mir der Scheiß rauf und runter, ich fiebere mit und überlege, welche Lebensratschläge ich ihm erteilen könnte, welche Verhaltensvorschläge ich machen könnte. Wie der Dialog hätte erfolgreich verlaufen können. Wo ich die Fehler auf beiden Seiten sah. Und mich doch machtlos erleben musste, nur sehr zaghaft überhaupt eingreifend und mit der Vermittlung über- und eigentlich auch gar nicht gefordert.

Das müssen die beiden lernen. Aneinander womöglich.

Ich könnte Geschichten darüber schreiben noch und nöcher, aber sie langweilen mich schon beim Gedanken daran. Ein idealer, konfliktloser Dialog ist nicht von Interesse in der Literatur. Aber er könnte es versuchen mit einem, wo eine Seite sich besonnen verhält, während die andere auf die Beziehungsebene der Botschaft reagiert. Wäre ne super Schreibtherapie-Übung. Dazu müsste er Verantwortung übernehmen. Verantwortung für die Gefühle des Lesers. So wie er es bei seinen Geschichten sonst auch tut.

Zerbrich Dir nicht den Kopf für andere„, hat meine Mutter mir oft gesagt.

Ja, würde ich gerne tun, nur wie zum Teufel soll das gehen? Ich zerbreche ihn mir, dieser abendliche Konflikt im Chat hat mich aufgewühlt und lebt in mir weiter, raubt mir den so wertvollen Schlaf und wegen meiner Erkrankung *mimimi* muss ich mir schon wieder Sorgen machen, nun nicht wieder in die andere Richtung aus dem Lot gerate.

Wieviel Pillen muss ich nehmen, damit ich in diese scheißverdammte Gesellschaft passe?

Muss ich meinen Roman im Psychotikerforum schreiben, weil die da gepflegt miteinander umgehen, weil sie wissen, wie das ist? Könnte ich thematisch tatsächlich tun, denn Verrückt vor Liebe weist Figuren mit psychischen Erkrankungen auf. Sicher werde ich mir auch einzelne Probeleser dort rauspicken, aber Schriftsteller, die mir konstruktive Kritik geben, werde ich da nicht allzu viele finden.

Projekt nachts schlafen ist gescheitert, wir sind wieder im Level überhaupt schlafen angelangt. Die letzten Tage bzw Nächte, als ich nur nachts on war und niemand dort im Chat anzutreffen, waren irgendwie ruhiger. Auch die Nacht mit der geklauten Stunde, die war sehr schön zu dritt verchillt. Ein Freund von mir arbeitet ja am liebsten nachts, weil es da ruhiger ist. Ich fand die Frühschichten in der Küche immer sehr angenehm. Aber da lag ich auch um vier Uhr nachmittags platt im Bett und nichts anderes ging.

Der nette Nebeneffekt wird sein, dass ich schlafentzügig wieder schreibfreudiger sein werde und nicht mehr so durchhänge wie die letzte Woche. Wenn „psychisch stabil“ unter Lithium ein Hin- und Herpendeln bedeutet, wie mit dem Kollegen neulich besprochen, dann bin ich ja stabil. Wenn einer fragt: Es geht mir gut. ;)

Es geht mir auf den Sack! *mimimi

Was wäre also für mich das korrekte Verhalten? Den Chat zu verlassen, sobald sich hitzige Diskussionen anzetteln? Das habe ich eine Weile im Psychoseforum gemacht, weil Menschen in einer gewissen mitteilungsbedürftigen Weltrettungsstimmung einfach nicht zu bremsen sind. Aber auch, weil mich ganz normale Harmlosigkeiten total auf die Palme gebracht haben. Solche, die nicht hochsensible Personen gar nicht wahrnehmen. Über den Punkt bin ich, glaube ich, hinweg.

Ich will teilnehmen am scheißnormalen Leben mit Zickenkrieg und Ätzkollegen. Und ich habe im Schreibforum genau das gefunden und ich habe jede Möglichkeit, mich sofort zurückzuziehen, sobald Miss Nölnase auftaucht und trotzdem tue ich es nicht. Wenn ich mich nur in Watte packe, fühle ich mich auch elend. Alles schon ausprobiert.

