Erhöhungsantrag ist durch

Am 18. Januar habe ich nach einem Gespräch mit meiner Psychiaterin einen sogenannten Neufeststellungsantrag gestellt. 2012 hatte ich etwas voreilig entgegen dem Rat meiner Hausärztin einen Antrag auf Feststellung einer Schwerbehinderung gestellt. Da der Verlauf erst recht kurz war, kam damals ein GdB von 30 heraus. Für mich war das sehr wichtig, da so etwas Amtliches, das ich schwarz auf weiß hatte, für mich etwas war, das ich fassen konnte. Als krank empfand ich mich nicht, aber eine Behinderung zu haben konnte ich einsehen.

Ich fühle mich schon etwas eingeschränkt in meinem Alltag, aber der Grund ist eben eine chronische psychische Erkrankung. Weil der Schlaf so wichtig ist, kann ich keinen abendlichen Treffen beiwohnen – oder ich müsste meinen Schlaf- und Wachrhythmus so weit nach hinten schrauben, dass ich große Schwierigkeiten hätte, meine etlichen Arzttermine nachmittags noch beiwohnen zu können. Das verwehrt mir sämtliche Begegnungen im Freizeitbereich, da sich alles nach den Berufstätigen richtet. Tagsüber bleiben mir nur Veranstaltungen für psychisch Kranke.

Ich hatte dieses Problem mit meinem Therapeuten besprochen und auch er ist der Ansicht, dass ich da nur abwarten kann, was das Lithium auf Dauer an Stabilität und damit vielleicht Belastbarkeit bringt.

Am 14. Februar habe ich eine Eingangsbestätigung erhalten.

Heute, am 3. Mai, habe ich den Neufeststellungsbescheid erhalten: GdB 70 habe ich jetzt befristet auf zwei Jahre. Mit so viel hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte immer, mir ginge es noch vergleichsweise gut, aber offenbar ist das nicht der Fall.

Nun kann ich mir, wenn ich ein Foto einreiche, einen Schwerbehindertenausweis ausstellen lassen. Was ich dann damit anfangen soll, weiß ich noch nicht so recht. Einen Arbeitsplatz habe ich ja nicht. Bei der Steuererklärung gebe ich den höheren GdB natürlich an und bekomme einen höheren Freibetrag.

In den letzten Wochen hatte ich wenige Termine, zu denen ich wach sein musste. Mit dem Schlaf habe ich jetzt das Experiment gewagt und bin einfach dann ins Bett gegangen, wenn ich müde war und aufgestanden, wenn ich mich ausgeruht genug fühlte. Mit dem Ergebnis, dass ich eine Zeit lang genau zur interessantesten Zeit zwischen 20 und 22 Uhr dabei sein konnte und das für mich „morgens“ war, ich also genug Zeit hatte, all die Eindrücke zu verarbeiten.

So war ich auf einer Lesung und bin wieder bei der Schreibwerkstatt dabei. Teilweise bin ich komplett nachts unterwegs und verschlafe die Abende. Im Augenblick geht es ziemlich durcheinander, weil ich versuche, wenigstens an den Nachmittagen bereits wach zu sein. Auf der anderen Seite wache ich um 4 Uhr schon auf, kann mich aber nicht wirklich konzentrieren, weil ich doch unausgeruht bin. Ich brauche einfach 13 Stunden Schlaf und idR machen die Leute große Augen, wenn ich das erzähle.

Besonders stabil fühle ich mich mit diesem Chaos jetzt nicht. Ich kann nicht gut planen, weil alles damit steht und fällt, ob ich genug geschlafen habe und da das nicht auf Knopfdruck funktioniert, muss ich das abwarten. Mit dem Lithium bin ich mittlerweile bei zweieinhalb Tabletten pro Tag angekommen, also 1125mg und dazu nehme ich noch 2,5mg Olanzapin. Es ist schon sehr, sehr viel besser als ohne Lithium, aber ich darf noch auf Besserung hoffen, sagt meine Ärztin. Na denn:

 

Schnecke Volldampf voraus!

Volldampf voraus!

 

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Nicht alles, was schwankt, ist bipolar

Am vergangenen Sonntag habe ich mich mit anderen Genesungsbegleitern aus meinem EX-IN-Kurs getroffen.

Ein Kollege ist auch bipolar, hat aber im Gegensatz zu mir 23 Jahre Erfahrung mit der Erkrankung, davon ist er 18 Jahre stabil – trotz eines einschneidenden Lebensereignisses vor zwei Jahren. Er sprach davon, dass auch bei ihm das Schlafen immer mal wieder eine Riesennummer ist, dass er zwischenzeitlich richtig Angst vor dem Einschlafen hatte – so ging es auch mir. Auch er nimmt zusätzlich zum Lithium ein Neuroleptikum, damit er schlafen kann. Auch er hat immer mal wieder leichte Schwankungen nach oben in Richtung Manie sowie nach unten in Richtung Depression. Die er aber gut im Griff hat dank der Medis. Er kommt über längere Zeit mit sechs, sieben Stunden Schlaf aus und arbeitet bis zu 50 Stunden die Woche, daneben findet er noch Zeit für seine Kinder. Das finde ich beachtlich.

Es tut gut, mit diesem Erleben nicht allein zu sein. Und es macht mir Hoffnung, dass es auch mir möglich ist, trotz Erkrankung das beste für mich rauszuholen. Im Augenblick ist es die Arbeit an meinem Roman, die ich ganz auf meine Bedürfnisse abstimmen kann. (Dazu: behindertengerechter Arbeitsplatz)

Ich reduzierte das Olanzapin, weil ich zu viel schlief, weil ich zu langsam war im Kopf und zu wenig Ideen hatte, weil mich das total lähmte und mein Leben wenig lebenswert machte. Das ist jetzt mit der Mindestdosierung nicht mehr der Fall. Ich habe im Augenblick eher wieder zu viele Ideen, ich schlafe grenzwertig wenig und bin leicht hypoman, aber ich fühle mich endlich wieder wohl. Die Dosierung scheint jetzt endlich zu stimmen.

Ich bin lebendig, habe am Leben teil so gut es geht. Da mir dieses Treffen wichtig war, hatte ich auf den Stammtisch am Vorabend verzichtet. Ich hatte nämlich mal wieder Lust, aber abends unter Leute zu gehen ist viel zu spät, um noch zu einer halbwegs akzeptablen Uhrzeit Schlaf zu finden. Damit wäre das heutige Treffen gelaufen gewesen, beides zusammen hätte ich nicht bewältigen können. Nach anderthalb Stunden reichte es mir auch und eine halbe Stunde später klinkte ich mich aus.

Ich werde meinen Schlaf weiter beobachten, denn unter sechs Stunden sollte er nicht fallen. Denn dann geht es wieder durch den Schlafentzug in die Manie und von der Manie in die Psychose und spätestens dann wieder in die Klinik und damit in die Fixierung. Wenn man diese Kausalkette einmal begriffen hat, diese Gesetzmäßigkeit der bipolaren Störung, dann begreift man, dass hypoman zu sein nicht einfach bedeutet, eben gute Laune zu haben und eine besonders dolle kreative Schaffensphase. So kann es im Idealfall laufen, dazu muss man aber seine Frühwarnzeichen kennen und entsprechende Strategien ergreifen wie binaurale Klänge hören oder andere Entspannungstechniken anwenden und / oder eben Pillen einwerfen. Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden. Ich habe für mich herausgefunden, was mir wann gut tut und was nicht.

