Das Gleichgewicht halten

Ein sehr guter (bipolar diagnostizierter) Freund von mir hat mir mal den Tipp gegeben, in einer Phase gegen den eigenen aktuellen Impuls zu handeln. Das ist leichter gesagt als getan, aber es funktioniert. Ich kann mich selbst ausgleichen, indem ich tatsächlich das Gegenteil von dem tue, wonach mir gerade ist.

Wenn ich tausend tolle Ideen habe, die ich am liebsten sofort oder am besten gestern umsetzen möchte, und bemerke dies, dann fange ich an, auf die Bremse zu latschen und schreibe einfach nur noch mit.

Kommt dann später der Tag, an dem mir danach ist, am besten den ganzen Tag im Bett liegen zu bleiben, dann zwinge ich meinen Hintern hoch und packe diese Listen aus. So ganz hundertprozentig lassen sich Tendenzen damit nicht vermeiden, aber das strebe ich auch gar nicht an.

Ich mag meine Fähigkeit, Stimmungen intensiv zu erleben. Mir reicht es, weitgehend ohne Medikamente auszukommen – ich muss nicht dauerhaft bei Normalnull bleiben. Die Spitzen mit gesteigerter Produktivität nutze ich gerne kreativ aus, achte dabei aber sehr auf Regeneration (zB PMR), und Täler fange ich recht fix ab durch angemessene Ernährung und Bewegung, notfalls mit absichtlichem Schlafentzug.

Ja, und solange ich nicht innerlich zu unruhig bin und zu hastig agiere, achte ich auch darauf, wie ich in den Wald rufe. Besonders dann, wenn es mir nicht gut geht und ich nicht jedem Echo gewachsen bin.

Nachtrag, ein Jahr später. Seit ich auf Lithium eingestellt bin, genieße ich es sehr, wie gut es mir hilft, in der Mitte zu bleiben. Es ist eine Wohltat im Vergleich zu dem Affentanz vorher. Ich habe jetzt nicht mehr diesen Druck unbedingt schlafen zu müssen, um nicht ratzfatz in der nächsten Psychose zu landen. Das Lithium schützt mich davor, mich zu sehr in die Hypomanie reinzusteigern, ebenso trägt es mich durch depressive Täler, die sehr abgeflacht werden.

Was bleibt, ist die Schlafhygiene, das Entspannen mit der PMR und auch die binauralen Klänge höre ich nach wie vor. Anhand meines Stimmungskalenders erkenne ich dann, wann sich Schlafprobleme häufen – was mir bedeutet, etwas kürzer zu treten.