Reisebericht Köln

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen …

Ich mache das. Ich fahre da runter. Ganz alleine.

Vor etwa zwei Monaten war ich auf die Mad Pride Köln aufmerksam gemacht worden, aber eine Reisegruppe von Hamburg aus war nicht zustande gekommen.

Mich betrifft es zwar nicht, dass die Rente nicht ausreicht. Mich betrifft es zum Glück nicht, dass es zu wenige Pflegekräfte gibt. Mich betrifft es nicht (mehr), dass ich aufgrund meiner Erkrankung  oder Behinderung am Arbeitsplatz ausgegrenzt werde. Mich betrifft es nicht mehr und hoffentlich nie wieder, dass ich gegen meinen Willen behandelt werde.

Ich hätte nicht gewusst, was ich mir aufs Pappschild schreiben sollte.

schwul
bipolar
trans*

Bin das ich? Ist es das, was mich ausmacht? Man sieht mir all das nicht an. Und ich will mir nichts davon auf die Stirn schreiben. Mit diesen Vorüberlegungen bin ich also ohne eigenes, konkretes Anliegen losgefahren.

An meinem reservierten Sitzplatz bin ich auf einen Mann getroffen, der vermeintlich auf meinem Platz saß, bis mich eine Mitreisende darauf aufmerksam machte, dass meiner der Platz am Gang sein müsste und nicht am Fenster. Dort hätte ich mich gerne hingesetzt, hätte dort nicht ein Koffer unterm Tisch im Weg gestanden. Ob das sein Koffer sei, fragte ich. Er nickte. Ich verstand nicht, warum ein Mann im mittleren Alter nicht dazu in der Lage sein sollte, seinen Koffer auf die Ablage zu befördern. Ich fragte ihn also, warum der Koffer da stehe. Als Antwort packte er einen Schwerbehinderten-Ausweise im Scheckkartenformat aus. Er schien gehörlos zu sein oder/und stumm. „Ich bin auch schwerbehindert“, sagte ich und offenbar verstand er mich. Für mich war die Frage noch nicht geklärt, vor allem aber wollte ich mich hinsetzen, fasse aber nicht ohne Aufforderung einen fremden Koffer an. Er tippte in sein Handy und zeigte mir die Zeile „ich kann das nicht“, woraufhin ich dann endlich verstand und fragte, ob ich denn dürfe und damit war er einverstanden. Also hievte ich den Koffer hoch und das Thema war erledigt. Im späteren Verlauf der Reise suchte er die Toilette auf und lief dabei etwas unrund. Offenbar hatte er mehr als eine Behinderung. Darauf wäre ich nicht gekommen. Ich war erschrocken, wie unbedarft ich selbst im Umgang mit anderen Behinderten bin. Auch bei mir gehen die Schubladen auf und zu.

Angekommen im Hotel fand ich dann das auf dem Teppichfußboden:

Teppichmuster

Was ist das?

Zuerst dachte ich nach einem flüchtigen Blick an eine Bohrmaschine, aber dann fing ich an zu rätseln … Sollte das vielleicht der Kölner Dom sein? Aber bekam man denn als Hotelkette bereits Rabatt, wenn man nur ein einziges Haus damit auslegte? War das nicht doch eher eine Kerze? Eine Person? Mir war nicht mal klar, wo denn nun wirklich oben sein sollte. Im Muster verlief das Bild in zwei Richtungen.

Den Ausblick aus dem Fenster auf die Gleise habe ich leider nicht geknipst, aber da ich aus den Bewertungen auf „sehr laut“ vorbereitet war, fand ich es eigentlich bis auf das gelegentliche Kreischen mancher Strecken ganz angenehm. Autoverkehr finde ich beruhigend und das Rattern eines vorbeifahrendes Zuges ebenso. Dagegen bringt mich ein Vorbeilaufen oder gar Gespräche anderer Hotelgäste auf dem Flur oder durch die Zimmerwand sofort auf Alarmbereitschaft. Ich hatte jedoch „ruhiges Zimmer“ wie gewünscht bekommen und meines lag in der letzten Ecke – und damit eben näher an den Gleisen.

