Harndrang

Pullerette vergessen beim Spaziergang. Und wieder wird deutlich spürbar, dass da was fehlt.

Ich hatte eine kleine Runde gedreht, um die Neubau-Baustelle, und als ich fast zu Hause war, doch entschieden, noch eine Runde durchs Göhlbachtal zu gehen. Und als ich dort ganz am Ende war an der Stelle, an der ich immer umdrehe, habe ich mich auf die Bank gesetzt. Die Bank, neben der ich damals die Epithese ausprobiert habe. Und als ich da saß, entspannte ich mich und spürte die Erschöpfung und da meldete sich auch meine Blase. In meinem Rucksack habe ich immer eine Pinkelhilfe dabei, aber in meinen Jackentaschen ist kein Platz dafür. Und dazu brauche ich sie auch zu selten.

In die Hocke geht schon wegen meiner Arthrose in den Knien nicht, dazu ist es scheißkalt und ich würde auch bestimmt die Hose vollpinkeln. Mal abgesehen von der Möglichkeit, dass es auch andere Spaziergänger bis da hinten hin verschlägt. Es bliebt mir also nichts anderes über, als einzuhalten. Der Rückweg dauerte eine halbe Stunde. Und die ganze Zeit über war der Harndrang sehr präsent.

Ich musste daran denken, wie ich damals mit den Kommilitonen Semesterabschied besoffen habe und alle drei marschierten erst einzeln und später gemeinsam wenige Meter bis an den nächsten Busch und erleichterten sich da, während ich einhielt. Ich bekam ordentlich Komplimente dafür, dass ich immer noch nicht pissen musste und schwitzte das Bier dabei schon aus allen Poren aus, weil ich ums Verrecken nicht die Gruppe verlassen wollte, um die nächste mir bekannte Toilette in einem Gebäude ein Stück die Straße runter aufzusuchen. Heldenmutig bin ich sogar noch in der U-Bahn-Station verschwunden, fand dort aber keine Toilette und hielt es, schwitzend und zitternd mit dem Gedanken, an Ort und Stelle laufen zu lassen, sogar noch eine Station bis zum Hauptbahnhof aus, wo ich ein Café stürmte und endlich eine Sitzgelegenheit bekam. Das war der übelste Druck gewesen, den ich je hatte.

Ich musste daran denken, wie ich nach der Mastek mit der Bettpfanne gerungen und dann doch auf der Toilette sitzend den Pfleger herbeigerufen habe, der allein auf Station war und einen Riesenschreck bekommen hat, als er mich da sah und mir erklärte, dass er mich alleine nicht vom Boden hochkriegt. Danach habe ich es einmal in die Pfanne geschafft, aber auch nur, weil ich ein Einzelzimmer und sportlichen Ehrgeiz dabei hatte. Durch das Gas im Bauch hatte ich ständig Druck, es kam aber nicht wirklich viel raus.

Und ich musste daran denken, wie ich auf der Rückfahrt aus dem Frankreich-Urlaub so dringend musste und Papa nicht anhalten wollte und wir dann in Stau kamen und ich dann, als das Auto zu Hause vor der Tür anhielt, vor lauter Erleichterung beim Blick auf unser Haus laufen ließ. Papa kaufte dann bald den schwarzen BMW und Mama musste den roten auftragen.

Ich musste daran denken, wie ich in der Fixierung einmachen musste. Im Flur in der Notaufnahme. Wie das beim zweiten Mal, alleine in einem Raum mit geschlossener Türe, so viel einfacher war als beim ersten Mal. Und wie sie mich beim dritten Mal losmachten, als ich sagte, dass ich aufs Klo muss, und danach wieder anbanden und die ganze Zeit jemand dabei saß am Laptop tippte und auf mich aufpasste.

Und ich habe mich gerne daran erinnert, wie ich mit Sofia Pinkelproben gemacht habe. Nach und nach habe ich herausgefunden, was den Harndrang beschleunigt (Tee, Zucker) und ich habe gelernt, los zu lassen und das in der richtigen Dosierung. Auch wenn da noch jemand ist. Deshalb kann ich jetzt im Ergebnis auch auf öffentlichen Toiletten, auch wenn noch andere Leute zu hören sind. Aber eben nur im Sitzen.

