Ich mache, dass ich mich wohl fühle, bis einer STOP sagt!

Ich mache, dass ich mich wohl fühle, bis einer STOP sagt!

Das ist er, der langersehnte Durchbruch in Sachen Genesung. Ich habe es geschafft, Hilfe anzunehmen. Wie ein kleines Mädchen Rotz und Wasser geheult und mich endlich nicht mehr geschämt dafür, sondern ich war einfach nur total dankbar, dass ich es endlich kann und sein darf und man mich nicht zwingt.

An mir ist nichts Bedrohliches. Es gibt keinen Grund, mir Hilfe aufzuzwingen. Ich kann eigentlich alles sehr gut alleine bewältigen, dank meiner „Erziehung zur Selbständigkeit“, die heutzutage sicherlich vielerseits als sträfliche Vernachlässigung betrachtet werden würde. Das ist eine Sicht darauf, die ich zwar nachvollziehen kann, aber nicht vollumfänglich teile. Ich bin sehr dankbar für diesen Erfahrungsschatz, ohne den ich heute nicht ich wäre, sondern jemand anders. Und dieser andere jemand könnte nicht das, was ich kann: Mich an meinem eigenen Haarschopf aus der Scheiße ziehen. Un dieser andere, der ich nicht geworden wäre, wäre sicherlich nicht in der Lage, so hart zu sich zu sein, wie ich das kann und hätte entsprechend sehr viel weniger Potential, erfolgreich zu werden. Und ob der auch so einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst und seine Selbstheilungskräfte hätte, das wage ich ebenfalls zu bezweifeln.

Zurück nochmal: Ich mag es nicht, wenn man mir Hilfe aufzwingt. Ich lasse mich gerne anbinden, vor allem dann, wenn ich Angst vor mir selbst habe. Aber ich lege Wert auf Einvernehmlichkeit. Ich schätze Privatsphäre. Mir ist klar, dass die Notaufnahme eines Krankenhauses nicht der Ort ist, an dem man sein möchte zwecks TPE-Sessions – für solche Zwecke suche ich dafür geeignetere Etablissements auf und das selbstverständlich freiwillig. (Insider verstehen mich.) Ich stehe zwar auf Uniform und kann mittlerweile auch entwürdigende Situationen retrospektivisch erotisieren, aber es ist etwas anderes, ob man Demütigung spielt, oder ob man es tatsächlich erlebt, ausgeliefert zu sein und entwürdigt zu werden. Da muss auch niemand sich großartig irgendwo in Gesetzestexte einlesen, um herauszufinden, wer was darf: In unserem Grundgesetz steht die Würde ganz oben in Artikel 1 .

Es gibt keine Rechtfertigung dafür, jemanden in den Flur zu stellen und ihn da einmachen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn man sehr wohl verstanden hat, was er will. Da kann mir auch keiner erzählen, er habe es nicht besser gewusst und sich daher leider unangemessen verhalten. Ich werde mich beschweren. Definitiv. Noch bin ich unentschlossen, wie und bei wem und welchen Weg ich nutze, aber es wird eine Retourkutsche geben, damit diese Person gerügt wird. Die Eier, mich zu verteidigen, habe ich mittlerweile wiedergefunden und es ist eine Frage der Zeit, bis ich hinreichend Kraft gesammelt habe.

Es wird noch etwas dauern, bis ich das alles verarbeitet habe… aber ich bin wieder voll einsatzfähig, weil ich nun weiß, dass ich meiner Intuition sehr wohl vertrauen darf, dass ich alles richtig gemacht habe, und die anderen sich mir gegenüber falsch verhalten habe. Es liegt nicht in meiner Macht, zu machen, dass andere sich bessern. Also kann ich nur den Täter_innen gute Besserung wünschen.

Wenn nun nicht zufällig mein Genesungsbegleiter mir am Mittwoch diese Hiobsbotschaft überbracht hätte, dass mein Vertrag mit der IV bald (irrtümlich hatte er angenommen am 8.8., meinem zweiten Geburtstag, der sich dieses Jahr zum 8. Mal jährt), dann weiß ich nicht, wie lange meine Angst vor dem geholfen werden noch größer geblieben wäre als der Schmerz, der schon so lange in mir tobt.