Was mir jetzt noch fehlt zum normal sein ist ein Freundeskreis, dem ich vorjammern kann, wie gottverdammt stressig so ein Leben als Schriftsteller doch ist. Die Bezahlung ist unterirdisch und der Lektor – ja, ich freu mich schon aufs Lektorat! Wenn mich denn einer will – also mein Buch. Wenn ich es denn schaffe zu schreiben.^^

Wenn ich lauthals über meinen unsensiblen, sturen und verständnislosen Lektor plärren kann, dann bin ich glücklich. Für einen klitzekleinen Moment zumindest. Bis mir wieder einfällt, was ich dafür alles auf mich nehmen musste. Zeichen um Zeichen, Zeile um Zeile, Seite um Seite. Diese verdammte, ätzende, anstrengende Schreiberei!

Ich will genau das haben und nichts anderes. Und wenn ich mich durch Kindergeschichten quälen muss, damit ich aus meiner Komfortzone rauskomme, dann tue ich das aus freien Stücken. Wenn die dann hinreichend für niedlich befunden worden ist, poste ich die auch bestimmt – noch habe ich ja keinen Ruf zu verlieren.

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Am vergangenen Sonntag habe ich mich mit anderen Genesungsbegleitern aus meinem EX-IN-Kurs getroffen.

Ein Kollege ist auch bipolar, hat aber im Gegensatz zu mir 23 Jahre Erfahrung mit der Erkrankung, davon ist er 18 Jahre stabil – trotz eines einschneidenden Lebensereignisses vor zwei Jahren. Er sprach davon, dass auch bei ihm das Schlafen immer mal wieder eine Riesennummer ist, dass er zwischenzeitlich richtig Angst vor dem Einschlafen hatte – so ging es auch mir. Auch er nimmt zusätzlich zum Lithium ein Neuroleptikum, damit er schlafen kann. Auch er hat immer mal wieder leichte Schwankungen nach oben in Richtung Manie sowie nach unten in Richtung Depression. Die er aber gut im Griff hat dank der Medis. Er kommt über längere Zeit mit sechs, sieben Stunden Schlaf aus und arbeitet bis zu 50 Stunden die Woche, daneben findet er noch Zeit für seine Kinder. Das finde ich beachtlich.

Es tut gut, mit diesem Erleben nicht allein zu sein. Und es macht mir Hoffnung, dass es auch mir möglich ist, trotz Erkrankung das beste für mich rauszuholen. Im Augenblick ist es die Arbeit an meinem Roman, die ich ganz auf meine Bedürfnisse abstimmen kann. (Dazu: behindertengerechter Arbeitsplatz)

Ich reduzierte das Olanzapin, weil ich zu viel schlief, weil ich zu langsam war im Kopf und zu wenig Ideen hatte, weil mich das total lähmte und mein Leben wenig lebenswert machte. Das ist jetzt mit der Mindestdosierung nicht mehr der Fall. Ich habe im Augenblick eher wieder zu viele Ideen, ich schlafe grenzwertig wenig und bin leicht hypoman, aber ich fühle mich endlich wieder wohl. Die Dosierung scheint jetzt endlich zu stimmen.

Ich bin lebendig, habe am Leben teil so gut es geht. Da mir dieses Treffen wichtig war, hatte ich auf den Stammtisch am Vorabend verzichtet. Ich hatte nämlich mal wieder Lust, aber abends unter Leute zu gehen ist viel zu spät, um noch zu einer halbwegs akzeptablen Uhrzeit Schlaf zu finden. Damit wäre das heutige Treffen gelaufen gewesen, beides zusammen hätte ich nicht bewältigen können. Nach anderthalb Stunden reichte es mir auch und eine halbe Stunde später klinkte ich mich aus.

Ich werde meinen Schlaf weiter beobachten, denn unter sechs Stunden sollte er nicht fallen. Denn dann geht es wieder durch den Schlafentzug in die Manie und von der Manie in die Psychose und spätestens dann wieder in die Klinik und damit in die Fixierung. Wenn man diese Kausalkette einmal begriffen hat, diese Gesetzmäßigkeit der bipolaren Störung, dann begreift man, dass hypoman zu sein nicht einfach bedeutet, eben gute Laune zu haben und eine besonders dolle kreative Schaffensphase. So kann es im Idealfall laufen, dazu muss man aber seine Frühwarnzeichen kennen und entsprechende Strategien ergreifen wie binaurale Klänge hören oder andere Entspannungstechniken anwenden und / oder eben Pillen einwerfen. Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden. Ich habe für mich herausgefunden, was mir wann gut tut und was nicht.