Nach dem CSD ist vor dem CSD: Schriftsteller auf Urlaub

Nach dem CSD ist vor dem CSD: Schriftsteller auf Urlaub

Montag, 4. Juli 2016

Schwul bin ich ja auch noch, egal ob ich schreibe oder nicht. Und da bin ich nicht der einzige. „Und das ist gut so“, müsste ich als Berufsschwuler wohl dazu sagen. So jemand bin ich aber nicht, genauso wie ich keine Berufstranse bin. Ich bin ich und das auch noch im Urlaub. (Ob man von Krankheit wirklich Urlaub nehmen kann, lasse ich an dieser Stelle mal offen; vom Patientenalltag kann man sich dagegen sehr gut beurlauben, indem man sich von jeglichen Terminen durch Ortsabwesenheit entzieht.)

am 3. Juli 2016 fand die CSD-Parade Demo Colognepride 2016 in Köln statt, die (aus politischen Gründen) offiziell als „Demonstration“angekündigt worden ist, weshalb ich mich schwer getan hatte, sie auf der Homepage bei der Suche nach „Parade“ überhaupt zu finden. Nichtsdestotrotz ist es mir dank tatkräftiger Unterstützung gelungen, dort im Trans*Block mitzulaufen.

Video-Beweis: http://livestream.com/CSD2016/parade/videos/128533876

Das Video ist über drei Stunden lang. Nein, ich habe es nicht angesehen. Es wurde mir von einem Fan zugemailt, der mir eine SMS schrieb, dass er mich im Livestream gesehen habe. Ich bin etwa ab 2:25:00 im Bild.

Es war für mich bei aller Reizüberflutung in erster Linie ein ausgedehnter Spaziergang durch die Menschenmassen, der mir großen Spaß gemacht hat, auch wenn oder weil ich nach sechs Stunden Gehen bzw. Stehen auf Asphalt meine körperlichen Grenzen deutlich gespürt habe. Urban Hiking ist das neue Wandern, yeah! (Und ich dachte, ich habe eine tolle Idee, dabei hat schon jemande anders eine Website darüber erstellt.)

Ein Künstler hat uns mit Aquarellstiften bunte Tattoos aufgemalt, die der in Schauern immer wieder einsetzende Regen leider allzubald wieder abgewaschen hat. Zum Glück habe ich rechtzeitig Fotos machen können: Weiterlesen

Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert

Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert

Auf diesem Bild ist zu sehen, wie sich die Elbe aufteilt in die Norderelbe und die Süderelbe. Das Wasser fließt zu beiden Seiten um die mitten in der Großstadt Hamburg gelegene Insel Wilhelmsburg. Diesen Ausblick hat man, wenn man den 1914 erbauten kleinen Leuchtturm namens Leuchtfeuer Bunthaus besteigt.

Das kann richtig Spaß machen und ein bisschen titanicmäßig aussehen:

 


Ja, wie war das? Letzte Woche war von Montag bis Mittwoch mein Schwager zu Besuch bei uns. Zum Glück hatten wir ihn davon überzeugen können, sich ein Hostel zu nehmen, weil die Wohnung schon für uns zwei allein zu eng ist.

Bereits im Vorfeld hatte ich Panik geschoben – und ich glaube, dass ich tatsächlich von einer Panikattacke sprechen kann, als ich nachts bei der Rufbereitschaft anrief – weil ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, abgesehen von drohendem Unheil durch das Chaotentum, was bei meinem Schwager deutlich stärker ausgeprägt ist als bei seinem Bruder.

Beide sind Freigeister, aber der eine schlägt den anderen in Unstrukturiertheit und Spontanität um Längen. Mein Mann ist wenigstens gewillt, sich meine Bedürfnis an Planung so weit anzupassen, wie er es eben kann. Bei seinem Bruder ist Hopfen und Malz verloren, ich habe es gleich vorsorglich aufgegeben, beide zusammen ordnen zu wollen.

Nun wusste ich zwar nicht, was im Einzelnen auf mich zukäme, aber ich wusste, dass mein Schwager einen großen Bewegungsdrang hat und wir sicherlich spazieren gehen würden. Das ist auch eine feine Sache und ich hatte einige Ideen, wo wir laufen könnten – nur hatte ich leider plötzlich überhaupt keine Ahnung, wo ich meine Pinkelhilfe hingelegt haben könnte und suchte sie am Montagmorgen ebenso fieberhaft wie vergebens. Weiterlesen

Transmann am Elbstrand gesehen!

