Nach dem CSD ist vor dem CSD: Schriftsteller auf Urlaub

Nach dem CSD ist vor dem CSD: Schriftsteller auf Urlaub

Montag, 4. Juli 2016

Schwul bin ich ja auch noch, egal ob ich schreibe oder nicht. Und da bin ich nicht der einzige. „Und das ist gut so“, müsste ich als Berufsschwuler wohl dazu sagen. So jemand bin ich aber nicht, genauso wie ich keine Berufstranse bin. Ich bin ich und das auch noch im Urlaub. (Ob man von Krankheit wirklich Urlaub nehmen kann, lasse ich an dieser Stelle mal offen; vom Patientenalltag kann man sich dagegen sehr gut beurlauben, indem man sich von jeglichen Terminen durch Ortsabwesenheit entzieht.)

am 3. Juli 2016 fand die CSD-Parade Demo Colognepride 2016 in Köln statt, die (aus politischen Gründen) offiziell als „Demonstration“angekündigt worden ist, weshalb ich mich schwer getan hatte, sie auf der Homepage bei der Suche nach „Parade“ überhaupt zu finden. Nichtsdestotrotz ist es mir dank tatkräftiger Unterstützung gelungen, dort im Trans*Block mitzulaufen.

Video-Beweis: http://livestream.com/CSD2016/parade/videos/128533876

Das Video ist über drei Stunden lang. Nein, ich habe es nicht angesehen. Es wurde mir von einem Fan zugemailt, der mir eine SMS schrieb, dass er mich im Livestream gesehen habe. Ich bin etwa ab 2:25:00 im Bild.

Es war für mich bei aller Reizüberflutung in erster Linie ein ausgedehnter Spaziergang durch die Menschenmassen, der mir großen Spaß gemacht hat, auch wenn oder weil ich nach sechs Stunden Gehen bzw. Stehen auf Asphalt meine körperlichen Grenzen deutlich gespürt habe. Urban Hiking ist das neue Wandern, yeah! (Und ich dachte, ich habe eine tolle Idee, dabei hat schon jemande anders eine Website darüber erstellt.)

Ein Künstler hat uns mit Aquarellstiften bunte Tattoos aufgemalt, die der in Schauern immer wieder einsetzende Regen leider allzubald wieder abgewaschen hat. Zum Glück habe ich rechtzeitig Fotos machen können: Weiterlesen

Ärzte machen Druck

Es ist echt unglaublich.

09.07.2010 – Antrag gestellt
Ende Juli haben die angerufen und mitgeteilt, dass der aktuelle Hormonstatus fehlt.
Super, ich also rumgetelt und alles und nen näheren als den ohnehin nächsten Termin beim Endo kriegte ich nicht (es wären nur 10 Tage rauszuholen gewesen und dafür doppelt Blut abnehmen und Kosten verursachen wollte ich nicht).

09.09.2010 – hab ich diesen fehlenden Hormonstatus eingereicht

21.12.2010 – Nu schickt mir die von der KK nen Schreiben, worauf sie auf ein Fax des MDK verweist. Jetzt fehlen:
– das Antragsschreiben mit eigenem biographischen Bericht zum transsexuellen Werdegang
– Nachweis der durchgeführten somatischen Ausschlußdiagnostik (z.B.
durch den Endokrinologen)
– Nachweis dass der Operateur persönlich die Maßnahme für erforderlich hält (plausible Herleitung der Indikation)
– Nachweis der Aufklärung über Risiken, Nebenwirkungen und (irreversible) Folgen der Maßnahmen durch den Operateur

So und weil ich keine Lust hatte, dass ich den Kram da hinschicke und zwei Monate warte um zu erfahren, dass die den Krempel auch hinsichtlich der Aufbau-OP haben wollen oder dass die auf die Idee kommen, mir nur Mastek + Hysto zu bewilligen (so war es bei einem anderen TM, der auch komplett beantragt hatte), habe ich Termine in München gemacht und den ganzen Krempel besorgt. Son Termin gibts da nicht zu Weihnachten, das hat auch wieder gedauert.

Mit den Fahrtkosten hab ich mich natürlich auch übern Tisch ziehen lassen, weil die mir am Tel sagte „Die Fahrtkosten müssen Sie selber tragen. Sie wollen doch was von uns.“ und ihr egal war, dass ich gesagt hab, die KK wolle doch von mir die Nachweise haben. Also selbst gezahlt und im Nachhinein kannste Fahrtkosten nicht mehr erstatten lassen.

01.03.2011 – hab ich dann alles zusammen gehabt und an die KK geschickt. Seitdem warte ich mir nen Ast und ruf gelegentlich an, um mir die immerselbe Leier anzuhören, der Vorgang sei beim MDK in Bearbeitung und ein Ende sei nicht abzusehen.

Was mich jetzt fertig macht ist nicht das Warten an sich, sondern dass mir von allen Seiten Druck gemacht wird. Ich versuche mich ja in Geduld zu fassen, aber:

1.)
Mein begleitender Therapeut hat mich wuschig gemacht wegen der PÄ, weil er meinte, ich müsse den Richter jetzt mal (da waren ca. zwei Monate vergangen, seitdem ich den auf das BVG-Urteil hingewiesen hatte) in den Arsch treten.
Warum ich bei all den Antragstellern in HH? Irgendeiner müsse es ja tun. Aber mit mir kann mans ja machen.
Zwei Tage später hab ich mich dazu aufgerafft, hab ein Schreiben fertig gemacht mit ner Kopie von einem dämlichen Schreiben von der Rentenversicherung Bund, warum mir das wichtig ist mit der PÄ (mache ja im Juli das Praktikum und brauche den SozAusweis), alternativ wenigstens ein neutrales Schreiben, dass ich als dem männlichen Geschlecht anzusehen bin, notwendig wäre. Dazu ne Liste mit allen Gerichten, die bereits erkannt haben, dass die Voraussetzungen für die PÄ jetzt mit denen für die VÄ identisch sind.