Mein Fehler am Sonntag war sicherlich, in den Chat zu gehen, denn dort habe ich mich mit einer anderen Schriftstellerin intensiv ausgetauscht und wir haben meine Geschichte einmal komplett durchgeplottet. Das hat zum einen gedauert bis viertel nach zwölf und zum anderen nochmal gedankliche Prozesse in mir ausgelöst. Genau das war es, was ich hatte vermeiden wollen, als ich mich von der Gruppe um fünf verabschiedet hatte.

Nun denn, das ist eben das Leben. Ich kann mich nicht permanent nur isolieren und vor jeglichen Inspirationen Reißaus nehmen. Es bedrückt mich ohnehin schon, dass ich meine Freunde idR so selten sehe. Zu sozialen Kontakten wird einem aber auch immer von Therapeuten geraten, die ihre Tage damit verbringen, die ganze Zeit mit Menschen zu reden. Das sagte mir ein Kollege, der sich ebenfalls früh ausklinkte und auch eher introvertiert ist.

Zu Hause war ich gegen sechs und es ist jetzt gleich wieder sechs. Zwölf Stunden Nachklingen wäre es nicht gewesen, wenn ich im Chat nur entspannendes, lustiges Rumgeblödel gefunden hätte wie so oft. Ich muss das noch üben, mehr gestaltend einzugreifen. Ich hätte es zum Beispiel beim Pitch belassen können und dann sagen, dass ich heute abend nicht weiter drüber sprechen will. Aber ich hatte für heute schon meine Heldentat, als ich mich von der Gruppe verabschiedete und nicht noch mitging, obwohl ich sehr neugierig war, mich auch mit anderen auszutauschen.

Bereits als ich heimkam, war ich richtig übervoll mit Eindrücken, habe meinem Schatz eine zwanzigminütige WhatsApp geschickt und von meinem Tag erzählt, der nun diesmal wirklich aufregend war im Vergleich zu meinen sonstigen Tagen. Ich achte eben idR darauf, nicht zu viele Aufreger in meine Woche einzubauen. Weil ich hochsensibel bin und um meine Schwierigkeiten mit der Reizüberflutung weiß.

Ich weiß, dass ich mich gerne mehr mit Menschen im RL austauschen würde. Aber ich weiß auch, dass da die Reizflut eine sehr viel höhere ist und ich irrelevante Daten verarbeiten muss wie Gerüche und Hintergrundgeräusche, die ich bei Kontakten via Internet nicht habe. Und erst nachdem ich die neu obendrauf gekommenen Plotgedanken zu meinem Roman abgearbeitet hatte, kam ich dazu, diese RL-Begegnung zu reflektieren.

Andere haben einfach nur gute und schlechte Tage, ich schwanke zwischen Hypomanie und Subdepression hin und her. Das Fatale ist, dass ich manisch immer so eine Ausstrahlung habe, dass die Leute auf mich zukommen und ich dann nicht nein sagen kann zu endlosem Gequatsche, weil ich selbst ja auch kontaktfreudig und mitteilsam bin. Aber genau das ist dann Gift.

Einem Maniker hört man am besten nur stumm nickend zu oder bleibt einsilbig und gibt ihm nach Möglichkeit keine neuen Impulse, die das Gedankenkarussell nur weiter drehen lassen.

Trotzdem empfinde ich diese phasenhaften Schwankungen nicht ausschließlich als eine Krankheit, denn sie begleiten mich schon mein Leben lang und werden das auch weiterhin tun.

Es sind die Begegnungen mit Menschen,

Es sind die Begegnungen mit Menschen,

die das Leben lebenswert machen.

Heute war wieder so ein Tag, an dem ich sehr deutlich gespürt habe, dass es einen Unterschied macht, ob ich da bin oder nicht.

Es war ein Praktikumstag in der Klinik, ich habe mich also anderthalb Stunde in Bus und Bahn gesetzt, um drei Stunden zu arbeiten und danach wieder anderthalb Stunden in Bus und Bahn zu verbringen. Fifty-fifty, genau an der Schmerzgrenze.