Transmann am Elbstrand gesehen!

Sonntag, 22. Mai 2016

Ja, das ist eine Schlagzeile.

Warum?

Es ist doch nichts dabei.

Wenn ihr mir eure Nacktheit zumutet, eure blanken Bäuche der Sonne entgegenreckt, euch ungeplant in alltäglicher Unterwäsche präsentiert und sogar  – auch bebuste Menschen (!) – oben ohne zu sehen sind, dann schließe ich mich dem bunten Treiben einfach an.

Es ist Sommer!

Es ist Sommer und ich tu mal so als wenn das heute ein guter Tag werden soll_Lysander

Es sind 28 Grad und in der direkten Sonne ist es mir zu heiß, so dass ich mir einen Platz unweit der mich mit vorbeifahrenden Zügen beschallenden S-Bahnbrücke im Halbschatten gesucht habe, wo ich sowohl einen Blick auf das Wasser als auch auf eine Ansammlung von Bäumen habe, die sich vielleicht für ein Wäldchen hält.

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Zugegeben: Diese Woche war ich krank

Es ist echt hammerhart, dieses Ding mit der Krankheitseinsicht. Gerade dann, wenn man ver-rückt sein soll und vor allem dann, wenn man es tatsächlich ist. In dem Augenblick der Ver-rückung sehe  ich es nicht ein, dass immer ich der Patient sein soll, der Kranke, derjenige, der auf Hilfe angewiesen sein soll. Gerade ich!

Sieht das denn niemand, dass ich mir tierisch den Arsch aufreiße und sehr viel mehr Leistung bringe als andere, um so Selbstverständlichkeiten zu bewältigen wie: Aufstehen, Duschen, Anziehen, pünktlich zu Terminen erscheinen und dann auch noch diese eine, immer wieder riesengroße Herausforderung: Hilfe annehmen.

Mich erklären, einräumen, dass ich es selbst merke, wie schlecht es mir gerade geht. Zusammen aufzulisten, was mich gerade alles belastet:

  • Fehlen von Penis und Hoden
    • Damit das Fehlen einer natürlichen Möglichkeit, wie jeder andere Mann im Stehen zu urinieren
    • Fehlen des Hilfsmittels, für das die Kosten zu übernehmen die Krankenkasse sich seit Januar 2015 nicht bereiterklärt hat
    • Daher auch Fehlen einer Anerkennung auf mein Recht darauf, wie alle anderen Männern Pissoirs nutzen zu dürfen
  • Die Schwierigkeit, donnerstags abends bis 22 Uhr außer Haus an einer Gruppe teilzunehmen und dienstags morgens schon wieder um elf an einer anderen und dadurch einen Wechsel von kurzen und langen Nächten haben zu müssen. Immer wieder auf meinen Schlaf achten zu müssen und sämtliche Register zu ziehen, um nicht psychotisch zu werden.
  • Die hormonelle Situation, durch die ich alle 12 Wochen um meinen Spritzentermin herum krisenanfälliger werde. Am Anfang des Intervalls bin ich überdosiert und sehr dünnhäutig, am Ende des Intervalls unterdosiert und neige zu Depressionen. Die nächste Spritze steht in der kommenden Woche an; ich will aber auf Testogel wechseln.
  • Dazu die Situation zu Hause:
    • Mein Mann seit Wochen ohne Arbeit außer Haus, die Wohnung, die gerade groß genug ist, um in stabilen Zeiten ausreichend Rücksicht aufeinander zu nehmen
    • Ich selbst seit der sogenannten Erkrankung, seitdem ich diese Diagnose erhalten habe, zu Hause als Hausmann tätig und die Frage meiner Erwerbsfähigkeit immer noch ungeklärt in der Schwebe hängend
    • Wir beide, durch unsere jeweils eigenen Krisen und die missglückte Krisenintervention vom 2. Mai nun miteinander in einer Krise
  • Die Wohnung selbst: Die Wände, vor allem Decken und Böden, so hellhörig, dass die Nachbarin sonntags Schnitzel klopfen darf und es sich für mich anhört, als hätten sie da oben immer noch Baustelle seit dem Einzug vor zwei Jahren. Nachbarn, die sonntags Wäsche waschen, deren Maschine ich schleudern höre. Deren Fernseher ich laufen höre, wo ich – auf dem WC sitzend – sagen könnte, welche Sendung, welcher Werbespot gerade läuft. Deren Telefonate ich mitverfolge, deren Liebesspiel ich protokollieren könnte, deren Besuch ich inständig bitte zu gehen, wenn ich nachts um drei immer noch keinen Schlaf gefunden habe. Immer wieder: Ruhe bitte!
  • Und jetzt auch noch die absolute Unverschämtheit, dass wir aufgrund des psychiatrischen Notfalls am 2. Mai (Erklärungsversuch) eine Abmahnung der Vermieterin erhalten haben mit dem Betreff „Rücksichtnahme ist gefragt“ – ausgerechnet wir, die von der Nachbarin gegenüber bereits darauf aufmerksam gemacht worden waren, dass wir so leise sind, dass man von uns überhaupt nichts hört und sie sich häufig fragt, ob wir überhaupt zu Hause sind.