Damit man eine Vertragsverlängerung bekommt, muss fachärztlich bestätigt werden, dass man sich in einer akuten Krise befindet und sonst in eine Klinik müsste. Das ist natürlich sehr förderlich in Sachen Krankheitseinsicht. Und auch die Tatsache, dass die Krisenpension immer da ist, wo zuerst jemand um Hilfe gebeten hat, trägt dazu bei. Und da ist es doch eine prima Sache, dass die Krankenkasse jene vor die Tür setzt, die die Hilfe gar nicht mehr so dringend brauchen. So brauche ich mir auch keine Sorge machen, von dieser besonderen Form der Unterstützung abhängig zu werden. Das ist eine runde Sache und somit ist die Integrierte Versorgung (Hamburg Süd) wirklich in jeder Hinsicht zu empfehlen.

Dann schwatze ich den Leuten auch keinen Mist auf, wenn ich später als Genesungsbegleiter davon schwärme. Das war mir sehr wichtig zu überprüfen.

Und ja, natürlich: Es ging mir wirklich der Arsch auf Grundeis. Meine Diagnose hätte „Liebeskummer“ gelautet. Aber wie man das Kind nennt, ist eigentlich hackenkackenscheissegal, so lange man in der Lage ist, es richtig zu schaukeln.

Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Vertrag verlängert werden würde, jetzt nachdem ich sozusagen meine dreijährige Ausbildung zum Berufspatienten mit Bravour bestanden habe (hätte Lust, mir ein Abschlusszeugnis zu schreiben und das an die Wand zu hängen), wäre es ganz nett, einfach noch ein bisschen weiter kuscheln zu dürfen. Andererseits läuft es am 20. August ab und ich weiß, dass die Welt nicht untergehen wird, wenn ich da nicht mehr hindarf. Dann finde ich einen anderen Lösungsweg. Es wäre mir jedoch eine große Hilfe, wenn ich noch etwas Zeit bekäme, mir ein neues Umfeld aufzubauen. Um solche ausgesteuerten Fälle sozusagen beim Wieder-ganz-alleine-klarkommen zu unterstützen, soll eine Selbsthilfegruppe gegründet werden, deren Leitung ich gerne und notfalls auch ohne Entgelt übernehmen würde. Die Entscheidung, wie sehr bei mir die Kacke gerade am Dampfen ist, darf zum Glück meine Ärztin treffen und nicht ich. Komisch, dabei können Psychiater_innen doch gar keine Gedanken lesen. Woher die wohl wissen will, wie es mir geht? Liest die etwa mein Blog?

Naja, jedenfalls wollte ich ein Lebenszeichen von mir geben, nachdem sicherlich einigen aufgefallen sein dürfte, dass es freitags keinen Blogbeitrag gab. Aber vielleicht ist es ja doch keinem aufgefallen. Auf manche Fragen werde ich nie Antworten bekommen und auch das werde ich lernen, (noch) besser auszuhalten. Allerdings werde ich häufiger nachfragen, um zumindestens alles versucht zu haben, an Anworten zu gelangen – solange dies noch realistisch ist.

Ich freue mich auch schon ganz dolle auf die Studie zur MKT-Forschung, bei der ich ab September mitmachen darf. Aber damit ihr nicht zuviel zu lesen habt und weil ich auch jetzt erstmal genug vom Stapel (endlich ist es wieder ein geordneter Stapel und kein ausgekippter Papierkorb!) rausgelassen habe und noch anderes tun möchte heute, mache ich an dieser Stelle mal einen Punkt.


Denk an die Amnesie für das heutige Gespräch. Diktat Ende.

