Mal wieder beim Stammi gewesen

Mal wieder beim Stammi gewesen

Nach langer Zeit war ich mal wieder auf einem Treffen von Transleuten. Neu war, dass ich dort nun auch mein Pronomen nennen muss – bisher war es ein reines Männertreffen gewesen, nur manche brachten ihre Freundin mit. Mich versetzt die Notwendigkeit des Nennens meines Pronomens zurück in eine schwere Zeit, mit der ich am liebsten nichts mehr zu tun haben will.

Das ist jetzt zehn Jahre her, dass ich mich auf den Weg gemacht habe. Damals hörte ich permanent falsche Pronomen, weil mein Äußeres nicht danach war. Nun tauche ich wieder ein in eine Welt, in der ich mich auf das Äußere der Personen nicht verlassen kann. Diesmal in einer anderen Rolle, in der eines Besuchers, eines Mannes, dem solche Probleme fremd sind.

Ich höre von den Schwierigkeiten mit dem Binder und muss an den Tag denken, an dem ich erkannte, dass das eigentlich etwas typisch Weibliches ist, etwas mit den Brüsten zu machen (BH anziehen). Wenn Männer Brüste haben, lassen sie sie einfach hängen und machen kein weiteres Aufhebens darum. So lebte es mir ein Kommilitone vor.

Als einer fragte, was man bei einer abgelehnten Epithese machen kann, fiel mir mein Riesenproblem damit ein. Ich musste mir ja eine Anwältin nehmen, die den Widerspruch schrieb, und bekam sie dennoch nicht durch, aufgrund meiner psychischen Erkrankung. Aber immerhin konnte ich zwei Anwälte benennen, auch wenn für mich die ganze Aktion sinnfrei war. Meine Haut hatte den Kleber nicht vertragen und es war bereits der für empfindliche Haut. Dazu kam dann noch, dass sich mein Gewicht zu stark veränderte und die Epithese dadurch nicht mehr passte. Deshalb fiel sie auch für gelegentliche Nutzung, nach der ich knallrote Streifen um die Intimzone in Kauf genommen hätte, aus.

Ich erzählte von der Sache mit dem Impf-Ausweis. Vor drei Jahren hatte ich mich impfen lassen und bei der Gelegenheit um einen neuen Impfausweis gebeten. Das bekam ich auch. Einen neuen Ausweis auf meinen schon nicht mehr ganz so neuen Namen und da waren eben genau diese frischen Impfungen eingetragen. Wenn ein Arzt nun aber prüfen soll, ob eine Impfung notwendig ist, muss er auch wissen, welche Grundimmunisierungen ich in der Kindheit bekommen habe. Deshalb liegt der alte Ausweis in dem neuen Ausweis drin.

Und natürlich kam, was kommen musste: „Das ist der Ausweis von dem Herrn Soundso, dadrin liegt der Ausweis von einer Frau Soundso!“, tönt es quer durch die Praxis. Das habe ich trotz Musik auf den Kopfhörern gehört, also auch alle anderen Anwesenden. Sobald ich sagte, dass das mein Ausweis sei, war die Sache geklärt. Und ich natürlich geoutet.

Nun erfuhr ich, dass es ganz normale Namensaufkleber gibt, mit denen man den Ausweis auf der ersten Seite überklebt. Andere Leute ändern ja einfach mal ihren Nachnamen und dafür wird sehr viel häufiger eine Lösung gebraucht. Dafür ist es in meinem Fall zu spät. Es gibt auch die Möglichkeit, nun noch einmal darauf zu bestehen, dass die alten noch relevanten Impfungen in den neuen Ausweis übertragen werden. Ich wurde ermuntert, das beim Hausarzt nochmal anzusprechen. Ich werde es versuchen.

Bin ich bereit, wieder schlank zu werden?

Bin ich bereit, wieder schlank zu werden?

05.07.18

Von Abnehmen kann ich hier schon lange nicht mehr sprechen – hatte schon überlegt, es in Zunehmen umzubenennen, aber die Phase ist vorbei. Im Augenblick geht es so ein bisschen rauf und runter. Gewicht halten, wie man so schön sagt. Vielleicht ist das schon der Erfolg des intermittierenden Fastens, eine Abnahme wie von mir erhofft bringt es jedenfalls nicht.