Also ja: Ich bin derzeit in einer mehrfachen Belastungssituation.

Aber so kenne ich mein Leben. Wenn ich nicht am Leben teilnehme, dann kann ich das umgehen, was mich belastet. Aber ich möchte gar nicht vermeiden, zu leben. Ich will auch belastet werden, nicht nur entlastet. Das ist doch normal.

Deshalb habe ich Schwierigkeiten die ganz normalen Beslastungen abzugrenzen zu Krisen.

Jetzt im Nachhinein, wo ich feststellen muss, meine Arbeit nicht geschafft zu haben – also die Beiträge, die ich bloggen wollte, nicht geschrieben zu haben und auch die Wohnung seit einer Woche nicht geputzt zu haben, ja sogar erst am Donnerstag erstmals die Zeit gefunden zu haben für eine Rasur – jetzt muss ich feststellen, die vergangene Woche krank gewesen zu sein.

Gibt es überhaupt die Möglichkeit einer rückwirkenden Krankschreibung? Ich glaube nicht. Ich glaube, man muss sich vornehmen, die kommende Woche krank zu sein und das zu planen. Anders kann es nicht laufen.

Auch das wieder ein Punkt, warum ich nicht auf herkömmliche Weise erwerbstätig sein kann, weil ich nicht in herkömmliche Arbeitsprozesse eingebunden werden kann. Ich muss selbständig werden / bleiben, ich habe gar keine andere Wahl.

Mein Vater hat das mit der selbständigen Arbeit hinbekommen, ohne sich erwischen zu lassen, ohne eine F-Diagnose zu haben. Er hat sogar ein sehr erfolgreiches Büro geführt. Das könnte ich auch, wenn man mich nur (aus der Patientenrolle ent)lassen würde.

Es ist aber auch eigentlich egal, da diese Diagnose mich nicht davon abhalten sollte, am (Erwerbs)Leben teilzuhaben. Zumindest auf dem Papier habe ich das Recht auf Teilhabe.

Hilfsmittel für Transmänner: Epithesen und andere Ersatzgenitale

Allgemein zum Begriff, damit nicht alle glauben, eine Epithese sei grundsätzlich in der Hose zu vermuten: Epithese (Wikipedia)

Da das einzige, wonach hier im Blog für mich erkenntlich gesucht wurde, das Stichwort Epithese ist, möchte ich hier einen Link geben: Epithetik und Transidentität (Die Seite ist ganz neu und befindet sich noch im Aufbau.)

Es gibt noch andere Hersteller von Epithesen für Transmänner, die ich aber nicht empfehlen kann und mit denen ich keine Erfahrungen habe. Informationen dazu finden sich im Forum des FTM-Portals.

Abgesehen von Epithesen gibt es noch andere Hilfsmittel für Transmänner, die entweder nur eine optische Funktion haben (Packer/Stuffer, die eine Beule in der Hose machen sollen) oder nur zum Penetrieren gedacht sind (Dildos mit Harness ) oder das Urinieren im Stehen ermöglichen sollen (Pinkelhilfen).