Mein Fehler am Sonntag war sicherlich, in den Chat zu gehen, denn dort habe ich mich mit einer anderen Schriftstellerin intensiv ausgetauscht und wir haben meine Geschichte einmal komplett durchgeplottet. Das hat zum einen gedauert bis viertel nach zwölf und zum anderen nochmal gedankliche Prozesse in mir ausgelöst. Genau das war es, was ich hatte vermeiden wollen, als ich mich von der Gruppe um fünf verabschiedet hatte.

Nun denn, das ist eben das Leben. Ich kann mich nicht permanent nur isolieren und vor jeglichen Inspirationen Reißaus nehmen. Es bedrückt mich ohnehin schon, dass ich meine Freunde idR so selten sehe. Zu sozialen Kontakten wird einem aber auch immer von Therapeuten geraten, die ihre Tage damit verbringen, die ganze Zeit mit Menschen zu reden. Das sagte mir ein Kollege, der sich ebenfalls früh ausklinkte und auch eher introvertiert ist.

Zu Hause war ich gegen sechs und es ist jetzt gleich wieder sechs. Zwölf Stunden Nachklingen wäre es nicht gewesen, wenn ich im Chat nur entspannendes, lustiges Rumgeblödel gefunden hätte wie so oft. Ich muss das noch üben, mehr gestaltend einzugreifen. Ich hätte es zum Beispiel beim Pitch belassen können und dann sagen, dass ich heute abend nicht weiter drüber sprechen will. Aber ich hatte für heute schon meine Heldentat, als ich mich von der Gruppe verabschiedete und nicht noch mitging, obwohl ich sehr neugierig war, mich auch mit anderen auszutauschen.

Bereits als ich heimkam, war ich richtig übervoll mit Eindrücken, habe meinem Schatz eine zwanzigminütige WhatsApp geschickt und von meinem Tag erzählt, der nun diesmal wirklich aufregend war im Vergleich zu meinen sonstigen Tagen. Ich achte eben idR darauf, nicht zu viele Aufreger in meine Woche einzubauen. Weil ich hochsensibel bin und um meine Schwierigkeiten mit der Reizüberflutung weiß.

Ich weiß, dass ich mich gerne mehr mit Menschen im RL austauschen würde. Aber ich weiß auch, dass da die Reizflut eine sehr viel höhere ist und ich irrelevante Daten verarbeiten muss wie Gerüche und Hintergrundgeräusche, die ich bei Kontakten via Internet nicht habe. Und erst nachdem ich die neu obendrauf gekommenen Plotgedanken zu meinem Roman abgearbeitet hatte, kam ich dazu, diese RL-Begegnung zu reflektieren.

Andere haben einfach nur gute und schlechte Tage, ich schwanke zwischen Hypomanie und Subdepression hin und her. Das Fatale ist, dass ich manisch immer so eine Ausstrahlung habe, dass die Leute auf mich zukommen und ich dann nicht nein sagen kann zu endlosem Gequatsche, weil ich selbst ja auch kontaktfreudig und mitteilsam bin. Aber genau das ist dann Gift.

Einem Maniker hört man am besten nur stumm nickend zu oder bleibt einsilbig und gibt ihm nach Möglichkeit keine neuen Impulse, die das Gedankenkarussell nur weiter drehen lassen.

Trotzdem empfinde ich diese phasenhaften Schwankungen nicht ausschließlich als eine Krankheit, denn sie begleiten mich schon mein Leben lang und werden das auch weiterhin tun.

Zweijahresrückblick

Als ich dieses Blog Anfang 2016 gründete, war ich bereits manisch und hatte einen unbändigen Mitteilungsdrang. Aber meine Beiträge waren, einzeln betrachtet, noch eine ganze Weile unauffällig.

Im Mai war ich für eine Nacht in der Klinik, weil ich Geschirr aus dem Fenster geworfen hatte. Ich lag fixiert im Flur in der Notaufnahme. Ab da waren meine Helfer nicht mehr auf meiner Seite, sondern meine Feinde. Meine Manie wurde ab diesem Zeitpunkt sehr anstrengend, weil sie nicht mehr euphorisch war, sondern dysphorisch.

Ich war ständig gereizt, erschöpft und äußerst misstrauisch. Dazu das typisch Getriebene und der Schlafmangel, weil ich vor lauter Anspannung nicht schlafen konnte. Es war eine Frage der Zeit, bis ich wieder psychotisch wurde und das war im August der Fall. Ein Taxifahrer schlug mir mit der Faust ins Gesicht, weil er mich nicht mitnehmen wollte, so irre wie ich war. Ich schenkte einem Bettler tausend Euro, einfach so. Warum ich soviel Geld überhaupt bei mir hatte, weiß ich nicht mehr.

Ich bedrohte einen anderen Taxifahrer, weil ich einfach mitten an einer Fussgängerinsel mit Gepäck einstieg und in einem fort plapperte, darunter faselte ich etwas davon, ich könnte mich nicht erinnern, ob dieser Koffer der mit der Bombe sei oder der andere. Das zog eine Anzeige nach sich, die allerdings fallen gelassen wurde, weil ich zu diesem Zeitpunkt krank war, sogar eine AU bei mir gehabt hatte.

Mein Ehemann brachte mich ins Krankenhaus. Ich verbrachte zwei Wochen gegen meinen Willen in Hamburg in der Klinik, setzte aber danach die Tabletten wieder ab, weil ich der Überzeugung war, sie nicht zu brauchen.

Etwa eine Woche später fand ich mich in Bonn in der Klinik wieder. Unterwegs hatte ich meine Habe an Tankstellentoiletten verteilt und war barfuß. Meinen Laptop und mein Portemonnaie sowie den Umschlag mit knapp 700,- Euro in bar hat die Polizei für mich in der Klinik abgegeben. Psychotisch wie ich war, hatte ich mich selbst in Gefahr gebracht. Diesmal musste ich drei Wochen bleiben und inzwischen war ich auch einsichtig. Meine Mutter stand mir dort zur Seite.

Dieses Jahr hat mir die Krankheitseinsicht überhaupt verschafft. Mich kann keine Hypomanie mehr verlocken, besonders tolle kreative Leistungen zu erbringen und diese Energie nutzen und diesen Zustand genießen zu wollen. Leider bestand ich damals noch auf Olanzapin, weil ich das kannte. Die Klinik hätte mich sonst auf Lithium eingestellt.

Und danach kam die Depression und kaum noch ein Beitrag von mir. Zu Hause verbrachte ich die meiste Zeit im Bett, gefolgt von vor dem Fernseher. Ich schlief über 15 Stunden. Fast alles, was ich abgenommen hatte seit 2014, nahm ich nun wieder zu. Hauptsächlich deshalb, weil ich mich aufgegeben hatte.

Viel mehr belastete mich aber die Spracharmut durch die Neuroleptika. Ich konnte mich an Gesprächen nicht beteiligen, saß nur daneben. Wenn man sich mit einem Gedanken ins Gespräch einklinken will und den richtigen Zeitpunkt nicht findet, dann ist das eine Sache, diesen Gedanken aber gar nicht erst zu haben, eine ganz andere.

Aber ich hatte noch die Erinnerung an denjenigen, der ich eigentlich bin. Sobald ich konnte, reduzierte ich das Olanzapin soweit es ging. Im September begann ich mit Lithium. Der Antriebsmangel war vom einen auf den anderen Tag weg und meine Stimmung fand sich endlich im Normalbereich.

Unsere Ehe hat auch diese große Krise überstanden – auch wenn ich hier schon geschrieben hatte, ich werde mich trennen. Es waren einige Netzwerkgespräche bei der Integrierten Versorgung notwendig, um etliches wieder ins rechte Bild zu rücken. Es gab vieles, das ich gesagt hatte, woran ich mich aber aufgrund der Manie aber nicht erinnern konnte und so habe ich dies auch nie richtigstellen können. Das habe ich dann nachholen können, so gut es ging.