Am Tag darauf ist bei mir die vorläufige PÄ im Briefkasten.
Echt klasse, grosses Kino. Ich war so sauer auf den Arsch von Therapeut.
Also fix wieder nen Schreiben ans Gericht und mich entschuldigt für das Schreiben vom Vortag und das zurückgenommen.

2.)
Mein begleitender Therapeut kennt das Gehänge mit der KK, weigert sich aber, mich darin zu unterstützen (entgegen früherer Aussagen) und hält mir jetzt Vorträge darüber, ich hätt jetzt erhöhtes Krebsrisiko wegen der Geschlechtsorgane und Hormontherapie.
Echt geil, hab ich zwei Wochen gebraucht, um mir darüber klar zu werden, dass er das überhaupt nicht beurteilen kann und die von ihm zitierten Statistiken Nonsens sind – da fängt der Endokrinologe dieselbe Leier an.
Ich sei ja bald zwei Jahre auf Testo und es würde Zeit, dass die Organe da rauskommen, das kostet jedes Mal soundsoviel.
Glauben die eigentlich, das geht bei der KK schneller, wenn die mir Druck machen?
Können die nicht genauso direkt bei der KK anrufen, wenn die solche Probleme damit haben, dass es in meinem Fall nicht voran geht?

Bei mir hinterlässt das nur zusätzlich das Gefühl, ein Versager zu sein.
Von meinen Ärzten hätte ich erwartet, dass die mich unterstützen oder wenigstens trösten.
So kann ich mich natürlich nicht in Geduld üben, wenn die mir da entgegenwirken.
Keine Sorge, ich habe mir schon einen Anwalt ausgesucht.

Juhu, das AG Hamburg hats erkannt: Ich bin als dem männlichen Geschlecht anzusehen

Das AG Hamburg hat jetzt das BVG-Urteil verdaut und folgendes ist dabei rausgekommen: Die Voraussetzungen für die PÄ geht jetzt über die der VÄ nicht mehr hinaus.

Für die Aussetzung dieses Verfahrens ist kein Raum. Der Gesetzgeber ist aufgrund der oben aufgeführten Entscheidung zwar berechtigt, neue und gegebenenfalls andere Kriterien für die Feststellung der Änderung des Personenstandes im Rahmen des TSG festzulegen. Eine Frist ist dem Gesetzgeber aber nicht gesetzt. Vor diesem Hintergrund ist es dem Antragsteller nicht zumutbar, auf eine Gesetzesänderung zu warten.

Das war ne schwere Geburt!

Aber das gestern auf Anraten meines Anwalts, ähh Psychotherapeuts aufgesetzte Schreiben hätt ich mir sparen können.^^

Egal – bald kommt der rechtskräftige Beschluss und dann schreibe ich alle beteiligten Stellen an und teile das dann mit.

Bundesverfassungsgericht entscheidet: Der OP-Zwang entfällt!

Diese Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts oder besser gesagt das Urteil, auf das sie sich bezieht, hat auf der einen Seite unverhohlene Freude über die Abschaffung des vorherigen Misstands ausgelöst und auf der anderen Seite grosse Unsicherheit und Besorgnis, wie die Krankenkassen auf dieses Veränderung der Rechtslage reagieren werden.

Mich persönlich betrifft das nicht direkt. (Ich müsste meine innenliegenden Geschlechtsorgane ohnehin, rein aus der pragmatischen Überlegung der späteren „Wartbarkeit“ heraus entfernen lassen, damit die Geschlechtsangleichung auch „untenrum“ stattfinden kann.) Trotzdem freue ich mich für jene, deinen eine Angleichung „obenrum“ ausreicht, um sich in ihrem Körper zurechtzufinden.

Natürlich ist das nur ein weiterer Schritt – das entwürdigende, entmündigende Begutachtungsverfahren als Voraussetzung zur Schaffung des angemessenen Rechtsrahmens (geschlechtlich passender Vorname sowie Korrektur des Geschlechtseintrags) besteht leider immer noch. Das ist, so hoffe ich inständig, nur noch eine Frage der Zeit, bis man erkennt, dass mündige Bürger nicht vor durchaus reversiblen Folgen einer Vornamens- und Personenstandsänderung beschützen muss. Es handelt sich – zwar um etwas sehr Bedeutendes – doch letztlich nur um „Papierkram“.

Irgendwann wird sich herumgesprochen haben, dass es sich bei Transsexualität nicht um eine Störung des Geistes, sondern um eine Fehlentwicklung des Körpers handelt, der die Geschlechtsidentität stört.

Als Schwuler fühle ich zudem mit denen, die sich nun darüber ärgern, dass durch die Urteilsbegründung der Unterschied zwischen der Ehe zwischen Mann und Frau und der eingetragenen Lebenspartnerschaften für gleichgeschlechtliche Verbindungen nun auch kulturell zementiert wird.

Ich bin froh, dass wir das Glück hatten, wegen meines falschen Papiergeschlechts eine rechtlich deutlich besser gestellte Ehe schliessen zu dürfen.

 

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