Da mein Pillenwecker um zehn geht und es am Pfingstmontag bis elf Frühstück gab, nahm ich dieses im Hotel ein. Die über zwanzig Euro, mit denen es zu Buche schlug, war es in meinen Augen nicht wert. Normalerweise stehe ich nicht so früh auf und hatte meine dreizehn Stunden Schlaf noch nicht. Also legte ich mich noch etwas hin, zumal ich von der Zugfahrt am Vortag noch sehr erschöpft war.

Zum Glück begann die Parade erst mittags. Ich fand mich gegen halb zwei ein – ich folgte einfach einer Familie mit Tochter im Rollstuhl, die auch dorthin wollten – und wusste dann nicht so wirklich, ob ich mich an jemanden wenden sollte, um mitzuteilen, dass ich da bin? Ich war ja nirgendwo angemeldet und da niemand mit einer Liste herumging, trug ich mich auch in keine ein. Die anderen schienen aber überwiegend ihre festen Plätze im Zug zu haben. Den Anfang machte eine Gruppe mit Bett, die gegen Zwangsbehandlung in der Psychiatrie protestierte. Etwa in der Mitte in erträglichem Abstand zu den Blechbläsern reihte ich mich ein hinter zwei elektrisch angetriebenen Rollis. Mittlerweile gibt es Bilder und Videos auf der Seite der Mad Pride Köln.

Ich weiß nicht, was ich nun über diesen für mich stummen Marsch großartig berichten soll. Gelaufen halt, wie ich schon bei Karnevalsumzügen mitgelaufen bin und bei Demos und zum CSD. Das Wetter war super. Trocken, aber nicht zu heiß. Meine Schuhe waren bequem. Ich hing schon etwas meinen Gedanken nach, soweit ich neben dem Aufnehmen all der Eindrücke dazu kam. Ich habe einen Mann im Hundekostüm gesehen, wie er auf dem Fahrrad losfuhr und an einer Schnur ein Stück Holz hinter sich herzog. Wenige hundert Meter hat das gehalten, dann kam das Holz auf den Gepäckträger. Ich habe eine Frau auf einem grünen Fahrrad gesehen, das mit Schirmen ausgestattet war, auf denen in bunten Buchstaben mad pride aufgemalt war, soweit ich mich erinnern kann. Mir ist eine Gruppe Autisten aufgefallen, die an einem Plastikrohr um sich herum ein Plakat befestigt hatten. An dessen Aufschrift habe ich erkannt, dass es Autisten waren. ;)

Nach der Parade fanden sich alle in Odonien ein. Das ist ein Gelände, auf dem große Kunstwerke ausgestellt sind, unter anderem ein englischer Doppeldeckerbus. Links seht ihr einen Kran, in der Mitte ein Gebilde, das u.a. aus Baustellenbaken gefertigt ist und rechts das Pascha gegenüber mit „Die Welt zu Gast bei Freundinnen“. :D

 

Es gab auf dem Gelände auch eine Bühne, auf der multikulturelle Bands auftraten und engagierte Menschen interviewt wurden. Wer schnell genug war, konnte auch etwas zu essen bekommen. Ich war noch nicht einmal auf Getränke angewiesen, da ich wie immer mein Wasser dabei hatte. Was ich vor Ort jedoch nicht finden konnte, waren Toiletten. Ich gebe zu, dass ich nicht sehr intensiv gesucht, sondern meinen Rückzug mit diesem Argument begründet habe. Es hat mich einfach nichts gehalten, da ich schon ziemlich müde war und durch das Sitzen auch so richtig meine Erschöpfung merkte.

Sobald ich im Hotel zurück war, legte ich mich nochmal hin. Danach war ich bei einem kleinen Italiener essen, der glücklicherweise bis elf geöffnet hatte. Es war sehr lecker und laut, das übliche Stimmengewirr anderer Gäste, ein laufender Fernseher und dazu hat der Kellner gesungen.

Den Kölner Dom habe ich diesmal sehen dürfen, ohne gleich zwangseingewiesen zu werden. Das ist die wichtigste Nachricht überhaupt, finde ich. Für mich ein gutes Gefühl, das ich mitnehme und beim nächsten Mal kann ich mit weniger Hemmungen anreisen.