(Mein Lieblingsleser)

Ist erledigt, Chef! Und im Übrigen: Danke gleichfalls. :)))


An meinen Fan Nr. 1:

Ich glaube, so ganz ohne Schubladen werde ich nie auskommen, aber ich kann Unordnung zunehmend besser vertragen. Dein Buch, das ich von Dir ausgeliehen habe, habe ich mir in die Wiedervorlage für Oktober gelegt zusammen mit einem, das ich Dir zur Lektüre anbieten möchte. Hoffe, wir sehen uns dann spätestens dort.


PS:

Mir ist noch wichtig zu erwähnen, dass ich ohne Bedarfsmedikation ausgekommen bin – weil ich keinen Bedarf an Psychopharma hatte, sondern einfach an menschlicher Zuwendung in Form einer Schulter zum Ausheulen – und weil ich das dort durfte, ist die Krisenpension für mich auch eine waschechte Soteria – auch wenn da Psychologen mitspielen dürfen. So eng sehe ich das nicht mehr, habe ja keine Angst mehr vor ihnen dank den bloggenden Kolleg_innen.

Punkt.

Die Karte habe ich mir übrigens selbst gekauft, ohne groß drüber nachzudenken, einfach aus einem Impuls heraus, und habe sie heute in meinem Posteingang gefunden, war schon etwas abgesoffen, habe mich aber sehr über diese Aufmerksamkeit gefreut.

Punkt, zum Dritten. *seufz

Wer liebt, muss auch loslassen können.

(Muss wer Schlaues gesagt haben)

Also: Schluss, aus, ab die Post. Gute Reise, liebe Blogpost… bis bald in alter Frische und auf jeden Fall ein Wiederlesen – Ende, Aus, Cut. STOP!

Bist Du noch krank oder schon verrentet?

Freitag, 24. Juni 16

Hallo ihr Lieben,

ich versuche, etwas mehr Transparenz zu schaffen (hinsichtlich Sonjas Frage, wie ich das alles schaffe) und jeweils den Tag dazuzuschreiben, an dem ich schreibe. Ich fange jetzt um elf Uhr abends an und habe mir ein Zeitfenster von drei Stunden gesetzt, nach dem mein Handy mich daran erinnert, auch mal eine Pause bzw. Feierabend zu machen.

Damit ich das dann auch höre – weil ich Kopfhörer aufsetzen und Musik hören muss, um mich hier (siehe )auf überhaupt irgendetwas konzentrieren zu können – höre ich die Musik vom Handy. Natürlich habe ich Ruhemodus eingeschaltet und zudem draußen an meine Bürotür das Bitte-nicht-stören-Schild (wie im Hotel rot, andere Seite grün: Bitte aufräumen) gehängt.

Übrigens habe ich jetzt drei Tabs auf, um dem neuen Konzept folgend zwischen gestern, heute und morgen springen zu können.

Soviel zur äußeren Ordnung. Los geht’s mit der Gegenwartsbewältigung.

Montag.

Nachdem wir am Wochenende zur Familienaufstellung für Schwule (Thema: Sexualität und Beziehung)  in der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen waren, fing die Woche eigentlich recht gechillt an. Ausschlafen, Bilder aufhängen, Belege für die Steuer zu Ende raussuchen. Meine 3 TO DOs für den Tag. Alle erledigt und den Rest erfolgreich vertagt.

An der Aufstellung selbst hatte ich absichtlich nicht teilgenommen, weil ich bereits total reizüberflutet war und einfach nur Ruhe und nach zwei schlaflosen Nächten einfach nur noch schlafen wollte. Ich habe es sehr genossen, durch die Nennung meiner Diagnose von dem Leiter der Veranstaltung davon befreit zu werden, in seinem Setting Klient sein zu müssen.

Davor war ich nie auf die Idee gekommen, dass diese Diagnose mich auch einmal schützen könnte – bisher hatte ich es nur als Bedrohung erlebt, weil ich davon ausging, wenn man erstmal weiß, dass ich offiziell für plem erklärt worden bin, sei dies ein Freifahrtschein dafür, mir Gewalt anzutun.