Ich leite dort eine Recoverygruppe und bisher hatte ich es mir nicht zugetraut, alleine zu moderieren. Einmal war es gut gegangen, einmal lief es aus dem Ruder und danach hatte ich mir Unterstützung geholt. Heute war meine Co-Moderatorin eine Auszubildende, die selbst sehr unsicher war, was denn nun genau ihre Aufgabe sei. So habe ich mich nicht alleine und überfordert gefühlt, aber dennoch die Moderation sozusagen hauptamtlich übernommen und fühlte mich zum ersten Mal wohl dabei. Es lief sehr harmonisch ab und alle waren happy am Ende. Neu war, dass ich es tatsächlich geschafft habe, eine Gruppenteilnehmerin dezent zu begrenzen, um einem anderen Teilnehmer Raum zu verschaffen. Und es hat gar nicht weh getan.

Nach der Gruppe habe ich meinen „Papierkram“ am Computer gemacht und dann war noch etwas Zeit, neue Patienten kennen zu lernen. Davon gab es einige, da ich mich letzten Mittwoch hatte krankmelden müssen. Es war das erste Mal, dass ich es mit nur wenig Überwindung geschafft habe, aktiv auf die Leute zu zu gehen, mich vorzustellen und nach dem Namen zu fragen. Bisher hatte ich mich immer noch sehr passiv verhalten, Namen durch Beobachtung aufgeschnappt und abgewartet, bis jemand auf mich zugeht. Dabei finde ich es so wichtig, dass das Personal auf die Patienten zugeht, weil ich selbst immer eine sehr hohe Hemmschwelle überwinden musste, wenn ich mich mit einem Anliegen beim Dienstzimmer melden musste – zudem fühlte ich mich dabei immer wie ein Bittsteller. Das will ich meinen Patienten ersparen.

Ich durfte in meiner letzten Viertelstunde vor Feierabend noch ein sehr angenehmes Gespräch führen, in dem zunächst zweifelnd gefragt wurde, wie ein Gespräch mit mir denn helfen könne und sich sehr umsichtig danach erkundigt wurde, was ich den tun würde, um mich zu schützen. Zum Abschluss wurde dann festgestellt, dass das Gespräch mit mir doch gut tue und das war so ein Moment, wo ich dachte: Ja, das ist es. Das will ich tun: Andere Menschen bei ihrer Genesung begleiten.

Ich hoffe, solche Tage halten sich die Waage mit denen, an denen ich an mir zweifle und alles in Frage stelle. Wenn man mich heute fragen würde, ob ich nach dem Praktikum dort weiterarbeiten wolle, würde ich sofort ja sagen. Wenn ich daran denke, dass ich zwischenzeitlich am liebsten das Praktikum abbrechen wollte, muss ich mir rückwirkend den Vogel zeigen.

Am Mittwoch habe ich wieder einen Praktikumstag, dann ohne Gruppe und entsprechend viel Zeit für Einzelgespräche, Spaziergänge oder Tischtennis. Nur noch zweimal Mittwoch und zweimal Montag, dann ist Ende Juli und damit endet auch mein Praktikum. Eigentlich schade, auch wenn ich auf der anderen Seite froh bin, dass das unentgeltliche Arbeiten ein Ende hat.

Jetzt ist es an der Zeit, mit dem Praktikumsbericht anzufangen. Am besten gebe ich auch gleich übermorgen Bescheid, dass ich auch eine Praktikumsbescheinigung brauche.

Wer mir wohl ab August begegnen wird?

Was tun nach der Ausbildung?

Ich habe noch einen Praktikumsbericht zu schreiben und eine Abschlusspräsentation vorzubereiten, zwei Module und das wars. Dann stehe ich vor dem großen Loch unstrukturierter Zeit.

Im letzten Jahr war zwar nicht immer jeder Tag mit vorgegebenem Programm gefüllt, aber es gab einen gewissen Rahmen und daneben Aufgaben zur selbständigen Bearbeitung. Jetzt habe ich das Gefühl, bald den Halt zu verlieren.

Was sich auch ändern wird ist meine Medikation. Seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August/September nehme ich Olanzapin, mittlerweile nur noch 2,5mg, was mir gut beim Schlafen hilft. Aber es bringt eben auch dieses NL-Zombie-Gefühl, ich bin träge und bocklos bis depressiv und Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, verschwinden im Nebel. Vielfach ist mir Lithium empfohlen worden und ich möchte es nun damit versuchen. Auch das beginnt im August.