Kölner Dom

Klingt nach einer tollen Sache? Du wärst gerne dabei gewesen? Dann fahr doch nächste Woche nach Berlin! BEHINDERT UND VERRÜCKT FEIERN am Samstag, den 23. Juni 2018 PRIDE PARADE BERLIN

Fettlogik-Schleifen: Das Ringen mit dem inneren Schweinehund

17. Juli 2016

Als ich nach Bonn gefahren war, tat ich das mit dem Vorsatz, nun endlich kraft des Tapetenwechsels und der selbstgewählten sozialen Isolation wieder von der Schokolade loszukommen, mich nur von Diätshakes und Magerquark mit Obst zu ernähren und so ganz nebenbei und ohne jede Mühe abzuspecken.

Aufgeschoben habe ich dieses Vorhaben, bis ich nach einigen Tagen bei meiner Mutter auch wirklich ganz allein in dem Appartment Nr. 21 in Bonn war. Durchgehalten habe ich das Ganze keinen halben Tag. Ich trete auf derselben Stelle wie vorher.

Es ist immer wieder dasselbe: Vertagen und Scheitern. Mal in kürzeren oder längeren Intervallen. Mal halte ich auch einige Tage durch, bis die Stimmung und damit das Gewichtsreduktionsprojekt kippt. Und wieder ein Punkt für den Schweinehund.

Hier seht ihr einen Schweinehund:

Innerer Schweinehund

Inschrift: MEIN INNERER SCHWEINEHUND

Für mich sieht es ehrlich gesagt weniger nach Hund aus und mehr nach einem Schwein im Gestapo-Mantel. Es handelt sich um eine Skulptur an der Bonner Museumsmeile, die folgende Inschrift trägt:

INNERER SCHWEINEHUND

ART:
Tier mit Instinkten niedriger Art.

UNTERSCHLUPF:
In Dir und in Mir, d.h. in jedem einzelnen Individuum des Homo Sapiens.

WACHSTUMSBEDINGUNGEN:
Wächst sich groß, wenn Menschen Opfer der Gewalt, der Erniedrigung und respektloser Verfahren werden.

BETRAGEN:
Greift die etische Wertgrundlage des Menschen an, so daß Rassismus, Fremdenhaß und Intoleranz die Übermacht bekommen.

VERBREITUNG:
Kann völlig die Macht über einzelne Menschen, über soziale Gruppen und im Extremfall über ganze Bevölkerungen nehmen.

DARF NICHT GEFÜTTERT WERDEN

Dem Künstler ging es bei seinem Werk ganz offenbar weniger ums Abnehmen als mehr um ein Zeichen gegen Fremdenhass. Aus meiner Sicht sind aber ganz ähnliche innere Konflikte, denen man erliegt oder auch nicht. Stets ist es die Macht der Gewohnheit, die den Sieg davonträgt.

Welche Gedanken habe ich über meine Mitmenschen? Sollte ich den neuen Kollegen mal fragen, ob er wirklich aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch verzichtet, ob es gesundheitliche Gründe hat oder ob er vielleicht Veganer ist? Nein, lieber nicht. Eigentlich geht mich das ja gar nichts an. Was soll der denn dann über mich denken.

Welche Gedanken mache ich mir über mein Essen? Sollte ich heute mal nur einen kleinen Salat oder eine Suppe nehmen? Eigentlich habe ich gar keinen richtigen Appetit. Aber es ist doch jetzt Mittagspause und was ist, wenn ich dann gleich wieder Hunger habe? Wenn ich nachher nochmal runtergehe, um mir einen Apfel zu holen, halten mich die Kolleginnen für einen Vielfraß.

In beiden Fällen vermischen sich die Gedanken über Essen mit Spekulationen darüber, was andere Menschen denken könnten. Wenn ich stark adipöse Menschen sehe, denke ich mittlerweile höchst abfällig über sie. Solche Gedanken möchte ich nicht, dass andere über mich hegen, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hänge ich in meinem gegenwärtigen (Fr)Essverhalten fest.

Es muss doch möglich sein, mich Babyschrittchen für Babyschrittchen wieder hin zu einem gemäßigteren Ernährungsverhalten zurückzubewegen. Ich habe es schon einmal geschafft und ich kann es wieder schaffen. Ich will es auch. Wirklich!

Morgen starte ich einen neuen Versuch mit der magischen Kohlsuppe nach Marion Grillparzer. Natürlich startet meine Diät erst morgen. Denn heute ist ja noch Schokolade da. ;)

Wer sich für meine inneren Grabenkämpfe der letzten Wochen in der ausführlichen Variante interessiert, kann gerne weiterlesen.