Noch etwas passierte 2016/17: Ich nahm an der EX-IN-Ausbildung teil, was mich in eine gewisse Struktur zwang und an meine Grenzen brachte, aber leider nicht wie erhofft zurück ins Berufsleben. Dazu schaffte ich einfach noch zu wenig und traute mir zu wenig zu. Das bewies mir, dass ich meine Rente zu Recht bekomme.

Tatsächlich verhilft mir die Ausbildung zum Genesungsbegleiter immer noch dazu, gewisse Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich sage mir jedes Mal, dass ich jetzt Berufserfahrung sammle, wodurch ich mich als Patient weniger als Bittsteller fühle. Ehrlich gesagt sehe ich meine Zukunft aber nicht in diesem Beruf, weil ich mich in den Praktika beide Male sehr unwohl gefühlt habe ich meiner Rolle.

Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, den im November begonnenen Roman zu Ende zu bringen. Erstmal den ersten Entwurf, danach dann die erste Überarbeitung usw. Meine Krankheit tritt darüber hoffentlich etwas in den Hintergrund, zumal ich ja jetzt endlich medikamentös richtig eingestellt bin.

Daneben werde ich weiter abnehmen; ich bin schon fast zehn Kilo los, seit ich im Oktober der Gruppe beigetreten bin. Ich wiege jetzt etwa 125 kg. Mit Sport habe ich auch wieder angefangen. Ich laufe dreimal die Woche zwanzig Minuten auf dem Crosstrainer und zweimal die Woche mache ich Krankengymnastik für meine lädierten Knie. Das möchte ich erstmal so beibehalten, nur etwas aufs Tempo gehen und die Pumpe ein wenig mehr fordern.

Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Lithium passt

Ich bin sehr zufrieden mit dem Lithium für den Anfang. Mit 675mg, was anderthalb Tabletten pro Tag entspricht, bin ich bei einer zwar noch geringen, aber bereits wirksamen Dosis.

Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, was meine Stimmung auch den Antrieb angeht. Ich habe nicht mehr diese depressiven Durchhänger. Dabei nehme ich noch das Olanzapin (5mg), welches mich ausbremst. Das macht sich bei verringertem Bewegungsdrang, dem vielen Schlafen und meiner Gedankenarmut bemerkbar.

Mein nächstes Ziel ist nun, das Olanzapin auszuschleichen. Sollte das gelingen, wird sich auch erst dann zeigen, ob das Lithium als alleinige Phasenprophylaxe wirkt.

 

So schweigsam

Ich bin es ja von mir gewohnt, dass ich mich oft monate- oder manchmal sogar jahrelang nicht bei meinen Freunden melde. Nun ist es aber so, dass ich gerne würde, es aber irgendwie nicht geht. Seit einem Monat wartet eine eMail auf Antwort – telefonieren geht schon gar nicht – und bloggen tue ich auch viel zu selten.

Bin ich unter Leuten, rauscht das Gespräch an mir vorbei. Mit der Konzentration hapert es und so kann ich manchmal nicht folgen, aber ich finde auch nie den Moment, mich ins Gespräch einzubringen. Werde ich direkt gefragt, bin ich einsilbig. Ich würde gerne mehr von mir erzählen, finde aber das meiste in meinem derzeit ereignislosen Leben keine Nachricht wert.

Gestern abend war ich auf einem Konzert und habe dort eine Bekannte gesehen und die ganze Zeit gedacht, ich müsste auch das tun, was die anderen tun: sie begrüßen. Ich kenne sie nur vom Sehen, wir singen montags im Chor. Sollte ich ihr die Hand geben? Ich war doch nicht der Gastgeber. Sollte ich sie umarmen? So intim ist unser Verhältnis nicht.  Ich traute mich auch kaum, von dem ergatterten Stuhl wieder aufzustehen, weil ich es dann nicht geschafft hätte, ihn zurückzuerobern. Es blieb also bei einem freundlichen Anlächeln.

Es macht mich traurig, so still und gehemmt zu sein. Bevor ich das Olanzapin regelmäßig einnahm, war ich nicht so. Nur während der zeitweisen Dauermedikation mit anderen Neuroleptika. Seit Ende September nehme ich jetzt Lithium und habe die Hoffnung, das Olanzapin im nächsten Jahr ausschleichen zu können und dann wieder gesprächiger zu werden, ohne manisch über die Strenge zu schlagen.

Was tun nach der Ausbildung?

Ich habe noch einen Praktikumsbericht zu schreiben und eine Abschlusspräsentation vorzubereiten, zwei Module und das wars. Dann stehe ich vor dem großen Loch unstrukturierter Zeit.

Im letzten Jahr war zwar nicht immer jeder Tag mit vorgegebenem Programm gefüllt, aber es gab einen gewissen Rahmen und daneben Aufgaben zur selbständigen Bearbeitung. Jetzt habe ich das Gefühl, bald den Halt zu verlieren.

Was sich auch ändern wird ist meine Medikation. Seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August/September nehme ich Olanzapin, mittlerweile nur noch 2,5mg, was mir gut beim Schlafen hilft. Aber es bringt eben auch dieses NL-Zombie-Gefühl, ich bin träge und bocklos bis depressiv und Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, verschwinden im Nebel. Vielfach ist mir Lithium empfohlen worden und ich möchte es nun damit versuchen. Auch das beginnt im August.

Was Mitte August ausläuft ist der Vertrag mit der Integrierten Versorgung. Da bin ich noch nicht ganz schlüssig, ob ich den verlängern will. Mittlerweile habe ich das Krankenhaus durch mein Praktikum von einer ganz anderen Seite kennengelernt und bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin um jeden Preis ambulante Behandlungen vorziehen will. Das fängt schon mit der Einstellung auf Lithium an, was man im Krankenhaus unter recht engmaschigen Kontrollen machen kann. Darüber werde ich mit meiner Ärztin nochmal sprechen.

Und dann ist da eben die Frage, ob ich wirklich als Genesungsbegleiter tätig werden will. Ich kann mir eine Tätigkeit außer Haus an drei Tagen die Woche zu je drei Stunden gut vorstellen. Das gibt etwas Struktur für die Woche und bietet soziale Kontakte, die mir in gewissem Maß gut tun. Mit Hausarbeit und Arztterminen ist die restliche Zeit schnell gefüllt. Das finde ich etwas schade, weil ich gerne wieder mehr schreiben würde.

Wenn ich auf das letzte Jahr blicke, so ist das Schreiben völlig in den Hintergrund geraten. Ich habe fast nur geschrieben, wenn es eine Aufgabe war, die uns gestellt wurde – weil ich mich insgesamt zu kaum etwas aufraffen konnte, weil alles so viel Kraft kostete. Ich habe die leise Hoffnung, dass das Lithium mir auch damit helfen kann, weil ich dieses Nicht-aufraffen-können für depressive Symptome halte.

Schaffe ich es kaum zu bloggen, ist an das Schreiben eines Romans nicht zu denken. Und ich möchte gerne wenigstens einmal in meinem Leben ein Manuskript fertigstellen. Einmal. Theoretisch habe ich beste Rahmenbedingungen, weil ich finanziell gut versorgt bin und nicht arbeiten muss, leider aber auch nicht kann.

Was mir fehlt, ist Kontinuität. Durch die ständigen wechselnden Phasen schaffe ich kaum etwas zu Ende zu bringen. Erst lege ich in manischem Übereifer los, dann liegt alles monatelang brach, weil ich nur noch im Bett oder vor dem Fernseher liege. Dann ist mir alles zu viel und meine gesteckten Ziele erscheinen mir allesamt überhöht und unrealistisch. Zwischendurch produziere ich Mist, wenn ich psychotisch bin (Beispiel: Gutenachtgeschichte für Psychotikerverstehenwoller).