Die Kosten für solche Hilfsmittel werden mWn von der Krankenkasse übernommen insoweit die Kosten im Rahmen des Budgets von 500-800 Euro bleiben. Ohne Gewähr.

Ich denke, wenn man das Hilfsmittel ohnehin auf eigene Kosten angeschafft hat, kann man ja die Rechnung oder den Kassenbon bei der Krankenkasse einreichen und einfach mal schauen, ob die Kosten erstattet werden.

Alternativ kann man Krankheitskosten von der Steuer absetzen.

Die preiswerteste Pinkelhilfe, die ich zum Beispiel alleine im Wald einsetze, kostet 7 Euro. Ich hatte sie schon einmal vorgestellt, als ich über die Wanderung an der Oberalster berichtet hatte. Hier erhältlich: Pee off

Die Kosten für Genital-Klebeepithesen bewegen sich im mittleren vierstelligen Bereich. Das ist weitaus günstiger als eine genitalangleichende Operation und zudem reversibel.

Was mir noch fehlt, ist eine Lösung für den Alltag, so dass ich Pissoirs benutzen kann und dabei nicht auffalle. Ich möchte nicht gezwungen sein, mich permanent überall zu outen.

Wanderung an der Oberalster

Wanderung an der Oberalster

Männer, die gerne in der Natur sind, pinkeln in der Regel auch gerne in den Wald. Jedenfalls stelle ich mir das so vor – ich habe mich noch nicht getraut, direkt nachzufragen. Falls es sie gibt: Zu denen gehöre auch ich.

Ein beeindruckender Baum an der Oberalster.

Kastrierter Baum

Am Samstag vorvergangener Woche habe ich an einer Wanderung an der Oberalster mit Marc von der Outdoor-Gruppe von Startschuss teilgenommen. Für mich hat dieses Wochenende mit den sehr angenehmen Temperaturen (mit derselben dünnen Hose!) nun endgültig den Sommer eingeläutet.

Leider habe ich den beeindruckenden Kirschbaum* in voller Blüte nur mit meinem Hirn geknipst und ihr müsst jetzt mit dem kastrierten Baum vornehmen, der an dem Platz stand, an dem wir gerastet und gespiesen haben.

Bewusst für die anderen offen plauderte ich übers Abnehmen und Nichtrauchen und hörte von der Leidenschaft fürs Radfahren, die ich nicht teile, und tauschte Träume von Fernwanderungen.

Für mich war es das erste Mal, dass ich gut mir Kontakt und Rückzug gut haushalten und so die Wanderung sehr genießen konnte und auch die Gespräche mit vielen verschiedenen Menschen als angenehm erlebt habe.

Nur eine Situation war grenzwertig, als ich alleine ging, während sich vor mir zwei unterhielten und ich deren Gespräch sowie das der beiden hinter mir und der beiden dahinter verfolgte und nur dann, wenn sie sich gegenseitig übertönten, Satzfetzen nicht bei mir ankamen.

Ich nahm also gut 85% der Informationen dieser sechs Sprecher nebst Vogelgezwitscher und anderer Hintergrundgeräusche bewusst auf. Dazu kommen sämtliche visuell aufgenommenen Informationen und Empfindungen meines Körpers, wie Gerüche, Geschmack, Gluckern im Gedärm, brennende Muskeln, schmerzende Knochen,…

Unterm Strich betrachtet habe ich ein episodenhaftes Gedächtnis, dh ich erinnere Erlebnisse wie Filmszenen nebst all dem, was der Zuschauer eines Films – oft zum Glück – nicht mitbekommt. Ein bisschen fühle ich mich wie die Heldin in Unforgettable, die – künstlerisch überhöht – in ihrer Erinnerung zurückgehen kann als spule sie ein Video zurück.