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Neue Reihe: Wochenrückblick

Diese Reihe eröffne ich, um jeweils nach einer Woche Arbeit an diesem Blog zurückzublicken und zu sehen, wie es mir damit geht und zu überlegen, ob ich etwas anders machen möchte und die Gelegenheit zu nutzen, um auf neue Seiten hinzuweisen.

Jetzt am Anfang – und ich habe gar nicht die ganze Woche mitgeschrieben, sind es sehr viele neue Seiten, die ich euch jetzt über eine Auswahl hinaus nicht alle auflisten und verlinken möchte. Da sage ich lieber pauschal: Guckt mal, es gibt oben im Menü noch andere Menüpunkte.

Noch bin ich dabei, mich zu ordnen und meinen Erfahrungsschatz zu sortieren sowie den Umgang mit der Funktionsweise hier bei WordPress zu üben. Die ungefähre Struktur dessen, was werden wird lässt sich bereits anhand der Menüpunkte und des Wochenplans erahnen. Als Unterpunkt für das Blog habe ich auch die Seite Aktuelle Reihen aufgenommen, damit Neueinsteiger sich besser orientieren können, zu welchen Rubriken die Themen passen, die mich derzeit hauptsächlich beschäftigen.

Mit den Kategorien und Schlagworten bin ich noch sehr dynamisch unterwegs. Aus einigen häufig gebrauchten Schlagworten habe ich Kategorien gemacht, zB bei der 90-Tage-Challenge. Einfach deshalb, weil die Kategorien für mich bequemer zu verwenden sind, weil sie geordneter sind als die Schlagworte. Ich halte allerdings auch die Unterscheidung in Kategorien für die grobe Orientierung zu einem Thema und Schlagworte für Konkreteres für zweckmäßig.

Die gewählten Rubriken sind für mich bisher sehr stimmig, aber der Arbeitsablaufplan, den ich mir gemacht hatte, passte bereits nach zwei Tagen nicht mehr. Als sehr hilfreich hat sich erwiesen, mich von einer Maschine (ja, jetzt habe ich auch ein Streichelfon) an meine Pausen und an den Feierabend erinnern zu lassen. Aber die Zeiten, die ich mir für das Bloggen eingeplant habe, passen nicht zu den Themen, die ich mir für diese Momente vorgenommen habe.

Es funktioniert, Themen passend zu Rubriken zu liefern, aber es funktioniert nicht, dass ich mir zu einem bestimmten Zeitpunkt um ein bestimmtes Thema Gedanken mache. Das ist wohl etwas, wo ich meiner Intuition vertrauen darf und meine Flexibilität dort einsetze, wo es um das Einordnen der spontan entstandenen Themen in diese Rubriken geht.

Ich möchte, wie gesagt, den Blog in erster Linie dazu nutzen, ungehemmt laut vor mich hinzudenken und später darauf hin, dass auf den jeweiligen Seiten im Menü Wissenswertes zu finden ist für Menschen, die Antworten suchen auf Fragen, die ich mir auch schon gestellt habe.

Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Softwareprojekten wäre es unklug, irgendwann mit einem Tag zu rechnen, an dem alles „fertig“ ist und erst dann damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Es wird nach und nach entstehen.

Ich genieße es, die Texte einfach aus mir herausfließen lassen zu dürfen. Es erdet mich bereits das Aufschreiben meiner Gedanken, weil ich mich dadurch ordne. Und es gibt mir eine Rückmeldung, wie kohärent mein Denken gegenwärtig ist.

Diese Selbsteinschätzung ist für mich sehr wichtig, da sich die Zwangseinweisung damals während meiner ersten Psychose und die dortige Medizierung – welche die darauffolgende sehr viel stärkere Psychose und den zweiten Klinikaufenthalt überhaupt erst nach sich zog – auf inkohärentem Denken begründete.

Vor allem deshalb gehört das regelmäßige Tagebuchschreiben, das ich ohnehin seit zehn Jahren betreibe, inzwischen zu meinen bewusst angewandten Selbsthilfestrategien im Sinne einer Prophylaxe, also Krisenvorbeugung, aber auch Krisenentschärfung.

 

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