Vielleicht sollte ich nur einen oder zwei Tage die Woche arbeiten, dann hätte ich mehr Zeit zum Schreiben. Ich muss es nur dann auch wirklich tun und mich tatsächlich daransetzen. Ich denke es würde mir gut tun, wenn ich wieder zur Schreibwerkstatt ginge, weil ich dann nicht ganz so alleine mit meinem Werk wäre. Mir hilft es, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand meine Arbeitsleistung erwartet.

Aus meiner Studienzeit weiß ich noch, wie schwer es mir gefallen ist, alleine am Schreibtisch mit dem Stoff zu kämpfen. Zum Glück hatte ich einen Kommilitonen, der mir per Messenger half. Rückwirkend betrachtet ist mir aber klar, dass ich zu der Zeit depressiv war und ich deshalb blockiert war, genauso wie ich zuvor manische Energie gehabt hatte. Wie wohl die Mitte sein wird?

Ich möchte schon gerne als Genesungsbegleiter tätig werden, fühle mich aber bisher immer wieder unfähig und glaube, dass ich den Leuten mitunter auch schaden kann. Genauso wie ich zwischenzeitlich immer wieder denke, dass meine Texte nichts taugen. Beides in meinem Alltag unterzubringen sollte wohl möglich sein. Ich denke auch, dass mir die Abwechslung gut tun wird.

Was ich noch unterbringen muss ist eine Psychotherapie. Die ist lange überfällig und nicht zum ersten Mal habe ich auch von mir aus den Wunsch danach. Im Augenblick habe ich auch die Kraft, einen Therapieplatz zu suchen. Terminlich gesehen ist es besser, die Suche ab August anzugehen. Im Augenblick bin ich noch ausgebucht.

Wahrscheinlich läuft es doch wieder darauf hinaus, dass ich weniger Zeit habe als mir lieb ist – sobald der Antrieb wieder da ist.

Das Jammertal nach dem Höhenflug

Lieber Herr Jott-Punkt, hallo Welt,

ich muss mich doch noch einmal zu Wort melden und will hoffen, dass dies nun wieder häufiger geschieht ohne allerdings so auszuarten wie beim letzten Mal. Meine alten Beiträge durchzugehen und ggf. wieder offline zu stellen, was mir zu peinlich ist, würde viel mehr Kraft erfordern als einfach zu sagen: Schwamm drüber! Die ein oder andere Entgleisung tut mir wirklich leid, viele waren wohl eher lustig und nicht weiter wild. Manch Beitrag könnte den ein oder anderen Angriff enthalten, den ich heute so nicht mehr starten würde. Das möchte ich aber meiner allgemeinen Entwicklung zuschreiben.

Heute sehe ich mich fast ein halbes Jahr nach dem psychotischen Gipfel meiner letzten Manie. Wenn ich das vergleiche mit meiner ersten Manie, so liegen Welten dazwischen, was ich in allererster Linie der Medikation zuschreibe, denn die letzte Manie war weitaus heftiger und anstrengender als meine erste. Diesmal bin ich aber nicht so zugeballert, wie die Ärzte es empfahlen; ich habe nicht zu allem Ja und Amen gesagt in der Hoffnung auf Heilung. Und ich habe mit Olanzapin ein Medikament gefunden, das ich abgesehen von Spontanverfettung (30kg in 3 Monaten) vergleichsweise gut vertrage. Bei meinem nächsten Gespräch mit meiner Ärztin will ich noch eine Stufe runtergehen, weil es nach wie vor so ist, dass ich das Gefühl habe, anders zu sein als ich es normalerweise bin: Langsamer, ruhiger, stiller, in mich gekehrter und das in einem solchen Übermaß, dass ich mich nicht wohl damit fühle.

Und natürlich würde ich gerne wieder abnehmen, schaffe es aber bisher nicht. Ich habe immer wieder Schokoladenkaufundfressanfälle, die ich nicht gänzlich unterdrücken kann. Was mich dagegen freut, ist, dass ich wieder gut in Bewegung eingestiegen bin. Ich fühle mich etwas fitter und bin nicht ganz so schnell aus der Puste wie noch im November.

Das alles findet wohlgemerkt neben der Ausbildung statt, die ich seit September absolviere. Beim ersten Modul habe ich mich manisch präsentiert, das zweite wegen Klinikaufenthalts versäumt und seitdem fleißig das mittlerweile straff anziehende Programm absolviert. Dazu gehören ua.a zwei Praktika, ein in Kleingruppen vor der Großgruppe zu haltendes Referat und ein als Gesamtgruppe auszuarbeitender an der Uni zu haltender Vortrag, der bis hin zur Performance in szenischer Ausarbeitung ausgestaltet werden kann.

Bei meinem ersten Praktikum im Oktober/November war ich noch total platt und ziemlich überfordert. Ich habe tapfer am Treff in einer Einrichtung der ambulanten Sozialpsychiatrie teilgenommen, mich aber nicht wirklich als Begleiter einbringen können. Ein Raum, voll mit Menschen, die alle durcheinanderschnattern überfordert mich einfach. Das ist kein geeigneter Arbeitsplatz für mich. Meine Stärke liegt ganz eindeutig in Einzelgesprächen, die ich dort leider nicht führen durfte.

Mein zweites Praktikum wird im stationären Bereich stattfinden. Geplant ist, dass ich dort eine Spielegruppe anbiete und Einzelgespräche. Hier sehe ich die größte Gefahr, in der vorhandenen Struktur unterzugehen. Und die Geruchsbelastung in den Patientenzimmern wird mich herausfordern. Das habe ich bereits bei der Hospitation bemerkt.

Wenn ich mir so ansehe, was ich geschrieben habe, dann ist das schon wieder sehr viel, viele offene Baustellen. Dabei habe ich noch längst nicht alles angesprochen, was mich im Moment gerade bewegt. Ich glaube aber, das Jammertal habe ich schon wieder hinter mir gelassen.

Ich mache, dass ich mich wohl fühle, bis einer STOP sagt!

Ich mache, dass ich mich wohl fühle, bis einer STOP sagt!

Das ist er, der langersehnte Durchbruch in Sachen Genesung. Ich habe es geschafft, Hilfe anzunehmen. Wie ein kleines Mädchen Rotz und Wasser geheult und mich endlich nicht mehr geschämt dafür, sondern ich war einfach nur total dankbar, dass ich es endlich kann und sein darf und man mich nicht zwingt.

An mir ist nichts Bedrohliches. Es gibt keinen Grund, mir Hilfe aufzuzwingen. Ich kann eigentlich alles sehr gut alleine bewältigen, dank meiner „Erziehung zur Selbständigkeit“, die heutzutage sicherlich vielerseits als sträfliche Vernachlässigung betrachtet werden würde. Das ist eine Sicht darauf, die ich zwar nachvollziehen kann, aber nicht vollumfänglich teile. Ich bin sehr dankbar für diesen Erfahrungsschatz, ohne den ich heute nicht ich wäre, sondern jemand anders. Und dieser andere jemand könnte nicht das, was ich kann: Mich an meinem eigenen Haarschopf aus der Scheiße ziehen. Un dieser andere, der ich nicht geworden wäre, wäre sicherlich nicht in der Lage, so hart zu sich zu sein, wie ich das kann und hätte entsprechend sehr viel weniger Potential, erfolgreich zu werden. Und ob der auch so einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst und seine Selbstheilungskräfte hätte, das wage ich ebenfalls zu bezweifeln.