Der veranstaltungsleitende Therapeut bestätigte mir die Einschätzung meiner Begleiter bei der Integrierten Versorgung, dass das Risiko einer Retraumatisierung bei einer Teilnahme jetzt viel zu hoch wäre und er wollte das Risiko daher nicht übernehmen. Das deckte sich mit meiner eigenen Einschätzung meiner Verfassung. Weiterlesen

Therapieabbruch – Strukturwechsel

Therapieabbruch – Strukturwechsel

Mittwoch, 25. Mai 2016

So ihr Lieben, Schluss mit lustig.

Ich habe an einer Ergotherapie teilgenommen (das dritte Mal insgesamt in den letzten drei Jahren, ich steh total auf Ergo) und hatte vom ersten Moment an das Gefühl, dort nicht gut aufgehoben zu sein. In Begleitung habe ich die Räumlichkeiten das erste Mal aufgesucht und fast schon über meinen Kopf hinweg wurde ein Termin vereinbart. In dem Moment war ich außer mir und nicht in der Lage, das abzulehnen oder anderweitig gestaltend einzugreifen.

Als ich dann dort im Wartebereich saß bestätigte sich noch vor der Bekanntschaft mit der Therapeutin mein Ersteindruck: Das geht gar nicht hier. Die Räume sind viel zu offen gestaltet und es ist grausam hellhörig. Glastüren sind eine nette Sache für Konferenzräume, aber wenn ich therapiert werde in einer Einzelsitzung, wünsche ich dabei keine unnötige Ablenkung.

Gegen Publikum habe ich nichts, solange es sich nicht bewegt. Aber eine im Flur vorbeihuschende Person ist nunmal ein visueller Reiz, der mich unnötig belastet, wenn ich meine volle Konzentration brauche. In diesem Raum habe ich nie sitzen müssen, aber dennoch fiel es mir auf.

Ich habe Verständnis dafür, dass die Türe zum Treppenhaus mit einem Keil blockiert werden muss, weil man zu faul ist, den Klient_innen die Türe einzeln zu öffnen. Trotzdem fände ich es angenehmer, wenn man etwas Geld in die Hand nehmen und eine technisch komfortablere Lösung suchen würde, damit der Schall aus dem Treppenhaus auch dort bleibt.

Was ich aber das allerschlimmste finde, und das habe ich mehrfach und erstmals gleich bei der ersten Begegnung mit der Therapeutin rückgemeldet: „Wenn ich da sitze und warte, dann möchte ich mir nicht anhören müssen, wie ihre Kollegin auf der Toilette strullert.“ Weiterlesen

Zugegeben: Diese Woche war ich krank

Es ist echt hammerhart, dieses Ding mit der Krankheitseinsicht. Gerade dann, wenn man ver-rückt sein soll und vor allem dann, wenn man es tatsächlich ist. In dem Augenblick der Ver-rückung sehe  ich es nicht ein, dass immer ich der Patient sein soll, der Kranke, derjenige, der auf Hilfe angewiesen sein soll. Gerade ich!

Sieht das denn niemand, dass ich mir tierisch den Arsch aufreiße und sehr viel mehr Leistung bringe als andere, um so Selbstverständlichkeiten zu bewältigen wie: Aufstehen, Duschen, Anziehen, pünktlich zu Terminen erscheinen und dann auch noch diese eine, immer wieder riesengroße Herausforderung: Hilfe annehmen.

Mich erklären, einräumen, dass ich es selbst merke, wie schlecht es mir gerade geht. Zusammen aufzulisten, was mich gerade alles belastet:

  • Fehlen von Penis und Hoden
    • Damit das Fehlen einer natürlichen Möglichkeit, wie jeder andere Mann im Stehen zu urinieren
    • Fehlen des Hilfsmittels, für das die Kosten zu übernehmen die Krankenkasse sich seit Januar 2015 nicht bereiterklärt hat
    • Daher auch Fehlen einer Anerkennung auf mein Recht darauf, wie alle anderen Männern Pissoirs nutzen zu dürfen
  • Die Schwierigkeit, donnerstags abends bis 22 Uhr außer Haus an einer Gruppe teilzunehmen und dienstags morgens schon wieder um elf an einer anderen und dadurch einen Wechsel von kurzen und langen Nächten haben zu müssen. Immer wieder auf meinen Schlaf achten zu müssen und sämtliche Register zu ziehen, um nicht psychotisch zu werden.
  • Die hormonelle Situation, durch die ich alle 12 Wochen um meinen Spritzentermin herum krisenanfälliger werde. Am Anfang des Intervalls bin ich überdosiert und sehr dünnhäutig, am Ende des Intervalls unterdosiert und neige zu Depressionen. Die nächste Spritze steht in der kommenden Woche an; ich will aber auf Testogel wechseln.
  • Dazu die Situation zu Hause:
    • Mein Mann seit Wochen ohne Arbeit außer Haus, die Wohnung, die gerade groß genug ist, um in stabilen Zeiten ausreichend Rücksicht aufeinander zu nehmen
    • Ich selbst seit der sogenannten Erkrankung, seitdem ich diese Diagnose erhalten habe, zu Hause als Hausmann tätig und die Frage meiner Erwerbsfähigkeit immer noch ungeklärt in der Schwebe hängend
    • Wir beide, durch unsere jeweils eigenen Krisen und die missglückte Krisenintervention vom 2. Mai nun miteinander in einer Krise
  • Die Wohnung selbst: Die Wände, vor allem Decken und Böden, so hellhörig, dass die Nachbarin sonntags Schnitzel klopfen darf und es sich für mich anhört, als hätten sie da oben immer noch Baustelle seit dem Einzug vor zwei Jahren. Nachbarn, die sonntags Wäsche waschen, deren Maschine ich schleudern höre. Deren Fernseher ich laufen höre, wo ich – auf dem WC sitzend – sagen könnte, welche Sendung, welcher Werbespot gerade läuft. Deren Telefonate ich mitverfolge, deren Liebesspiel ich protokollieren könnte, deren Besuch ich inständig bitte zu gehen, wenn ich nachts um drei immer noch keinen Schlaf gefunden habe. Immer wieder: Ruhe bitte!
  • Und jetzt auch noch die absolute Unverschämtheit, dass wir aufgrund des psychiatrischen Notfalls am 2. Mai (Erklärungsversuch) eine Abmahnung der Vermieterin erhalten haben mit dem Betreff „Rücksichtnahme ist gefragt“ – ausgerechnet wir, die von der Nachbarin gegenüber bereits darauf aufmerksam gemacht worden waren, dass wir so leise sind, dass man von uns überhaupt nichts hört und sie sich häufig fragt, ob wir überhaupt zu Hause sind.

Also ja: Ich bin derzeit in einer mehrfachen Belastungssituation.

Aber so kenne ich mein Leben. Wenn ich nicht am Leben teilnehme, dann kann ich das umgehen, was mich belastet. Aber ich möchte gar nicht vermeiden, zu leben. Ich will auch belastet werden, nicht nur entlastet. Das ist doch normal.

Deshalb habe ich Schwierigkeiten die ganz normalen Beslastungen abzugrenzen zu Krisen.

Jetzt im Nachhinein, wo ich feststellen muss, meine Arbeit nicht geschafft zu haben – also die Beiträge, die ich bloggen wollte, nicht geschrieben zu haben und auch die Wohnung seit einer Woche nicht geputzt zu haben, ja sogar erst am Donnerstag erstmals die Zeit gefunden zu haben für eine Rasur – jetzt muss ich feststellen, die vergangene Woche krank gewesen zu sein.

Gibt es überhaupt die Möglichkeit einer rückwirkenden Krankschreibung? Ich glaube nicht. Ich glaube, man muss sich vornehmen, die kommende Woche krank zu sein und das zu planen. Anders kann es nicht laufen.

Auch das wieder ein Punkt, warum ich nicht auf herkömmliche Weise erwerbstätig sein kann, weil ich nicht in herkömmliche Arbeitsprozesse eingebunden werden kann. Ich muss selbständig werden / bleiben, ich habe gar keine andere Wahl.