Ich habe da auch schon jemanden in Verdacht… denn wenn man in den sechs Stunden ein Pfund Schokolade futtert, dann sind das einfach zu viele Kalorien. Ich weiß, dass Kalorienzählen bei mir sehr gut funktioniert, aber ich weiß nicht, ob Schlanksein im Augenblick überhaupt ein Ziel von mir ist.

Ich merke, dass mich stört, dass ich zu schlecht konditioniert bin, um Wandern zu gehen, nur weil Urlaubszeit ist. Ich schaffe nur zwei Stunden bzw. 10km. Meinetwegen, meiner Fettleibigkeit und Kurzatmigkeit wegen muss nun ein anderer Urlaub unternommen werden.

Um 135kg ist mein Leidensdruck einfach nicht hoch genug, als dass etwas passieren würde. Ich steige einmal die Woche die Treppe hoch bis in den 4. Stock (wir wohnen im ersten) und ich merke, wie ich schnaufe. Ich wage es nicht, nach dem Bus zu rennen, aus Angst, sofort in Schweißausbrüche zu versinken.

Ich bin viel zu lange schon an diese Einschränkungen gewöhnt. Meine Garderobe ist auf ein Minimum in der passenden Größe eingeschränkt, aber ich komme damit aus. Natürlich habe ich noch schicke Sachen, die ich gerne wieder tragen würde, natürlich würde ich im Spiegel gerne wieder meine Ohren sehen, aber hey, ich hab schon so viel Schlimmeres durch. Wen kratzen da ein paar Kilos.

Der Witz dabei ist, dass ich die Schokolade langsam echt satt habe. Und trotzdem greife ich ritualisiert zu. Mir fehlen neue Ernährungs- und die passenden Einkaufsgewohnheiten. Zu lange bin ich in die Läden gelaufen und habe alles gegriffen, wonach mir gerade war. Damit muss Schluss sein.

Die Bewegung kommt von allein, sobald sie wieder Freude macht. Wenn ich mir unnötig Druck mache, verleide ich es mir nur.

10.07.18

Nun habe ich eine Woche mit dem Fasten ausgesetzt und prompt zwei Kilo zugenommen. Hat es also doch etwas gebracht.

Ich denke, ich strebe das Schlanksein zur Zeit überhaupt nicht an. Das wird das Kernproblem sein. Ich habe keine Lust, permanent zu verzichten, um schlank zu werden, das ist das eine, aber das Schlankbleiben ist mir diesen dauerhaften Verzicht auch nicht wert.

Obendrein habe ich das Problem, dass mir meine Figur zunehmend missfällt, je schlanker ich werde. Meine Konturen werden dann wieder weiblicher und lassen sich für den Betrachter eben nicht mehr allein mit Übergewicht erklären und führen so zu Irritationen.

Ein weiterer Aspekt ist jedoch, dass ich meine Ziele immer höher stecke und unzufriedener werde mit dem, was ich vorher noch super fand. Ich ende nachher noch wie meine schlankere Hälfte und jammer darüber, dass man mein Sixpack nicht sieht.

Trotzdem muss ich dringend einen Ersatz für die Schokolade finden. Ernährungstechnisch müsste ich sie ersatzlos streichen, aber sie dient mir eben als Belohnung nach einem harten, frustigen oder erfolgreichen Tag, spendet Trost bei Kummer und beruhigt mich auch einfach durch die Kombination aus Zucker und Fett, die mich müde macht, was wichtig ist um den heißersehnten Schlaf zu bekommen.

In Köln findet am Pfingstmontag die vierte Mad Pride statt

In Köln findet am Pfingstmontag die vierte Mad Pride statt

Viele erleben uns als irritierend, wenn wir sind, wie wir sind. Viele meinen, unser Alltag wäre leidvoll. Doch das ist ihr Problem, nicht unseres.

Die Einladung zur Mad Pride am Pfingstmontag, den 21. Mai 2018 ab 13 Uhr spricht sowohl psychisch Kranke und andere Behinderte, aber auch Transleute und eben doch wieder Schwule an. Ich sehe mich da in vier Zielgruppen. Der CSD in Köln findet zusätzlich im Juli statt.