Zurück nochmal: Ich mag es nicht, wenn man mir Hilfe aufzwingt. Ich lasse mich gerne anbinden, vor allem dann, wenn ich Angst vor mir selbst habe. Aber ich lege Wert auf Einvernehmlichkeit. Ich schätze Privatsphäre. Mir ist klar, dass die Notaufnahme eines Krankenhauses nicht der Ort ist, an dem man sein möchte zwecks TPE-Sessions – für solche Zwecke suche ich dafür geeignetere Etablissements auf und das selbstverständlich freiwillig. (Insider verstehen mich.) Ich stehe zwar auf Uniform und kann mittlerweile auch entwürdigende Situationen retrospektivisch erotisieren, aber es ist etwas anderes, ob man Demütigung spielt, oder ob man es tatsächlich erlebt, ausgeliefert zu sein und entwürdigt zu werden. Da muss auch niemand sich großartig irgendwo in Gesetzestexte einlesen, um herauszufinden, wer was darf: In unserem Grundgesetz steht die Würde ganz oben in Artikel 1 .

Es gibt keine Rechtfertigung dafür, jemanden in den Flur zu stellen und ihn da einmachen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn man sehr wohl verstanden hat, was er will. Da kann mir auch keiner erzählen, er habe es nicht besser gewusst und sich daher leider unangemessen verhalten. Ich werde mich beschweren. Definitiv. Noch bin ich unentschlossen, wie und bei wem und welchen Weg ich nutze, aber es wird eine Retourkutsche geben, damit diese Person gerügt wird. Die Eier, mich zu verteidigen, habe ich mittlerweile wiedergefunden und es ist eine Frage der Zeit, bis ich hinreichend Kraft gesammelt habe.

Es wird noch etwas dauern, bis ich das alles verarbeitet habe… aber ich bin wieder voll einsatzfähig, weil ich nun weiß, dass ich meiner Intuition sehr wohl vertrauen darf, dass ich alles richtig gemacht habe, und die anderen sich mir gegenüber falsch verhalten habe. Es liegt nicht in meiner Macht, zu machen, dass andere sich bessern. Also kann ich nur den Täter_innen gute Besserung wünschen.

Wenn nun nicht zufällig mein Genesungsbegleiter mir am Mittwoch diese Hiobsbotschaft überbracht hätte, dass mein Vertrag mit der IV bald (irrtümlich hatte er angenommen am 8.8., meinem zweiten Geburtstag, der sich dieses Jahr zum 8. Mal jährt), dann weiß ich nicht, wie lange meine Angst vor dem geholfen werden noch größer geblieben wäre als der Schmerz, der schon so lange in mir tobt.

Damit man eine Vertragsverlängerung bekommt, muss fachärztlich bestätigt werden, dass man sich in einer akuten Krise befindet und sonst in eine Klinik müsste. Das ist natürlich sehr förderlich in Sachen Krankheitseinsicht. Und auch die Tatsache, dass die Krisenpension immer da ist, wo zuerst jemand um Hilfe gebeten hat, trägt dazu bei. Und da ist es doch eine prima Sache, dass die Krankenkasse jene vor die Tür setzt, die die Hilfe gar nicht mehr so dringend brauchen. So brauche ich mir auch keine Sorge machen, von dieser besonderen Form der Unterstützung abhängig zu werden. Das ist eine runde Sache und somit ist die Integrierte Versorgung (Hamburg Süd) wirklich in jeder Hinsicht zu empfehlen.

Dann schwatze ich den Leuten auch keinen Mist auf, wenn ich später als Genesungsbegleiter davon schwärme. Das war mir sehr wichtig zu überprüfen.

Und ja, natürlich: Es ging mir wirklich der Arsch auf Grundeis. Meine Diagnose hätte „Liebeskummer“ gelautet. Aber wie man das Kind nennt, ist eigentlich hackenkackenscheissegal, so lange man in der Lage ist, es richtig zu schaukeln.

Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Vertrag verlängert werden würde, jetzt nachdem ich sozusagen meine dreijährige Ausbildung zum Berufspatienten mit Bravour bestanden habe (hätte Lust, mir ein Abschlusszeugnis zu schreiben und das an die Wand zu hängen), wäre es ganz nett, einfach noch ein bisschen weiter kuscheln zu dürfen. Andererseits läuft es am 20. August ab und ich weiß, dass die Welt nicht untergehen wird, wenn ich da nicht mehr hindarf. Dann finde ich einen anderen Lösungsweg. Es wäre mir jedoch eine große Hilfe, wenn ich noch etwas Zeit bekäme, mir ein neues Umfeld aufzubauen. Um solche ausgesteuerten Fälle sozusagen beim Wieder-ganz-alleine-klarkommen zu unterstützen, soll eine Selbsthilfegruppe gegründet werden, deren Leitung ich gerne und notfalls auch ohne Entgelt übernehmen würde. Die Entscheidung, wie sehr bei mir die Kacke gerade am Dampfen ist, darf zum Glück meine Ärztin treffen und nicht ich. Komisch, dabei können Psychiater_innen doch gar keine Gedanken lesen. Woher die wohl wissen will, wie es mir geht? Liest die etwa mein Blog?

Naja, jedenfalls wollte ich ein Lebenszeichen von mir geben, nachdem sicherlich einigen aufgefallen sein dürfte, dass es freitags keinen Blogbeitrag gab. Aber vielleicht ist es ja doch keinem aufgefallen. Auf manche Fragen werde ich nie Antworten bekommen und auch das werde ich lernen, (noch) besser auszuhalten. Allerdings werde ich häufiger nachfragen, um zumindestens alles versucht zu haben, an Anworten zu gelangen – solange dies noch realistisch ist.

Ich freue mich auch schon ganz dolle auf die Studie zur MKT-Forschung, bei der ich ab September mitmachen darf. Aber damit ihr nicht zuviel zu lesen habt und weil ich auch jetzt erstmal genug vom Stapel (endlich ist es wieder ein geordneter Stapel und kein ausgekippter Papierkorb!) rausgelassen habe und noch anderes tun möchte heute, mache ich an dieser Stelle mal einen Punkt.


Denk an die Amnesie für das heutige Gespräch. Diktat Ende.

(Mein Lieblingsleser)

Ist erledigt, Chef! Und im Übrigen: Danke gleichfalls. :)))


An meinen Fan Nr. 1:

Ich glaube, so ganz ohne Schubladen werde ich nie auskommen, aber ich kann Unordnung zunehmend besser vertragen. Dein Buch, das ich von Dir ausgeliehen habe, habe ich mir in die Wiedervorlage für Oktober gelegt zusammen mit einem, das ich Dir zur Lektüre anbieten möchte. Hoffe, wir sehen uns dann spätestens dort.


PS:

Mir ist noch wichtig zu erwähnen, dass ich ohne Bedarfsmedikation ausgekommen bin – weil ich keinen Bedarf an Psychopharma hatte, sondern einfach an menschlicher Zuwendung in Form einer Schulter zum Ausheulen – und weil ich das dort durfte, ist die Krisenpension für mich auch eine waschechte Soteria – auch wenn da Psychologen mitspielen dürfen. So eng sehe ich das nicht mehr, habe ja keine Angst mehr vor ihnen dank den bloggenden Kolleg_innen.

Punkt.

Die Karte habe ich mir übrigens selbst gekauft, ohne groß drüber nachzudenken, einfach aus einem Impuls heraus, und habe sie heute in meinem Posteingang gefunden, war schon etwas abgesoffen, habe mich aber sehr über diese Aufmerksamkeit gefreut.

Punkt, zum Dritten. *seufz

Wer liebt, muss auch loslassen können.

(Muss wer Schlaues gesagt haben)

Also: Schluss, aus, ab die Post. Gute Reise, liebe Blogpost… bis bald in alter Frische und auf jeden Fall ein Wiederlesen – Ende, Aus, Cut. STOP!