Was Mitte August ausläuft ist der Vertrag mit der Integrierten Versorgung. Da bin ich noch nicht ganz schlüssig, ob ich den verlängern will. Mittlerweile habe ich das Krankenhaus durch mein Praktikum von einer ganz anderen Seite kennengelernt und bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin um jeden Preis ambulante Behandlungen vorziehen will. Das fängt schon mit der Einstellung auf Lithium an, was man im Krankenhaus unter recht engmaschigen Kontrollen machen kann. Darüber werde ich mit meiner Ärztin nochmal sprechen.

Und dann ist da eben die Frage, ob ich wirklich als Genesungsbegleiter tätig werden will. Ich kann mir eine Tätigkeit außer Haus an drei Tagen die Woche zu je drei Stunden gut vorstellen. Das gibt etwas Struktur für die Woche und bietet soziale Kontakte, die mir in gewissem Maß gut tun. Mit Hausarbeit und Arztterminen ist die restliche Zeit schnell gefüllt. Das finde ich etwas schade, weil ich gerne wieder mehr schreiben würde.

Wenn ich auf das letzte Jahr blicke, so ist das Schreiben völlig in den Hintergrund geraten. Ich habe fast nur geschrieben, wenn es eine Aufgabe war, die uns gestellt wurde – weil ich mich insgesamt zu kaum etwas aufraffen konnte, weil alles so viel Kraft kostete. Ich habe die leise Hoffnung, dass das Lithium mir auch damit helfen kann, weil ich dieses Nicht-aufraffen-können für depressive Symptome halte.

Schaffe ich es kaum zu bloggen, ist an das Schreiben eines Romans nicht zu denken. Und ich möchte gerne wenigstens einmal in meinem Leben ein Manuskript fertigstellen. Einmal. Theoretisch habe ich beste Rahmenbedingungen, weil ich finanziell gut versorgt bin und nicht arbeiten muss, leider aber auch nicht kann.

Was mir fehlt, ist Kontinuität. Durch die ständigen wechselnden Phasen schaffe ich kaum etwas zu Ende zu bringen. Erst lege ich in manischem Übereifer los, dann liegt alles monatelang brach, weil ich nur noch im Bett oder vor dem Fernseher liege. Dann ist mir alles zu viel und meine gesteckten Ziele erscheinen mir allesamt überhöht und unrealistisch. Zwischendurch produziere ich Mist, wenn ich psychotisch bin (Beispiel: Gutenachtgeschichte für Psychotikerverstehenwoller).

Vielleicht sollte ich nur einen oder zwei Tage die Woche arbeiten, dann hätte ich mehr Zeit zum Schreiben. Ich muss es nur dann auch wirklich tun und mich tatsächlich daransetzen. Ich denke es würde mir gut tun, wenn ich wieder zur Schreibwerkstatt ginge, weil ich dann nicht ganz so alleine mit meinem Werk wäre. Mir hilft es, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand meine Arbeitsleistung erwartet.

Aus meiner Studienzeit weiß ich noch, wie schwer es mir gefallen ist, alleine am Schreibtisch mit dem Stoff zu kämpfen. Zum Glück hatte ich einen Kommilitonen, der mir per Messenger half. Rückwirkend betrachtet ist mir aber klar, dass ich zu der Zeit depressiv war und ich deshalb blockiert war, genauso wie ich zuvor manische Energie gehabt hatte. Wie wohl die Mitte sein wird?

Ich möchte schon gerne als Genesungsbegleiter tätig werden, fühle mich aber bisher immer wieder unfähig und glaube, dass ich den Leuten mitunter auch schaden kann. Genauso wie ich zwischenzeitlich immer wieder denke, dass meine Texte nichts taugen. Beides in meinem Alltag unterzubringen sollte wohl möglich sein. Ich denke auch, dass mir die Abwechslung gut tun wird.

Was ich noch unterbringen muss ist eine Psychotherapie. Die ist lange überfällig und nicht zum ersten Mal habe ich auch von mir aus den Wunsch danach. Im Augenblick habe ich auch die Kraft, einen Therapieplatz zu suchen. Terminlich gesehen ist es besser, die Suche ab August anzugehen. Im Augenblick bin ich noch ausgebucht.

Wahrscheinlich läuft es doch wieder darauf hinaus, dass ich weniger Zeit habe als mir lieb ist – sobald der Antrieb wieder da ist.

Unser Vortrag an der Uni

Am nächsten Dienstag, 20. Juni 17, um 18 Uhr hält unsere EX-IN-Kursgruppe eine Vorlesung an der Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Hörsaal A.