Laut dem Pressetext wird die Parade vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener getragen. Denen könnte ich ja mal einen dezenten Hinweis geben, dass ich mich von „Transen“ nicht angesprochen fühlen will. Von „Tunten“ allerdings auch nicht. Genausowenig sehe ich mich als „Psycho“. Das soll wohl lustig sein oder empowernd oder beides, aber ich finde das nicht hilfreich, das klingt in erster Linie marktschreierisch und schreckt mich eher ab als mich anzusprechen. Dabei spreche ich selbst auch von „Spaßtransen“ und kenne ja auch „Berufstransen“. Aber das alles in einem Kontext, in den es passt. Viele Transleute sind von dem Begriff „Transen“ beleidigt, weil er vielfach abwertend gebraucht wird. Genau da wollen die Initiatoren wohl ansetzen und ihn zurückerobern. Vielleicht eine Frage der Zeit, bis ich das anders sehe.

Nach der Parade treten in Odonien verschiedene Bands auf, unter anderem BRINGS. Sommerblut, das Festival der Multipolarkultur dauert vom 5. -21. Mai 2018.

Mich hat ein Bekannter hier aus Hamburg darauf aufmerksam gemacht und gefragt, ob ich hingehen will. Ja, reizen täte es mich schon. Endlich wieder ein Anlass für eine Reise ins Rheinland. Das würde mich schon freuen. Die Bewegung täte mir sicherlich gut.

Was mir zusagt ist die Uhrzeit, ich muss nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen und das Konzert dauert auch nicht bis in die Puppen. Das scheint mir gut zu bewältigen. Ich weiß aber nicht, ob ich den Belastungen einer Zugreise und dem Trubel vor Ort gewachsen bin. Und ich bin so schlecht verplanbar.

Aber brauchen wir überhaupt eine Prideveranstaltung wie den CSD für Ver-rückte? Wenn ich mir ansehe, was der CSD in 25 Jahren geleistet hat: Ja, das ist bitter nötig.

Party statt Pathologie können wir hier in Hamburg auch brauchen. Es muss einfach transparenter werden, wie viele das Thema psychischer Krankheit betrifft, es tut gut zu sehen, wie viele sympathisieren und wir müssen dahin, dass man keine Angst mehr haben muss, sich erstmals in Behandlung zu begeben aus Sorge, abgeschrieben zu werden, wenn das publik wird. Viele halten mit ihrer Krankheit hinter dem Berg aus Angst vor dem Stigma und viele werden auch wirklich noch ausgegrenzt, vor allem am Arbeitsplatz. Das habe ich selbst ja auch erlebt.

Mit meine Geschlechtsangleichung hatten die Kolleginnen und Kollegen kein Problem, aber nachdem ich in der Psychiatrie war, wurde ich geschnitten, weil alle mit mir überfordert waren. Viel zu oft wird mir auch in Gesprächen gesagt „Aber du hast ja bestimmt einen guten Therapeuten, mit dem du darüber reden kannst“ und das passiert mir nur dann, wenn bekannt ist, dass ich eine Diagnose habe. Gelte ich als „gesund“ kann ich stundenlang rumjammern, wie schwer mir das Leben doch fällt, da werde ich nicht weggeschickt.

Sowas muss sich ändern. Wir brauchen alle mehr Wissen über psychische Erkrankungen, über das Leben damit und das bereits bevor es uns selbst erwischt. Und, das wäre der nächste Punkt, wir müssen dringen mal etwas an dieser kranken Gesellschaft ändern, die uns alle krank macht. Und wir selbst machen doch diese Gesellschaft aus, jeder einzelne von uns.

Also: Arsch huh und Zäng ussenand! (Arsch hoch und Zähne auseinander!)

Diese Mad Pride klingt nach einer Party, die bestimmt auch meinem Onkel gefallen hätte.

1. Harte-Fakten-Tag in Hamburg/Reinbek

Am Samstag, 28. April 2018, veranstaltet TransMann e.V. seinen ersten „Harte-Fakten-Tag“ in Reinbek bei Hamburg.

Thematisiert wird die Frau-zu-Mann-Transition.

Verschiedene Fachreferent_innen halten Vorträge:

  • Herr Dr. Wilhelm Preuss
  • Frau Dr. med. Susanne Junginger und Herr Prof. Dr. med. Onno E. Janßen
  • Frau Sofia Koskeridou
  • Herr Dr. med. Massud Mamarvar
  • Herr Prof. Dr. med. Jörg Schwarz

Tagungsort sowie -programm findet ihr hier.