Mastek-OP und die ersten 21 Tage danach

Tag -1
Und plötzlich ging alles ganz schnell
Am Mittwoch, 08.06.11, war ich zur Vorbereitung in der Klinik. Der OP-Termin sollte in der Folgewoche am Dienstag nach Pfingsten sein. So hatte ich noch ein paar Tage Zeit, alles zu regeln und in Ruhe einzupacken.
Am Donnerstag hatte ich einen Termin beim Neurologen zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, Freitag einen Aufnahmetermin für eine Radiosendung, Samstags einen GW-Kurs und abends Stammi und danach wollte ich zur Gayfactory.
Soweit der Plan.

Dann sass ich aber bei Prof. Dr. Joerg Schwarz im Gespräch und seine Sekretärin Frau Boehme kam rein. Die für den 09.06.11 geplante 7stündige OP musste verschoben werden, da es sich um eine Macumar-Patientin handelte und kein Bett auf Intensiv mehr frei war.
„Haben Sie morgen schon was vor?“, ging prompt an mich die Frage. Nee, natürlich nicht. Bin doch hauptberuflich trans. xD

Tag 0
Pulleralarm
Ja, ich hatte Angst vor der OP. Angst vor dem Kontrollverlust und dass ich nicht wusste, ob und wie ich aufwachen würde. Es war nur mein Glück, dass plötzlich alles so schnell ging, denn ich hab richtig gezittert vor Angst, je näher ich zum OP-Saal geschoben wurde. Ich wär am liebsten schnell noch auf Klo gegangen, aber dazu wars dann schon zu spät.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war zum einen der immense Harndrang nach der OP und zum anderen der Bluthochdruck.
Ich musste so dringend pissen, dass es schon weh tat – aber ich konnte nicht. Ich lag über drei Stunden im Aufwachraum, hab mehr gepennt als irgendwas richtig wahrgenommen und war trotzdem nicht breit genug, einfach in die Schüssel (Bettpfanne) laufen zu lassen. Morgens um sechs war ich zu Hause das letzte Mal gewesen und schaffte es erst abends um acht. Das ist mein persönlicher Rekord im Einhalten.
Das gelang mir nur deshalb, weil ich trotz Bluthochdruck und Kreislaufproblemen alleine im Bad auf dem Klo sass. Abwischen war scheissegal, aber ich merkte, wie der Kreislauf wieder absackte und angelte mit dem Dusch-Hocker nach der Leine mit der Klingel, die bekloppterweise neben dem Waschbecken hängt (neben dem Klo halb im Duschvorhang versteckt hing noch eine, aber die hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht entdeckt). Der arme Pfleger war ganz allein im Spätdienst, auch sofort auf Knopfdruck da und machte ein Gesicht, als hätte ich mir ne Knarre an den Kopf gehalten und unschlüssig mit dem Abzugshebel gespielt. „Nicht alleine!“ und in Nullkommanix hat er das Bett vor die Badtür geschoben, so dass ich mich nur noch vom Thron hochwuchten und zwei Schritte machen musste und dann wars gut, weil ich wieder drinne lag und er keinen Herzinfarkt gekriegt hatte.

„Sie sind ja so klein geraten“, hatte er vorher erklärt, „dass ich Sie nicht auffangen kann und auch nicht mehr hoch kriege, wenn Sie umfallen.“ wobei er nicht ganz unrecht hatte. Ich bin durchschnittlich gross und überdurchschnittlich breit, während er zwei Köpfe kleiner ist als ich und normal gebaut.
Deshalb sind wir es ganz vorsichtig angegangen und als ich stand, meinte ich, ich könnte schon wieder sitzen und deshalb ging es da noch nicht mit dem Weg ins Bad. War ja meine Blase, die zu platzen drohnte und nicht seine.
Hätte ich eine Stehpinkelvorrichtung gehabt, hätte es im Sitzen auf der Bettkante vollkommen ausgereicht mit einer Bettflasche. Solche bekommt mein Onkel immer zum Strullern. Meine Pinkelhilfe hatte ich aber nicht eingepackt.
Keine Stehpinkelvorrichtung zu haben ist manchmal echt doof.

Keine Stehpinkelvorrichtung zu haben, wenn alle Welt meint, man müsse eine haben ist noch viel schlimmer. (War grade erst am Dienstag vor der OP mit zwei Kumpels Bierchen zischen als kleine Abschlussfeier, weil wir den letzten Praktikumstermin bewältigt hatten. Die sind nach dem dritten Bier erst einzeln nacheinander und später zusammen in den Busch gestakst und der eine nur zu mir „Ey, Respekt, dass Du noch nicht musst!“ Die sind dann noch dreimal und da tat es dermaßen weh, dass mir klar wurde, dass ich es nicht mehr bis nach Hause schaffen würde und froh war, als das Bier alle war und wir gingen. In der U-Bahn musste ich noch eine Station fahren und hab ernsthaft in Erwägung gezogen, es einfach laufen zu lassen. Glücklicherweise fand ich aber ein Örtchen in einer Kneipe im Durchgang und musste nicht erst durch den halben Bahnhof laufen.)
Das einzige, was noch viel schlimmer ist, wenn alle wissen, dass man keine Stehpinkelvorrichtung hat obwohl man eine haben müsste. Sonst hätte ich ja eine Flasche gebracht bekommen und keine Schüssel.

Bis zum nächsten Morgen habe ich nichts anderes gemacht als Wasser zu trinken und Wasser zu lassen. Jedes Mal, wenn die Tür aufging und jemand seine Nase reinsteckte, war ich bereit. Einmal habe ich dann sogar unter höchster Konzentration die Schüssel besiegt, weil ich alleine im Zimmer war und meine Ruhe hatte.
Bei der Visite wurde es dann offiziell, dass ich alleine auf Klo darf, weil die Schwester vom Frühdienst schon mitgekriegt hatte, dass ich fit genug bin.

Tag 1
durchlaufender Posten
Weiter Wasser rein und Wasser raus und so richtig klar im Kopf bin ich immer noch nicht. Die Narkose hängt noch nach.

Tag 2
Ein Indianer kennt keinen Schmerz
Schmerzen habe ich nach der OP weniger als vorher. Trotzdem ist es komfortabler, sich unter Einfluss von Schmerzmitteln zu bewegen als ohne. Die soll man hier nehmen, damit man bald raus aus dem Bett kommt. Von der ersten bin ich so high geworden, dass ich bunte Farben gesehen und im Kreis gegrinst hab.
Es hängt auch an der Wand im Flur ein Poster mit viel Blabla zum Thema Schmerztherapie, dass man die Schmerzen nicht ertragen muss, sondern um Hilfe bitten darf und soll – das hängt da nicht ohne Grund. ^^

Von der Schwester bekam ich einen webstick ausgeliehen und kann jetzt per Laptop ins Internet.
Ausserdem hatte ich Stuhl- und Spaziergang.

Tag 3
Meister Proper auf Pfingsturlaub
Die Pillen knallen jetzt nicht mehr so rein. Aber die Sonne scheint. Und mich vors Fenster zu stellen in den Sonnenschein und die Wärme auf der nackten Brust zu spüren ist einfach nur der Hammer. :)))
Möchte mich am liebsten mit ner Sonnenbrille bewaffnet an die Theke gehen und fragen, wo der Swimming-Pool ist und bei wem ich mich für den Surf-Kurs anmelden kann. *lol

Könnte Bäume ausreissen und fühle mich aufgrund der angenehmen Atmosphäre eher wie im Luxushotel als in einem Krankenhaus.
Nur die Drainageflaschen und -schläuche sind etwas unhandlich, etwa wie eine Handtasche, die man immer mitschleifen muss.