Mein Vater hat das mit der selbständigen Arbeit hinbekommen, ohne sich erwischen zu lassen, ohne eine F-Diagnose zu haben. Er hat sogar ein sehr erfolgreiches Büro geführt. Das könnte ich auch, wenn man mich nur (aus der Patientenrolle ent)lassen würde.

Es ist aber auch eigentlich egal, da diese Diagnose mich nicht davon abhalten sollte, am (Erwerbs)Leben teilzuhaben. Zumindest auf dem Papier habe ich das Recht auf Teilhabe.

Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Wer kennt nicht dieses Spiel aus Kindheitstagen? Blöde nur, wenn man erwachsen ist und Dinge sieht oder hört, die andere nicht wahrnehmen können. Dann steht man ziemlich alleine da mit seiner Sicht auf die Welt.

Ehrlich gesagt hatte es mich damals sehr überrascht, in meinem begleitenden Psychotherapeuten jemanden gefunden zu haben, der mich mit meiner Wahrnehmung, ein Mann zu sein, nicht für verrückt hielt. Und mittlerweile werde ich ja von der ganzen Welt ganz eindeutig als Mann wahrgenommen.

Umso schockierender ist dann die tiefgreifende Erschütterung, der eigenen Sinneswahrnehmung, wenn es um vermeintlich ganz reale Objekte geht, nicht mehr zweifelsfrei über den Weg trauen zu dürfen.

Das Beispiel für optische Halluzinationen, was ich sehr gerne anführe, ist das, was mich selbst auch davon überzeugt hat, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe oder besser gesagt in dem Moment hatte:

Der Oberarzt auf der geschlossenen psychiatrischen Station, auf der ich wider Willen festgehalten wurde, durchmaß energischen Schrittes den Aufenthaltsraum, durch den der Korridor führte und trug eine lila Krawatte.

Der ist ja kuhl!, dachte ich. Ich war tief beeindruckt und dachte, der muss ja echt Eier haben und gar keine Angst um seine Führungsposition.

Eine Mitpatientin – wir „Betroffenen“ lernen solche Ausdrücke, denn von und über „Patienten“ sprechen darf nur das Behandlungspersonal. Wo kämen wir denn da hin, wenn der Eindruck entstünde, ein Patient sei ein ganz normaler Mensch und nicht das automatische Pendant eines Arztes, Krankenpflegers oder Psychologen. Deshalb dürfen wir Betroffenen (das Wort mach mich immer betroffen) großzügigerweise von Behandlungspersonal sprechen, um die gesamte weißgekleidete Bagage über einen Kamm zu scheren – auch die in Zivil.

Eine Mitpatientin hatte aus Knete ein Männchen geformt und ich durfte mitmachen.

Ich verpasste dem Männchen eine lila Krawatte und strahlte: „Das ist jetzt der Oberarzt!“

„Echt, hat der ne lila Krawatte? Das ist ja ungewöhnlich. Ist mir gar nicht aufgefallen“, gab mir die Mitpatientin zu bedenken.

Die anderen, die ebenfalls im Aufenthaltsraum saßen, stimmten ihr zu. Niemand außer mir hatte diese lila Krawatte gesehen.

„Dann war das bestimmt eine Halluzination“ hörte ich – aus Mit-Patienten-Mund!

Das war für mich der Stein des Anstoßes, der die gesamte Kiste mit der Krankheitseinsicht ins Rollen brachte. Ich hinterfragte, was das Zeug hielt. Nicht nur mich und meine Wahrnehmung, auch meine Vorurteile zog ich in Zweifel bzw. erkannte sie als solche.

Und so wurde aus erzwungenen Kooperation, die ich nur eingegangen war, um möglichst schnell aus diesem Gefängnis entlassen zu werden, im Laufe der Jahre ganz langsam und schleichend echte Compliance.

Natürlich war dieses eine Erlebnis nicht die einzige Situation, in der ich halluziniert habe, aber die einprägsamste.

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