 

Endlich ein Termin beim Gyn

Endlich ein Termin beim Gyn

19.02.18

Es hat mich 8 Versuche gekostet und sich damit über Wochen gezogen, aber endlich habe ich es geschafft und es war mal nicht besetzt oder keiner drangegangen. Juhu!

Leider muss ich dann und wann zur Wartung, der Endo besteht drauf. Da darf ich mich jetzt drauf freuen bis April. Voll toll. Hoffentlich bin ich bis dahin wieder belastbar.

Dabei telefoniere ich inzwischen eigentlich wieder ganz gerne, mag meine Stimme inzwischen. Bin aber oft unsicher und wenn es mir nicht gut geht, gehe ich lieber kein Risiko ein, am Telefon für eine Frau gehalten zu werden.

Der Vorfall vom 18.2. (I can tell #metoo)

Heute vor 12 Jahren wurde ich in meiner eigenen Wohnung Opfer eines Raubüberfalls. Es war eine Beziehungstat, nachdem ich eine Beziehung beendet hatte, die sich hatte entwickeln können, weil ich nicht in der Lage war, rechtzeitig NEIN zu sagen.

Es war CSD gewesen, ich war auf einen One-Night-Stand aus gewesen. Wie das außerhalb des BDSM-Bereichs unter Heten üblich ist, gab es keine klaren Absprachen, einfach rin in die Kiste und probieren, was geht. Am nächsten Morgen bekam ich einen Heiratsantrag, hallelujah!

„Du bist meine Traumfrau!“ *möööööööööp! Pulleralarm!

Dieses Wort Traumfrau hat sich mit der Zeit zu einem Trigger entwickelt.

Da ich das aber irgendwie süß fand – ich meine, ich hatte ja noch die Hupen und so – und ich Mitleid hatte, habe ich an der Stelle nicht klipp und klar zur Tür gewiesen. Ich wollte ihm nicht weh tun. Schonmal zwei falsche Gründe, mit einem Mann was anzufangen, aber ich war jung und naiv und er war so nett leicht zu begeistern mit seinen bescheidenen Träumen.

Als er mich bei yahoo hinzufügen wollte, ging das nicht. Ich hatte ihn auf der blacklist!!! Das bedeutet, der ist mir im Netz bereits als absolutes NOGO aufgefallen, als er versucht hatte, mich über den Messenger zu daten. Was das angeht, kann ich mich wirklich auf meine Intuition hundertpro verlassen, im Netz habe ich immer sofort die Arschgeigen ausgefiltert. Die Typen, die ich hatte, waren alle schwer in Ordnung und konnten bis auf einen ihr Glück nicht fassen. Und bei dem hat sowas von Mega-Alarm gebrüllt, aber ich habe ihn ignoriert, weil ich ihm gefallen wollte.

Um das nur kurz zu skizzieren: Über ein halbes Jahr hinweg hat es sich so entwickelt, dass sich zunächst zeigte, dass er nicht nur lammfromm und ein bisschen dümmlicher Schuljunge sein konnte, sondern auch sehr leicht aufbrausend und brutal – ohne allerdings je handgreiflich zu werden. Es wechselte für mich unberechenbar und ich bekam Angst vor ihm. Die steigerte sich derart, dass ich, als mir längst klar war, dass ich das Ganze dringend beenden muss, nicht mehr lange aushalte, viel zu viel Angst vor seiner Reaktion darauf hatte.

Das ganze komplizierte sich noch durch meine BDSM-Neigung, die bei ihm etwas antriggerte, was später vor Gericht relevant wurde. Er heulte wie ein Schloßhund auf der Anklagebank und bekam am Ende zwei Jahre auf Bewährung, dafür dass er mich dillettantisch gefesselt, beraubt und mich sowie andere bedroht und gestalkt hat. Ich selbst habe mich noch dafür stark gemacht, dass der arme Junge in die Psychiatrie kommt und nicht wieder in den Knast, was mir einen Rüffel des Richters einbrachte, der mich ohnehin viel zu gefasst fand. Dabei hatte ich eine derartige Angst, dass ich mich ein halbes Jahr nicht in meine Wohnung gewagt habe und bei einem Messie (!!!) Unterschlupf suchte, weil ich niemandem anders mehr vertrauen konnte.

Um den Mist und vor allem das ganze Nachspiel mit Polizei, Anwalt, Weisser Ring, Psychologinnen, Gericht zu verdauen, habe ich I can tell geschrieben, damit den Englischkurs in Verlegenheit gebracht und es später ins Deutsche übertragen: Über das Danach.