Wir gehen Eis essen, obwohl die Schwester das mit den Flaschen unappetitlich findet, machen aber einen Stoffbeutel zur Tarnung darum.
Eitel wie ich bin, habe ich statt der schlabberigen Freizeithose meine normale Hose angezogen. Die ist zwar auch Stretch, aber mit Gürtel doch sehr viel enger als die andere und es macht sich deutlich bemerkbar, dass mir zur Laparoskopie der Bauch aufgepumpt wurde. Der Druck auf den Bauch geht mir auf den Kreislauf, also brechen wir die Aktion vorzeitig nach nur einem Getränk ab und ich bin froh, als ich mich im KH wieder ins Bett fläzen kann.

Tag 4
KH-Alltag
Eine gewisse Routine stellt sich ein. Schlafe tags und nachts je drei Stunden.
Jeden Tag wird Blutdruck und Temperatur gemessen, Frühstück zwischen sechs und acht, Mittagessen von zwölf bis halb eins und Abendbrot von sechs bis halb sieben. Visite ist vormittags, Dr. Schwarz kommt meist nachmittags erst rein und sieht selbst nach. Die BW-Pflaster werden jeden Tag gewechselt, abends gibt es noch eine Hepavirin-Spritze gegen Thrombosen und solange nicht weniger als 10ml pro 24 Std in die Drainageflaschen laufen, bleiben die Schläuche drin. Rechts läuft kaum etwas ab, stattdessen hat sich eine kleine Beule gebildet.

Die beste Besuchszeit ist abends nach 18 Uhr, weil dann einfach zwölf Stunden lang nichts mehr los ist und es ab 20 Uhr im Fernsehen interessant wird.

Weil auf der rechten Seite mangels Sog nicht richtig abgelaufen ist, werden vormittags die Drainageflaschen gewechselt. Mit Schuss fliessen die ersten 50ml ein. Nachmittags beschwert sich eine Ärztin darüber, dass der Flaschenwechsel und die letzten Pegelstände nicht dokumentiert wurden.

Die ersten beiden Bücher hab ich durchgelesen.

Da man meinem Kreislauf immer noch nicht traut (weiterhin Bluthochdruck), darf ich nur mit Besuch spazieren gehen. Bin also heilfroh, als ich endlich raus darf. Ein anderen TM und mein Schatzemann überschneiden sich mit ihrer Anwesenheit zeitlich, weshalb wir kurzerhand zu dritt Spargel essen gehen.

Tag 5
Schmerzmittel verursachen Schmerzen
Mir dröhnt der Schädel vom Ibuprofen, weshalb ich auf Paracetamol wechseln will.
Morgens und mittags nehme ich nur je 1 Tablette, was der Pfleger für viel zu wenig hält. Bei mir wirkt das normalerweise auch in geringen Mengen, weil ich nur sehr selten Schmerzmittel nehme, aber ab abends nehme ich brav ein ganzes Gramm.
Das einzige, was vom Kopping abgesehen schmerzt, ist der Schlauch an der rechten Seite. Das geht aber auch durch die Tabletten nicht weg.

Tag 6
Pflasterallergie?!
Nachts um vier wache ich auf und habe derbe Schmerzen an der rechten Seite. Da es sich ausserdem heiss anfühlt und rot ist, sage ich der Schwester Bescheid, dass es sich entzündet hat.
Sie erzählt was von Pflasterallergie und umpolstert den Schlauch so, dass er eine erträgliche Position bekommt. Ich erkläre, dass sich Bakterien exponentiell vermehren und dass es innerhalb weniger Stunden sehr viel schlimmer werden wird, aber sie beharrt auf ihrer Theorie von der Pflasterallergie.

Visite ist dann um halb zehn und bis dahin hat sich die Rötung von der Stelle um den Schlauch herum bis auf fast die ganze Brust ausgebreitet. Deshalb müssen die Drainageschläuche jetzt sofort gezogen werden und ich bekomme Antibiotika verordnet, die ich mit meinem Paracetamol zusammen mampfe.
Das Ziehen der Schläuche ist auf der linken Seite kaum zu spüren (Holger ist der Beste!), aber auf der rechten Seite fühlt es sich an wie ein Vulkanausbruch.

Ich bekomme eine Gelpackung zum Kühlen und ab sofort wird auch abends Temperatur und Blutdruck gemessen.

Ich hab Angst, die Entzündung könnte sich hartnäckig halten wie bei meinem Onkel die offenen Beine. Holger und Dr. Schwarz schaffen es aber, mich ohne Sedierung zu beruhigen.

Den Laptop lasse ich wieder wegschaffen, habe keinen Nerv darauf und das, obwohl der Thriller ausgelsen ist. Kann mich durch die ganzen Medikamente schlecht konzentrieren und will einfach nur schlafen.

Tag 7
Antibiotikum iv
Um vier Uhr morgens nehme ich das erste Mal in meinem Leben ein Schlafmittel, dessen Wirkung die nächsten acht Tage anhält.

Leider hatten die Tabletten nicht die erwünschte Wirkung und die Entzündung breitet sich weiter aus. Deshalb wird jetzt ein Abstrich gemacht, um den Erreger zu ermitteln, und das Antibiotikum intravenös gegeben.

Intravenös heisst in die Vene und deshalb muss ein Zugang gelegt werden. Dazu wird mit einer Nadel reingepiekst und diese dann entfernt, damit eine Braunüle darin verweilt. Soweit der Plan.
Abends tut es der Zugang von mittags jedoch nicht mehr. Es läuft zwar Blut raus, aber nicht das Medikament rein. Also muss ein neuer Zugang gelegt werden. Dazu piekst die Ärztin zwei andere Stellen probeweise an, um sich dann doch für die zweite Vene in der linken Ellenbeuge zu entscheiden.

Weil ich befürchte, mir beim vom-Lokus-hochstemmen die Vene zerdeppert zu haben, pinkle ich die nächsten Tage im Stehen in der Dusche. Da hätte ich auch früher drauf kommen können.

Tag 8
Salbeitee
Trotz Paracetamol, was ja auch fiebersenkende Wirkung hat, geht meine Temperatur bis über 38°C hoch. Im Wechsel friere ich, dass mir die Zähne klappern oder ich schwitze mich selbst und das Bett nass.
Die Schwester bringt mir eine Kanne Salbeitee, da es Patienten gibt, bei denen dieser schweisshemmende Wirkung hat. Ich saufe also brav neben dem Wasser auch diesen Tee weg, aber tagsüber friere ich nur und als die Kanne leer ist, fange ich wieder an zu schwitzen. Dumm gelaufen.

Nachdem das Antibiotikum mittags in den Arm gelaufen ist, gibt es abends den dritten Zugang. Diesmal aber endlich am rechten Handrücken, wie ich das anfangs vorgeschlagen hatte.

Tag 9
Staphylococcus aureus
Morgens gibt es leider gleich wieder einen neuen Zugang (Nr. 4), weil alles in die Hand gelaufen ist.

Das Ergebnis des Abstrichs entlarvte Dr. Schwarz‘ Lieblingskeim. Der kommt wie Streptokokken üblicherweise auf der Haut vor. Bei solchen Infektionen handelt es sich immer um Hygieneprobleme des Krankenhauses, falls ich das als Patient nicht selbst verursacht haben sollte.
Mein Onkel würde an meiner Stelle das KH verklagen.^^

Tag 10
Über den Berg
Noch fühle ich mich krank und habe keinen richtigen Appetit.
Die Entzündung geht deutlich sichtbar zurück und meine Temperatur lässt auch nach.