Es geht um die Fragestellung, was Genesungsbegleiter zu weniger Zwang und Gewalt in der Psychiatrie beitragen können. Wir haben uns in den letzten Wochen sehr intensiv zum Thema ausgetauscht und nun liegen angesichts unseres bevorstehenden Auftritts die Nerven blank – meine jedenfalls, spätestens nach der heutigen Generalprobe.

Es handelt sich um eine öffentliche Veranstaltung; hier zur Programmankündigung der Uni: Beitrag der Peerarbeit zu hilfreichen Milieus und gegen Zwang

Autogramme gibt es dann nach der Vorstellung. ;)

Meine Arbeit als Genesungsbegleiter

Sonntag, 30.04.17

Zum Tag der Arbeit mache ich mir Gedanken über meine Arbeit. Es gehört mit zum Portfolio, das wir ausarbeiten sollen, auch darüber zu schreiben. Das Portfolio zu erstellen ist im Grunde eine Sammlung von Reflexionsübungen. Abgabetermin ist der 10. Juli, also so langsam wird es mal Zeit und die Tabletten bremsen mich jetzt nicht mehr so sehr.

Da ich gerade mein Vertiefungspraktikum begonnen habe, werde ich oft gefragt, was ein Genesungsbegleiter so macht. Ich sage gerne, ich begleite bei der Genesung.  Weiterlesen

Das Jammertal nach dem Höhenflug

Lieber Herr Jott-Punkt, hallo Welt,

ich muss mich doch noch einmal zu Wort melden und will hoffen, dass dies nun wieder häufiger geschieht ohne allerdings so auszuarten wie beim letzten Mal. Meine alten Beiträge durchzugehen und ggf. wieder offline zu stellen, was mir zu peinlich ist, würde viel mehr Kraft erfordern als einfach zu sagen: Schwamm drüber! Die ein oder andere Entgleisung tut mir wirklich leid, viele waren wohl eher lustig und nicht weiter wild. Manch Beitrag könnte den ein oder anderen Angriff enthalten, den ich heute so nicht mehr starten würde. Das möchte ich aber meiner allgemeinen Entwicklung zuschreiben.

Heute sehe ich mich fast ein halbes Jahr nach dem psychotischen Gipfel meiner letzten Manie. Wenn ich das vergleiche mit meiner ersten Manie, so liegen Welten dazwischen, was ich in allererster Linie der Medikation zuschreibe, denn die letzte Manie war weitaus heftiger und anstrengender als meine erste. Diesmal bin ich aber nicht so zugeballert, wie die Ärzte es empfahlen; ich habe nicht zu allem Ja und Amen gesagt in der Hoffnung auf Heilung. Und ich habe mit Olanzapin ein Medikament gefunden, das ich abgesehen von Spontanverfettung (30kg in 3 Monaten) vergleichsweise gut vertrage. Bei meinem nächsten Gespräch mit meiner Ärztin will ich noch eine Stufe runtergehen, weil es nach wie vor so ist, dass ich das Gefühl habe, anders zu sein als ich es normalerweise bin: Langsamer, ruhiger, stiller, in mich gekehrter und das in einem solchen Übermaß, dass ich mich nicht wohl damit fühle.

Und natürlich würde ich gerne wieder abnehmen, schaffe es aber bisher nicht. Ich habe immer wieder Schokoladenkaufundfressanfälle, die ich nicht gänzlich unterdrücken kann. Was mich dagegen freut, ist, dass ich wieder gut in Bewegung eingestiegen bin. Ich fühle mich etwas fitter und bin nicht ganz so schnell aus der Puste wie noch im November.

Das alles findet wohlgemerkt neben der Ausbildung statt, die ich seit September absolviere. Beim ersten Modul habe ich mich manisch präsentiert, das zweite wegen Klinikaufenthalts versäumt und seitdem fleißig das mittlerweile straff anziehende Programm absolviert. Dazu gehören ua.a zwei Praktika, ein in Kleingruppen vor der Großgruppe zu haltendes Referat und ein als Gesamtgruppe auszuarbeitender an der Uni zu haltender Vortrag, der bis hin zur Performance in szenischer Ausarbeitung ausgestaltet werden kann.

Bei meinem ersten Praktikum im Oktober/November war ich noch total platt und ziemlich überfordert. Ich habe tapfer am Treff in einer Einrichtung der ambulanten Sozialpsychiatrie teilgenommen, mich aber nicht wirklich als Begleiter einbringen können. Ein Raum, voll mit Menschen, die alle durcheinanderschnattern überfordert mich einfach. Das ist kein geeigneter Arbeitsplatz für mich. Meine Stärke liegt ganz eindeutig in Einzelgesprächen, die ich dort leider nicht führen durfte.

Mein zweites Praktikum wird im stationären Bereich stattfinden. Geplant ist, dass ich dort eine Spielegruppe anbiete und Einzelgespräche. Hier sehe ich die größte Gefahr, in der vorhandenen Struktur unterzugehen. Und die Geruchsbelastung in den Patientenzimmern wird mich herausfordern. Das habe ich bereits bei der Hospitation bemerkt.

Wenn ich mir so ansehe, was ich geschrieben habe, dann ist das schon wieder sehr viel, viele offene Baustellen. Dabei habe ich noch längst nicht alles angesprochen, was mich im Moment gerade bewegt. Ich glaube aber, das Jammertal habe ich schon wieder hinter mir gelassen.

Jahrestag

Liebes Tagebuch,

alles Gute zu Deinem Geburtstag!

Es ist ein Jahr vergangen, seit ich dieses Blog eingerichtet habe. In diesem Jahr ist verdammt viel passiert. Von einem Höhenflug ging es durch eine dysphorische Manie ab in die Klinik und von da in den Keller der Depression. Noch bin ich dabei, mich von diesen Strapazen zu erholen. Ich habe auch deshalb nicht mehr gebloggt, weil es mich schlichtweg zu sehr angestrengt hätte.

Für mich ist es ein Segen, nun auch offiziell als bipolar zu gelten. Nun habe ich das Gefühl, dass mir auch geholfen wird und ich kann diese Hilfe besser annehmen. Ich bin nur noch unsicher, was ich bin und was ich bin, weil ich manisch-depressiv bin. Dieses Phasenhafte gehörte immer schon zu meinem Erleben und ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt anders haben will. Wenn ich da von anderen lese oder höre, die sich haushoch verschulden oder/und wild durch die Betten hopsen – das mache ich nicht. Ich schreibe wirre Mails und wenns ganz schlimm kommt, verschenke ich mein Eigentum.

In diesen Monaten seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August und September habe ich auch wieder kräftig zugelegt. Ich bin wieder da, wo ich vor zwei Jahren zuletzt war: um 120kg. Das finde ich wirklich schlimm und ich kann die Schuld nur zum Teil auf die Tabletten schieben. Ich war so kurz vorm Ziel und das ist wirklich bitter. Zur Zeit habe ich jedoch auch noch mit Knieproblemen zu kämpfen, deshalb mache ich die letzten Wochen guten Gewissens mit dem Sport Pause. Der Orthopäde will ausschließen, dass der Außenmeniskus angerissen ist. Im März wird ein MRT gemacht und dann wissen wir mehr.

Die Zeit meiner EX-IN-Ausbildung ist schon zur Hälfte vorbei und es steht mein zweites Praktikum bevor. An diesem Blog merke ich sehr deutlich, wie enorm zuviel ich mir vorgenommen habe, beispielsweise diese Kategorie EX-IN und ich habe überhaupt nicht wie angedacht regelmäßig berichtet. Offline habe ich eine kleine Datei, in der ich dann und wann etwas tippe, um meine Entwicklung nicht ganz aus dem Auge zu verlieren. Morgen werde ich Spinatcremesuppe kochen, da sich eingebürgert hat, dass immer samstags jemand von uns kocht und wir dann gemeinsam essen. Das finde ich eine schöne Tradition.

 

Scham-Rolle à la Geschlossene

Überrollt von der Scham nach der Manie mache ich mir Gedanken über die Rolle der Scham und schäme mich meiner wieder frisch angefutterten Speckrollen. Superduper Wortspiel und das trotz Tablettenkonsum – oder gerade deshalb wieder möglich?

Nachdem ich bereits im September zwei Wochen mit Beschluss in Hamburg in der Klinik verbracht hatte, blieb mir noch weniger Zeit, um mein Leben in Hamburg wieder zu ordnen. Mein neues tolles Leben, in dem ich endlich wieder erwerbstätig oder zumindest erkennbar auf dem Weg dahin bin. Das Leben, in dem ich Genesungsbegleiter werde. Weiterlesen

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