Heute frage ich mich natürlich, ob ich das zur Feier des Tages mal mit meinem Therapeuten besprechen sollte. Eigentlich juckt es mich nicht mehr wirklich, schon lange nicht mehr, aber vielleicht ist genau das der Grund, warum ich das überhaupt mal besprechen kann, ohne dabei auf 180 zu kommen. Und wer weiß, was alles damit zusammenhängt.

Das ist mein Beitrag zur #metoo-Bewegung: Sexuell belästigt wurde ich an meinem Arbeitsplatz in der Küche während meiner Kochlehre. Da wurde mir von den (marrokkanischen) Spülern völlig selbstverständlich an die Brüste gegrabscht. Die fanden das lustig und waren der Überzeugung, das Recht dazu zu haben. Als es mir zu bunt wurde, bekam einer von ihnen vor den anderen mein Knie in die Eier und dann hatte ich meine Ruhe. Der heute sich jährende Vorfall fühlte sich für mich an wie eine Vergewaltigung, auch wenn keine stattfand. Ich habe die Geschichte erzählt, um aufzuzeigen, wie wichtig es ist, dass man sich möglichst früh zur Wehr setzt und unmissverständlich Grenzen aufzeigt.

Harndrang

Pullerette vergessen beim Spaziergang. Und wieder wird deutlich spürbar, dass da was fehlt.

Ich hatte eine kleine Runde gedreht, um die Neubau-Baustelle, und als ich fast zu Hause war, doch entschieden, noch eine Runde durchs Göhlbachtal zu gehen. Und als ich dort ganz am Ende war an der Stelle, an der ich immer umdrehe, habe ich mich auf die Bank gesetzt. Die Bank, neben der ich damals die Epithese ausprobiert habe. Und als ich da saß, entspannte ich mich und spürte die Erschöpfung und da meldete sich auch meine Blase. In meinem Rucksack habe ich immer eine Pinkelhilfe dabei, aber in meinen Jackentaschen ist kein Platz dafür. Und dazu brauche ich sie auch zu selten.

In die Hocke geht schon wegen meiner Arthrose in den Knien nicht, dazu ist es scheißkalt und ich würde auch bestimmt die Hose vollpinkeln. Mal abgesehen von der Möglichkeit, dass es auch andere Spaziergänger bis da hinten hin verschlägt. Es bliebt mir also nichts anderes über, als einzuhalten. Der Rückweg dauerte eine halbe Stunde. Und die ganze Zeit über war der Harndrang sehr präsent.

Ich musste daran denken, wie ich damals mit den Kommilitonen Semesterabschied besoffen habe und alle drei marschierten erst einzeln und später gemeinsam wenige Meter bis an den nächsten Busch und erleichterten sich da, während ich einhielt. Ich bekam ordentlich Komplimente dafür, dass ich immer noch nicht pissen musste und schwitzte das Bier dabei schon aus allen Poren aus, weil ich ums Verrecken nicht die Gruppe verlassen wollte, um die nächste mir bekannte Toilette in einem Gebäude ein Stück die Straße runter aufzusuchen. Heldenmutig bin ich sogar noch in der U-Bahn-Station verschwunden, fand dort aber keine Toilette und hielt es, schwitzend und zitternd mit dem Gedanken, an Ort und Stelle laufen zu lassen, sogar noch eine Station bis zum Hauptbahnhof aus, wo ich ein Café stürmte und endlich eine Sitzgelegenheit bekam. Das war der übelste Druck gewesen, den ich je hatte.

Ich musste daran denken, wie ich nach der Mastek mit der Bettpfanne gerungen und dann doch auf der Toilette sitzend den Pfleger herbeigerufen habe, der allein auf Station war und einen Riesenschreck bekommen hat, als er mich da sah und mir erklärte, dass er mich alleine nicht vom Boden hochkriegt. Danach habe ich es einmal in die Pfanne geschafft, aber auch nur, weil ich ein Einzelzimmer und sportlichen Ehrgeiz dabei hatte. Durch das Gas im Bauch hatte ich ständig Druck, es kam aber nicht wirklich viel raus.