Tag 11
Will hier raus
Das Klo wurde repariert und es fliesst jetzt nicht mehr ständig Wasser. Das ist besonders nachts sehr angenehm, weil es nicht mehr stets Harndrang fördert.

So langsam werde ich quengelig, weil mir die Decke auf den Kopf fällt.
Kann das Brot abends nicht mehr sehen und lasse mir Obst mitbringen.
Zusammen mit Schatz gehe ich Eis essen.

Abends landet die Infusion im Arm anstatt in der Vene, so dass der Zugang gleich entfernt werden kann.

Tag 12
Pus
Brutaleres Wecken lässt meine gegenwärtige Vorstellungskraft nicht zu: Eine Ärztin reisst mich aus dem Schlaf, indem sie ruppig an mir rumzerrt, um mir einen Zugang an einer absolut bescheuerten Stelle zu legen: Seitlich am Handgelenk, so dass ich den Daumen nur unter Schmerzen bewegen kann. Da allerdings erst, nachdem die erste reingerammte Nadel in der rechten Ellenbeuge – ooops! – nicht laufen wollte.

Nachdem bisherige Versuche, den Entzündungsherd zu punktieren, erfolglos waren, entleert sich jetzt der Eiter durch die Naht, welche Dr. Schwarz an einer Stelle ein Stück öffnet, um den Dreck endlich da rauszuholen.
Ab jetzt wird zweimal täglich gespült.

Tag 13
Achselfurzen für Fortgeschrittene
Diesmal freue ich mich ausnahmsweise darüber, dass ich einen neuen Zugang bekomme. Inzwischen der sechste und voerst letzte. Der andere hatte wirklich blöd gesessen.

Der meiste Eiter ist raus und somit auch sehr viel Druck weg. Das ist sehr viel angenehmer jetzt. und ich kann mich sehr viel besser bewegen.
Das Spülen ist lustig, weil es da drin gluckert und die entweichende Luft Furzgeräusche macht.

Tag 14
Puma im Käfig
Ich weise mindestens zum dritten Mal darauf hin, dass ich am Freitag einen Termin habe, den ich unbedingt wahrnehmen will. Den zweiten Aufnahmetermin unseres Radioprojekts. Den ersten hatte ich durch die vorgezogene OP versäumt.
Am Freitag soll ich raus dürfen und zum Sender gehen können.

Wie schon vor Aufkommen der Infektion fühle ich mich wie ein Puma im Käfig und will raus, aktiv sein. Dass ich mich schonen soll, macht mir zu schaffen.

Eine Seelsorgerin verläuft sich offensichtlich – bin ja konfessionslos – in mein Zimmer und ich erzähle auch ihr vom Radioprojekt zum Thema Transsexualität und dass ich am Samstag entlassen werde.

Tag 15
Ausflug zum Radiosender
Tatsächlich darf ich auf eigene Gefahr das Krankenhaus verlassen, natürlich meinen Schatzemann im Schlepp, und soll dann abends wiederkommen, um erst am Folgetag auszuchecken.

Die Aufnahme strengt mich körperlich mehr an, als ich angenommen hatte. Trotzdem ich die ganze Zeit nur sitzen muss.
Ich merke aber auch sofort, dass mein Interesse, mich in transkram zu engagieren, ganz gewaltig nachgelassen hat. Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich zu allem zu äussern. Es ist, als hätte ich das alles hinter mir gelassen.

Abends hat die Schwester keine Lust, den Verband nochmal zu wechseln, der daraufhin bis zum nächsten Morgen durchsuppt und die Bettwäsche vollsaut.

Tag 16
Entlassung
Endlich. Ein letztes Mal Spülen, noch ein Ultraschall für die Nieren und dann wird mir der Arztbrief für die Hausärztin (HA) in die Hand gedrückt. Ich darf nach Hause.
Weil Samstag ist, lasse ich mir noch einmal die BW-Pflaster wechseln und Verbandsmaterial für Sonntag mitgeben.

Tag 17
Die Kompressen reichen nicht, deshalb schlachten wir den KFZ-Verbandskasten.

Tag 18
Heute geht es noch einmal zu Dr. Schwarz zum Spülen und Verbandswechsel. Ein KH darf keine Rezepte ausstellen, deshalb soll ich mir von der HA Verbandsmaterial verordnen lassen.
Die BW-Pflaster sollen weiter jeden Tag gewechselt werden und die Streifen alle 3 Tage.

Von der Vertretung meiner HA lasse ich mir Rezepte geben und in der Apotheke bestelle ich Jelonet und Cosmopor für die BW-Versorgung. Leukopor für die Naht hatte Dr. Schwarz mir mitgegeben, auch davon bestelle ich noch Nachschub, ebenso optenisept-Sprühzeugs zur Desinfektion.
Nur an das sabbernde Loch von der Entzündung hatte ich nicht mehr gedacht. Für das habe ich nur ein Wundverband-Pflaster bekommen, für den Notfall.

Tag 19
Morgens ist natürlich der ganze Schlafanzug nass von der Spülflüssigkeit, die nach und nach rausgelaufen ist. Da wir keine Kompressen zum Abwischen haben hält das Pflaster auf der nassen Haut nicht.

Meine HA ist in noch Urlaub und die Vertretung mit der Wundversorgung überfordert.
Ob ich denn den Arzt im KH nochmal aufsuchen solle, fragte sie und ich sagte ihr, wenn alles gut ginge, sollte ich ihn nicht wiedersehen. „Aber es geht nicht alles gut!“, verzweifelte sie.

Ich habe erklärt, wie Dr. Schwarz gespült hat (mit Spritze und Blasenkatheter-Schlauch), aber das könne man hier nicht, weil man solches Material nicht habe. Am liebsten solle ich wieder ins KH gehen.
Unglaublich.
Was mich am meisten geärgert hat: Obwohl ich erklärt habe, dass das Jelonet gewechselt werden muss, haben sie es nicht getan und nur die Pflaster ausgetauscht. Und ein Stück des selbstauflösenden Fadens hat sie trotz meines Protestes abgeschnitten mit dem selben Argument, aus dem das Papierpflaster abgerupft wurde (obwohl sie selbst keins hatten, um es zu erneuern): „Das sieht ja nicht schön aus!“

Immerhin habe ich noch ein Rezept für Kompressen und eins für den Verband für die ehemals eitrige Stelle bekommen können. Das hab ich auch flugs bei der Apotheke abgegeben und gehe es gleich abholen.

Ein Anruf bei Frau Boehme brachte mir einen Termin für die morgige Sprechstunde ein; täglich müsse jetzt nicht mehr gespült werden.
Dann werde ich wohl die Nachsorge selbst übernehmen, solange ich nicht zum Spülen fahren muss.

Tag 20
Heute hat Dr. Schwarz festgestellt, dass das Loch schon so zu ist, dass man nur noch mit Gewalt was reinstecken könnte, um zu spülen. Deshalb hat er davon abgesehen. Es darf jetzt einfach ganz normal zuheilen und muss nicht künstlich offen gehalten werden.
Da die Brust auf der rechten Seite nen Touch röter und etwas wärmer ist, soll ich sicherheitshalber nochmal 5 Tage Antibiotika nehmen. 

Tag 21
Jetzt sind die ersten drei Wochen rum seit der Mastek.
Nach und nach habe ich mir schon einiges wieder erarbeitet, das ich selbst machen kann. Die leeren Pfandflaschen (Plastik) kann ich zB selbst wegbringen gehen, aber die neuen herschleppen darf ich noch nicht. Spazieren gehen ist drin, aber Schwimmen noch nicht. Kann anderthalb bis zwei Kilo je Seite tragen und mehr soll ich auch noch nicht.
Zeit, auf wöchentliche Berichte umzustellen. ;)

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