Jetzt beim Schreiben kann ich in aller Ruhe sortieren und die Reize von Außen herauspflücken, in hübsche Worte kleiden und mit dem ein oder anderen Schuss Gedanken meiner damaligen oder jetzigen Innenwelt garnieren. Beispiel:

Dieser Kirschbaum erinnerte mich an die Sommer meiner Kindheit. 
Ich erblickte ihn am Ende einer Biegung des Weges vor einigen 
Häusern am Waldrand und schmeckte sofort die Luft auf meiner
Zunge, die baldigen Regen ankündigte. Es roch nach Elektrizität.
Ein Gewitter nahte.
Die Straße, in der ich aufgewachsen war, war von noch recht 
jungen japanischen Zierkirschen umsäumt - ganz hatte das Geld
für eine Allee nicht gereicht. Lange war ich nicht mehr dort.
Wie groß die Bäume wohl heute sind?
Dieser Baum hier erhebt sich majestätisch vor mir auf seiner
Anhöhe. Seine Blüten sind ein rosa Fest für die Sinne - 
es duftet nach Sommer und das leise Rauschen strahlt die Ruhe
und die Kraft aus, mit der er fest in der Erde verwurzelt ist.

(Naja ok, eigentlich erlebe ich die meisten Düfte als Gestank,
weil sie einfach zu intensiv sind, um angenehm zu sein.
Ich denke, der Detailreichtum ist trotz Weichzeichner und
kitschigem Geschwurbel deutlich geworden.
Dieselbe Erinnerung kann auch sehr viel technischer mit Fach-
wörtern beschrieben werden. Diese Genauigkeit ist sehr hilfreich
beim Erstellen von Bugreports oder bei der Definition von Kenn-
zahlen oder beim Schreiben von User Stories.)

Für Schriftsteller oder Journalisten und alle anderen, die beobachten und darüber berichten wollen ist das natürlich grandios. Für jemanden wie mich, der unterbezahlt in ein Großraumbüro gesetzt wird, dagegen Folter. Zum Glück blieb mir das bisher erspart.

Dies (und anderes, ich möchte hier nicht zu weit ausschweifen) ist eine Folge der sogenannten „Reizfilterstörung“ meiner schizo-affektiven Störung und oder, was ich konzeptionell vorziehe, die niedrigere Wahrnehmungsschwelle aufgrund meiner Hochsensibilität. Die psychische Minderbelastbarkeit bleibt, aber ich kann durch Optimierung meiner Work-Life-Balance so sehr dissimulieren, dass man mir meine Behinderung nicht anmerkt.

In einem Chat wäre es für mich kein Problem, diese Daten alle zu verarbeiten (ich habe auch schon, über Stunden hinweg und ohne Pausen, 15 oder 20 private Chatgespräche gleichzeitig geführt), weil dort 100% der

Ich klettere auf einen Baum.

Ich musste klettern, sonst gäbe es kein Foto.

Informationen von drei Gesprächen bei mir ankommen und ich allen parallel ohne Probleme folgen kann.

Die Aufnahme akustischer Informationen dagegen fällt mir sehr viel schwerer und das Ausblenden der Stimmen der anderen ist allerdings noch schwieriger, weil es erfordert, den Fokus meiner Aufmerksamkeit ganz bewusst auf etwas anderes zu lenken und damit viel Konzentration kostet.

Aus diesem Grund, und weil Menschen sich auch in der S-Bahn unterhalten, habe ich in den ÖPNV immer meine Kopfhörer bei mir und höre Musik, um die dortige Geräuschkulisse zu übertönen.

Zum Glück gab es aber auch Streckenabschnitte, wo wir schweigend neben- oder hintereinander hergingen und ich so die Gedanken in meiner Innenwelt schweifen lassen konnte. Das neben dem Weg verlaufende Gewässer tat sein Übriges zu meinem Ausgleich.

 

Mein persönliches Highlight war wie immer meine Pinkelpause:

Ich habe – und das ist eine andere Geschichte – endlich kein mentales Problem mehr, meine 7-EUR-Pinkelhilfe zu benutzen. Ich musste mich bei Harndrang also nur unauffällig zurückfallen lassen, eine geeignete Stelle ausgucken, am Rand stehen bleiben, die Hose aufmachen, in die Tasche greifen, um mein Hilfsmittel herauszuholen und damit mein Geschäft verrichten.

Der Pee Off von Laura Méritt machts möglich.

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass aus der Wanderung an der Oberalster eine Wanderung durch meine Innenwelt geworden ist. Die Freiheit nehme ich mir einfach, da mich keiner für meine Arbeit bezahlt.

Als Entschädigung zeige ich euch noch meinen hart erarbeiteten Knackarsch:

Ich erklettere einen Baum.

Äffchen

 

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