Und ich musste daran denken, wie ich auf der Rückfahrt aus dem Frankreich-Urlaub so dringend musste und Papa nicht anhalten wollte und wir dann in Stau kamen und ich dann, als das Auto zu Hause vor der Tür anhielt, vor lauter Erleichterung beim Blick auf unser Haus laufen ließ. Papa kaufte dann bald den schwarzen BMW und Mama musste den roten auftragen.

Ich musste daran denken, wie ich in der Fixierung einmachen musste. Im Flur in der Notaufnahme. Wie das beim zweiten Mal, alleine in einem Raum mit geschlossener Türe, so viel einfacher war als beim ersten Mal. Und wie sie mich beim dritten Mal losmachten, als ich sagte, dass ich aufs Klo muss, und danach wieder anbanden und die ganze Zeit jemand dabei saß am Laptop tippte und auf mich aufpasste.

Und ich habe mich gerne daran erinnert, wie ich mit Sofia Pinkelproben gemacht habe. Nach und nach habe ich herausgefunden, was den Harndrang beschleunigt (Tee, Zucker) und ich habe gelernt, los zu lassen und das in der richtigen Dosierung. Auch wenn da noch jemand ist. Deshalb kann ich jetzt im Ergebnis auch auf öffentlichen Toiletten, auch wenn noch andere Leute zu hören sind. Aber eben nur im Sitzen.

Das Thema Weiblichkeit

Da mein Therapeut der Ansicht ist, ich bräuchte mehr soziale Kontakte und das erste, was er mir zum Stichwort „bipolar“ empfohlen hatte, eine Bipolargruppe hier in der Klinik um die Ecke war, war ich heute zum Vorgespräch.

Der Arzt – ich nehme an, er ist Arzt, er hat einen Dr. – hat mir teilweise seltsame Fragen gestellt. Als wir telefoniert hatten, hatte er gefragt, ob er in die Unterlagen sehen dürfe, die aufgrund meiner KH-Aufenthalte dort entstanden sind. Ich hätte ja gedacht, die gucken eh alle in die Akten, wie sie lustig sind. Jedenfalls hatte ich nichts dagegen und entweder waren die Notizen in den Akten mehr als dürftig oder er hat was falsch verstanden. Fing an von wegen „Geschlechtsidentität“.

Ich machte erstmal auf doof, weil dann meistens Ruhe ist. Er bohrte aber nach. Wie ich mich denn empfinden würde. „Na ich bin ein Mann.“ Er druckste so komisch rum, tastete sich ran, ob denn das Thema Weiblichkeit noch ein Thema für mich wäre. Da kapiere ich, dass er mich für eine Transfrau hält.

Ich bin aber schon etwas pissig, weil das in meinen Augen mit der Bipolargruppe mal gar nichts zu tun hat und mich sowieso ärgert, dass meine Lieblingsärztin die Diagnose überhaupt auf die Überweisung mit draufgeschrieben hat, weil es nichts zur Sache tut. Ja klar, bei meinen Klinikaufenthalten kommt die Grütze immer mal wieder hoch. Aber das können wir nicht in einem halbstündigen Gespräch klären.

Sein „Ja, ich nehme Sie jetzt eindeutig als Mann wahr“-heiteitei konnte mich danach nicht wirklich friedlich stimmen. Versaut ist versaut. Was mich daran ärgert, ist das Aufkratzen der alten Wunden, das Infragestellen meiner Männlichkeit durch seine gut gemeinte Frage nach der Weiblichkeit. Ich musste ihm dann erklären, dass ich eine Geschlechtsangleichung hinter mir habe und weil er das nicht verstanden hat, musste ich ihm erklären, dass ich Testosteron bekomme und dass ich eine Mastektomie hatte und das mit dem weiblichen Genitale habe ich ihm auch noch serviert, weil ich voll in Fahrt war.

Was mich jetzt noch beschäftigt ist seine Frage danach, was mich denn aufwühlt – sowas kann zu Schlafmangel und darüber in die Manie führen. Na sowas zum Beispiel, so ein Antriggern von trans*. Ich hatte ihm von der Rentnerin erzählt, die sich vordrängelt oder von der Frau, die sich mit mir um einen von zwei Einkaufswagen gezankt hat. Aber trans* anzusprechen ist immer wieder prima, um mich auf die Palme zu bringen. Da werde ich auch noch einen Roman drüber schreiben „müssen“, aber erstmal kommt das Thema „krank“ dran.

 

%d Bloggern gefällt das: